Das Leben schreibt dir Briefe, aber die meisten kommen erst gar nicht an: Elke erzählt
()
Über dieses E-Book
Montags gehen die meisten Sachen baden, pleite, gehen die Sachen, die man am Sonntag noch hatte, verloren.
Montags ist immer was los, und wenn nichts los ist, schiebt man es auf den Montag. Denn montags ist nie etwas los, ist nie etwas los, ist nie etwas los.
Der Montag ist nicht umsonst der Montag, wer am Montag etwas geschenkt bekommt, hat es für sein ganzes Leben.
Hans-Jürgen Hilbig
Geboren am 15,01.1962, seitdem unterwegs, in dunklen Strohhütten und in dunklen Speisekammern
Mehr von Hans Jürgen Hilbig lesen
Wir baden in farbenfroher Bitternis: Gedichte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHabt Spass Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKeiner kann schweigen: Gedichte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnlich wie Das Leben schreibt dir Briefe, aber die meisten kommen erst gar nicht an
Ähnliche E-Books
Patagonien: Prosa Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungengris (grau) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEros und die Evangelien: Aus den Notizen eines Vagabunden Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Hundeblume Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin anderes Blau: Prosa für sieben Stimmen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLeticia Valle - Memoiren einer Elfjährigen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAm Grunde des Flusses: Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFliehende Landschaft: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVorkehrungen: Neue Texte aus Rheinland-Pfalz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Uhren in Mutters Zimmer Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKaum von Bedeutung: Kurzprosa Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie besten Politik-Krimis: Das Zeichen der Vier; Jugend ohne Gott; Der Mann, der Donnerstag war; Der Geheimagent; Der Irre von St. James Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Kette Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUnd dann verschwinden Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie gläserne Stadt Bewertung: 2 von 5 Sternen2/5Die Geschichte des Körpers: Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Lachen der Götter: Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHunger Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKnut Hamsun: Hunger (Deutsche Ausgabe) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenErinnerungen eines Narren: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSepiaherz: Gedichte und Kurzgeschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIn der Dunkelkammer: Frühe Prosa 1971-1982. Werkausgabe Band 2 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGedichte in Prosa Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGeheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEnge Haut Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie letzten Tage des Kommissars: Erzählungen und Zetteltexte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBerliner Kindheit um 1900 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAls mein Ich verschwand: Kurzgeschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGrauroter Morgen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWenn der Himmel die Erde heute küsst …: Geschichten zur Weihnachtszeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Fiktion für Sie
Das Schloss Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Jugend ohne Gott Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Über die Berechnung des Rauminhalts I Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAlles ist wahr Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die Rückkehr der Hexen: Hexen-Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas achte Leben (Für Brilka) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBeautiful You - Besser als Sex! Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGeorgien. Eine literarische Reise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEin Zimmer für sich allein Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIch nannte ihn Krawatte Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Les Misérables / Die Elenden: Alle 5 Bände (Klassiker der Weltliteratur: Die beliebteste Liebesgeschichte und ein fesselnder politisch-ethischer Roman) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGesang der Fledermäuse Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenZauberberge: Ein Jahrhundertroman aus Davos Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Stille der Frauen: Epische Nacherzählung des Mythos von Booker-Prize-Gewinnerin Pat Barker Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIch lebe und ihr seid tot: Die Parallelwelten des Philip K. Dick Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Prozess (Weltklassiker) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Stolz und Vorurteil: Der beliebteste Liebesroman der Weltliteratur Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die Jakobsbücher Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Weiße Nächte: Aus den Memoiren eines Träumers (Ein empfindsamer Roman) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBlack Vodka Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie 120 Tage von Sodom - Justine - Juliette - Die Philosophie im Boudoir (4 Meisterwerke der Erotik und BDSM) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenErfindung einer Sprache und andere Erzählungen: Mit einem Nachwort von Andreas Dreesen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAdolf im Wunderland Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenJetzt bist Du dran!: Unvergessbare Geschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Graf von Monte Christo Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Radetzkymarsch Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Anna In: Eine Reise zu den Katakomben der Welt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenShanghai fern von wo: Roman Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5
Rezensionen für Das Leben schreibt dir Briefe, aber die meisten kommen erst gar nicht an
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Das Leben schreibt dir Briefe, aber die meisten kommen erst gar nicht an - Hans-Jürgen Hilbig
*
Zögernd schob ich den Mittelfinger zwischen Ringfinger und Daumen, schaute auf die Zeit, ohne auf eine Uhr zu sehen. Ich brauchte keine Uhr, ich brauchte Zeit. Aber manchmal brauchte ich auch die nicht.
