Vom Beten zur Kontemplation: Hinführung zur franziskanischen Praxis des Verweilens vor Gott
Von Leonhard Lehmann
()
Über dieses E-Book
Verwundern mag, dass Franz von Assisi zu den großen Meistern des kontemplativen Betens gehört - war er doch ein weltzugewandter und kommunikativer Mensch. Aber gerade bei ihm wird deutlich, dass Kontemplation eben nicht Rückzug aus der Welt bedeutet. Er selbst sprach nie von Kontemplation, sondern einfach vom Beten; aber das gelang ihm überall.
Der Autor zeigt, wie vielfältig Franziskus Beten umschreibt und wie alles darauf hinausläuft, das Wort Gottes im Herzen und das Herz bei Gott zu haben - ob in der Stille einer Kirche oder im Lärm der Welt.
Ähnlich wie Vom Beten zur Kontemplation
Titel in dieser Serie (36)
Prophetisch glauben: Aufbrüche in franziskanischer Spiritualität Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFranz von Assisi - Freiheit und Geschwisterlichkeit in der Kirche Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAlles auf den Kopf stellen - neue Wurzeln schlagen: Mit Franz von Assisi Schöpfung gestalten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLeiten - Von der Kunst des Dienens Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFranziskus und Luther: Freunde über die Zeiten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNachhaltig wirtschaften - gerecht teilen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLebensmutig: Klara von Assisi und ihre Gefährtinnen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Sehnsucht Raum geben: Die Kunst der franziskanischen Wegbegleitung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGlaubensgeschichten sind Weggeschichten: Die Emmauserzählung als Modell christlicher Existenz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGenderperspektiven - Neue Blicke auf Klara von Assisi Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMuslime und Christen: Ein franziskanischer Blick auf den Islam Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUnbehauste Heimat: Von der Sehnsucht anzukommen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDen Gottesfaden erkennen: Die Ernte meines Lebens Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNach der Erleuchtung: Boden wischen: Ein franziskanisches Alltagsprogramm Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVom Beten zur Kontemplation: Hinführung zur franziskanischen Praxis des Verweilens vor Gott Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEs reicht: Auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Teilens Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWissen, Bildung und Schule neu denken: Zugänge zu einem franziskanischen Bildungskonzept Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSpiegel des Lichts: Franz von Assisi - Prophet der Weltreligionen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGottes hauchdünnes Schweigen: Auf seine Stimme hören Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFrauen in der Kirche: Zwischen Entmächtigung und Ermächtigung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIm Innern barfuß: Auf der Suche nach alltagstauglichem Beten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVon der Zärtlichkeit Gottes: Eine Theologie der Berührung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenQueer in Church: Wie ich mir eine divers-bejahende Kirche wünsche Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVom Geschenk der Dankbarkeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAn der Seite des Lebens: Ethische Herausforderungen in Palliativmedizin und -pflege Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLebenskrisen und ihre Botschaften: Von Anfängen und Übergängen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLebendig alt sein Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAlles wird gut?: Franziskanische Inspirationen zur Klimakrise Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNoch manche Nacht wird fallen: Liturgie in Krisenzeiten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMit dem Pilgerstab durchs Leben Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnliche E-Books
Berührt vom Klang der Liebe: Wege zum Herzensgebet Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDeus Adest: Gott ist da: Das Tageszeitgebet neu entdecken Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGebetserhörungen durch wahres Herzensgebet: Anleitungen aus Bibel und Offenbarungen Jesu Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWolke des Nichtwissens: Eintauchen in geistliches Leben Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKraft der Stille: Gegen eine Diktatur des Lärms Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Jesus nachfolgen: Nach Hause finden in einem Zeitalter der Angst Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGemeinsame Gebete für das ganze Jahr Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEigentlich ist Ostern ganz anders: Hoffnungstexte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVom Segen der Stille: Innere Ruhe finden mit biblischen Worten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGott ist gegenwärtig: Eine Anleitung zu geistlichen Übungen für evangelische Christen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWachsen im Gebet: Eine ignatianische Vertiefung Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBiblisch beten: Von der großen Möglichkeit des Gesprächs mit Gott Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Bibel verstehen: Hinführung zum Buch der Bücher Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Wer's glaubt, wird selig: Ein Glaubensgespräch zwischen Vater und Sohn Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenChristus in mir: Der mystische