Angst vor dem Vater: Sophienlust Bestseller 27 – Familienroman
Von Susanne Svanberg
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Über dieses E-Book
Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird.
In den Sitzreihen um die Manege sprangen die Besucher der Zirkusvorstellung auf. Manche von ihnen schrien hysterisch. Die meisten aber sahen sich nach einem Fluchtweg um, denn neben dem Eingang zur kreisrunden Bühne stand ein mächtiger Tiger und fauchte feindselig. Sein schlanker, geschmeidiger Körper duckte sich zum Sprung, und seine grüngelben Augen funkelten bösartig. Während die Helfer noch damit beschäftigt waren, das hohe Gitter, das man zur Vorführung der Raubtiernummer errichtet hatte, abzubauen, war eines der Tiere durch den Gittertunnel zurückgelaufen. Auch der Dompteur konnte nicht verhindern, daß es die Manege betrat. Um die aufkommende Panik zu unterdrücken, spielten die Musiker lauter als in den übrigen Pausen. Doch angesichts des knurrenden Raubtieres interessierte sich niemand dafür. Die Leute drängten zu den Gängen, stießen sich gegenseitig rücksichtslos zur Seite. »Bitte, meine Herrschaften, behalten Sie doch Platz«, meldete sich der Ansager über den Lautsprecher. »Es besteht keine Gefahr. Unser Simba ist ein gutmütiges Tier, das sich schnell wieder in seinen Käfig zurückbringen lassen wird.« So gutmütig allerdings sah die gestreifte Bestie nicht aus. sich jedem Annäherungsversuch des Dompteurs mit kräftigen Pratzenschlägen zur Wehr. Geschickt wich sie den Schlingen, die man nach ihr warf, aus. Auch das Netz verfehlte die Wildkatze. Immer mehr Leute drängten zum Ausgang. Sie stiegen über die Stuhlreihen und benutzten gegen andere, die ihnen im Weg standen, die Ellenbogen. Die Ausgänge waren bereits verstopft.
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Rezensionen für Angst vor dem Vater
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Buchvorschau
Angst vor dem Vater - Susanne Svanberg
Sophienlust Bestseller
– 27 –
Angst vor dem Vater
Wer hilft dem kleinen Thomas?
Susanne Svanberg
In den Sitzreihen um die Manege sprangen die Besucher der Zirkusvorstellung auf. Manche von ihnen schrien hysterisch. Die meisten aber sahen sich nach einem Fluchtweg um, denn neben dem Eingang zur kreisrunden Bühne stand ein mächtiger Tiger und fauchte feindselig. Sein schlanker, geschmeidiger Körper duckte sich zum Sprung, und seine grüngelben Augen funkelten bösartig.
Während die Helfer noch damit beschäftigt waren, das hohe Gitter, das man zur Vorführung der Raubtiernummer errichtet hatte, abzubauen, war eines der Tiere durch den Gittertunnel zurückgelaufen.
Auch der Dompteur konnte nicht verhindern, daß es die Manege betrat.
Um die aufkommende Panik zu unterdrücken, spielten die Musiker lauter als in den übrigen Pausen.
Doch angesichts des knurrenden Raubtieres interessierte sich niemand dafür. Die Leute drängten zu den Gängen, stießen sich gegenseitig rücksichtslos zur Seite.
»Bitte, meine Herrschaften, behalten Sie doch Platz«, meldete sich der Ansager über den Lautsprecher. »Es besteht keine Gefahr. Unser Simba ist ein gutmütiges Tier, das sich schnell wieder in seinen Käfig zurückbringen lassen wird.«
So gutmütig allerdings sah die gestreifte Bestie nicht aus. Sie setzte
sich jedem Annäherungsversuch des Dompteurs mit kräftigen Pratzenschlägen zur Wehr. Geschickt wich sie den Schlingen, die man nach ihr warf, aus. Auch das Netz verfehlte die Wildkatze.
Immer mehr Leute drängten zum Ausgang. Sie stiegen über die Stuhlreihen und benutzten gegen andere, die ihnen im Weg standen, die Ellenbogen. Die Ausgänge waren bereits verstopft.
Die Angestellten des Zirkus versuchten ordnend einzugreifen, doch sie kamen gegen die aufgebrachte Menge nicht an.
Die Besucher der Nachmittagsvorstellung hatten Angst und wollten sich in Sicherheit bringen. Niemand achtete mehr auf seinen Nachbarn, niemand schaute zurück zur Manege.
Dort widersetzte sich der Tiger noch immer allen Anstrengungen, ihn in den Käfig zu bringen. Je mehr man ihn bedrängte, um so wilder und gereizter wurde er.
