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Schreckliche Gesellschaft: Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller
Schreckliche Gesellschaft: Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller
Schreckliche Gesellschaft: Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller
eBook267 Seiten2 Stunden

Schreckliche Gesellschaft: Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller

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Über dieses E-Book

Wer war Melchior Joller, in dessen Haus es angeblich spukte? Der mit seiner Frau und seinen Kindern vom Poltern, vom Aufreissen und Zuknallen der Türen und von vielen anderen Erscheinungen terrorisiert wurde? Was geschah 1862 wirklich in der "Spichermatt" in Stans? Der Autor Lukas Vogel ist dieser Spukgeschichte nachgegangen und verknüpft sie mit der Biografie von Joller und der damaligen Zeit. Melchior Joller (1818-1865) war Politiker, Landwirt, Advokat, Journalist und Verleger. Als ehrgeiziger Liberaler war er ein Aussenseiter im katholischen Hinterland des jungen Schweizer Bundesstaates. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde heftig um die Umgestaltung Europas gekämpft: Katholizismus, Marienverehrung und Erscheinungen wie in Lourdes prägten die Gesellschaft ebenso wie der rasante technische Fortschritt in Form von Eisenbahn, Telegrafie und Fotografie. Lukas Vogel erzählt das Panorama einer Zeit der Umbrüche und Verunsicherung. Dabei ist der Spukfall die Achse, um die sich die Geschichte dreht.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum26. Mai 2013
ISBN9783039198559
Schreckliche Gesellschaft: Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller

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    Buchvorschau

    Schreckliche Gesellschaft - Lukas Vogel

    1

    ZWEI BLICKE    Unbeschwert spielen die Kinder in Haus und Garten. Schönes Sommerwetter lockt, es ist Feiertag dazu: Mariä Himmelfahrt, 15. August 1862. Melchior Joller, seine Frau Karoline und der älteste Sohn Robert sind unterwegs. Die 15-jährige Magd Christine Christen ist mit den übrigen Kindern allein zu Hause: «Vor Mess gieng dann das Heinrike auf den Abtritt u[nd] rief mir ich solle kommen. Es sagte es habe an der Thür klöpfelen gehört. Wir sagten, wenn es etwas sei so solle es wieder klöpfelen bevor wir 10 gezählt. Und wirklich! Bevor wir laut 10 gezählt, klöpfelte es an der Abtrittthüre.» Nach mehreren solchen Antworten wächst aus dem selbstvergessenen Kinderspiel heraus die Angst. Die Kinder fliehen vors Haus. Immer wieder kehren sie ins Haus zurück, nur um festzustellen, dass zuvor verschlossene Türen offen stehen. Auch die Türe zu Melchior Jollers Arbeitszimmer. Sie schliessen sie wieder ab und hängen den Schlüssel an den Nagel. «Als wir das 4te Mal hinauf kamen, war nicht nur diese Thüre, sondern noch 4 Thüren in 2ter Etage offen, die vorher zu, aber nicht geschlossen gewesen waren u[nd] auch die Thüre in der Stube unten u[nd] alle Fenster daselbst, die zu gewesen. Hierauf machten wir wieder alle Thüren u[nd] Fenster zu u[nd] giengen wieder vor’s Haus.»

    Joller schreibt einige Tage später auf, was in seiner Abwesenheit im Haus vor sich gegangen sei: «Im Laufe des Vormittags, als sich die Melanie, circa 14 Jahre alt, mit dem Dienstmädchen augenblicklich allein befand, erwähnte sie, die Henrika (ihre jüngere Schwester) wolle schon oftmals beim Abtritte an die Hauswand so sonderbar klopfen gehört haben, worauf beide sich dahin begaben. Henrika, die in der Nähe weilte, kam ebenfalls herbei und bekräftigte diese Behauptung. Die Melanie aber, da sie nichts wahrnahmen, wollte nicht daran glauben und ermannte sich in auffallendem Tone zu rufen: ‹In Gottes Namen, wenn es etwas ist, soll es kommen und klopfen!› Und – sogleich fieng es an zu klopfen wie mit einem Fingerknöchel.»

