Eine Mail aus der Vergangenheit: Dr. Norden 160 – Arztroman
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Über dieses E-Book
Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist.
»Ihr wollt Deutschland also wirklich den Rücken kehren?« Dr. Daniel Norden zog die Injektionsnadel aus der Vene des Kollegen. Er warf die Spritze in den Eimer und klebte ein kleines Pflaster auf die Einstichstelle in der Armbeuge. Der Zahnarzt Julius Hegemann krempelte den Ärmel seines Hemdes hinunter. »Wozu sonst hätte ich wohl diese Torturen bei dir über mich ergehen lassen?« Daniel lächelte. »Du meinst die paar Impfungen? Von Tortur kann man wohl eher bei deinen Behandlungen sprechen.« Lebhaft erinnerte er sich an die Wurzelspitzenresektion und Entfernung einer Zyste, die er vor wenigen Monaten bei dem Kollegen über sich hatte ergehen lassen müssen. Drei Tage lang hatte er ausgesehen wie ein Hamster, wie seine Kinder schonungslos festgestellt hatten. »Kein Wunder, dass du vor dem Zorn deiner Patienten flüchten musst. Aber warum ausgerechnet ins tschechische Hinterland?« Daniel setzte sich an seinen Schreibtisch und schlug das Impfbuch auf. Er löste den kleinen Aufkleber von der Injektionsflasche ab und klebte ihn in das gelbe Heft. Mit Stempel und Unterschrift versehen war die Impfung komplett. Überraschend nachdenklich hatte Julius seinem Kollegen zugesehen. »Die Idee kam mir auf einer Fachmesse für Zahnmediziner. Dort bemühte sich das tschechische Gesundheitsministerium um deutsche Zahnärzte. Gut qualifizierte Deutsche werden in diesem Land offenbar mit offenen Armen aufgenommen, zumal besonders im Hinterland ein Notstand an Zahnärzten besteht«
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Buchvorschau
Eine Mail aus der Vergangenheit - Patricia Vandenberg
Dr. Norden
– 160 –
Eine Mail aus der Vergangenheit
Wird sie eine Zerreißprobe für Josephas Ehe?
Patricia Vandenberg
»Ihr wollt Deutschland also wirklich den Rücken kehren?« Dr. Daniel Norden zog die Injektionsnadel aus der Vene des Kollegen. Er warf die Spritze in den Eimer und klebte ein kleines Pflaster auf die Einstichstelle in der Armbeuge.
Der Zahnarzt Julius Hegemann krempelte den Ärmel seines Hemdes hinunter.
»Wozu sonst hätte ich wohl diese Torturen bei dir über mich ergehen lassen?«
Daniel lächelte.
»Du meinst die paar Impfungen? Von Tortur kann man wohl eher bei deinen Behandlungen sprechen.«
Lebhaft erinnerte er sich an die Wurzelspitzenresektion und Entfernung einer Zyste, die er vor wenigen Monaten bei dem Kollegen über sich hatte ergehen lassen müssen. Drei Tage lang hatte er ausgesehen wie ein Hamster, wie seine Kinder schonungslos festgestellt hatten.
»Kein Wunder, dass du vor dem Zorn deiner Patienten flüchten musst. Aber warum ausgerechnet ins tschechische Hinterland?«
Daniel setzte sich an seinen Schreibtisch und schlug das Impfbuch auf. Er löste den kleinen Aufkleber von der Injektionsflasche ab und klebte ihn in das gelbe Heft. Mit Stempel und Unterschrift versehen war die Impfung komplett.
Überraschend nachdenklich hatte Julius seinem Kollegen zugesehen.
»Die Idee kam mir auf einer Fachmesse für Zahnmediziner. Dort bemühte sich das tschechische Gesundheitsministerium um deutsche Zahnärzte. Gut qualifizierte Deutsche werden in diesem Land offenbar mit offenen Armen aufgenommen, zumal besonders im Hinterland ein Notstand an Zahnärzten besteht«, erklärte er seinen Plan.
Daniel hatte interessiert gelauscht.
»Und es macht euch nichts aus, alles hinter euch zu lassen? Die schöne Wohnung, Familie und Freunde, um in ein einsames Dorf zu ziehen, wo ihr zumindest in den kommenden Jahren Fremde sein werdet? Seid ihr bereit, auf den deutschen Wohlstand zu verzichten und unter einfachen Bedingungen zu leben?«, fragte er interessiert.
Julius schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Du tust ja gerade so, als ob wir in ein völlig unzivilisiertes Land auswanderten.«
»Natürlich nicht«, wehrte sich Daniel gutmütig lächelnd. »Ich glaube nur, dass dort ein anderer Standard herrscht als bei uns in Deutschland, und dass du diese Tatsache möglicherweise unterschätzt«, machte er keinen Hehl aus seinen Bedenken. Immerhin war er seit vielen Jahren mit Julius Hegemann befreundet und wusste, dass er offen mit ihm sprechen konnte. »Wie steht Josepha überhaupt zu diesen Plänen?«
»Ganz so begeistert, wie ich mir das erhofft hatte, ist sie nicht«, gab Julius unumwunden zu. »Schließlich musste sie ihre Arbeit als medizinisch-technische Assistentin aufgeben. Aber ich werde schon dafür sorgen, dass ihr nicht langweilig wird. Josepha wird in der Praxis als Sprechstundenhilfe arbeiten und mir bei den Eingriffen zur Hand gehen«, erklärte er hoffnungsvoll. Das Ehepaar Hegemann hatte keine leichte Zeit hinter sich. Nachdem die jahrelangen Versuche, ein Kind zu bekommen, kläglich gescheitert waren, war ihre Beziehung in eine tiefe Krise gestürzt.