Seit dem Auftauchen des Tieres war knapp eine Minute vergangen. In Sekundenschnelle hatte sich die Panik ausgebreitet. Niemand saß mehr auf seinem Platz.
Auch Luise Rhomberg, eine sehr gepflegte, elegant wirkende Dame mit grauen, sportlich geschnittenen Haaren hatte sich sofort erhoben. Sie faßte nach der Hand ihrer Enkelin Saskia und umschloß die kleinen Finger mit festem Griff.
Die Fünfjährige, die überaus tierlieb war, empfand keinerlei Furcht vor der fauchenden Raubkatze und wäre deshalb noch gerne geblieben.
»Omi, ist der Löwe böse?« wollte sie wissen.
Frau Rhomberg gab keine Antwort und verzichtete auch darauf, die Kleine darüber aufzuklären, daß es sich nicht um einen Löwen, sondern um einen Tiger handelte.
Statt dessen nahm sie das Kind auf den Arm und drängte zum Gang. Dort war allerdings kein Durchkommen mehr. Es wurde geschubst und geschoben, gejammert und geweint.
Das Fauchen, Zischen, Brüllen und Knurren des inzwischen überwältigten Raubtieres schürte die ausgebrochene Panik. Niemand reagierte mehr normal. Auch die beschwörenden Beteuerungen des Zirkusdirektors, der jetzt hinters Mikrophon getreten war, änderten nichts daran.
Sämtliche Stuhlreihen waren leere. Dafür behinderten sich die Menschen in den Gängen.
Frau Rhomberg wurde getreten und gestoßen, ja sogar geschlagen. Trotzdem ließ sie sich nicht zurückdrängen. Sie konnte, wenn es nötig war, recht energisch sein, und ihre rundliche Figur war dabei von Vorteil. Auch sie dachte nicht daran, auf ihren Platz zurückzukehren, obwohl die Stimme aus dem Lautsprecher so eindringlich darum bat.
Es wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn im allgemeinen Gedränge wurde sie vorwärtsgeschoben, immer nur vorwärts.
Luise preßte die kleine Saskia eng an sich und legte schützend beide Arme um den schmalen Kinderkörper. Eine Freude hatte sie der Enkelin mit diesem Zirkusbesuch machen wollen. Und nun wurde ein derart schlimmes Erlebnis daraus. Wenn sie nur endlich das Freie erreicht hätten.
Frau Rhomberg fühlte sich von hinten auf die Menschen vor ihr gedrückt, daß sie kaum Luft zum Atmen bekam. Sie stolperte über eine Schwelle. Umfallen konnte sie allerdings nicht. Zu dicht waren die Menschen zusammengedrängt.
Jeder war bemüht, den Ausgang schneller als sein Nachbar zu erreichen. Viele stürzten draußen die Stufen hinunter, verletzten sich dabei.
Luise Rhomberg wurde nach draußen geschubst, wo alle so rasch wie möglich dem Zirkusbereich zu entkommen versuchten.
Obwohl Saskia in Frau Rhombergs Armen inzwischen so schwer geworden war, daß diese die Last kaum mehr tragen konnte, ließ sie das Kind nicht zu Boden, sondern rannte mit ihm zu ihrem Auto. Längst galt es nicht mehr, sich vor dem ausgebrochenen Tiger, sondern vor den in Panik geratenen Menschen in Sicherheit zu bringen.
Erst als Luise Rhomberg ihren Wagen bereits erreicht hatte und dabei war, ihn mit zitternden Fingern aufzuschließen, bemerkte sie, daß sich jemand krampfhaft an ihrem Rock festhielt.
Es war ein kleiner, dünn und krankhaft aussehender Junge mit angstvoll geweiteten grauen Augen und spärlichem, struppigem Blondhaar, das ungekämmt nach allen Seiten stand und so aussah, als sei es schon monatelang nicht mehr gewaschen worden. Schmutzig, zerrissen und abgetragen war die Kleidung des Kleinen.
Alles in allem machte der kleine Kerl einen erbärmlichen Eindruck. Doch das registrierte Luise kaum. Sie wollte das Kind am Einsteigen hindern, doch es war noch vor Saskia im Fond des Wagens.
Da es Frau Luise für ratsam hielt, möglichst rasch dem allgemeinen Durcheinander zu entfliehen, nahm sie ohne weitere Verzögerung hinterm Steuer Platz und manövrierte ihr Auto aus der Parklücke.
Sie war eine geschickte Fahrerin, und deshalb gelang es ihr auch, verhältnismäßig schnell die Straße zu erreichen.
