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Drei sind keiner zu viel
Drei sind keiner zu viel
Drei sind keiner zu viel
eBook551 Seiten7 Stunden

Drei sind keiner zu viel

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Über dieses E-Book

Was bringt einen Workaholic dazu, sich unbezahlt beurlauben zu lassen, sein Haus unterzuvermieten, sich in seinen Campingbus zu setzen und alles hinter sich zu lassen?
Und was bringt einen Misanthropen dazu, sich zu öffnen und sich anzunähern?

Dies ist die Geschichte von Ole Stein, der schwer traumatisiert, körperlich und geistig erschöpft in seinen VW-Bus steigt und alles Vertraute hinter sich lässt, um das unbekannte Schöne zu finden.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum6. Jan. 2021
ISBN9783752928679
Drei sind keiner zu viel
Autor

Jörn Holtz

Der Autor Jörn Holtz, Jahrgang 1969, lebt mit seiner Frau in seiner Heimatstadt Kiel. Seit seiner Ausbildung ist er in der IT-Branche tätig. Zu seinen derzeitigen Aufgaben gehören der weltweite Support für ein erklärungsbedürftiges technisches Produkt und die Schulung von Mitarbeitern und Partnern. Die Lust am Schreiben hat ihn erst spät gepackt. Dabei macht es ihm viel Spaß, über Erlebtes nachzudenken und es in Geschichten zu verpacken.

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    Buchvorschau

    Drei sind keiner zu viel - Jörn Holtz

    Titel

    Metamour

    Band 1: Drei sind keiner zu viel

    Jörn Holtz

    chapter1Image1.jpeg

    Wenn einem immer seine Liebsten abhandenkommen,

    dann ist ein fester Partner einfach nicht genug,

    um sich wirklich sicher und geborgen zu fühlen.

    Ein Road-Trip zurück zu den Wurzeln des Miteinanders

    und einer wirklich befreiten Liebe."

    Prolog

    Ende Januar 2008

    Alles im Leben hat seinen Preis. Diesen Satz habe ich nun schon wirklich oft gehört oder gelesen, und jedes Mal habe ich ihn lächelnd von mir gewiesen. Ich doch nicht!

    Heute jedoch lernte ich schmerzhaft, wie viel Wahrheit hinter dieser Phrase steckt.

    Okay, eine gewisse körperliche und geistige Erschöpfung verspürte ich schon seit Jahren immer mal wieder. Ich verlange mir und meiner Umwelt halt viel ab. Doch das mein Puls auf einmal wie wild in meinen Adern pochte und mein Blutdruck jenseits von Gut und Böse war, war selbst für meine Verhältnisse nicht normal. Daher bin ich heute Morgen statt zur Arbeit zu meinem Hausarzt gefahren und habe ihn gefragt: Wie verdammt nochmal das angehen kann! Immerhin ernähre ich mich seit Jahren, wie ich finde, relativ gesund und bin mindestens 4-mal die Woche im Fitnessstudio, wo ich auch regelmäßig die Sauna besuche.

    Eine Antwort bekam ich jedoch nicht. Nach einem kurzen prüfenden Blick auf mich und das Blutdruck Messgerät riet er mir lediglich, ich soll die nächsten 2 Wochen zu Hause bleiben und diese Zeit nutzen, indem ich sie am besten allein im Bett verbringe. Als ich protestierte, weil ich in den kommenden Wochen sowohl auf der Arbeit als auch im Privaten viel vorhabe, sagte er, dass wenn ich diese Auszeit jetzt nicht nutze, um zu entspannen, er mir wohl als nächstes ein eigenes Bett im Krankenhaus spendieren muss.

    Diese Aussicht war ein No-Go. Mied ich doch Krankenhäuser wie der Teufel das Weihwasser. Zudem mied ich tagsüber auch mein eigenes Bett, außer ich war ernsthaft krank und ich denke weiterhin nicht, dass ich es bin. Daher saß ich in meiner großen gemütlichen Couchecke, im Wohnzimmer meines geerbten Elternhauses, und frönte einen ungewohnten Müßiggang. Dies gelang mir jedoch wie immer nur recht kurz. Irgendwann griff ich gelangweilt nach meiner Bassgitarre, und meine Hände glitten in gewohnter Manier mechanisch über deren Saiten.

    Während ich so irgendwelche Akkordfolgen übte, sah ich zum Hoffenster hinaus in meinen Garten. Dabei übte ich mich darin, nur über das nachzudenken, was mich hierhergebracht haben könnte und nicht an das, was da vorm Fenster noch alles zu erledigen war. Nur war beides gar nicht so einfach. Denn zum einen konnte ich nur zu deutlich den Druck spüren, den das Blut in meinem Adern erzeugte und der von unten aus in meinem Kopf zu münden schien. Dieser Druck brachte meine Gedanken dazu, zäh wie Lava den Berg hinabzufließen. Zum anderen war da dieser permanente Druck in meinem rechten Unterleib. Dieser hielt mich nachts oft wach und zwang mich jetzt dazu, die Bassgitarre zur Seite zu legen, weil die davon ausgehenden Schwingungen nicht mehr zu ertragen waren.

    Wütend auf meine immer mehr außer Kontrolle geratenen Körperfunktionen stand ich auf und stellte das empfindliche Instrument schwungvoll zurück in seinen Halter.

    Kurz erschrak ich, haderte kurz mit meiner zunehmenden Unbedachtheit. Dann schleppte ich mich mit unsicheren Schritten zu meinem Lieblingsplatz hinüber, einen bequemen Schaukelstuhl im sonnigen Wintergarten.

    Mit leerem Blick starrte ich erneut aus dem Fenster und fragte mich nicht zum ersten Mal, warum all diese ignoranten Ärzte keine Ursache für meine fortwährende Pein fanden. Denn selbst der Proktologe und die anderen Spezialisten, die ich in den letzten 2 Jahren aufgesucht hatte, hatten medizinisch nichts Ungewöhnliches entdecken können. Und genau dies machte mir Angst und die Tatsache, dass dieser verdammte Familienfluch bisher ausnahmslos weibliche Verwandte mütterlicherseits getroffen und zumeist dahingerafft hatte, beruhigte mich keineswegs.

    Als dann auch noch das Bild von Marion, meine Ex-Freundin, in meinen Gedanken auftauchte und ihr vorwurfvolles Gesicht nicht mehr verschwinden wollte, stand ich auf, um mir eine Tasse Fencheltee zu machen.

