Flucht aus dem goldenen Käfig: Kinderärztin Dr. Martens 76 – Arztroman
Von Britta Frey
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Über dieses E-Book
Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen extrem liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert!
Etwas über sieben Jahre alt, das dunkle Haar zu einer lustigen Pferdeschwanzfrisur gekämmt, das war Svantje Münzer. Das zierliche Mädchen kniete auf einem Stuhl, den es sich ans Fenster geschoben hatte, und beobachtete mit sehnsüchtigen Augen das bunte Treiben der spielenden Kinder draußen vor dem Haus. Svantje war sehr traurig. Nun war sie schon eine ganze Weile in der Schule, und noch immer durfte sie nicht allein hinaus zum Spielen. Alle Mädchen und Jungen aus ihrer Klasse durften das, nur sie nicht. Sie mußte immer im Haus bleiben. Überhaupt, es war gar nicht mehr schön. Seitdem der Vati und der Jörg nicht mehr da waren, war die Mutti immer so komisch. Sie lachte nicht mehr und war nie fröhlich. Manchmal weinte die Mutti auch, und sie durfte sie dann nicht stören. Als wenn sie noch ein Baby wäre, brachte die Mutti sie zur Schule und holte sie auch wieder ab. Fast ruckartig wandte sich das zierliche Mädchen um und wäre dabei beinahe vom Stuhl gerutscht. »Warum darf ich denn nicht ein bißchen zum Spielen nach draußen, Mutti? Ich will nicht immer nur hier vom Fenster aus zuschauen.« Die dunklen Augen groß aufgeschlagen, sah Svantje bittend auf die junge Frau, die hinter ihr im Zimmer an einem Tisch saß und mit einer Handarbeit beschäftigt war. Dinah Münzer, eine junge, hübsche Frau von neunundzwanzig Jahren, die Mutter der kleinen Svantje, antwortete mit ungeduldiger Stimme: »Nun sei endlich friedlich, Schatz. Ich habe dir gesagt, daß du nicht allein hinausgehst, und dabei bleibt es. Geh in dein Zimmer spielen. Du hast so viele schöne Spielsachen, mit denen du dir die Zeit vertreiben kannst. Heute nachmittag gehen wir dann wieder spazieren.«
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Flucht aus dem goldenen Käfig - Britta Frey
Kinderärztin Dr. Martens
– 76 –
Flucht aus dem goldenen Käfig
Wenn ein Kind zu sehr behütet wird
Britta Frey
Etwas über sieben Jahre alt, das dunkle Haar zu einer lustigen Pferdeschwanzfrisur gekämmt, das war Svantje Münzer. Das zierliche Mädchen kniete auf einem Stuhl, den es sich ans Fenster geschoben hatte, und beobachtete mit sehnsüchtigen Augen das bunte Treiben der spielenden Kinder draußen vor dem Haus.
Svantje war sehr traurig. Nun war sie schon eine ganze Weile in der Schule, und noch immer durfte sie nicht allein hinaus zum Spielen. Alle Mädchen und Jungen aus ihrer Klasse durften das, nur sie nicht. Sie mußte immer im Haus bleiben. Überhaupt, es war gar nicht mehr schön. Seitdem der Vati und der Jörg nicht mehr da waren, war die Mutti immer so komisch. Sie lachte nicht mehr und war nie fröhlich. Manchmal weinte die Mutti auch, und sie durfte sie dann nicht stören. Als wenn sie noch ein Baby wäre, brachte die Mutti sie zur Schule und holte sie auch wieder ab.
Fast ruckartig wandte sich das zierliche Mädchen um und wäre dabei beinahe vom Stuhl gerutscht.
»Warum darf ich denn nicht ein bißchen zum Spielen nach draußen, Mutti? Ich will nicht immer nur hier vom Fenster aus zuschauen.«
Die dunklen Augen groß aufgeschlagen, sah Svantje bittend auf die junge Frau, die hinter ihr im Zimmer an einem Tisch saß und mit einer Handarbeit beschäftigt war.