Ich hielt einen Umschlag mit Bewerbungsunterlagen in den Händen, fürchtete, dass jemand in meiner Nähe zittern oder niesen und der Umschlag deshalb verloren gehen könnte. Das geschah nicht, nichts geschah, obwohl sicher alles geschah, wie sollte nichts geschehen, wo doch alles immer noch da war, der Wahnsinn und die Vernunft, die Vergebung und die Vergeltung, der Krieg und der Frieden, die Hoffnung und das Verderben, das Pech und das Glück. Natürlich war auch die Erkältung da und die Nasen, die von dieser Erkältung alles wissen wollten. Aus irgendeinem Grund, war dort, wo ich stand, nichts von all dem, nichts außer meine Schritte, einem Briefkasten, einen Umschlag und die Sorge, etwas falsch gemacht zu haben.
Ich versuchte die Unsicherheit auszuradieren, es gelang nicht, stattdessen fiel mir ein Radiergummi ein. Ich trug ihn in meiner rechten Jackentasche. Wenn ich ihn lange genug mit dem Mittelfinger berührte, dachte ich an eine Malerin.
Sie wohnte in einem kleinen Eckzimmer über einer Kneipe, in der ich manchmal saß. In ihrem Eckzimmer sah es aus wie in einem Palast, in dem es aussah wie in einem Eckzimmer. Es war staubig, wie es sich für ein Eckzimmer über einer Kneipe gehörte. Sie hatte keine Lampe, nur eine Kerze, die das Zimmer noch dunkler machte.
Ich fragte sie, sag mal, warum machst du es dir so dunkel hier. Ich zeigte auf das Licht draußen, sie musste es doch gesehen haben, sie war doch nicht blind, und selbst Blinde wissen von der Helligkeit, sonst wüssten sie ja nichts mit der Dunkelheit anzufangen. Sie sagte, ich bin Malerin, meine Bilder benötigen das Licht, das bekommen sie aus der Dunkelheit.
Sie sagte, das Licht ist nur ein Plagiat, eine billige Kopie, es macht die Dinge sichtbar, die wir vor uns selbst verstecken.
Sie blickte auf die Kerze, sie blickte auf mich, sie sagte, so lange wir uns noch unterhalten können, ist selbst die Dunkelheit schon zu viel, man sollte gar nichts sehen, was wir sehen, ist oft nur ein Hindernis. Sie sagte, wir suchen in den kleinsten Details die größte Entfernung, wenn wir keine Gesichter hätten, wären wir uns noch ähnlicher, wir existieren ja nur deshalb, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass wir genauso gut auch nicht existieren könnten. Ich wusste nicht immer, was sie meinte, aber die Art, wie sie sprach, mochte ich sehr, in ihrer Stimme lag etwas, etwas, das an vergessene Pläne erinnerte, an Pläne, die nur dazu auf der Welt waren, dass man sie einmal aussprach und dann ganz schnell wieder vergaß.
Doch zurück zu mir, ich musste an meine Zukunft denken, ich brauchte einen Job, und deshalb hatte ich meine Bewerbungsunterlagen ausgedruckt und sie in einen Umschlag gelegt.
Den Umschlag hielt ich in den Händen, hatte den Briefkasten erreicht, doch plagte mich Unsicherheit. Ich öffnete den Umschlag, entdeckte einen Fehler im Bewerbungsanschreiben, der leicht zu korrigieren gewesen wäre, doch dazu hätte ich nach Hause gehen müssen und darauf hatte ich keine Lust.