    Peter

    Ich stand gerade noch etwas unsicher da, weil mein Kreislauf noch gefühlt im Schaukelstuhl saß, wobei sich mein Wintergarten um mich herumbewegte, ohne dass ich mich selbst bewegte, da klopfte es hinter mir.

    „Oh!", stöhnte ich überrascht und drehte mich wieder um. So erkannte ich vor der gläsernen Tür des Wintergartens meinen alten Schulfreund Peter. ‚Man, der sieht ja noch schlechter aus als ich‘, stellte ich dabei amüsiert fest, bevor ich mich leicht schwankend auf den Weg zur Tür machte.

    „Lass gut sein!, ließ Peter sich selbst rein, ehe ich die Tür erreicht hatte. Dann kniete er sich hin, und betrachtete mich eingehend, während er sich die Schuhe auszog. „Verdammt, siehst du Scheiße aus!, sagte er kurze Zeit später, nachdem er mich wie ein Schraubstock in seine Arme geschlossen hatte.

    „Danke altes Haus. Du siehst aber auch nicht viel besser aus!", lächelte ich gequält zurück.

    „Jo, da magst du wohl Recht haben!, nickte Peter, bevor er vordergründig lächelte. „Man so ein Zufall, ich hatte eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass du zu Hause bist. Doch als ich hier vorbeilief, sah ich, dass dein Camper im Carport steht. Du bist doch nicht schon wieder krank, oder?

    „Ähm doch, irgendwie schon!, sagte ich, wobei ich mich verlegen am Kopf kratzte, weil mir das Thema Kranksein, ohne wirklichen Befund, immer unangenehm war. „Na ja, mein Blutdruck war heute Morgen halt bei zweihundert zu einhundertfünfzig und ich fühl mich noch immer so, als wäre ich ungebremst gegen eine Wand gelaufen! Und du, wer hat dir den Tag versaut?, fragte ich, nachdem ich das riesige Häufchen Elend, das vor mir stand, noch einmal eingehend betrachtet hatte.

    „Ach, ich mir selbst! Anke hat mich eben rausgeschmissen, nachdem sie das mit Maya herausgefunden hatte", rang Peter sich ein falsches, schiefes Lächeln ab, ohne dass ich sein Augenausdruck veränderte.

    „Oh, das ist aber blöd!, erwiderte ich mechanisch. Doch konnte ich mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. „Na ja, aber so ist es wohl, wenn man den Hals nicht voll bekommt! Apropos, möchtest du vielleicht etwas trinken, einen Kaffee oder etwas Stärkeres?

    „Hey, sag Mal!, baute Peter sich in voller Größe vor mir auf. Dann sank er wieder in sich zusammen und fügte schulterzuckend hinzu: „Danke, aber Kaffee reicht erst einmal..

    „Gut, dann lass uns mal in die Küche gehen!", nickte ich ihm auffordernd zu, bevor ich mich von ihm abwandte und los ging.

    Nachdem ich den Kaffeevollautomaten eingeschaltet hatte, betrachtete ich ihn eingehend. „Tja, und nun?"

    „Oh, ehrlich gesagt, weiß ich es gerade nicht, wand Peter sich nicht nur verbal vor meinen Augen. „Oder wärst du vielleicht so nett, mir kurzfristig dein Gästezimmer unterzuvermieten?, fragte er nach einer gewollten Pause. Dann stockte er erneut, ehe er mit fester Stimme hinzufügte: „Natürlich nur so lange bis ich was Neues habe!".

    „Mein Gästezimmer soll ich dir untervermieten? Damit meinst du bestimmt Marions altes Zimmer, oder?, machte sich mein Bauch bei der Erkenntnis einen Moment lang noch unangenehmer bemerkbar, wobei ich innerlich mit meinem Wunsch kämpfte, nichts an meiner derzeitigen Wohnsituation verändern zu wollen. „Ähm, na okay,… geht klar!, sagte ich nach einer Weile, wenn auch widerstrebend, da ich meinen alten Freund nicht hängen lassen konnte.

    Der gelebte Albtraum

    Zwei Wochen später war ich gerade erst den zweiten Tag wieder in der Firma und fühlte mich einigermaßen gut. Mittlerweile war es kurz vor der Mittagspause, die ich mit einem Kollegen zusammen verbringen wollte. Die Sonne schien und wir wollten nach dem bestimmt gehaltvollen Mittagessen, in einer nahegelegenen Trucker Kneipe, spazieren gehen, um die Neuigkeiten der letzten Zeit auszutauschen. Doch als ich gerade meine Jacke in der Hand hielt, um ihn abzuholen, klingelte mein Handy und das Display zeigte die Rufnummer und das Bild meiner ältesten Schwester Doro. Kurz starte ich ungläubig auf das Handydisplay, da dies, mal abgesehen von der frühen Uhrzeit, sehr ungewöhnlich für sie war.

    „Moin Schwesterherz, das ist ja schön, dass du mich mal anrufst!", begrüßte ich sie mit gespielter Überschwänglichkeit, nachdem ich das Gespräch angenommen hatte.

    „Hallo Ole, nein eigentlich nicht!, erklang ihre Stimme daraufhin schluchzend in meinem Headset. „Denn das was ich dir mitteilen möchte, ist alles andere als schön. Petra geht es seit gestern sehr schlecht, und zwar so schlecht, dass die Ärzte sie vorhin ins künstliche Koma versetzt haben, nachdem sie einen weiteren Schlaganfall hatte, kam sie wie immer direkt und ohne weitere Formalitäten zur Sache, wenn auch dieses Mal etwas stockend. Nachdem sie mir die Gelegenheit gewährt hatte, diese Hiobsbotschaft etwas zu verarbeiten, fragte sie: „Würdest du daher bitte umgehend ins Städtische kommen?".

    „Ähm ja, geht klar! Doch sag mal, was ist denn bloß passiert?", erwiderte ich, während ich verwirrt aus dem Fenster starrte.

    „Das wissen die Ärzte noch nicht. Aber es sieht gerade gar nicht gut für unsere Schwester aus. Daher solltest du dich auch ein wenig beeilen. Vielleicht ergibt sich dann noch einmal die Möglichkeit, dass du mit ihr reden kannst."

    „Sicher, dass wäre toll!", stammelte ich höflich, denn genau dies hatte ich versucht seit Jahren zu vermeiden. Dennoch ließ ich alles stehen und liegen und raste über die Autobahn zurück nach Kiel.

