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Buchvorschau
Einsamer Trail - Logan Kenison
Copyright © 06/2014 by Logan Kenison
Lektorat: Carola Lee-Altrichter
Das Cover wurde gestaltet nach Motiven der Episode »Tödliche Kälte« (Orig.: »Winter Kill«, USA, 1971) der Bonanza-Komplettbox. Im Handel auf DVD erhältlich. Mit freundlicher Genehmigung von www.fernsehjuwelen.de
Abdruck auch auszugsweise
nur mit Genehmigung des Verlags oder Autors.
logan.kenison@gmx.de
Einsamer Trail
Western von Logan Kenison
An jenem Abend war alles so verdammt schiefgelaufen. Keiner der Anwesenden hatte eine Chance gehabt, einzugreifen. Die Gewalt brach urplötzlich aus, und bevor irgendjemand etwas hätte unternehmen können, war sie vorüber – und eine Person tot.
Der Zwischenfall fand am 12. Dezember 1879 im Congress Saloon in Tombstone statt. Die Stadt existierte erst seit neun Monaten, weil der Geologe Ed Schieffelin vor etwas mehr als einem Jahr in der Nähe eine reiche Silberader entdeckt hatte. Seither waren hunderte von Männern und Frauen in die Gegend gekommen, um an dem Segen mitzuverdienen.
Ob sie nun in den Mienen arbeiteten oder Frachten transportierten, ob sie für Nachschub an Lebensmitteln und anderen Gütern, die das tägliche Leben angenehm machten, sorgten, oder in gewissen Etablissements die Menschen bedienten, ob sie die Ausbeute aus den Mienen verwalteten, vereinnahmten, bewachten oder anderen Tätigkeiten nachgingen – sie alle waren hierhergekommen, weil es hier viel Geld gab, weil die Dollars sprudelten und jeder daran mitverdienen konnte – auf die eine oder andere Weise. Mit jeder Tonne Silbererz wurden zweitausend Dollar zutage gefördert. Eine gewaltige Summe. Und dabei fiel für jeden etwas ab.
Virginia Carlyle hatte im Spielzimmer des Congress Saloons für die fantastische Summe von 400 Dollar pro Monat einen mit grünem Filz bezogenen Tisch gemietet – das war fast das Zwanzigfache dessen, was ein Cowboy im Monat verdiente. Sie war professionelle Spielerin und musste gewinnen, um diese Miete bezahlen zu können.
Und sie gewann. Jeden Abend brachte sie, bewacht von ihrem Bodyguard, neue Dollars in ihr Hotelzimmer. Sie gewann von allen, die gegen sie antraten, und die meisten nahmen es ihr nicht übel.
Virginia war eine blonde Tennessee-Schönheit von 172 Zentimetern Größe. Man sah ihr die dreiundvierzig Lebensjahre nicht an. Sie achtete sehr auf ihr Aussehen, ihre Ausstrahlung, ihre Kleidung. Sie rauchte nicht, trank kaum Alkohol und ernährte sich gesund mit viel frischem Obst, Gemüse und Salat. Und sie behandelte die Männer gut – auch jene, die stinkend und in abgewetzter Kleidung zu ihr an den Tisch kamen, um Whisky zu trinken und zu spielen. Wenn diese Männer verloren, schenkte sie ihnen mit ebenmäßigen und gepflegten Zähnen das schönste Lächeln, das es in Tombstone zu sehen gab, und sie gingen, wenngleich um ihre Barschaft erleichtert, fast schon wieder frohen Herzens des Weges.
Sie führte ihren »Betrieb« mit großer Akkuratesse. Jede Einnahme wurde notiert. Sie war mit einem Startkapital von 10 000 Dollar nach Tombstone gekommen, doch jetzt, zwei Monate später, besaß sie bereits 25 000 Dollar.
