Verzeih mir, wenn du kannst: Familie Dr. Norden 779 – Arztroman
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Die Familie bleibt für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen.
Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas.
»Das muss piano gespielt werden. Kannst du nicht lesen?« herrschte Renate Riedl die junge Frau mit der Klarinette ungehalten an und klopfte energisch mit dem Taktstock auf den Notenständer. Doch Julia dachte gar nicht daran, sich von ihrer Tante einschüchtern zu lassen. »Du denkst, du hast immer recht, oder? Hier steht pianissimo, und das ist immer noch ein großer Unterschied.« »Wer ist hier der Dirigent? Na also, dann halte dich gefälligst an meine Anweisungen, wenn du weiterhin Teil dieses Orchesters sein möchtest.« Renate, der ihr Versehen vor den anderen Kollegen sichtlich peinlich war, wandte ihre Aufmerksamkeit rasch wieder der Musik zu. »Wir beginnen noch einmal bei Takt 13, piano, wenn ich bitten darf.« Die Gemeindemitglieder warfen sich vielsagende Blicke zu, doch keiner sagte ein Wort, so sehr sich Julia auch hilfesuchend umblickte. Als alle nur noch auf sie warteten, hob sie schließlich ihre Klarinette an den Mund und begann resigniert zu spielen, auch wenn sie mit der Art und Weise, wie Renate das Stück interpretierte, ganz und gar nicht einverstanden war. »Ihr wisst doch alle ganz genau, dass das so nicht richtig ist, oder?« fragte sie, nachdem die Probe zu Ende war und alle Orchestermitglieder, allesamt Einwohner des kleinen Dorfes nahe München, dabei waren, ihre Instrumente zu verstauen. »Warum regst du dich so auf, Mädchen?« wandte sich Elena an die temperamentvolle und engagierte Frau. »Du weißt doch, dass Renate ihre eigenen Vorstellungen von Musik hat. Entweder wir akzeptieren das, oder unser Orchester hat die längste Zeit bestanden.« »Ich finde, es wäre schade drum. Schließlich haben wir hier im Dorf nicht viele Möglichkeiten zur Zerstreuung«
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Verzeih mir, wenn du kannst - Patricia Vandenberg
Familie Dr. Norden
– 779 –
Verzeih mir, wenn du kannst
Patricia Vandenberg
»Das muss piano gespielt werden. Kannst du nicht lesen?« herrschte Renate Riedl die junge Frau mit der Klarinette ungehalten an und klopfte energisch mit dem Taktstock auf den Notenständer.
Doch Julia dachte gar nicht daran, sich von ihrer Tante einschüchtern zu lassen.
»Du denkst, du hast immer recht, oder? Hier steht pianissimo, und das ist immer noch ein großer Unterschied.«
»Wer ist hier der Dirigent? Na also, dann halte dich gefälligst an meine Anweisungen, wenn du weiterhin Teil dieses Orchesters sein möchtest.« Renate, der ihr Versehen vor den anderen Kollegen sichtlich peinlich war, wandte ihre Aufmerksamkeit rasch wieder der Musik zu. »Wir beginnen noch einmal bei Takt 13, piano, wenn ich bitten darf.«
Die Gemeindemitglieder warfen sich vielsagende Blicke zu, doch keiner sagte ein Wort, so sehr sich Julia auch hilfesuchend umblickte. Als alle nur noch auf sie warteten, hob sie schließlich ihre Klarinette an den Mund und begann resigniert zu spielen, auch wenn sie mit der Art und Weise, wie Renate das Stück interpretierte, ganz und gar nicht einverstanden war.
»Ihr wisst doch alle ganz genau, dass das so nicht richtig ist, oder?« fragte sie, nachdem die Probe zu Ende war und alle Orchestermitglieder, allesamt Einwohner des kleinen Dorfes nahe München, dabei waren, ihre Instrumente zu verstauen.
»Warum regst du dich so auf, Mädchen?« wandte sich Elena an die temperamentvolle und engagierte Frau. »Du weißt doch, dass Renate ihre eigenen Vorstellungen von Musik hat. Entweder wir akzeptieren das, oder unser Orchester hat die längste Zeit bestanden.«
»Ich finde, es wäre schade drum. Schließlich haben wir hier im Dorf nicht viele Möglichkeiten zur Zerstreuung«, gab Anna Moser ihrer jungen Nachbarin recht. »Ich für meinen Teil bin froh, wenn ich mal aus dem Haus komme und noch etwas anderes zu Gesicht bekomme als die Gaststube unserer Wirtschaft.«
Elena warf der älteren Dame einen vielsagenden Blick zu und senkte dann die Augen. Sie wusste, worauf Anna anspielte, wagte aber nicht, ihr Wissen preiszugeben.
Julia sah die beiden Frauen verständnislos an.
»Kein Wunder, dass ihr in eurem Leben nichts erreicht habt, wenn ihr euch ständig in all das fügt, was man von euch verlangt.«
»Ich für meinen Teil bin sehr zufrieden mit meinem Leben«, widersprach Elena heftiger als beabsichtigt. »Ich habe in Lukas einen lieben Mann gefunden, wir haben ein schönes Haus und erwarten ein Kind. Was sollte ich mir noch mehr wünschen als Gesundheit für uns alle?«
»Wenn das dein erklärtes Lebensziel ist, bitte schön«, gab Julia leicht gereizt zurück. »Allerdings fände ich es nicht schlecht, hin und wieder über den eigenen Gartenzaun zu sehen und sich für andere einzusetzen, denen es nicht so gut geht.«
»Man kann sich sein Schicksal nicht immer aussuchen, Julia. Aber das wirst du schon noch lernen«, erklärte Anna leise und mit einem traurigen Blick auf die junge Frau, die seit Jahren alleine in einem Haus im Dorf lebte. Hinter ihrem Rücken wurde eifrig getuschelt und geredet, doch Anna hatte sich diesem Gerede nie angeschlossen.