    Im Krankenhaus angekommen, fragte ich mich bis zur Intensivstation durch. Dort streifte ich einen weißblauen Kittel, sowie jeweils hellblaue Papierhauben über die Haare und Schuhe, bevor ich beklommen das sterile Krankenzimmer betrat, wo einer meiner schlimmsten Albträume ad-hoc Realität wurde.

    Zuerst meinte ich noch, mich im Raum geirrt zu haben, denn die nackte Frau, die dort in der Shavasana Stellung rücklings auf einem metallenen Bett lag, war so immens aufgedunsen, dass ich meine zweit älteste Schwester erst auf den zweiten Blick erkannte. Dabei stellte ich aber auch erschrocken fest, dass ihr Körper überall mit irgendwelchen Geräten verbunden war, wobei nur die Genitalien notdürftig mit einem Handtuch abgedeckt waren. Als mein Kopf diese Informationen entsetzt verarbeitet hatte, entdeckte ich Doro.

    Sie saß in sich zusammengefallen am Kopfende des Bettes und hielt die Hand unserer Schwester, wobei sie unaufhörlich murmelte: „Du bist nicht allein, hörst du. Wir sind bei dir!, und als sie mich durch ihre verquollenen Augen wahrnahm, fügte sie hinzu: „Und Ole nun auch!.

    Michael, Doros und Petras Halbbruder, war ebenfalls anwesend und hockte mit seiner Frau zusammengekauert am anderen Ende des Raumes auf zwei Stühlen. Freundlich nickte ich zu ihnen hinüber, während ich mich, von der skurrilen Umgebung und der vorherrschenden trüben Stimmung paralysiert, hinter Doro aufbaute und meine Hände auf ihren Rücken legte. Die Anwesenheit von Michael machte mir wieder einmal bewusst, dass meine Schwestern eigentlich nur meine Halbschwestern waren, weil sie aus der ersten Ehe unserer Mutter stammten. Aber auf solche Feinheiten hatte ich nie Wert gelegt, trotz allem was mittlerweile zwischen uns stand. Dann stimmte ich in den mechanischen Sing-Sang von Doro mit ein, wobei mein Blick unruhig im Raum umherschweifte. Dabei verweilte ich immer wieder kurz bei den Instrumenten, die die verschiedenen Körperfunktionen von Petra visualisierten. So bemerkte ich mit der Zeit, wie ihr Blutdruck und ihre Herzfrequenz langsam sanken, bis ein lautes, durchgehendes Piepen, gefolgt von einer grell blinkenden, orangefarbenen Lampe am Fußende des Bettes, mich aus meiner Litanei riss.

    Ein gedrungener Arzt und eine hochgewachsene Krankenschwester erschienen daraufhin und machten sich ohne Umschweife an ein paar medizinischen Geräten zu schaffen, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Erst als sie damit fertig waren und eine vermeintliche Ruhe im Krankenzimmer zurückgekehrt war, wandte sich der Arzt mit besorgter Miene und räuspernd an Doro. „Ähm, ihre Schwester hatte gerade ein Nierenversagen und ehrlich gesagt,, stutzte er , während seine Hände rastlos ineinander rieben, „verstehe ich es immer noch nicht, was hier vor sich geht! Dann schwieg er eine Zeitlang nachdenklich, bevor er weiterredete. „Denn ehrlich gesagt, bin ich mit meinem Latein gerade so ziemlich am Ende, was ihre Schwester betrifft. Ähm, wünschen sie dennoch, dass ich weitere lebensverlängernde Maßnahmen ergreife? Ich meine ja nur, in Anbetracht der beiden Schlaganfälle von heute Morgen. Denn diese sind bestimmt auch nicht spurlos an ihrer Schwester vorbeigegangen, auch wenn ich zurzeit natürlich noch nichts Näheres dazu sagen kann", dabei sah er sie ratlos, aber mitfühlend an.

    „Was soll ich?, schluchzte Doro ungläubig nach einer Zeit des bedrückenden Schweigens, so als ob sie meinte sich verhört zu haben. „Nein!, riss sie plötzlich entsetzt ihre Augen weit auf, als ihr die Bedeutung der Frage klar wurde. „Das kann und will ich nicht allein entscheiden, dass müssen ihre Brüder mitentscheiden."

    Woraufhin mein gesenkter Kopf erschrocken hochfuhr und ich sie entsetzt anstarrte. Doch, ehe ich protestieren konnte, ergriff Michael das Wort: „Okay, da wir gerade alle ganz ehrlich zueinander sind, sah er kopfschüttelnd und mit feuchten, roten Augen erst zu Petra und dann zu den ganzen Maschinen hinüber, die sie am Leben erhielten. „Auch ich verstehe nicht, stockte er erneut, wobei er hörbarmit seiner Fassung rang, „was hier gerade vor sich geht, wie auch! Jedoch glaube ich, dass es besser für sie ist, wenn sie nicht noch länger leiden muss!, wurde seine Stimme mit der Zeit immer brüchiger und leiser, so dass ich ihn am Ende kaum noch verstand. Trotzdem hallten seine Worte einen Moment in meinen Kopf nach, weil ich wusste, was nun von mir erwartet wurde. Doch erst als Doro zustimmend nickte, stammelte ich: „Dem habe ich nichts hinzuzufügen!.

    „Okay!, nickte der Arzt milde lächelnd in meine Richtung, bevor er langsam und nacheinander in unsere Gesichter blickte. „Na, dann wollen wir mal dafür sorgen, dass ihre Schwester schmerzfrei und friedlich von uns gehen kann!, fügte er dann ruhig an. Daraufhin wandte er sich von uns ab und machte sich erneut an den Gerätschaften zu schaffen. Mit der Aussage: „So, nun wird es nicht mehr lange dauern und sie wird bestimmt keine Schmerzen haben", schloss er seine Arbeiten ab und verließ das Zimmer.

    Während ich erneut in den Sing-Sang von Doro mit einstimmte, die den Text in: „Alles ist gut, du darfst gehen. Wir sind bei dir!", geändert hatte, schweifte mein Blick erneut unruhig im Raum umher. Dabei kam mir hier alles so surreal vor, dass ich mich über mich selbst wunderte, weshalb ich nicht schreiend davonlief. Doch aus irgendeinem Grund und trotzt der ganzen schrägen Ereignisse in der Vergangenheit, fühlte es sich für mich richtig an, hier zu sein, weil ich mich gerade aus unerklärlichen Gründen zugehörig fühlte. Ja ich, der sich seit seiner frühesten Jugend nicht mehr zu irgendjemandem zugehörig fühlte, fühlte sich in diesem surrealen Moment wieder zu jemandem zugehörig, und zwar zu seinen Schwestern. Dabei fühlte es sich für einen Moment so wie früher an, bevor sie mich von einem auf den anderen Tag und ohne einen ersichtlichen Grund verlassen hatten.