An jenem Abend setzte sich einige Lokalgrößen wie Ike Clanton, William Pearce und Frank Ruff an Virginias Tisch. Auch John Clum, der fünf Monate später damit beschäftigt sein würde, die erste Ausgabe des Tombstone Epitaph herauszubringen, war anwesend. Sie spielten bereits eine Stunde. Nun hatte Virginia neu ausgegeben und die ersten beiden Runden des Setzens waren vorüber.
Ike Clanton warf sein Blatt verdeckt auf die Tischplatte, erhob sich und murmelte einen Fluch und ein »Ich bin weg«. Er ging durch den Segmentbogendurchgang in den Saloon hinüber und bestellte sich an der Theke ein neues Bier, während die anderen das Spiel fortführten.
Will Pearce studierte Virginias Lächeln, dann entschied er sich. Er schob einen Stapel abgezählter Double Eagles in die Tischmitte. »Ihre Fünfzig – und weitere Zweihundert«, sagte er.
Virginia ließ sich nichts anmerken. Ihr Blick wanderte weiter zu John Clum, der erste Anzeichen des Unbehagens zeigte. Sein Kragen schien ihm plötzlich zu eng zu werden, und er steckte den Zeigefinger hinein und zog daran. Erfolglos. Er wollte einfach keine Luft bekommen.
Plötzlich umklammerte er den Henkel seines Bierglases, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Er hatte bisher recht gut mitgehalten und war ohne größere Gewinne oder Verluste im Spiel geblieben, aber nun wurde es ihm zu brenzlig. Er hatte gespürt, dass mit der Erhöhung Pearce’s der Wettstreit auf eine neue Stufe gehoben wurde.
Er warf die Karten hin.
»Nein«, sagte er. »Auch weg.«
Virginias Lächeln wurde für einen Moment eine Spur breiter, als wollte sie dem bärtigen Mann sagen: Gut, dass du so vernünftig warst. Dieses Spiel ist nichts mehr für dich. Gut, dass du das verstanden hast. – Sie meinte es gewiss nicht herablassend, denn den kleinen, drahtigen Zeitungsverleger hatte sie längst ins Herz geschlossen. Er hatte gleich zu Beginn des Abends ein paar Witze gemacht, die seine Intelligenz aufblitzen ließen. Keine plumpen Zoten oder Albernheiten, wie sie bei Besoffenen oft anzutreffen waren, sondern funkensprühende Bonmots und zynische Bemerkungen, die das Leben des Westens reflektierten und parodierten. Virginia hatte sofort gespürt, dass dieser Mann einen scharfen Blick für die Realitäten besaß, und das würde seinem Ziel, eine Tageszeitung zu gründen, sehr dienlich sein.
Der Mann neben John Clum hüstelte. Das Geräusch lenkte die Aufmerksamkeit auf Frank Ruff. Ruff war ein schmaler Mann, der in einem blaukarierten Hemd am Tisch saß, das bis zum obersten Knopf zugeknöpft war. Darüber trug er ein olivgrünes Cordjackett, das er anscheinend nie auszog. Es war verknittert, fleckig und stank nach Schweiß. Trotz seiner leicht verwahrlosten Erscheinung war Ruff einer der größten Rancher der Umgebung. Er war ein Mann, der genau wusste, was er wollte, und wie er es erreichen konnte. Nun schob er mit dem Daumen den weißen Stetson aus der Stirn. Sein Sichelbart zuckte. Er wägte seine Chancen ab – zu offensichtlich, wie Virginia fand.
War da ein leichtes Zögern, als er den geforderten Betrag in die Tischmitte schob? War er sich des Blattes nicht sicher?
Vielleicht. Vielleicht war seine Unsicherheit nur gespielt. Doch der Schweißtropfen, der ihm den Hals hinab lief, war echt. So etwas kann man nicht bluffen. Und das leichte Vibrieren seiner Nasenflügel, wenn er einatmete – als wagte er nicht, Luft zu holen.
