Väterchens Misstrauen. Die Welt des Josef Stalin: Zweiter Band: Vom großen Sterben bis zum Krieg
Von Ralph Ardnassak
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Stets saß Stalin am linken Bühnenrand, in einer bunkerartigen und tatsächlich gepanzerten Loge.
Am meisten mochte er Schwanensee. Das Spiel der grazilen Glieder und Leiber, die sich zur Musik hin und her bogen, wie Schilfhalme im Wind. Das berühmte Allegro Moderato aus den Schwanentänzen des 2. Akts. Den grandiosen Tanz der vier kleinen Schwäne in der Choreografie von Lew Iwanow, zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Mit der Prima Ballerina Assoluta Galina Ulanowa und dem Kirow-Ballett. Die Balletteusen, die in ihren weißen Kleidern wie Seerosen auf der Bühne lagen. Die grazilen Bewegungen und die Blicke, die die Tänzerinnen und Tänzer, besonders beim Durchstrecken ihrer Gliedmaßen, tatsächlich so erscheinen ließen, als wären sie alle große Schwäne. Das gleichzeitige Auf- und Ab-Bewegen ihrer weißen Arme, das im Licht der Bühne, wie der Flügelschlag eines Schwarmes gewaltiger Schwäne erschien. Der elegante Spitzentanz, der die Balletteusen in ihren weißen Tutus aus steif von den Körpern abstehendem Tüll wirken ließ, als würden sie sich gar nicht selbst bewegen, sondern allesamt von einer unsichtbaren Hand in zitternden Bewegungen, über die Bühne hin gezogen. Bewegungen, die an das Zittern und Zucken lebendigen Fleisches unter der Spitze eines gewaltigen Messers erinnerten.
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Buchvorschau
Väterchens Misstrauen. Die Welt des Josef Stalin - Ralph Ardnassak
I
„Da draußen lauert ein Wolf, er will mein Blut. Wir müssen alle Wölfe töten!"
Stalin
Ein Mensch an sich besitzt keinerlei Wert, bis auf die Fähigkeit, für den Aufbau des Sozialismus zu arbeiten. Da er von seiner Natur her jedoch egoistisch und ein potentieller Staatsfeind ist, muss man ihn zwingen, für den Aufbau des Sozialismus zu arbeiten. Dies kann auf zweierlei Weise geschehen. Die einfachste Möglichkeit besteht darin, den Menschen in ein weit abgelegenes Lager zu sperren und ihn mit anderen Volksfeinden an den Großprojekten des Sozialismus arbeiten zu lassen. Dort konnte er, Seite an Seite mit anderem Abschaum, Kanäle graben oder Staumauern errichten, bis er irgendwann erfror, vor Entkräftung umfiel oder einfach verhungerte. Hier konnte er am wenigsten Schaden anrichten, hatte aber für den Aufbau des Sozialismus den größten Nutzen. Auch brauchte man keinen Geheimdienst, um ihn zu überwachen und seine unbedachten Äußerungen zu protokollieren. Man brauchte nur ein Lager, am besten weit draußen, nahe am Polarkreis. Die zweite Möglichkeit bestand schließlich darin, ihn in seiner Heimatstadt zu belassen. Hier jedoch musste man ihn stets im Auge behalten und man konnte, selbst wenn man ihn rund um die Uhr überwachen ließ, dennoch nie garantieren, dass er keinen Schaden anrichten würde.
Seine Arbeitskraft war das Einzige von Wert an einem Menschen. Starb der Mensch, so hatte dies im Grunde mehr Nutzen, als Verlust. Denn mit ihm starben auch seine Renitenz, sein Egoismus, der ihn anfällig machte für die Verlockungen des Kapitalismus, seine Dickköpfigkeit und sein Eigensinn.
An allem mangelte es in der Sowjetunion nach dem Bürgerkrieg: an Industriegütern und an Nahrungsmitteln, an Waffen und vor allem an Loyalität. Nur an einem mangelte es nie, nämlich an Menschen! Und schon allein deswegen hätte es keinen Grund dafür gegeben, auch nur einen einzigen Menschen zu schonen oder ihn für den Sozialismus zu gewinnen!
Um die Menschen zu buhlen, wie der Pfaffe um die Seelen der Gläubigen, das war verlorene Liebesmüh! Halte ihm die Pistole an die Schläfe und befiehl ihm, zu arbeiten. Und wenn er die Arbeit erledigt hat und zu erschöpft ist, um weiter zu arbeiten, dann drück einfach ab!