    Während ich diesem verloren geglaubten warmen Gefühl nachhing, verstrich die Zeit um mich herum wie in Zeitlupe. Wobei ich sehr genau verfolgte, wie der Puls und der Blutdruck meiner Schwester langsam, ganz langsam immer weiter sanken.

    Als keine Vitalfunktionen mehr angezeigt wurden, erschien die Krankenschwester erneut. „Mein herzliches Beileid! Und ich möchte auch gar nicht weiter stören. Ich sorge nur mal kurz dafür, dass sie sich ungestört verabschieden können, wandte sie sich an uns, ehe sie alle Geräte ausschaltete. Dann befreite sie Petras Leichnam von der künstlichen Beatmung und breitete ein Laken über ihr aus, so dass Petra mit einem Mal so aussah, als ob sie schlief. Mit den Worten: „Der Arzt schaut gleich noch einmal vorbei, verließ sie diskret den Raum.

    Wie versteinert und mit einem Mal innerlich leer, betrachtete ich eine Zeitlang meine tote Schwester. Dann wanderte mein Blick abwechselnd zwischen ihr und dem mittlerweile dunklen Nachthimmel im Fenster hin und her. Und der, der beim Grübeln über die Frage: Warum Gott seine Mutter so früh zu sich genommen hatte, seinen Glauben an einen gütigen Gott und alles andere verloren hatte, sah nun zum Himmel hinauf, so als ob er der Seele seiner Schwester hinterher schauen konnte. Dabei stellte ich mir vor, dass meine Mutter milde lächelnd auf mich hinabsah, während sie die Seele ihrer Tochter in Empfang nahm. So gelang es mir allen Schmerz, der mich umgab auszublenden, während ein warmes Kribbeln an meinen Beinen hinunterlief. Erst das Erscheinen des Arztes holte mich in die traurige Realität zurück.

    Nachdenklich und mit vor dem Bauch gefalteten Händen sah der Arzt eine Weile schweigend auf Petras Leichnam hinab, bevor auch er: „Mein herzliches Beileid!, sagte. Erst dann sah er auf und blickte in die Runde. „Wie eben schon erwähnt, ist es mir immer noch ein echtes Rätsel, was hier gerade geschehen ist und ich weiß natürlich, dass der Zeitpunkt nicht gerade passend ist. Dennoch möchte ich fragen, ob wir nachschauen dürfen, wieso es so unglücklich gekommen ist. Damit könnten sie vielleicht zukünftigen Patienten helfen, die sich in der gleichen Situation befinden.

    Am darauffolgenden Montag teilte mir Doro die Diagnose des Krankenhauses telefonisch mit. Es handelte sich um einen Herztumor, und zwar um ein ganz besonders fiesen. Denn dieser hatte sich im gesunden Gewebe versteckt gehalten. Da die Chance an dieser Krankheit zu erkranken, einen Sechser in Lotto gleichkam und weil man außerdem ein paar Tage zuvor eine Probe aus Petras Herzen entnommen hatte, hatte der Arzt und seine Kollegen diese Möglichkeit zuvor kategorisch ausgeschlossen. Und so hatte die Seltenheit dieser Krankheit mir meine Schwester beraubt, die ich kurz zuvor erst wieder wahrgenommen hatte.

    Die Trauer und Wut, die ich darüber empfand, raubten mir ad-hoc das letzte bisschen Kraft, dass ich mir bis dahin noch erhalten hatte. Zudem sorgten die bizarren Bilder aus dem Krankenzimmer, die immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge auftauchten, für eine weitere durchwachte Nacht. Weshalb ich mich am nächsten Morgen völlig übermüdet und mit Kopfschmerzen auf den Weg zu meinem Hausarzt machte, um mich für den Rest der Woche krankschreiben zu lassen.

    Am frühen Nachmittag des darauffolgenden Freitages betrat ich mit gemischten Gefühlen das Friedhofsgelände in Elmschenhagen. War es doch der Ort, den ich seit 25 Jahren ebenso mied, wie der Teufel das Weihwasser, weil hier neben den Rest meiner Verwandtschaft auch meine Mutter begraben war. Als Kind wollte ich die Erinnerung an meine Mutter unverfälscht in meinen Herzen behalten, weshalb ich mich strikt weigerte, ihr Grab zu besuchen.

    Das heißt, die Reste ihrer Gebeine werden hier vielleicht noch irgendwo in der Erde ruhen. Denn mein Vater hatte vor 5 Jahren ihre Grabstelle gekündigt, so dass jetzt wohl ein anderer Grabstein ihre letzte Ruhestätte zierte.

    Die Gedanken an meine Mutter schob ich erst zur Seite, als ich meine Verwandten begrüßte, die überraschend zahlreich zu Petras Beerdigung erschienen waren. Beklommen ging ich in die kleine Kapelle hinein, wo ich bewusst einen Platz weiter hinten auswählte. Zum einen wollte ich so Doros direkte Gegenwart entrinnen, die in der ersten Reihe lautstark und für jedermann sichtbar um unsere Schwester trauerte. Denn selbst aus dieser Entfernung konnte ich ihren Schmerz spüren und dieser zerrte an meinen noch nicht wiedererlangten Kraftreserven. Zum anderen fand ich, stand mir ein Platz weiter vorne auch gar nicht zu. Denn ich hatte in den vergangenen 23 Jahren, von einigen zufälligen Begegnungen mal abgesehen, gar keinen Kontakt mehr zu Petra gehabt.

    Deshalb wartete ich in meinem selbst gewählten Exil gespannt darauf, wie sich die Beerdigung entwickeln würde und wurde gleich am Anfang der Zeremonie von der Trauerrednerin angenehm überrascht.

    Diese Dame fand großartige Worte für Petra und ihren Lebensweg, was mir jedoch überaus komisch vorkam. Zuerst wollte ich es damit abtun, dass diese Art von Reden von ihr erwartet werden. Wusste ich von Hörensagen doch, dass ihr erworbenes Handicap Petra das Leben nicht einfach gemacht hatte und dass ihr das langfristige Glück bei den Männern ebenso verwehrt blieb. Nachdenklich verfolgte ich daraufhin sehr genau jeden einzelnen Wortbeitrag und hörte so heraus, dass die Aussagen der Trauerrednerin wohl nicht beschönigt waren. So verdunkelte sich mein Gemüt noch weiter, weil ich mich mit einem Mal um die Zeit mit ihr betrogen fühlte.