Irgendetwas verbirgt er, dachte Virginia. Einen Straight flush? Einen Four of a kind? Ja, vielleicht zittert er, weil er ein solches Blatt in der Hand hat. Doch vielleicht haben das Zittern und die Anzeichen der Nervosität ganz andere Gründe …
Und während sie noch über Ruff nachsann, forderte Will Pearce sie auf, ihren Einsatz zu bringen. Es lag an ihr, weiterzumachen, zu erhöhen oder ein Aufdecken zu fordern.
Sie forderte nicht – sie erhöhte.
Sie brachte Pearce’s Zweihundert und erhöhte um weitere dreihundert Dollar. Mit demselben freundlichen Lächeln, das sie beim Pokern stets zeigte, schob sie fünfhundert Dollar in die Tischmitte.
Man hörte ein leises Knarren aus der Dunkelheit des Raums hinter Virginia. Dort stand, im Halbdunkel, ihr Leibwächter. Gerade hatte er sich bewegt. Sein Name war Rance Turco, ein vierunddreißigjähriger Revolvermann. Er beobachtete seine Chefin aufmerksam. Er kannte die Art ihres Spielens aus vielen vorhergegangenen Nächten, in denen sie an diesem oder einem anderen Tisch in einer anderen Stadt gesessen hatte, um die Glücksgöttin herauszufordern. Inzwischen wusste er, dass Virginia stets genau wusste, was sie tat.
Doch diesmal hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache.
Diesmal nicht.
Hätte man ihn gefragt, Rance Turco hätte es nicht erklären können. Er spürte einfach, dass etwas in der Luft hing. Eine knisternde Spannung, die sich plötzlich über die drei im Spiel verbliebenen Personen gelegt hatte. Blitzende Augen, rasche Seitenblicke, ein Hüsteln, das Fortwischen eines Schweißtropfens …
Solche Tage hatte es oft schon gegeben, ja beinahe jede Nacht waren ganz normale Partien plötzlich zu einem brutalen Kampf um Stolz, Macht und Gier ausgeartet.
Rance Turco, der Virginia kannte wie niemand sonst, hatte an der leichten Versteifung ihres Rückgrats gemerkt, dass es wieder einmal so weit war.
Doch wer war ihr Gegner?
Pearce oder Ruff?
Der kühle Geschäftsmann oder der reiche Rancher?
Pearce ging mit, schob mit leicht verzerrtem Mundwinkel das Geld in die Tischmitte. Plötzlich hatte man das Gefühl, dass er sich seiner Sache nicht mehr sicher war, sich nicht mehr wohl fühlte. Er versuchte, den Schein zu wahren, doch geschah es zu offensichtlich, zu steinern. Virginia wusste plötzlich, dass Pearce die nächste Runde nicht mehr mitgehen würde – trotz des Geldes, das er bereits gesetzt hatte und dabei verlieren würde.
Und da kristallisierte sich ihr Gegner heraus. Es war Frank Ruff.
Frank Ruff, der so unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte, dessen halb irrer, flackernder Blick immer wieder auf sein Kartenblatt fiel, der die Karten dann zusammenschob und sie dann doch wieder auseinanderfächerte, um sich nochmals ihres Inhalts zu vergewissern. Er hatte ein Höllenblatt. Virginia wusste es. Doch sie selbst auch.
Der Einsatz stieg nun auf eintausend, dann auf zweitausend Dollar. Pearce war weggegangen, nun spielte sich alles zwischen Virginia und Frank Ruff ab.
Dem Rancher war der Schweiß ausgebrochen. Er war nicht der kühle, überlegen wirkende Pokerspieler, der er gern gewesen wäre. Er flucht stumm in sich hinein. Da hatte er einmal ein gutes Blatt, und da verrät ihn sein Körper durch einen Schweißausbruch und dadurch, dass er die Hände nicht mehr ruhig halten konnte.
Als er dreitausend Dollar in die Tischmitte schob, sahen alle sein Zittern. Der Pot war inzwischen auf fünfzehntausend angestiegen.
Virginia konnte es sich kaum leisten, diesen Betrag zu verlieren. Sie würde Ihre Reserven angreifen müssen, wenn sie hier verlor. Dennoch war sie von den vier