    Am Vormittag des 15. August 1862 beginnt zaghaft und leise, was sich innert Tagen zu einer unfassbaren und bedrohlichen Serie von Erscheinungen ausweitet. Angst und Schrecken greifen in Jollers Familie um sich. Mehr als zwei Monate lang weiss kein Familienmitglied, wann, wo und in welcher Gestalt das Grauen wieder auftauchen und wen es bedrohen wird. Am 23. Oktober zieht die Familie fluchtartig und für immer aus der Spichermatt in Stans aus. In diesem Moment verschwinden die Erscheinungen. Kein Besitzer und keine Bewohnerin des Hauses werden je wieder etwas Ähnliches erfahren oder erleben.

    DRUCKSCHRIFT    Am 23. Juni 1863 schreibt Melchior Joller an die Buchhandlung Hurter in Schaffhausen. Er schlägt dem Buchhändler und Verleger Friedrich Benedikt Hurter einen Text zur Veröffentlichung vor und stellt ihm ein profitables Geschäft in Aussicht. Die Schrift mit dem Titel Darstellung selbsterlebter mystischer Erscheinungen sei «ohne alles subjective Resonnement» verfasst. Trotz ihrer Objektivität spreche sie gegen den «alles seel’sche Leben verdrängenden Materialismus». Joller bezieht sich mit diesem Hinweis auf das Verlagsprogramm Hurters. Dessen Vater Friedrich Emmanuel Hurter, der Vorsteher der reformierten Kirche Schaffhausen, ist nach längerem Streit mit seinen reformierten Glaubensbrüdern über den Umgang mit den Schweizer Katholiken 1844 in Rom zum Katholizismus übergetreten. Sein Sohn ist zwar selber beim angestammten Glauben geblieben. Er verlegt und vertreibt nun aber die Schriften seines Vaters und etliche andere für den süddeutschen Katholizismus sehr wichtige Bücher. In seinem Programm finden sich katholische Liederbücher, Predigten sowie Geschichtsdarstellungen aus katholischer Sicht. In diesem Umfeld möchte Joller nun sich und seine Schrift platziert sehen.

    Es kommt anders. Im Frühherbst 1863 erscheint Jollers schmale und unscheinbare Druckschrift mit rund 90 Seiten Umfang im Verlag von Franz Hanke in Zürich. Hanke stammt aus dem preussischen Gröbnig bei Leobschütz, dem heutigen polnischen G[ł]ubczyce. Er lässt sich in Zürich nieder, erhält 1855 das Zürcher Bürgerrecht und führt zwischen etwa 1840 und 1880 eine Verlagsbuchhandlung, die sich in erster Linie der christlichen Erbauungsliteratur widmet. So legt er die Schriften des frühen reformierten Pfarrers und Schriftstellers Johann Arndt wieder auf, des Vorläufers des Pietismus. Ebenso Benjamin Schmolck, Pastor aus Niederschlesien, der ebenfalls dem Pietismus nahesteht und dessen Lieder und Gebete unzählige Male kolportiert und nachgedruckt werden. Rund um dessen 100. Geburtstag 1841 verlegt Hanke weiter den Zürcher Philosophen und angesehenen Prediger Johann Caspar Lavater, der ausserhalb seiner Heimatstadt vor allem wegen seiner Physiognomik berühmt geworden ist.

    Hanke beschränkt sich aber nicht auf religiöses Schrifttum. Vielmehr veröffentlicht er eine Naturgeschichte der Vögel des zu jener Zeit sehr populären Zürcher Zoologen Heinrich Rudolf Schinz, daneben Henry Webers Vollständiges Ortslexikon der Schweiz oder auch 1867 das Adressbuch der Stadt Zürich. In diesem verlegerischen Umfeld erscheint nun Jollers Schrift, zurückhaltend im Umfang und unauffällig in der Gestaltung. Sie wird nur in einer einzigen Auflage gedruckt.

    Den Titel seines Werkes muss Joller nicht weit herholen. Unüberhörbar lehnt er sich an ein Werk an, das zwei Jahre zuvor in Leipzig veröffentlicht worden ist, verfasst von einem Professor der Universität Bern: an Maximilian Pertys 1861 erschienenen Mystische[n] Erscheinungen der menschlichen Natur. In diesem umfangreichen Buch von 770 Seiten kommen sämtliche Formen der Erscheinungen bereits vor, die Joller nun in seiner Darstellung schildert und mit seiner Familie im eigenen Haus in Stans erlebt hat. Perty ist auch der Verfasser der kurzen Vorrede zu Jollers Schrift. Im Brief an Hurter preist Joller diese Vorrede als «von einem in diesen Sachen erfahrenen Gelehrten und Professoren an einer der schweiz. Hochschulen» stammend, gibt aber den Namen des Autors nicht preis. Hingegen fügt Joller der eigentlichen Vorrede eine Anmerkung bei, in der er den Verfasser der Vorrede mit ähnlichen Worten verdankt. Zudem bezeichnet er ihn dort als «theilnehmenden Freund».