    Auf Petras Wunsch hin dröhnte zum Ende des ersten Teils der Zeremonie auf einmal: Hells bells von AC/DC, durch die Kapelle, was mich zuerst entsetzte. Doch während sich im Mittelgang der kleinen Kapelle eine Prozession formierte, an dessen Spitze die Urne meiner Schwester feierlich aus der Kapelle getragen wurde, musste ich lächeln.

    Als ich an der Reihe war, mich in die Prozession einzureihen, blieb ich jedoch sitzen und starrte nachdenklich auf die vielen Kränze und Gestecke, die ich nun barrierefrei betrachten konnte. Dabei haderte ich erneut mit meinem Schicksal und den Absichten, die vielleicht irgendeine höhere Macht bei mir verfolgte.

    Erst als der Rest der Trauergäste schon lange bei dem Urnenfeld angekommen war, welches Petras letzte Ruhestätte bilden sollte, verlies ich die Kapelle. Statt dem Trauerzug zu folgen, streifte ich planlos übers Friedhofsgelände, da ich den ganzen neuen Eindrücken einen Raum geben musste. Außerdem hoffte ich die Energien meiner hier begrabenen Verwandtschaft zu erspüren, um eine neue Inspiration oder irgendetwas anderes zu erhaschen, was sich jedoch nicht bewusst ergab.

    Erst als es schon dämmerte suchte ich Petras letzte Ruhestätte auf, wo ich mich in der Habach Haltung vor ihren Kränzen aufbaute und diese eine Zeitlang anstarrte. Dabei versuchte ich mich an unsere gemeinsame Kindheit zu erinnern, was mir jedoch nicht gelang.

    Die Party

    Der Verlust von Petra und den Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit bedrückte mich auch am nächsten Tag noch so sehr, dass ich Kopfschmerzen bekam. Deshalb mochte ich die alte und langsam unbequeme Couch in meinem Arbeitszimmer nicht verlassen. Die Leere und der Schmerz, den ich gerade empfand, ließen die Faszien in meinem Rücken zusammenziehen und verkleben, womit sie mich zusätzlich auch körperlich lähmten.

    Deshalb fühlte ich mich auch anfangs gar nicht angesprochen, als Peter von unten rief: „Ole, bist du denn nun bald fertig?".

    „Oh verdammt, schon so spät!, wurde mir einen Augenblick später die Bedeutung seiner Worte gewahr, nachdem ich lustlos und aus alter Gewohnheit auf meine Armbanduhr geschaut hatte. „Okay, ich komme gleich. Gib mir einfach noch eine Viertelstunde, dann bin ich so weit, rief ich daraufhin ins Treppenhaus und machte mich mit steifem Rücken auf den Weg ins Badezimmer, um mich schnell ausgehfertig zu machen.

    „Ach Ole, nicht schon wieder! Immer erscheine ich deinetwegen als Letzter auf einer Party", maulte Peter unterdessen.

    „Ja, das ist dann nun mal so!", schlug ich die Badezimmertür hinter mir zu, um meine geliebte Ruhe wiederzuerlangen. Dann holte ich eine Kopfschmerztablette aus den Medizinschrank und schluckte sie.

    Seitdem Peter bei mir wohnte, traf er sich regelmäßig mit Maya, die heute Geburtstag hatte und eine Party steigen ließ. Wohl eher aus Mitleid vermute ich, hatte sie mich Anfang der Woche ebenfalls eingeladen. Denn ich kannte die Frau gar nicht, für die Peter seine langjährige Beziehung mit Anke erst riskiert und dann geopfert hatte. Das Wenige das ich von ihr wusste war, dass sie etwas abseits auf einem alten Gut bei Schönberg lebte, dass von ein paar Lebenskünstlern, wie Peter Mayas Mitbewohner abfällig titulierte, bewirtschaftet wird und dass sie als Sprechstundengehilfin für eine Heilpraktikerin arbeitet, die ihre Praxis auf dem Gut betreibt. Ein solch alternativer Lebensstil war mir eigentlich viel zu suspekt, daher wollte ich die Einladung zuerst dankend ablehnen. Doch nach kurzem Zögern, schob ich meine Vorurteile zur Seite und sagte zu. Da ein wenig Abwechslung mir bestimmt guttun wird.

    Also saßen wir nun in Peters Cabriolet und fuhren auf der B202 in Richtung Lütjenburg, um dann in Wittenberger Passau in Richtung Fargau / Pratjau abzubiegen, wo dann irgendwo dort, mitten in der Schleswig-Holsteinischen Pampa, das besagte Gut lag. Derweilen genoss ich die Fahrt, die Sitzheizung und den Fahrtwind, der mir auf Grund des geöffneten Verdecks um die Ohren wehte. Kannte ich doch diese Gegend und die Wegstrecke von damals noch sehr genau, als mein geliebter Freund Andreas hier lebte. Leider liebte Andreas neben der Musik auch seinen Sportwagen, mit dem er immer viel zu tief über die Landstraßen flog. So kam es vor ein paar Jahren so, wie es wohl kommen musste. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit raste er frontal gegen einen entgegen kommenden Geländewagen mit Bullenfänger.

    Seit seiner Beerdigung mied ich zumeist auch diese Gegend, da dieser Landstrich für mich noch viel zu sehr mit ihm verbunden war. Doch heute in Begleitung von Peter freute ich mich, hier zu sein. Wohlwollend nahm ich jede Veränderung in mich auf, während meine Augen die Umgebung abscannten.

    Als wir an dem umgebauten Resthof von Andreas Eltern vorbeikamen, bat ich Peter anzuhalten, damit ich den Anblick des liebevoll renovierten Gebäudes in Ruhe genießen konnte. ‚Großartig sieht es aus!‘, stellte ich dabei fest. Genauso hatte ich es mir vorgestellt, als ich dabei mitgeholfen hatte, die Pläne von Andreas Eltern in die Realität umzusetzen. ‚Respekt!‘, nickte ich bei dem Gedanken an die ganze Arbeit, die hier drinnen steckt, bevor ich kopfschüttelnd gedanklich anfügte: ‚Oder vielmehr schade, dass du Dussel das fertige Projekt nicht mehr erlebt hast. Mist, du hättest dir man auch eine Pause kaufen sollen, anstatt diesen dämlichen Audi Quadro!‘ Bei dem spontanen Gedanken, an die damals hier gängige Bezeichnung für einen zumeist zum Camper ausgebauten VW-Bus, huschte mir ein Lächeln übers Gesicht.