Im Grunde waren die Menschen wie Würmer oder wie die Mücken im Sommer, die in den Sümpfen so dicht in der Luft standen, als wären sie schwarze Wolken, die kurz über dem Gras lärmend und summend dahin zogen. Ja, die Menschen waren Steckmücken: sie saugten dem Staat das Blut aus, wenn man sie nicht rechtzeitig und in möglichst großer Zahl erschlug!
Das war das ganze Geheimnis der Menschenführung!
Wenn der Soldat mehr Courage benötigte, um seinem Vorgesetzten zu erklären, warum er nicht angriff, dann würde er in jedem Fall immer lieber angreifen!
Wenn der Arbeiter mehr Courage brauchte, dem Brigadier zu erklären, warum er den Plan nicht erfüllen konnte, dann würde er ihn letztendlich in jedem Fall erfüllen!
Es waren ganz einfache Rechnungen, die im Grunde jeder begreifen konnte! Man brauchte gar keine Kenntnisse in der Menschenführung, um eine ganze Großbaustelle in der Taiga zu kommandieren! Man benötigte im Grunde lediglich eine geladene Pistole und schon hatte man die besseren Argumente in der Hand.
Stalin, nur 1,62 Meter groß, das Gesicht von Pockennarben übersät, so dass er bei allen öffentlichen Auftritten stets Makeup trug, der linke Arm um ganze 8 Zentimeter kürzer als der rechte Arm, hatte dem Politbüro und damit dem ganzen Land diese einfache Sicht der Dinge aufgezwungen.
Doch die Aufzählung seiner körperlichen Defizite war damit noch keinesfalls erschöpft. Besonders peinlich war Stalin zeitlebens ein weiteres Manko. Sein linker Fuß wies am zweiten und dritten Zeh eine kutane Syndaktylie auf. Eine Verwachsung der Haut beider Zehen, die an Schwimmhäute erinnerte. Diese angeborene anatomische Besonderheit entsteht beim Embryo zwischen der 5. und der 7. Entwicklungswoche. Da es sich um eine einfache Syndaktylie handelte, bei der lediglich die Haut der Zehen zusammengewachsen war, die Zehenknochen jedoch getrennt vorlagen, wäre eine simple kosmetische Korrektur auf operativem Wege jederzeit möglich gewesen, was Stalin jedoch nie vornehmen ließ.
Im Aberglauben des Volkes wurden solche Menschen auch als Inkubus, Sukkubus oder als Wechselbalg bezeichnet. Sie galten als direkte Nachkommen des Teufels, als diabolische Kreaturen, die oft auch der Hexerei verdächtigten wurden. Stalin tat also gut daran, seine missgebildeten Zehen zu verbergen.
Stalin liebte das Bolschoi-Theater. Es war auch der Ort, an dem die Parteitage der KPdSU stattfanden. Er schätzte bereits die einmalige Architektur, ausgeführt im Stil des russischen Klassizismus. Er genoss die kostbare Inneneinrichtung, die der Italiener Alberte Camillo Cavos nach dem großen Brand von 1853 im Bolschoi installiert hatte. Reihum liefen dort die Logen, im hufeisenförmig gebauten Innenraum an den Wänden entlang und übereinander liegend, wie die Logen im Kolosseum zu Rom, von denen aus der Imperator, die Senatoren und das Volk, einst den Gladiatoren zugesehen und sich an ihrem elendiglichen Sterben ergötzt hatten, um darüber die Sorgen und Nöte des Alltags zu vergessen.
Stets saß Stalin am linken Bühnenrand, in einer bunkerartigen und tatsächlich gepanzerten Loge.