Weg der Evangelien Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGlaube an den stets größeren Gott: Karl Rahner als Anreger Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBleibt in mir ...: Kontemplativ leben im Alltag Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBernhard von Clairvaux: Ausgewählt von Gerhard Wehr Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWer glaubt, lebt aus dem Geheimnis Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer offene Himmel: Meditationen zu Advent und Weihnachten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStreiten wir für Religion: Glauben in der digitalen Welt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenOremus: Benediktinisches Jugendbrevier Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGott funktioniert nicht: Deswegen glaube ich an ihn Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGottes hauchdünnes Schweigen: Auf seine Stimme hören Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie leise Sprache Gottes: Geistlich leben nach Johannes von Avila Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenChristus in postmoderner Zeit: Mythen und Symbole im Sprachspiel des Glaubens Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Siebte Tag Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAdolph Kolping: Ein Leben der Solidarität Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSternbilder des Lebens: Authentische Christen im Porträt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGotteskontakt: Leben und beten mit den Exerzitien des Ignatius von Loyola Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Christentum für Sie
Die verbotenen Evangelien: Apokryphe Schriften Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWarum Gott?: Vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit? Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die flache Erde oder Hundert Beweise dafür, daß die Erde keine Kugel ist Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHoffnung für alle. Die Bibel – Trend-Edition "Crossroad": Die Bibel, die deine Sprache spricht Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Bibel: Martin Luther Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNeues Leben. Die Bibel – Altes und Neues Testament Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBasisBibel. Die Kompakte. eBook: Die Bibel lesen wie einen Roman. Bewertung: 2 von 5 Sternen2/5Das Buch Henoch (Die älteste apokalyptische Schrift): Äthiopischer Text Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAm Rande der gefrorenen Welt: Die Geschichte von John Sperry, Bischof der Arktis Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenCompendium Wortschatz Deutsch-Deutsch, erweiterte Neuausgabe: 2. erweiterte Neuausgabe Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Maria aus Magdala: Die Jüngerin, die Jesus liebte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAls ich begann, wieder an Gott zu denken Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEffektives Bibelstudium: Die Bibel verstehen und auslegen Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Elberfelder Bibel - Altes und Neues Testament: Revision 2006 (Textstand 26) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Die garantiert lustigsten Kinderwitze der Welt 5 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEinfach Gebet: Zwölfmal Training für einen veränderten Alltag Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUnterwegs mit Bonhoeffer: Stationen auf dem Weg der Nachfolge Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Bibel: Lutherbibel 1912 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWeltreligionen: 100 Bilder - 100 Fakten: Wissen auf einen Blick Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVom unfreien Willen (An Erasmus von Rotterdam): Theologische These gegen "Vom freien Willen" ("De libero arbitrio") von Erasmus Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPsalm 23: Aus der Sicht eines Schafhirten. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAufblühen in der Lebensmitte!: Entdecken, was wirklich zählt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie biblische Chronologie: Umfeld und hinterlegte Zeitrechnung Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5"Und das Wort ist Fleisch geworden…": Gedanken zur Advents- und Weihnachtszeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Papst: Sendung und Auftrag Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMein Leben für die Hexenkinder: Berufen zu den verstoßenen Kindern Nigerias Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenTheologische Briefe aus "Widerstand und Ergebung" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Buch Henoch: Die älteste apokalyptische Schrift Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAurora oder Morgenröte im Aufgang: Kommentierte Ausgabe Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVöllige Hingabe an Gott Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Rezensionen für Vom Beten zur Kontemplation
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Vom Beten zur Kontemplation - Leonhard Lehmann
1. Beten – ein universelles Phänomen
Zu allen Zeiten haben Menschen gebetet. Beten gehört zur religiösen Praxis der schrift- und geschichtslosen Völker ebenso wie zu den Hochreligionen. Solange wir den Menschen in seinem religiösen Verhalten beobachten können, betet er zu der ihm bekannt gewordenen Gottheit. Wo das Gebet gänzlich verstummt, da ist es um die Religion geschehen. Das persönliche wie das gemeinsame Gebet ist also das Herz jeder Religion. Es kann sich als Dank, Lobpreis, Sündenbekenntnis äußern, ist aber im Grunde immer ein Bitten des bedürftigen Menschen vor dem gebenden Gott.