Dinah Münzer, eine junge, hübsche Frau von neunundzwanzig Jahren, die Mutter der kleinen Svantje, antwortete mit ungeduldiger Stimme: »Nun sei endlich friedlich, Schatz. Ich habe dir gesagt, daß du nicht allein hinausgehst, und dabei bleibt es. Geh in dein Zimmer spielen. Du hast so viele schöne Spielsachen, mit denen du dir die Zeit vertreiben kannst. Heute nachmittag gehen wir dann wieder spazieren.«
»Ich darf ja überhaupt nichts mehr, und ich will nicht immer nur mit dir spazierengehen. Du bist überhaupt keine liebe Mutti mehr, du hast mich ja gar nicht lieb.«
Mit diesen Worten stürmte das kleine Mädchen an seiner Mutter vorbei aus dem Zimmer.
Ein Schatten fiel über Dinah Münzers schmales Gesicht. Die kindlichen Vorwürfe ihres Töchterchens trafen sie bis ins Herz hinein, aber sie konnte nicht anders handeln. Sie mußte Svantje gegen alle Gefahren abschirmen. Svantje war doch alles, was ihr von einem schönen und großen Glück geblieben war. Allein der Gedanke, das Mädchen auch verlieren zu können, ließ in der jungen Frau Panik aufkommen. Wie immer in solchen Minuten, war die Vergangenheit so gegenwärtig in ihr, als wäre alles erst vor wenigen Tagen passiert. Das Geschehene lag aber schon über ein Jahr zurück.
Ein endloses langes Jahr war vergangen, seitdem sie zwei der liebsten Menschen verloren hatte, ihren Mann Peter und ihren kleinen Liebling, ihren fünfjährigen Sohn Jörg. Ein betrunkener Autofahrer war in eine kleine Gruppe Passanten gerast und hatte dabei auch ihr Glück zerstört. Seit dieser Zeit war Svantje ihr ein und alles, ihr ganzer Lebensinhalt geworden. Etwas Kostbares, das sie vor allem beschützen mußte, was ihr auch nur den kleinsten Schaden zufügen könnte.
Daß Dinah Münzer damit den falschen Weg eingeschlagen hatte, kam ihr nicht eine einzige Sekunde in den Sinn. Die Angst, das letzte, was ihr von ihrem Glück geblieben war, auch noch verlieren zu können, war stärker als alles andere. Was hatte sie nicht alles für Svantje in diesem Jahr getan. Da Peter sie gut versorgt zurückgelassen hatte, bekam sie alles, was sich ein Kinderherz zum Spielen wünschen konnte. Für ihre kleine Svantje war gesorgt. Es fehlte ihrem Mädchen wirklich an nichts, es durfte nur nicht allein, ohne sie, die Wohnung verlassen. Mit anderen Kindern ihres Alters kam Svantje seit einigen Wochen in der Grundschule, in der ersten Schulklasse zusammen. Sie konnte also in den Pausen unter der Aufsicht der Lehrer mit ihren Klassenkameradinnen spielen.
Die Angst um ihr kleines Mädchen ließ Dinah Münzer den Blick für die Realität verlieren. Sie übersah bewußt die sehnsüchtigen Blicke Svantjes, wenn von draußen fröhliche Kinderstimmen durch das geöffnete Fenster in die Wohnung drangen. Sie verdrängte, daß zu einem glücklichen und zufriedenen Kind auch ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit gehörte. Sie verdrängte, daß das schönste Zuhause, die hübscheste und teuerste Kleidung, ein Zimmer vollgestopft mit Spielsachen kein Ausgleich für kindliche Freiheit sein konnten. Dinah war so darauf fixiert, ihre kleine Tochter nicht eine Minute aus den Augen zu lassen, daß sie nicht auf den Gedanken kam, daß ihr Verhalten dem Kind gegenüber auf die Dauer nicht gut gehen konnte. Warum sollte sie auch? Sie tat ja alles für ihr Kind.
Soweit mit ihren Gedanken, raffte sich die junge Frau auf und ging hinüber ins Kinderzimmer, um zu sehen, was Svantje machte.
Als sie das Zimmer betrat, saß das kleine Mädchen wohl an seinem Spieltisch, doch es spielte nicht. Es kritzelte nur mit Buntstiften ein wirres Durcheinander auf ein Blatt Papier. Es sah nur kurz hoch, machte dann weiter.