    Der Umschlag des kleinen Büchleins gibt keine Auskunft darüber, dass der Autor inzwischen selber nach Zürich umgesiedelt ist und mit seiner Familie in einer kleinen, stickigen Wohnung in einer Mietskaserne in Aussersihl lebt. Vergeblich erhofft sich Joller vom Verkauf dieses Büchleins ein anständiges Einkommen. Denn die Ereignisse, über die er darin berichtet, haben ihn und seine Familie zum Verlassen des Hauses und zur Flucht aus Stans gezwungen. Als Advokat oder Anwalt darf Joller in Zürich nicht arbeiten, sein Einkommen und damit die Ernährung der Familie stehen auf unsicherem Grund.

    BERICHT    Zu einer gelungenen Rede gehört eine geschickte Dramaturgie. Die Zuhörer wollen gepackt, unterhalten, gekitzelt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen werden. Melchior Joller ist ein glänzender Redner, ausgestattet mit einer wohlklingenden Stimme. Er beherrscht dieses Metier und beweist dies in seiner Schrift. Zum Anfang bezieht er kompromisslos die Position des aufgeklärten, vollständig auf die strenge Naturwissenschaftlichkeit vertrauenden Mannes. «Abgesagter Feind solcher Mystik» und jedem «Ammenmährchen» abhold, habe er nichts anderes im Sinn, als «der Wahrheit unverfälschtes, öffentliches Zeugniß zu geben». Joller ist sich bewusst, dass seine Geschichte nur vor diesem Hintergrund Glaubwürdigkeit entfalten kann. Sein tagebuchartiger Stil, der wegen der häufigen Wiederholungen den heutigen Leser bisweilen Langeweile spüren lässt, dient in erster Linie diesem Ziel: den Erzähler als seriösen, detailgenauen und deshalb ernst zu nehmenden Berichterstatter eigener Erlebnisse erscheinen zu lassen. Nicht zuletzt diese Eigenschaften werden dem Text zu einer grossen Karriere in der parapsychologischen Literatur verhelfen. Die Wissenschaftlerin und Okkultismusforscherin Fanny Moser bezeichnet ihn als einen «Fall erster Klasse», der «bis auf den heutigen Tag immer wieder als einer der besten der Weltliteratur erwähnt» werde. Und für den Parapsychologen Theo Locher gehört er «seit den ergänzenden Forschungen von Dr. Fanny Moser zu den bestdokumentierten der Weltliteratur».

    Ob gewollt oder ungewollt, Joller gibt durch seinen Text eine bestimmte Richtung der Interpretation vor. Er beginnt sanft und langsam mit der Bauart des Hauses, damit sozusagen die Bühne und Kulisse für die folgende Handlung umreissend. Es folgt ein Rückblick auf die Geschichte seiner Familie, angefangen bei seiner Grossmutter Veronika Gut, der Erbauerin des Hauses, bis zu seinen Kindern, damit das Personal bezeichnend. Joller skizziert eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung, wie bei einem klassischen Drama. Die Ereignisse spielen sich demnach nicht zufällig in diesem Haus, nicht zufällig unter diesen Menschen ab. Das Gebäude, seine Geschichte und seine Bewohnerschaft sind notwendige Voraussetzungen dafür.

    Im Tonfall des präzisen Rapporteurs, des distanzierten Beobachters streift Joller gleichsam im Vorübergehen seine eigene politische Karriere. Wie beiläufig erwähnt er seine Wahl in den Nationalrat, die Gründung des liberalen Nidwaldner Wochenblatts, den damals sehr viel Aufsehen erregenden Mordprozess um die Geschwister Bali und schliesslich das «mächtige nationale Verbrüderungsfest der Schützen», den Höhe- und Endpunkt seines politischen Engagements. Das Kapitel über den Ort des Geschehens lässt er in einer kurzen Bemerkung über seine sieben gesunden Kinder ausklingen. Seine Frau, die Mutter dieser Kinder, erwähnt er dabei nicht.

