Niemand wusste von ihrem Leid: Dr. Norden Bestseller 137 – Arztroman
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Über dieses E-Book
Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration.
Am Flughafen war ein Kommen und Gehen wie an jedem Tag. Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz begegneten sich gleichermaßen. »Lächel, Reni«, sagte Tobias Bürger zu seiner jungen Frau. »Ich möchte dein Lächeln mitnehmen. Zwei Monate sind schnell herum, und Japan ist meine große Chance. Wenn ich zurückkomme, werde ich Leiter der Exportabteilung, und dann bekommen wir auch ein eigenes Haus. Das hast du dir immer gewünscht.« Renate Bürger, erst seit sieben Monaten verheiratet, hatte jetzt keinen anderen Wunsch als den, dass ihr Mann bei ihr bleiben sollte. Sie war abergläubisch, denn gestern hatte sie einen Spiegel heruntergeworfen. Sieben Jahre Pech sollte das bedeuten. Nein, so wollte sie nicht denken. Tobias würde in zwei Monaten zurück sein. Sie wollte ihn doch nicht in seinem beruflichen Aufstieg hemmen. Ihm war nichts in den Schoß gefallen. Er hatte sich alles schwer erkämpfen müssen. Und sie hatte auch nicht viel mit in die Ehe gebracht. Die Einrichtung ihres Appartements und ein klappriges Auto, dazu noch ein paar tausend Euro auf dem Sparkonto, die aber für Anschaffungen draufgegangen waren. Sie verdiente recht gut als Telefonistin in einer Fabrik, aber sie war eine hübsche junge Frau und kleidete sich auch gern schick. Ein letzter Kuss noch, dann ging Tobias, drehte sich noch einmal um und winkte zurück.
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Niemand wusste von ihrem Leid - Patricia Vandenberg
Dr. Norden Bestseller
– 137 –
Niemand wusste von ihrem Leid
Patricia Vandenberg
Am Flughafen war ein Kommen und Gehen wie an jedem Tag. Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz begegneten sich gleichermaßen.
»Lächel, Reni«, sagte Tobias Bürger zu seiner jungen Frau. »Ich möchte dein Lächeln mitnehmen. Zwei Monate sind schnell herum, und Japan ist meine große Chance. Wenn ich zurückkomme, werde ich Leiter der Exportabteilung, und dann bekommen wir auch ein eigenes Haus. Das hast du dir immer gewünscht.«
Renate Bürger, erst seit sieben Monaten verheiratet, hatte jetzt keinen anderen Wunsch als den, dass ihr Mann bei ihr bleiben sollte. Sie war abergläubisch, denn gestern hatte sie einen Spiegel heruntergeworfen. Sieben Jahre Pech sollte das bedeuten. Nein, so wollte sie nicht denken. Tobias würde in zwei Monaten zurück sein. Sie wollte ihn doch nicht in seinem beruflichen Aufstieg hemmen. Ihm war nichts in den Schoß gefallen. Er hatte sich alles schwer erkämpfen müssen. Und sie hatte auch nicht viel mit in die Ehe gebracht. Die Einrichtung ihres Appartements und ein klappriges Auto, dazu noch ein paar tausend Euro auf dem Sparkonto, die aber für Anschaffungen draufgegangen waren.
Sie verdiente recht gut als Telefonistin in einer Fabrik, aber sie war eine hübsche junge Frau und kleidete sich auch gern schick.
Ein letzter Kuss noch, dann ging Tobias, drehte sich noch einmal um und winkte zurück. Heiße Tränen stiegen in Renates Augen, und schnell lief sie dann aus der Halle.
Verwirrt und traurig wie sie war, suchte sie vergeblich nach ihrem Wagen auf dem riesigen Parkplatz, bis ihr dann einfiel, dass sie ja mit dem neuen von Tobias gekommen waren. Den zu fahren war sie nicht gewohnt, und sie hatte höllische Beklemmungen, bis sie ihn dann durch das Gewühl gebracht hatte.
Zuerst wollte sie einmal weg von den vielen Menschen, und gar nicht mehr sehen, wie nacheinander die großen Maschinen starteten, und eine von diesen trug ihren Tobias davon, in ein fremdes Land, das auch für besonders aparte Mädchen bekannt war. Ja, eifersüchtig konnte Renate auch sein, denn Tobias war ein gut aussehender Mann, dem viele Frauen nachschauten.