    Ich selbst fuhr seit dieser Zeit auch eine sogenannte Pause, weil ich sie praktisch finde. Hoch oben auf dem Fahrersitz hatte man einen guten Überblick, Stauraum war mehr als genug vorhanden und bei Bedarf konnte man irgendwo schlafen oder sich einen Kaffee kochen. Bei diesem Gedanken erklärte Peter plötzlich den Halt als beendet, indem er das Gaspedal runter drückte.

    ‚Ja, und warum sind wir dann heute Abend mit Peters Cabrio unterwegs?‘, fragte ich mich, während ich unsanft aus meinen Gedanken über die Zeit mit Andreas gerissen und in den Sitz gedrückt wurde. Im nächsten Moment hielt ich mich krampfhaft an der Armlehne fest, da Peter viel zu schnell in einen kleinen Feldweg aus Panzerplatten abbog, auf dem gerade mal ein Auto genug Platz fand. „Ruhig mein bester, ruhig! Ich habe hier in der Gegend schon einmal einen sehr guten Freund verloren", stammelte ich, bevor ich im Sitz zusammensackte.

    „Maybe, but no Risk, no Fun!", erwiderte Peter zufrieden grinsend und drückte das Gaspedal noch weiter nach unten.

    ‚Na, dann mal schönen Dank, and welcome back to the Eighties!‘, quittierte ich gerade gedanklich seine Aussage, als meine Missbilligung durch Erstaunen ersetzt wurde, weil vor uns eine Waldlichtung auftauchte, in deren Mitte plötzlich ein altes gepflegtes Gemäuer vor uns erschien, das silbrig in der sanften Abendsonne glänzte. Viele alte Birken umrahmten romantisch das Gebäude sowie die große Wiese davor. Auf den ersten Blick wirkte dieses Gut wie aus einer anderen Zeit. Doch zerstörten die modernen Sonnenkollektoren und die Sattelitenantenne auf dem Dach diesen Eindruck auf den zweiten Blick, genauso wie die vielen geparkten Autos drum herum.

    Nachdem Peter seinen Wagen schwungvoll neben den anderen, mitten auf der Wiese geparkt hatte, war ich froh, endlich aussteigen zu dürfen. Die Erinnerung an Andreas Tod, sowie die meiner Meinung nach viel zu hohe Geschwindigkeit, war eine schlechte Kombination und der dadurch ausgelöste Stress steckte mir noch in den Knochen. Daher lockerte ich instinktiv meine Beine, damit ich die darin aufgestaute Anspannung vertrieb

    „Ähm, was genau machst du da gerade?, sah Peter mich erst überrascht von der Seite an, dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck. „Ach, nun komm schon! Maya wartet bestimmt schon, schob er mich nachdrücklich in Richtung des Haupthauses, kaum dass ich damit fertig war.

    Wie aufs Stichwort erschien in diesem Moment eine junge Frau, die uns winkend über die Wiese entgegengelaufen kam. Dabei musterte ich sie eingehend. Sie war recht zierlich, so gerade mal ein Meter fünfundsechzig groß und hatte blonde Dreadlocks, welche durch ein lila/blaues Batiktuch, wenn auch nur widerwillig, auf den Kopf zusammengehalten wurden.

    „Hallo, ich bin Maya!", stellte sie sich mit einer glockenklaren Stimme vor, umarmte mich herzlich und hauchte mir jeweils einen dicken Kuss links und rechts auf die Wange. Während mir noch das Blut in die Wangen schoss und ich sie verlegen betrachtete, vereinnahmte sie schon Peter.

    „Oh…, dann bist du also das Geburtstagskind?", stammelte ich, als ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte.

    „Richtig, die bin ich!, erwiderte sie verschmitzt zwischen zwei leidenschaftlichen Küssen, die sich aus meiner Sicht endlos hinzogen. Als sie endlich von Peters Lippen abließ, lächelte sie mich noch strahlender an, als zuvor. „Und du bist dann Ole! Schön dich endlich kennenzulernen, betrachtete sie mich von oben bis unten, bevor sie mich an ihre linke und Peter an ihre rechte Hand nahm und uns ins Gebäude führte.

    In der Tenne schlug mir eine flirrend heiße Luft entgegen, was mir Mayas spärliches Outfit erklärte, und die zudem irgendetwas süßliches hatte. In dem Raum selbst herrschte ein unübersichtliches, dichtes Gedränge von vielen etwas schräg aussehenden Zeitgenossen. Während ich mich zu orientieren versuchte, krempelte ich mir die Ärmel meines Hemdes hoch und öffnete gerade den zweit-obersten Knopf meines Hemdes, als ich hinter mir eine ältere, weibliche Stimme krächzen hörte. „Hey Sweetheart, weißt du eigentlich schon? Ich habe tatsächlich mein Ziel für dieses Jahr jetzt schon erreicht. Denn es ist kaum zu glauben, diese elenden Bürokratenreiter haben doch tatsächlich meinen Hartz-IV-Antrag letzte Woche genehmigt!"

    „Booah, super Ey!", kam prompt die begeisterte Antwort von dem angesprochenen Sweetheart zurück, die dem Klang nach in etwa so alt war wie meine Eltern.

    ‚Ja sag mal, wo bin ich denn hier gelandet?‘, wandte ich mich daraufhin verstohlen um, wobei ich zumindest eine Quelle des süßlichen Geruches gefunden hatte. Ein Riesenjoint glimmte und dampfte in der linken Hand der glücklichen Besitzerin der Stimme, die ihr Jahresziel Anfang März schon erreicht hatte. Daraufhin beschlich mich das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, als ich für die Party zugesagt hatte. Die Leute um mich herum gaben mir das Gefühl deplatziert zu sein, und mittlerweile fühlte ich mich zurückgelassen. Denn nachdem Maya und Peter vor gut einer viertel Stunde hinter einer der vielen Türen, die von dieser Tenne abgingen, verschwunden waren, waren sie noch nicht wiederaufgetaucht. So kämpfte ich mich zu der vermeintlichen Tür durch und klopfte dort kurz an und öffnete sie, was ich sofort bereute. Noch im Türrahmen stehend erstarrte ich, bevor ich mich selbst fragen hörte: „Wollten wir nicht noch gemeinsam auf das Geburtstagskind anstoßen?". Was hierbei eindeutig als doppeldeutig zu werten ist, weil ich dabei auf Mayas nackten, recht knackigen Hintern starrte. Dieser bewegte sich gerade rhythmisch auf Peters ebenfalls nackten, jedoch wesentlich dickeren Beinen auf und ab.