    Nach diesen Ausführungen über die Umstände von Ort und Zeit beginnt die eigentliche Erzählung, die Darstellung selbsterlebter mystischer Erscheinungen. Es folgt eine breite Palette von Vorkommnissen, von feinem Klöpfeln und heftigem Poltern über das mehrmalige Aufreissen und Zuschlagen von Türen und Fenstern unter den Augen der Familienmitglieder, über das blitzschnelle Herumwerfen von Möbeln, über die Erscheinung von durchsichtigen Gestalten, von schwebenden Armknochen, von verdoppelten Menschen, über Berührungen von unsichtbaren kalten Händen, bis hin zu einem Pferdegeschirr im Ofenrohr, das fast nicht mehr daraus zu entfernen war. Die Erzählung berührt zahlreiche Erscheinungen, von denen viele auf die alleinige Wahrnehmung durch eines der Familienmitglieder zurückgehen. Andere hingegen wurden von mehreren Leuten wahrgenommen – denn «dass es klopfte, bezweifelt Niemand».

    In chronologischer Reihenfolge breitet Joller die Geschehnisse aus. Sie sind einmal von den Kindern oder von seiner Frau erlebt, ein andermal von ihm selber; bisweilen erwähnt er Zeugen, dann wieder gibt es keine. An einzelne verstreute Ereignisse seit dem Herbst 1860 will sich die Familie aber erst nach dem Beginn der heftigen Erscheinungen erinnern. Diese brechen am 15. August 1862 los, dem Tag von Mariä Himmelfahrt, und dauern bis zum Auszug der Familie aus dem Haus am 23. Oktober des gleichen Jahres.

    Was geht Joller durch den Kopf, als er zwischen Oktober 1862 und dem Sommer 1863 diese Erlebnisse zu Papier bringt? Wen stellt er sich als seinen Leser, seine Leserin vor? Denkt er an Maximilian Perty, den Professor für Zoologie und Anthropologie an der Universität Bern? Oder denkt er an seinen ehemaligen Mitstreiter Karl Deschwanden, den liberalen Anwalt und Politiker in Stans? Hat er den frömmlerischen Pfarrer Remigius Niederberger von Stans vor Augen? Oder vielleicht die Verwandtschaft seiner Frau im Badischen, in Freiburg im Breisgau und in Konstanz? Der nüchterne Tonfall seines Berichts legt nahe, dass er sich oft an die Wissenschaft und deren Vertreter richtet. Doch dann schreibt er Dinge nieder, die für die allfällige Aufklärung der Geschehnisse von keinerlei Bedeutung sind. Er sei «Mitglied des Centralcomites vom eidgenössischen Schützenvereine» gewesen und habe deshalb bei der Begrüssung der eidgenössischen Offiziersfahne dabei sein müssen. Öfters erwähnt er, dass er für Geschäfte nach Luzern oder Zürich habe reisen müssen. Dies hält er nicht für die Wissenschaft, sondern für seine ehemaligen Weggefährten fest. Ihnen ist er fremd geworden, weil sie auf seine Erlebnisse kopfschüttelnd bis ablehnend reagiert haben. Oder weil er sich vielleicht schon früher von ihnen entfernt hat.

    2

    DER HOF SPICHERMATT    Kann man das Unfassbare fassen? Kann man dem Sinnlosen einen Sinn geben? Joller rang bei der Niederschrift seiner Darstellung mit diesen Fragen. Weshalb wurde gerade er, seine Familie, sein Haus und letztlich sein Leben von diesen schrecklichen Ereignissen ergriffen und gepackt? Fassungslos stand er seinem eigenen Schicksal gegenüber. Schreibend zwang er sich die Haltung des rationalen Beobachters auf, der nur berichtete, was er selber sah, hörte und spürte. Allein aus dieser Distanz konnte er den Versuch wagen, die Flut der Erlebnisse und Empfindungen in eine darstellbare Ordnung zu bringen.

    Vom Tag seiner Geburt an, dem 1. Januar 1818, lebte Joller in der Spichermatt in Stans. Einzige Ausnahme waren die Jahre seines Studiums in Luzern, Freiburg und München. Er wuchs hier als jüngstes Kind zusammen mit vier Schwestern auf, fünf weitere Geschwister starben sehr früh. Hier lebte er als junger Advokat nach dem Studium, hierher zog seine Frau, hier «blühten mir sieben gesunde Kinder, 4 Knaben und 3 Mädchen». Als einziger Sohn erbte er Haus und Hof, als sein Vater 1845 starb. Das Haus war ihm mehr als eine Behausung, es war seine Heimat, er war «als neugieriges Kind bei allen Reparaturen» dabei gewesen, und also «war mir buchstäblich genommen kein fingerbreites Plätzchen unbekannt».