Sie kannten sich seit zwei Jahren. Gleich am ersten Tag, als Renate ihre Stellung angetreten hatte, trafen sie sich in der Kantine. Allerdings hatte er da schon seinen Wechsel im Auge, und so suchte er sehr schnell die Bekanntschaft des reizenden, natürlichen jungen Mädchens.
Es war ihm recht, dass sie nicht in einer Firma blieben, denn bei aller erwachenden Liebe zu Renate hatte er auch seine Karriere im Auge.
Allerdings auch die Heirat, da er Konkurrenz zu fürchten hatte und sich Renate nicht wegschnappen lassen wollte. So war die Hochzeit bald geplant worden. Sie richteten sich eine nette Dreizimmerwohnung ein, aber ein Kind planten sie erst für die Zeit, wenn sie ein Haus haben würden. Sie waren ja beide noch jung. Und dann sollte Renate natürlich gar nicht mehr berufstätig sein.
Es redete ihnen niemand hinein. Tobias hatte keinen engen Kontakt zu seinen Eltern, die schon seit vielen Jahren geschieden waren und andere Partner gefunden hatten. Renates Eltern lebten bei der ältesten Tochter, die mit einem gutsituierten Lebensmittelkaufmann verheiratet war. Sie hatte drei Kinder. Der Vater half im Geschäft mit, die Mutter führte den Haushalt. Sie hatten Renate und Tobias eine sehr schöne Hochzeit ausgestattet, aber sie hatten ihr Zuhause und lebten harmonisch und zufrieden in der kleinen Stadt.
So war Renates Leben bisher sehr erfreulich verlaufen, ohne Konflikte, da ihre erste Liebe auch die einzige bleiben sollte.
Renate fuhr nun recht langsam durch unbelebte Straßen. Sie hatte Zeit. Sie hatte sich freigenommen für diesen Tag, aber jetzt wollte sie nicht gleich in die Wohnung zurückkehren, die ihr so leer erschien, wenn ihr Mann nicht da war.
Dann war sie auf einer Straße, die durch ein Wäldchen führte, eine unbekannte Gegend war das, und gar zu weit wollte sie doch nicht von ihrer Wohnung abkommen.
Sie sah den Wegweiser, auf dem Westkreuz stand. Ja, da kam sie doch wieder in eine ihr bekannte Gegend. Vorsichtig bog sie in die breite Autostraße ein, und gleich darauf wurde sie von einem gelben Wagen überholt, der sie fast noch gestreift hätte.
»Rowdy«, murmelte Renate, aber dann sah sie, wie der Wagen plötzlich anhielt. Es ging alles sehr schnell. Eine Tür zur Straßenseite wurde aufgestoßen, eine Frau sprang heraus, der Wagen raste weiter, und fast hätte Renate die Frau überfahren, denn sie stolperte und fiel auf die Straße.
Mit kreischenden Bremsen hielt Renate an, maßlos erschrocken und kreidebleich sprang sie heraus und eilte zu der Frau.
Da sah sie, dass diese hochschwanger war, und Renates Entsetzen wurde noch größer.
Sie beugte sich zu der Frau hinab, die sie aus schreckensvollen Augen anblickte.
»Das wollte ich nicht, nein, das nicht«, stammelte sie.
»Können Sie aufstehen? Ich bringe Sie zu einem Arzt«, sagte Renate.
Autos fuhren vorbei. Keines hielt an. Es war nur gut, dass Renates Wagen so stand, dass dieser jungen Frau nicht noch mehr passieren konnte, bis sie sich mühsam aufgerappelt hatte. Sie war völlig erschreckt, aber sie musste wohl vorher schon erschreckt worden sein, da sie so unbedacht auf die Straße gestürzt war.
»Die Leitner-Klinik«, flüsterte die Fremde. »Ich wollte dorthin.«
»Ist das in der Nähe?«, fragte Renate, ihr behutsam in den Wagen helfend. Und dabei dachte sie, was sie wohl tun solle, wenn die werdende Mutter jetzt ihr Kind bekäme.
»Es ist nahe, ganz nahe«, flüsterte die junge Frau. »Es tut mir leid, Sie sind so freundlich.« Aber dann stöhnte sie schmerzhaft auf, und Renate bekam es wieder mit der Angst. Wie sie die Leitner-Klinik dann tatsächlich fand, wusste sie später nicht mehr zu sagen, und da kam auch schon ein hochgewachsener Mann, der zu seinem Wagen eilte, der in unmittelbarer Nähe dort stand, wo Renate angehalten hatte.