Dinah sah sich das einen Moment an, dann sagte sie: »Warum spielst du nicht vernünftig, Schätzchen? Du hast doch so schöne Spielsachen. Sollen wir heute nachmittag in die Stadt gehen und etwas Neues kaufen?«
»Will keine Spielsachen, Mutti. Ich will nach draußen. Die Kim und die Sandra sind auch draußen. Bitte, bitte, Mutti, laß mich doch auch.«
Wie schon so oft, versuchte es das zierliche Mädchen nun mit Betteln, ihrem goldenen Käfig zu entfliehen, und legte dabei schmeichelnd ihre Arme um ihre Mutti.
»Es geht nicht, Svantje, ich habe dir schon so oft gesagt, warum. Deine Klassenkameradinnen siehst du ja morgen früh in der Schule wieder. Ich mache uns jetzt gleich etwas zum Essen, und danach gehen wir beide spazieren. Jetzt sei brav und spiel.«
Das enttäuschte Gesicht Svantjes einfach ignorierend, verließ Dinah mit raschen Schritten das Kinderzimmer. So sah sie auch nicht mehr die Tränen, die plötzlich über die Wangen des Mädchens kullerten.
*
Es war ein paar Tage später, als Katarina Laibach, die junge Klassenlehrerin, nach Beendigung des Schulunterrichtes mit fröhlicher Stimme zu ihren Schülern und Schülerinnen sagte: »Jetzt bleibt mal alle ruhig sitzen, ich habe noch eine große Überraschung für euch. Wir machen am Samstag einen Schulausflug. Wir fahren alle gemeinsam nach Soltau in den Heidepark. Ihr bekommt jetzt von mir ein Schreiben für eure Eltern mit. Sie müssen darauf unterschreiben, daß sie einverstanden sind, daß ihr an diesem Schulausflug teilnehmt. Nun, ist das eine Überraschung?«
»Toll, prima, das ist ja eine Wucht«, schwirrte es Katarina Laibach mit fröhlichen, ausgelassenen Stimmen entgegen.
Es gelang ihr nur mit Mühe, die junge Rasselbande ruhig zu bekommen, damit sie die Schreiben für die Eltern verteilen konnte. Dabei bemerkte sie aber auch, daß eines der Mädchen nicht so ausgelassen reagierte, wie die übrigen ihrer Klasse.
Es war Svantje Münzer, eine Schülerin, die für ihr Alter viel zu still war und auch immer irgendwie bedrückt und traurig wirkte.
Als sie Svantje das Schreiben reichte, fragte sie freundlich: »Freust du dich denn nicht auf unseren Schulausflug, Svantje?«
»Warum? Ich darf ja sowieso nicht mit«, kam es leise über die Lippen des kleinen Mädchens.
»Warum denn nicht, Svantje? So teuer kommt der Tag doch nicht. Sollst sehen, deine Eltern erlauben es dir ganz bestimmt auch. Du nimmst ja diesen Zettel hier mit und gibst ihn deinem Vati und deiner Mutti.«
»Mein Vati ist im Himmel, und meine Mutti läßt mich sowieso nicht allein nach draußen.«
»Du bist ja am Samstag nicht allein, Svantje. Wir sind alle zusammen. Es wird ganz bestimmt ein toller Tag. Jetzt geh mit deinen Freundinnen nach Hause. Morgen werden wir dann weitersehen.«
Nachdem die Kinder das Klassenzimmer schon längst verlassen hatten, saß die junge Lehrerin noch immer nachdenklich hinter ihrem Pult. Die Reaktion des kleinen Mädchens – da schien doch irgend etwas in der Familie nicht so ganz in Ordnung zu sein. Dabei war Svantje so ein kluges Mädchen. Der Lernstoff in der ersten Klasse fiel ihr sogar leichter als den übrigen Kindern. Daß Svantje keinen Vater mehr hatte, das war gewiß sehr traurig. Vielleicht war die Mutter aus diesem Grunde so streng mit dem kleinen Mädchen.
Katarina Laibach war jedoch sicher, daß Svantje von ihrer Mutter die Erlaubnis bekommen würde, an dem Schulausflug teilzunehmen. Es sollte doch ein Tag für die Kinder werden, an den sie noch lange zurückdenken konnten. Der Freizeitpark bei Soltau bot so vieles an Spielmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten für die Kinder. Sie würden einen wunderschönen Tag verleben, dafür würde sie schon sorgen.
Und falls Svantjes Mutter doch Schwierigkeiten machen sollte, würde sie sie eben persönlich aufsuchen, um auch die kleinsten