    In diesem Haus erlebte Joller zusammen mit seiner Familie die unerklärlichen Erscheinungen, die ihn auf eine tragische Art haben berühmt werden lassen. Hier überkam ihn das Grauen, hier durchlebte er die schrecklichen Tage und Nächte, die ihn schliesslich in die Flucht trieben.

    Durch das Tal von Stans führte damals kein Durchgangsweg. Einzig die Verbindung zum Klosterdorf Engelberg passierte das 2000-Seelen-Dorf. Haus und Hof Spichermatt standen in der Ebene, umgeben von schroffen Bergflanken, direkt an der Landstrasse vom Vierwaldstättersee bei Stansstad nach Stans. Der Stanser Dorfkern mit der Kirche, dem Rathaus, verschiedenen Gasthäusern und stattlichen Bürgerhäusern war in etwa einer Viertelstunde zu Fuss erreichbar. Um von der Spichermatt in die benachbarten Dörfer Ennetbürgen, Buochs und Beckenried zu gelangen, musste man das Dorf Stans nicht durchqueren. Es bestanden direkte Wege über die noch nicht entwässerte Ebene, auf der heute der Flugplatz Buochs liegt. Gegen den Nordwind war das Haus durch den Bürgenberg geschützt, dessen steile Flanke dem Haus sehr nahe kam. Gegen Osten war die Landschaft verhältnismässig offen, der Blick ging in die Richtung des Talkessels von Schwyz und wurde erst begrenzt von den beiden Mythen. Im Süden stand mächtig das Stanserhorn. Es beraubte im Winter einen Teil des Stanser Dorfes jeglicher Sonneneinstrahlung, die Spichermatt lag freilich ausserhalb dieser Schattenzone. Im Westen schränkte die Anhöhe von Ennetmoos den Blick ins benachbarte Obwalden ein, erlaubte aber bei entsprechender Wetterlage eine wunderbare Sicht auf die Obwaldner und teilweise auch in die Berner Alpen. In Jollers eigenen Worten stand das Haus «in einer der freundlichsten und sonnigsten Lagen des Stansertales».

    Der Vorgängerbau war in den Wirren des Nidwaldner Krieges vom September 1798 in Flammen aufgegangen. Die Familie hatte dringend eine neue Behausung gebraucht. Diese wurde nach dem damals in Nidwalden üblich gewordenen Bauernhaus-Typus gebaut: Ein leicht abgesenktes, gemauertes Erdgeschoss enthielt neben dem eigentlichen Keller die Käserei, «Hütte» genannt, und den möglichst kühlen Milchkeller. Auf diesem Kellergeschoss ruhten zwei aus Holz aufgebaute Vollgeschosse und zwei Dachgeschosse. Im unteren Wohngeschoss befanden sich die Stube, die Nebenstube und die Küche, im oberen eine unterschiedliche Anzahl als «Kammern» bezeichnete Zimmer. Im unteren Dachgeschoss lag ein grosser Raum, der «Saal». Je nach Reichtum und Geltung der Besitzerfamilie war der «Saal» fast leer oder aber zu einem repräsentativen Raum für Empfänge ausgebaut. Zuoberst unter dem Dachgiebel befand sich die «Diele», wo die Wäsche zum Trocknen aufgehängt wurde.

    Nach diesem Schema wurde das Haus Spichermatt errichtet, drei Jahre nach dem kurzen, aber zerstörerischen Krieg. Diesem waren am 9. September 1798 rund 400 Bewohnerinnen und Bewohner Nidwaldens und etwa 100 französische Soldaten zum Opfer gefallen, die Dörfer Stans, Stansstad, Ennetmoos und Buochs waren stark zerstört worden. Bis heute benennt der Volksmund in Nidwalden dieses Ereignis als «Franzosenüberfall». Der Neubau scheint freilich die Bauherrschaft finanziell sehr belastet zu haben, führte man ihn doch, wie Joller selber schreibt, «sehr einfach und flüchtig» aus, «um möglichst bald wieder unter ein eigenes Dach zu kommen». Verwendet wurden Balken, die nur etwa zwei Drittel der üblichen Stärke aufwiesen. Teilweise wurden Baumstämme der Länge nach zu zwei Balken geschnitten. Um Material zu sparen, wurde dies bei

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