Beten ist menschlich
Jede und jeder hat sicher schon Menschen beten gesehen, zumindest im Fernsehen. Meistens sind es Muslime, die beim Freitagsgebet in der Moschee gezeigt werden. Christen sind zurückhaltender geworden, wenn es um das Beten in der Öffentlichkeit geht. Zwar läuten morgens, mittags und abends die Glocken, und die eine oder der andere weiß noch, dass sie zum „Angelus, zum „Engel des Herrn
, einladen; der eine oder die andere wird daheim, im Krankenhaus oder Altersheim der Einladung auch folgen und den Engel des Herrn beten, wie sie und er es von Kind auf gelernt haben. Doch ein öffentliches Gebet, bei dem früher die Arbeit unterbrochen wurde und die Männer den Hut abnahmen, ist es nicht mehr. In der Öffentlichkeit zu beten ist unüblich, ja unschicklich geworden, für manche gar verpönt; es gehört sich nicht. Als ich zur Schule ging, begann der Lehrer den Unterricht mit einem Gebet, in den höheren Klassen ließ er uns Schüler selbst vorbeten, wobei jeder einen Text wählen oder frei formulieren durfte. Am humanistischen Gymnasium in den 1960er Jahren erlebte ich dann, wie der Latein-Lehrer das Vaterunser auf Latein, der Griechisch-Lehrer dasselbe Gebet auf Griechisch mit uns betete, je nachdem, ob Latein oder Griechisch in die ersten zwei Stunden des Tages fiel; später, als wir auch Englisch dazubekamen, lernte ich vom evangelischen Lehrer das Vaterunser auch auf Englisch. Rituale wie das Morgengebet, das Entzünden der Kerzen am Adventskranz, das Basteln von Strohsternen, das Sternsingen, die Osterkerze, das Lernen von Liedern im Lauf des Kirchenjahres und vieles andere mehr gehörte zum Schulprogramm. Heute bin ich dankbar dafür; auch meine Schulkameraden sind es, oder wenn sie sich nicht lobend äußern, so sagen sie doch: „Es hat uns nicht geschadet."
Was zu meiner Schulzeit noch selbstverständlich war, wurde dann ab der Studentenrevolte 1968 immer mehr in Frage gestellt, kritisiert, abgelehnt – im Namen der Freiheit, der Individualität, der Neutralität des Staates und der Toleranz gegenüber anderen Religionen. Das sind zweifellos hohe Werte. Sie schließen aber ein öffentliches Glaubensbekenntnis nicht aus, solange dieses andere Bekenntnisse neben sich zulässt. Die Religions-, Glaubens-, Meinungs- und Pressefreiheit sind von unserem Grundgesetz garantiert. Sie gehören zur Demokratie.
Seitdem in der Französischen Revolution die Vernunft (ratio) auf den Altar gestellt wurde und die Wissenschaften nur zulassen, was vernünftig ist, was mit der Vernunft begründet und bewiesen werden kann, herrscht ein Rationalismus, der den Glauben an einen personalen Gott ins Hintertreffen geraten lässt. Der Staat übernahm die Führung und drängte die Kirche ins Abseits, in die Sakristei. Gottesdienste durfte sie feiern, aber nicht mehr in Schule und Staat mitmischen. Das führte ab 1803 zur bekannten Säkularisation: Der Staat nahm Grund und Boden von Bistümern, Abteien, Klöstern und Stiften an sich, enteignete die kirchlichen Institutionen, zuerst die reichen, dann auch die armen Klöster. Das hatte durchaus etwas Gutes an sich, indem die Kirche der weltlichen Macht beraubt wurde, aber insgesamt hatte die Allgemeinheit kaum etwas davon. Die Chance einer demokratischen Bodenreform wurde verpasst. Es bildete sich das Sprichwort: „Unter dem Krummstab (des Abtes oder Bischofs) lebt sichs besser als unter des Kaisers Krone."