Am meisten mochte er Schwanensee. Das Spiel der grazilen Glieder und Leiber, die sich zur Musik hin und her bogen, wie Schilfhalme im Wind. Das berühmte Allegro Moderato aus den Schwanentänzen des 2. Akts. Den grandiosen Tanz der vier kleinen Schwäne in der Choreografie von Lew Iwanow, zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Mit der Prima Ballerina Assoluta Galina Ulanowa und dem Kirow-Ballett. Die Balletteusen, die in ihren weißen Kleidern wie Seerosen auf der Bühne lagen. Die grazilen Bewegungen und die Blicke, die die Tänzerinnen und Tänzer, besonders beim Durchstrecken ihrer Gliedmaßen, tatsächlich so erscheinen ließen, als wären sie alle große Schwäne. Das gleichzeitige Auf- und Ab-Bewegen ihrer weißen Arme, das im Licht der Bühne, wie der Flügelschlag eines Schwarmes gewaltiger Schwäne erschien. Der elegante Spitzentanz, der die Balletteusen in ihren weißen Tutus aus steif von den Körpern abstehendem Tüll wirken ließ, als würden sie sich gar nicht selbst bewegen, sondern allesamt von einer unsichtbaren Hand in zitternden Bewegungen, über die Bühne hin gezogen. Bewegungen, die an das Zittern und Zucken lebendigen Fleisches unter der Spitze eines gewaltigen Messers erinnerten. Bewegungen, wie das letzte leise Zucken der abgestochenen Lämmer während des Ausblutens. Bewegungen, ein Zittern, wie von galvanischen Stromstößen in den Gliedmaßen verursacht. Wie Flaumfedern im Wind, wie Puppen aus Porzellan, so schwebten die Tänzerinnen dabei über die Bühne, als würden sie unter abertausenden Stromstößen oder unter einer unsäglichen Form der Todesangst erzittern.
Hier konnte Stalin entspannen, nachdem er aus seinem Arbeitszimmer im Kreml her gekommen war. Stalin schwieg und lächelte unter dem Schnurrbart, während er das Ballett wohlgefällig betrachtete, wie ein Hirte, der seiner Herde im Spätsommer beim Weiden zusah und sich den Schinken ausmalte, den er im Herbst, bei der Schlachtung gewinnen würde.
Nein, er konnte es dem russischen Volk nicht verzeihen, dass es sich nicht vorbehaltlos einreihte in die gewaltige Arbeitsschlacht, die er für es vorgesehen hatte, um es aus dem Mittelalter ins Industriezeitalter zu katapultieren! Er konnte dem Volk seine Renitenz nicht verzeihen und seine Ungläubigkeit. Ebenso wenig, wie ihm die Mönche im Priesterseminar von Tbilissi einst seine eigne Renitenz und Aufsässigkeit verziehen hatten!
Besonders die Intelligenz hasste er dafür. Und seine alten Mitstreiter, die sich für Lenins rechtmäßige Nachfolger hielten, während er wusste, dass sie ihn verlachten. Seiner Unwissenheit wegen, seiner Pockennarben wegen und ob der Tatsache, dass er bei der Revolution, im Gegensatz zu ihnen, nur eine untergeordnete Rolle im Hintergrund gespielt hatte. Stalin wusste dies alles. Und zugleich wusste er aber auch, dass er sich für diese Dinge an ihnen allen rächen würde. An seinen Mitkämpfern würde er sich rächen und am ganzen ungläubigen und abtrünnigen russischen Volk, bis es zittern würde, wie die leichenblassen Ballerinas auf der Bühne des Bolschoi!
Den Anlass lieferte ihm schließlich die Ermordung Kirows.
Sergei Mironowitsch Kirow war 1886 in Urschum geboren worden. Als Kind armer Eltern, das die Gewerbeschule von Kasan absolviert hatte, fand Kirow früh zur SDAPR, was angesichts seiner Herkunft keinesfalls verwunderlich war.
Seit 1904 verstand er sich bereits als Berufsrevolutionär und lebte wie Stalin in der daraus zwangsläufig resultierenden Illegalität, die die andere Option hätte Verbannung oder Inhaftierung bedeutet.
An der gescheiterten Revolution des Jahres 1905 hatte Kirow als Berufsrevolutionär selbstverständlich teilgenommen. Im Februar 1905 verhaftete ihn die Ochrana zum ersten Mal. Sofort nach seiner Entlassung ging er zu den Bolschewiken.
Aber bereits 1906 verurteilte ihn ein zaristisches Gericht wegen der Verbreitung illegaler Literatur zu drei Jahren Gefängnis. Er verbüßte diese Strafe in einem Gefängnis in Tomsk und ging nach seiner Entlassung in den Kaukasus.
In der Stadt Wladikawkas beteiligte er sich an der Herausgabe der Zeitung Terek.
Immer weiter entfremdete sich Kirow