»Letztendlich hoffe ich auch, dass Josepha durch den Umzug nach Tschechien von ihrer Trauer über unseren geplatzten Traum abgelenkt wird«, gestand Julius seinem Freund.
Daniel betrachtete ihn forschend.
»Ist es möglich, dass es dir nicht nur darum geht, deiner Ehe eine neue Perspektive zu verschaffen? Hast du nicht auch den wirtschaftlichen Aspekt der Sache im Auge?«
Julius schnitt eine Grimasse und erhob sich.
»Natürlich habe ich die Entscheidung von mehreren Faktoren abhängig gemacht. Eine Kollegin, die diesen Weg gegangen ist, hat mich mit ihrem Bericht maßgeblich beeinflusst. Sie erzählte, dass ihr ihr Beruf endlich wieder Spaß mache, seit sie in Tschechien tätig ist. Jetzt muss sie sich nicht mehr mit Fallkosten und Durchschnittswerten herumschlagen. Sie verbringt nicht mehr einen Großteil ihrer Zeit mit Verwaltungsarbeiten, muss nicht mehr irgendwelchen Gremien von Krankenkassen Auskunft geben, warum sie diese oder jene Behandlungsmethode gewählt hat, die sie zweifelsohne medizinisch für sinnvoll erachtet. Friederike ist endlich in der Lage, ihren Patienten wirklich zu helfen. Das verschafft ihr eine große Befriedigung.«
Dr. Daniel Norden verstand sehr wohl, wovon sein Freund und Kollege sprach, wobei er die Arbeit des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen nicht so negativ beurteilte wie Julius selbst. Trotzdem störte ihn etwas an seiner Argumentation. Auf Anhieb konnte er aber nicht sagen, was das war. So blieb ihm nur, den Freund zur Tür zu begleiten und ihm alles erdenklich Gute zu wünschen.
»Ich kann nur hoffen, dass die Entscheidung, wenigstens für eine Weile das Land zu verlassen, um neue Dinge zu erleben, richtig ist für euch und ihr wieder zueinanderfindet.«
»Ich muss los«, ging Julius nicht weiter auf Daniels wohlmeinende Worte ein. Er nahm ihm kurzerhand den Impfpass aus der Hand und ging mit großen Schritten zur Tür. »Sobald ich eine Adresse habe, hört ihr von uns. Wir freuen uns, wenn ihr Gelegenheit habt, uns mal zu besuchen.«
Daniel lächelte amüsiert.
»Ich weiß nicht, ob ich Danny, Felix und Anneka noch davon überzeugen kann, Ferien in der Einsamkeit zu machen. Bei den Zwillingen ist das was anderes. Für sie ist jede Abweichung vom Alltag noch ein kleines Stück Abenteuer. Und Fee ist sowieso immer offen für Neues, zumal die tschechische Landschaft durchaus reizvoll sein soll.«
»Dann auf bald!« Mit einem wehmütigen Lächeln verabschiedete sich Julius endgültig von seinem Kollegen. Unbeabsichtigt hatte Daniel ihm wieder einmal sein Scheitern vor Augen geführt. Er war nicht imstande gewesen, den größten Wunsch seiner Frau zu erfüllen.
Doch das war endgültig Vergangenheit. Jetzt galt es, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Kaum zur Tür heraus, schüttelte Julius die Erinnerung an das unerfreuliche Gespräch ab. Es wurde Zeit für den Aufbruch. Zu Hause wartete Josepha mit einer ganzen Reihe Aufgaben, die noch vor dem Abflug in wenigen Tagen zu erledigen waren.
»Was läuft hier nur falsch?«, fragte sich Daniel Norden, als er am Fenster stand und seinem Freund nachblickte, der mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern durch das unfreundliche Nieselwetter davonhastete.
Wieder fiel ihm Josepha ein. Die unglückliche Josepha, wie Fee und er die arme Frau heimlich nannten. Und da fiel ihm auf, wo Julius’ Denkfehler lag: Offenbar konzentrierte der sich nun ganz auf sein eigenes Leben. Josephas Träume spielten darin offenbar keine Rolle mehr.
»Das kann nicht gutgehen«, murmelte Daniel bei sich, ehe er sich vom Fenster losriss und sich wieder an die Arbeit machte. Das Wartezimmer war voll mit Patienten, die ungeduldig auf eine Behandlung, einen Ratschlag und tröstende Worte warteten. Und das war gut so, lenkten sie Dr. Daniel Norden doch von den Sorgen ab, die nicht die seinen waren und an denen er nichts ändern konnte. So sehr er sich das auch wünschte.
»Bist du sicher, dass du das alles auch wirklich willst?« Wie es der Zufall wollte, saß Felicitas Norden zum selben Zeitpunkt mit ihrer Freundin Josepha Hegemann in einem Café in der Münchner Innenstadt und sah sie zweifelnd an. Die beiden Frauen zelebrierten den Abschied bei Kaffee und Buttercroissants.
Josepha nippte an ihrem Milchkaffee und zuckte ratlos mit den Schultern.
»Für mich ist das alles eher eine Verlegenheitslösung. Ich sehe, dass es zwischen Julius und mir so nicht weitergehen kann. Dass ich mich endlich auf ein neues Ziel konzentrieren muss. Das bin ich ihm einfach schuldig nach all den verzweifelten Versuchen und Enttäuschungen.« Ihre Tasse klirrte, als sie sie zu heftig auf dem Unterteller abstellte.
Erschrocken zuckte Fee zusammen. Der Ausspruch ihrer Freundin verstörte sie.
»Das klingt gar nicht danach, als