Also sagte ich mir, ist nicht so schlimm, schloss den Umschlag und warf ihn in den Briefkasten.
Einige Tage später saß ich in der Küche, kochte Kaffee, sah aus dem Fenster, beobachtete einen Mann, der bemüht war, ein Taschentuch aufzuheben. Doch das Taschentuch wollte nichts davon wissen. Es zog sich jedes Mal von seiner Hand zurück.
Er trug ein langes Sakko mit dem Emblem der Vereinigten Staaten. Wahrscheinlich kam er von dort und sollte uns beibringen, wie wir zu leben hatten.
Das Taschentuch wirbelte kurz in der Luft. Der Wind bekam es zu fassen, der Mann versagte, er puderte seine Nase mit seinem Versagen. Doch er lächelte, noch lächelte er. Er lächelte kühl, so wie man am Tag einem Einsamen zulächelt, irgendeinem Einsamen, der sein Leben tapeziert mit seiner Einsamkeit.
Die Straße war voller Leute, voller Leute, die über das Problem des Mannes hinwegsprangen, es nicht sehen wollten, nicht sehen wollten, dass er ein Problem hatte, man sah das Problem, es wäre so leicht gewesen, eine kleine Hilfe, eine rettende Hand, doch nichts, diese Menschen taten nichts.
Dem Mann schien das egal zu sein, er hätte die Hilfe der anderen am Ende nicht einmal angenommen, für ihn existierte nur noch dieses Taschentuch. Er wollte es haben, er wollte es unbedingt.
Er trug einen großen grauen Filzhut, einen Hut, der seine Farbe ändern konnte, der seine Farbe aber nicht änderte. Einen Hut, der nur existierte, wenn man ihn nicht verlor; wenn man ihn verlor, schien er zu verschwinden, er war dann kein Hut mehr, aber was war er dann?
Er war ein Hut, der nicht mehr als Hut existierte. So einfach war das. So einfach war das natürlich nicht. Es gab nichts Einfaches in dieser Stadt. Es gab Worte, man nahm sie in den Mund; man nahm sie in den Mund und behielt sie dort, meistens war es besser, sie zu behalten, hin und wieder jedoch kam man damit raus, das änderte nichts, es war genauso wie vorher, als wäre man, selbst als man noch redete, die ganze Zeit sprachlos geblieben.
Er machte keinen Lärm. Er hatte Hände. Warum sollte er keine haben. Aber er hatte keine Hände, die nach etwas greifen konnten, ohne dass sie etwas verloren.
Diese Hände waren sichtbar, sie machten deutlich, dass sie zu ihm gehörten, und deshalb schrie er nicht, schrie nicht, wie Babys schreien, er durfte nicht mehr wie ein Baby schreien. (Babys schrien so, weil sie fürchteten, eines Tages nicht mehr zu schreien.)
Das schien ihn zu schmerzen. Der Schmerz war das Lächeln der Wunde. Der Schmerz war nicht austauschbar, und doch konnte man ihn leicht mit dem Lächeln verwechseln. Das Lächeln sah dem Schmerz ähnlich, obwohl sich beide selten erkannten, sie erkannten die Ähnlichkeit nicht und das war gut, das war ungemein gut, denn es half beim Überleben, und überleben wollte der Mann doch, überleben wollten auch der Schmerz und das Lächeln.
Der Mann war unglücklich, das konnte ich an seinem Lächeln sehen. Die Menschen lächeln immer so, wenn sie nicht wissen, wie es weitergehen soll.
Niemand schien ihn zu beachten, warum auch. Die Leute hatten zu tun. Sie standen in dunklen Jacken vor Bushaltestellen. Sie suchten die Mülleimer nach Pfandflaschen ab. Sie zitterten, weil sie vor etwas Angst hatten. Wovor hatten sie Angst? Was taten sie dagegen? Rauchten sie zu lange an verdorbenen Ecken? Suchten sie dort irgendeinen Sinn?