»Helfen Sie mir«, rief sie, »bitte, ich habe eine werdende Mutter im Wagen. Sagen Sie Bescheid in der Klinik.«
»Ich bin Arzt«, sagte er. Und schon war er bei der stöhnenden Frau. Und so machte Renate Bürger die Bekanntschaft von Dr. Norden. Seinen Namen erfuhr sie gleich. Aber sie wollte auch wissen, was nun mit ihrem Schützling passieren würde. Sie hatte Zeit. Sie war dann sogar froh, dass sie abgelenkt wurde von ihren sehnsüchtigen Gedanken, die sonst ständig bei Tobias gewesen wären.
Dr. Norden hatte jetzt natürlich keine Zeit, sich mit ihr zu unterhalten. Dr. Leitner kam herbeigeeilt, Schwester Marga folgte ihm. Die Fremde wurde auf eine Trage gelegt und zum Operationssaal gefahren. Sie hatte das Bewusstsein verloren.
»Wir bräuchten einige Auskünfte«, wandte sich Dr. Norden jetzt an Renate. »Personalien, behandelnder Arzt, Adresse und so weiter.«
»Ich weiß nichts«, sagte Renate und erzählte rasch, was geschehen war.
»Um ein Haar hätte ich sie überfahren«, sagte sie bebend, »aber ich habe sie nicht mal gestreift. Nein, ich glaube, dass es so ist. Es hat dann niemand gehalten. Was sollte ich tun?«
»Sie haben das Richtige getan«, sagte er.
»Sie wollte zur Leitner-Klinik.«
Er runzelte leicht die Stirn. »Nun, dann wird sie schon mal hier gewesen sein«, sagte er. »Darf ich um Ihre Personalien bitten?«
»Renate Bürger«, antwortete sie geistesabwesend. »Ich habe meinen Mann zum Flughafen gebracht. Er musste eine Auslandsreise antreten. Ich weiß gar nicht, wie ich in diese Gegend gekommen bin.« Sie blickte auf. »Ich bin jetzt froh, dass ich dieser jungen Frau nicht geschadet habe, dass ich ihr helfen konnte. Es wird ihr doch zu helfen sein«, sagte sie monoton.
Das wusste er im Augenblick auch noch nicht, und Dr. Leitner war auch nicht gerade zuversichtlich. Aber er erinnerte sich, diese Frau schon einmal gesehen zu haben. Er wusste nur nicht wann, und an den Namen konnte er sich auch nicht gleich erinnern. Jetzt war auch keine Zeit für Überlegungen. Er musste das Kind auf operativem Weg holen, denn die Herztöne waren schon kaum noch vernehmbar.
*
Renate wartete in der Klinik. Sie brachte es nicht über das Herz, einfach so zu verschwinden. Dr. Norden, den sie außerordentlich sympathisch gefunden hatte, erklärte ihr, dass er leider in seine Praxis zurück müsse. Er hatte nur einen akuten Fall, eine Patientin mit starken Blutungen hergebracht.
Renate dachte jetzt über diese fremde junge Frau nach. Warum mochte sie so schnell aus dem Wagen gesprungen sein, warum war dieser so rasch weitergefahren. Dann kam es ihr in den Sinn, dass nicht ein Mann, sondern eine Frau am Steuer gesessen hatte. Ja, beim Nachdenken wurde es ihr bewusst. Es war ihr unheimlich zumute. Angstvoll klopfte ihr Herz. Sie wusste nicht, wie lange sie schon gewartet hatte, als Schwester Magda aus dem OP kam und sagte: »Das Kind lebt.«
»Und die Mutter?«, fragte Renate leise.
»Wir denken schon, dass sie auch am Leben bleibt. Aber jetzt ist ihr Zustand noch kritisch. Es war der achte Monat, aber der Junge ist ganz gut entwickelt. Unser Doktor hätte gern mit Ihnen gesprochen. Es ist sehr nett, dass Sie gewartet haben.«
»Es hätte schlimm ausgehen können«, stammelte Renate. »Gut, dass ich so langsam gefahren bin. Mein Gott, es ist nicht auszudenken …«
»Kommen Sie, trinken Sie einen Schluck«, sagte Schwester Magda fürsorglich.
Der Kaffee tat Renate gut. Ihr Gesicht bekam wieder Farbe. Dann kam Dr. Leitner und nahm sie mit in sein Zimmer. Er bat sie, ihm den Hergang nochmals zu