Von jener Säkularisation von oben, von der sich die Kirche relativ rasch erholt hat, ist die Säkularisierung zu unterscheiden, die seit den 1980er Jahren immer schneller um sich greift: Christinnen und Christen verabschieden sich von ihrer Kirche, bleiben lautlos weg, lassen ihre Kinder nicht mehr taufen. Wäre es nur eine Kritik an der bestehenden Kirche, dann würde man ja noch protestieren, alternative Formen suchen (die es ja auch gibt) und den Glauben auf neue Weise ausdrücken. Den Umfragen zufolge greift die Säkularisierung tiefer; sie trifft das Glauben an sich und den Glauben an Gott, d.h. immer weniger Menschen glauben an einen Gott und noch weniger an das, was christlicher Glaube beinhaltet: die Dreifaltigkeit, die Schöpfung, Erlösung und Wiederkunft Christi. Hat das Weihnachtsfest im deutschen Gemüt noch einen gewissen Stellenwert, so verflacht Ostern zu einem Frühlingsfest. Dass der Gottesglaube abnimmt, hat wohl durchaus mit dem zu tun, was uns seit Jahrzehnten vor Augen geführt wird: Krieg, Terror im Namen Gottes. Daran sei der Monotheismus schuld, der die eine Religion gegen die andere kämpfen lasse, ja zum Kampf auffordere. Dieser Erklärungsversuch kommt bei der gebildeten Mittelschicht gut an. Wie sonst lassen sich die hohen Verkaufszahlen von Peter Sloterdijks Buch Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen erklären? Nach seiner Auffassung enthalten die Schriften des Judentums, des Christentums und des Islams zu viele Passagen, die Gewalt rechtfertigen und provozieren, weil jede dieser Religionen behauptet, die einzig wahre zu sein. Außerdem präsentieren sie nach seiner Meinung einen Gott mit unerträglichen Eigenschaften wie Zorn, Eifersucht und Grausamkeit. Diese monotheistischen Religionen hätten politisch die Monarchie gestützt und religiöse wie weltliche Hierarchien herangebildet, die hinter uns zu lassen uns erst die Aufklärung gelehrt habe; diese habe den Menschen als Individuum und als autonom entdeckt. Die drei genannten Religionen, selbst wenn sie heute noch zahlenmäßig viele Anhänger hätten, würden sich also auf Dauer nicht halten, ja sie würden schmelzen wie Schnee in der Sonne. Kein Wunder, dass Sloterdijk auf sein Buch Gottes Eifer letztes Jahr ein weiteres folgen ließ mit dem Titel Nach Gott (Berlin 2017). Denn seiner Meinung nach bleibt auch nach dem langsamen Abschied von Gott etwas erhalten: die Religion. Eine Religion, mit oder ohne Gott, stiftet Sinn, erhellt die Existenz, hilft zu leben, bewahrt Kultur und bringt neue hervor. Religion also in der Nähe von Kunst und Fitnesstraining! In diesem Zusammenhang heißt es dann: Bete, wenn es dir guttut.
Der Freidenker Sloterdijk, der sich zu Jesus nur kühl, distanziert und ironisch äußert, ist ein typischer Vertreter des westlichen Bürgertums. In den Gesellschaften des Südens fände er nicht so viel Anklang; dort würde er mit seiner Religion ohne Gott nur Kopfschütteln hervorrufen. Doch für Nordeuropa scheinen mir seine Bücher symptomatisch: Die Aufklärung wird zu Ende gedacht, der Mensch tritt als Schöpfer kreativ an die Stelle eines vermeintlich machtlosen Gottes; er kann fast alles. Doch diese für die Moderne typische