Sie schätzte die offene, temperamentvolle aber gleichzeitig herzliche Art von Julia und wünschte sich oft insgeheim, in ihrer Jugend etwas mehr von diesen Talenten besessen zu haben. Doch es war bei dem Wunsch geblieben und nun war es zu spät, noch etwas zu ändern.
»Das Leben ist kein Wunschkonzert.«
»Das nicht. Aber ich glaube, man hat doch mehr Einfluss, als dass ihr euch alle das eingestehen wollt. Wenn wir einen anderen Orchesterleiter hätten als Renate, könnten wir alle über uns hinauswachsen. Aber so werden wir uns immer nur mit dem wenigen begnügen, was sie uns bietet und die Sterne am Himmel nur ansehen, statt sie herunterzuholen.«
Mit diesen leidenschaftlichen Worten war für Julia das Gespräch beendet. Sie grüßte die beiden Frauen freundlich, die verdutzt vor ihr standen, und verließ den Gemeindesaal, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Dort angekommen, schloss sie die Tür hinter sich, machte Licht und stellte den Klarinettenkoffer in eine Ecke. Dann ging sie hinüber ins Wohnzimmer und schaltete das Radio an, um die mitunter lähmende Stille zu übertönen. Obwohl sie gerne in dem alten, kleinen Haus lebte, fühlte Julia sich hin und wieder einsam.
Von der Dorfgemeinschaft grenzte sie sich freiwillig ein Stück weit aus.
So blieb ihr häufig nichts anderes, als die Abende alleine zu verbringen.
»Es folgt eine Live-Übertragung des Klavierkonzerts Nr. 3 in d-Moll von Rachmaninov. Es dirigiert Hanno von Bülow, am Piano Marcel Mathieu. Wir wünschen viel Vergnügen«, tönte die Stimme des Radiosprechers durch den Raum, und Julias Laune hob sich schlagartig.
Sie kannte und verehrte Marcel Mathieu seit Langem und liebte sein virtuoses Spiel.
Sie machte es sich auf den Sitzkissen am Boden gemütlich, schlang eine weiche Decke um sich und schloss die Augen, während sie sich von den himmlischen Klängen in eine andere Welt entführen ließ. Marcels Hände flogen über die Tasten, immer leidenschaftlicher, immer dramatischer wurde sein Spiel.
»So müsste man spielen können«, murmelte Julia verzückt, als plötzlich ein erschrockenes Raunen des Publikums durch den Radioapparat in ihr kleines Wohnzimmer übertragen wurde. Gleich darauf ertönte die verwirrte Stimme des Kommentators.
»Sehr verehrte Hörerinnen und Hörer, wir unterbrechen unser Programm. Soeben ist der Pianist Marcel Mathieu an seinem Instrument zusammengebrochen. Wir wissen nicht, was geschehen ist. Ich gebe zurück ins Funkhaus.«
Schlagartig hatte Julia die Augen aufgerissen und setzte sich kerzengerade auf. Der Schreck stand ihr ins Gesicht geschrieben. Was war vorgefallen?
»Das gibts doch gar nicht. Die müssen doch sagen, was passiert ist«, rief sie aufgebracht.
Doch so sehr sie auch an den Radioknöpfen drehte, es waren keine Neuigkeiten mehr darüber zu erfahren, was mit Marcel Mathieu geschehen sein mochte.
»Einen Arzt, wir brauchen einen Arzt! Ist ein Arzt anwesend?« schallte der aufgeregte Ruf durch den Konzertsaal der Münchner Philharmonie. Dr. Daniel Norden, der mit seiner Frau Felicitas dem musikalischen Ereignis gelauscht hatte, zögerte nicht. Er sprang sofort auf und bahnte sich einen Weg durch die aufgeregte Menschenmenge. Die beunruhigten Blicke seiner Frau folgten ihm. Doch Fee hatte Verstand genug, um ihm nicht zu folgen. Sie wusste sehr gut, was zu tun war. Statt sich der Sensationslust des übrigen Publikums anzuschließen, lief sie in die entgegengesetzte Richtung dem Ausgang zu.
»Bitte, lassen Sie mich durch!« rief Daniel unterdessen und schob die Menschen beiseite, die nach vorne drängten, um ihre Neugier zu stillen. »So gehen Sie doch beiseite. Jede Minute zählt.« Endlich war es ihm gelungen, zur Bühne vorzudringen, wo ihm der Dirigent helfend die Hand reichte, als er sich als Arzt zu erkennen gab.
»Sie schickt der Himmel! Dr. Wagner, der gewöhnlich für den Fall der Fälle hier ist, liegt selbst mit Grippe im Bett.«
»Was ist passiert?« erkundigte sich Daniel statt einer Antwort, während er rasch zu dem Ohnmächtigen trat, den Kollegen inzwischen auf den Bühnenboden gebettet hatten. Als der Arzt kam, öffnete sich der Kreis der Kollegen, die Marcel umringten, und alle machten stumm Platz. »Hat irgendjemand etwas Auffälliges bemerkt?«
»Marcel hat gespielt, voller Leidenschaft und Emotionen. Plötzlich hat er aufgeschrien und ist ohnmächtig über den Tasten zusammengebrochen«, wusste eine junge Musikerkollegin zu berichten, die das Unglück aus nächster Nähe hatte beobachten müssen.
Während Daniel behutsam die Fliege um den Hals des Musikers löste und das Hemd