Natürlich wußte sie, daß es eigentlich ihre Pflicht gewesen wäre, mit dem kleinen Fremdling an der Hand nach seinen Angehörigen zu suchen. Doch in der bestehenden Aufregung wäre das nicht nur aussichtslos, sondern auch gefährlich gewesen. Luise hielt es deshalb für besser, zunächst einen angemessenen Abstand zum Tumult zu erreichen.
So hielt sie ihren Wagen am Ende der Straße an und atmete voll Erleichterung auf. Erst jetzt fühlte sie das Zittern ihrer Glieder und das rasende Herzklopfen. Nicht auszudenken wäre es gewesen, wenn Saskia etwas passiert wäre…
Für einen Augenblick legte die Frau die Hand über die Augen, um die Erregung in sich abklingen zu lassen. Dann wandte sie sich nach den beiden Kindern um, die vor Schreck stumm und steif auf den Rücksitzen verharrten.
»Wer bist du?« erkundigte sie sich bei dem kleinen Jungen, der in ihrem Auto Schutz gesucht hatte.
Keine Antwort. Das Kind drückte sich nur tiefer in die Polster, und seine grauen Augen wurden noch größer.
»Du hast im allgemeinen Gedränge sicher deine Mutti oder deinen Vati verloren. Wenn du mir jetzt sagst, wo du wohnst, fahre ich dich nach Hause.« Luise wußte nicht, ob sie Mitleid oder Widerwillen für den Jungen empfinden sollte. Sehr vertrauenswürdig sah das Kind neben Saskia bestimmt nicht aus. Nicht die schlechte Kleidung und der Schmutz störte Frau Rhomberg, sondern die Verschlagenheit, die aus dem kleinen Gesicht sprach.
Wie erwartet, bekam Frau Rhomberg auch diesmal keine Antwort.
»Weißt du denn noch nicht, wo du wohnst?« mischte sich jetzt Saskia ein, die ihre Verwirrung inzwischen überwunden hatte.
Dieses selbstbewußte Verhalten war verständlich, wenn man wußte, daß sie das einzige Töchterchen des reichen Brauereibesitzers Rhomberg war und deshalb von allen Seiten verwöhnt wurde, ganz besonders nach dem Tod der Mutter vor zwei Jahren. Damals hatte man alles getan, um das Kind den Verlust nicht zu sehr fühlen zu lassen.
Der Junge preßte die Lippen aufeinander und tat, als habe er die Frage nicht verstanden.
»Aber deinen Namen kennst du doch?« fragte Luise so freundlich, wie es ihr in dieser Situation möglich war. Sie hoffte, die Anschrift durch das Adreßbuch ausfindig machen zu können.
Der Junge schwieg, und Luise Rhomberg wurde sich klar darüber, daß sie sich eine Menge Unannehmlichkeiten eingehandelt hatte. Andererseits wäre es unverantwortlich gewesen, das Kind im allgemeinen Trubel stehenzulassen.
Noch einmal versuchte sie ihr Glück. »Wie ruft man dich denn?« erkundigte sie sich geduldig.
»Das mußt du doch wissen, du bist doch kein Baby mehr«, kritisierte Saskia und musterte den Jungen neben ihr von oben herab mit finsterem Blick.
»Tommy«, murmelte das Kind und preßte die dünnen Ärmchen eng an den schwächlichen Körper.
»Gut. Und weiter? Tommy…« Luise seufzte. Sie hatte den Wunsch, nach der Aufregung im Zirkuszelt so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Aber es sah nicht aus, als ob sich dieser Wunsch erfüllen würde. Warum, um Himmels willen, hatte sie nur geduldet, daß dieses verstockte Kind zu ihnen ins Auto stieg?
Schweigen.
»Omi, er weiß es nicht. Dabei ist er sicher fast so alt wie ich«, stellte Saskia schadenfroh fest.
»Nein, er ist vermutlich etwas jünger.« Sie schüttelte den Kopf.
»Aber mit vier hab’ ich auch schon…«
»Sicher, Liebes.«
Stolz betrachtete Luise ihre kleine Enkelin. Saskia war nicht nur ein besonders hübsches, sondern auch ein auffallend intelligentes Kind. Gerade gegenüber dem fremden Jungen wurde das überdeutlich.
»Wenn du uns keine Auskunft gibst, muß ich dich zur Polizei bringen«, warnte Frau Rhomberg.
Doch ihre Ankündigung schien auf Tommy keinerlei Eindruck zu machen. Er schwieg beharrlich.
*
Die kleine Heidi lag auf dem Bauch, um mühelos unter alle Möbel schauen zu können.
»Munzi, Munzii«, lockte