    „Klar, machen wir gleich, okay?", gab Maya gelassen zurück, wobei sie sich nicht bei dem stören ließ, was sie gerade tat. Nur kurz bevor ich die Tür wieder von außen schloss, wandte sie sich zu mir um und schenkte mir ein verzücktes Lächeln, mit leicht erröteten Wangen.

    „Ja okay, lasst euch nur Zeit!", schloss ich die Tür ganz, bevor ich von außen am Türknauf ruckelte, um mich von deren geschlossenen Zustand zu überzeugen. Dann ging ich zu dem Tisch zurück, auf dem ich vorhin mein Gastgeschenk, eine Flasche Plum, abgestellt hatte.

    Der Filmriss

    „Oh man, du schnarchst ja fürchterlich!", war das Nächste, dass ich bewusst wahrnahm, jedoch wie durch einen dicken Nebel hindurch. Überrascht und aus dem Tiefschlaf gerissen, fuhr mein Kopf seitlich ein wenig hoch. Dabei riss ich die Augen auf, jedoch nur, um sie einen Moment später wieder eiligst zu schließen. Denn eine schon ziemlich grelle Frühlingssonne schien mir durch ein ungeputztes Fenster direkt ins Gesicht. Verkatert und mit dem Gefühl der Desorientierung sank ich zurück auf die Matratze und in einen schützenden Schatten. Dort angekommen, machten sich plötzlich starke Kopfschmerzen bemerkbar, die wie ein Presslufthammer in meinem Schädel wüteten. Ungehalten über diesen unseligen Zustand und der abrupten Beendigung eines sehnlich erwarteten und dringend benötigten Schlafes, öffnete ich erneut meine Augen, wenn auch nun wesentlich vorsichtiger als zuvor. Doch was ich daraufhin vor mir entdeckte Verstärkte nur noch mein Gefühl der Desorientierung und auch Mehrmaliges blinzeln änderte daran nichts.

    Direkt vor mir sah ich die einfache Darstellung eines Delphins, der mich keck anlächelte. Die Erkenntnis, dass dieser freundliche Meeressäuger ein Tattoo auf den schlanken, unverhüllten Damenrücken war, der vor mir auf der Seite ruhte, erschloss sich mir erst sehr zäh, ebenso wie die Tatsache, dass dieser sehr ansehnliche Körperteil von meinem linken Arm umschlungen war. Diese verblüffende Feststellung ging einher, mit einem lang vermissten Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit, welches mich plötzlich warm durchströmte. Zufrieden sank ich daraufhin zurück, wobei ich sehr bewusst dieses Gefühl und den Anblick des hübschen Rückens vor mir genoss. Doch war es mit der Entspannung schlagartig vorbei, als mir aufging, dass das, was sich gerade unter meiner linken Hand befand, eine wohl wohlgeformte, feste weibliche Brust ist.

    ‚Oops!‘, durchfuhr mich daraufhin ein Schreck wie ein elektrischer Schlag, wobei ich deutlich spüren konnte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Augenblicklich öffnete ich meine Hand, bevor ich meinen Arm in einer fließenden Bewegung nach hinten wegzog. Aus irgendeinem Grund erleichtert rollte ich mich auf den Rücken und schloss erneut die Augen, in der Hoffnung, dass wenn ich sie wieder öffnete, alles nur ein Traum, wenn auch ein sehr schöner, gewesen war.

    Doch dass dem nicht so war, wurde mir in dem Moment klar, als ich einen sanften Kuss auf meinen Lippen verspürte. Und so riss ich erstaunt meine Augen erneut auf, weshalb ich gerade noch mitbekam, wie die junge Frau, die eben noch neben mir verweilt hatte, sich von mir abwandte und wortlos das Bett verließ.

    So wie Gott sie geschaffen hatte, wankte sie daraufhin auf noch unsicheren Stelzen zu einem Kleiderhaufen hinüber. Dort wuselte sie sich kurz in ihren von Schlaf zerzausten Harren herum, bevor sie sich vornüberbeugte, um ein enges Shirt aufzuheben. Fröstelnd streifte sie sich dieses über und zog es glatt. Doch bedeckte es dennoch nicht ihren schlanken, muskulösen Gluteus maximus, der nun im Fokus meines ungläubigen Blickes lag. Als sie sich kurz darauf erneut vornüberbeugte, um eine ausgewaschene Jeans aufzuheben, musste ich kurz blinzeln bei dem was sie mir so anbot, bevor ich schamhaft meinen Blick von ihr abwandte. Einen Augenblick später vernahm ich leise Schritte und sah erneut zu ihr hinüber, so erkannte ich, dass sie die Jeans mittlerweile anhatte und auf den Weg zur Tür war. Dabei meinte ich sie leise murmeln zuhören. „Mist, Jonas wartet bestimmt schon und hat Hunger!"

    An der Tür angekommen, hielt sie jedoch plötzlich inne, und drehte sich zu mir um. „Ach ja, Tschüss, war nett mit dir!", lächelte sie mich offen an.

    „Ähm ja, fand ich auch!, nuschelte ich reflexartig. „Ich bin übrigens Ole, und wie heißt du?, richtete ich mich umständlich auf, doch da war die Tür schon wieder zu. „Gut, dann eben nicht!", brummte ich und sank langsam zurück auf die Matratze, wobei ich weiterhin fragend die Tür anstarrte. Doch kaum, dass ich wieder flach auf der Matratze lag, forderte der Presslufthammer in meinem Kopf erneut meine volle Aufmerksamkeit. Zudem fing mein Magen nun auch noch schmerzhaft an zu krampfen. So vergas ich die unbekannte Schöne für den Moment und starrte stattdessen stöhnend an die Zimmerdecke, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.

    Nach einer Weile, als die Schmerzen etwas nachließen, gingen meine Gedanken wieder zurück zu der unbekannten Schönen, die gerade nur spärlich bekleidet verschwunden war. Dabei stellte ich mir plötzlich eine andere sehr naheliegende Frage und so hob ich neugierig die Bettdecke ein wenig an, um einen kritischen Blick darunter zu werfen. ,Nun gut!‘, stellte ich überrascht lächelnd fest, dass zumindest ich meine Unterhose noch anhatte. Doch erstarb dieses gleich wieder, als ich versuchte mich an den Verlauf des gestrigen Abends oder daran zu erinnern, wo ich war.

    Die letzte Frage beantwortete sich einen Augenblick später von selbst dadurch, dass ich vor der Zimmertür zwei träge, gedehnt sprechende Typen Tische rücken hörte. Erleichtert nahm ich daraufhin die Hände in den Nacken und sah mich neugierig in der winzigen Kammer um.

    Neben den Kleiderhaufen, bei dem sich eben die unbekannte Schöne bedient hatte, gab es noch einen Stuhl, auf dem meine Kleidung von gestern Abend ordentlich zusammengefaltet lag. Ansonsten war die Kammer so gut wie unmöbliert. Lediglich eine kleine, hölzerne Truhe, die wie eine Schatzkiste aussah, befand sich neben dem Bett und ein großes, leicht vergilbtes Bild mit einem blinzelnden Smiley, der den Mund leicht geöffnet hatte, hing mir gegenüber an der Wand.

    Gespannt auf den Inhalt der Truhe, zog ich sie näher zu mir hin und öffnete neugierig den Deckel. Als ich hineinsah entdeckte ich zu meiner Überraschung jede Menge Fotografien, die wie Schnappschüsse aussahen, sowie ein paar Bücher neben diversen handgeschriebenen Briefen, die alle in Spanisch verfasst waren, und eine große, fast leere Kondompackung. Als ich diese erblickte wurde mir plötzlich bewusst, dass ich gerade die Intimsphäre der jungen Frau verletzte. Deshalb schloss ich vorsichtig den Deckel wieder und schob die Kiste auf ihren alten Platz zurück, bevor mein Blick auf meine Armbanduhr fiel.

    ‚Was, halb zwölf durch!‘, stellte ich dabei überrascht fest, da dies bedeuten würde, dass, egal wie spät oder früh ich gestern ins Bett gegangen war, ich mehr als die üblichen 3 Stunden am Stück geschlafen hatte. Kurz sinnierte ich über diese Erkenntnis nach, wobei ich immer wieder den freundlichen Meeressäuger vor meinem geistigen Auge sah. Dies alles löste eine große Unruhe in mir aus, weshalb ich beschloss aufzustehen.

    Während ich mich mit dröhnendem Kopf und üblen Sodbrennen langsam ankleidete, vernahm ich plötzlich Peters Stimme, die schrill meinen Namen rief. ‚Ja, ich komme ja schon!', brummte ich genervt, dennoch beeilte ich mich nun mit dem Anziehen.

    Bevor ich die Kammer verließ, blieb ich ebenfalls auf der Türstelle stehen und sah mich noch einmal lächelnd um, wobei ich mir unbewusst mit der linken Hand durchs Haar fuhr, wohl aber mit dem gleichen Erfolg, wie bei der hübschen Unbekannten zuvor.

    ‚Nichts von alldem, was hier eben passiert ist, werde ich Peter erzählen‘, beschloss ich, bevor ich die Tür hinter mir schloss und durch die Tenne ins Freie lief.

    Peter ließ gerade das Dach seines Cabriolets vollautomatisch im Kofferraum verschwinden, als ich ihn erreichte. „Moin, hast du etwa auch so gut geschlafen?", begrüßte er mich überschwänglich, während er mich zufrieden angrinste, so als sei gestern Abend nichts vorgefallen.

    „Ja allerdings, das habe ich tatsächlich! Nur wäre ich dir dankbar, wenn du nicht so schreist", sagte ich, während ich mich auf den Beifahrersitz plumpsen ließ, die Augen schmerzverzerrt zusammenkniff und meine Ohren mit den Händen schützte.

    „Okay, kein Problem!, sah Peter mich einen Moment kritisch an, bevor er grinsend anfügte, „das war aber auch ’ne wilde Party, oder?

    Auf dem schmalen Feldweg drückte er das Gaspedal wieder bis zum Bodenblech durch, wobei er zufrieden seufzte: „Man, was für ein schöner Tag!"

    Was jetzt?

    Am späten Nachmittag erwachte ich langsam aus einem unruhigen Schlaf. Noch etwas benommen hing ich mit geschlossenen Augen einem merkwürdigen Traum hinterher, in dem ich zuletzt den nackten Rücken der unbekannten Schönen vor mir liegen sah. Doch als ich versuchte, den darauf tätowierten Delphin zu berühren, löste sich die Gestalt auf und ich hatte das Gefühl in eine bodenlose Tiefe zu stürzen.

    Als dieses sehr reale Gefühl des Fallens endlich nachließ, öffnete ich die Augen und beschloss mir einen Kaffee zu machen. Dabei fiel meine Wahl nach kurzer Überlegung auf einen Espresso mit etwas Zitrone, in der Hoffnung so die letzten verbliebenen Kopfschmerzen ganz zu vertreiben. Diesen stürzte ich noch an Ort und Stelle und in nur einem Zug hinunter, bevor ich zum Schaukelstuhl hinüber schlürfte.

    Während ich mich dort leicht vor und zurückwiegte, wartete ich auf die ersehnte Wirkung. Dabei ging ich gedanklich noch einmal die Ereignisse der etwas merkwürdigen Party durch.

    Jedes einzelne Ereignis, an das ich mich noch erinnern konnte, ob es nun Mayas coole Reaktion war, nachdem ich sie und Peter beim Sex überrascht hatte, die Alte mit dem Joint, die ihr ungewöhnliches Jahresziel jetzt schon erreicht hatte und ganz zu schweigen von dem blonden Engel, der so natürlich und gechillt drauf war, verwirrte mich, da es mit meinem Weltbild nicht übereinstimmte. Und überhaupt, warum strahlten alle diese Freaks auf dem Gut eine so merkwürdige zufriedene und in sich ruhende Art aus? Denn dies war genau das Gegenteil meiner eigenen Gefühlswelt. Ich selbst war rastlos und dabei immer sehr leicht erregbar. Das hatten schon viele, die mir quergekommen waren oder meinen Sicherheitsbedürfnis entgegenstanden zu spüren bekommen. Zudem war ich aufgrund der jüngst zurückliegenden Ereignisse und des permanenten Schlafentzuges körperlich und geistig so erschöpft, dass ich wo immer ich kurz zur Ruhe kam, einfach einschlief.

    So erschloss sich mir in einer der kurzen wachen Phasen die Erkenntnis, dass es so wie jetzt auf keinen Fall weitergehen konnte! Kurz kaute ich gedanklich auf meiner jüngsten Erleuchtung herum, bevor ich davon beflügelt aufstand, um spazieren zu gehen.

    Vor der Tür blies mir ein kalter, starker Wind ins Gesicht, der mich sofort erfrischte, während ich ihn gierig einsog. Dann ging ich durch den

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