Kursbuch 188: Kalter Frieden
Von Peter Felixberger (Editor) und Armin Nassehi (Editor)
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Über dieses E-Book
Mit Beiträgen von Wolfgang Schmidbauer, Karsten Fischer, Ulrike Guérot, Micha Pawlitzki, Bernd Stiegler, Deniz Yücel, Manon Clasen, Stephan G. Humer, Klaus Hofmann, Johann Hinrich Claussen und Armin Nassehi.
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Rezensionen für Kursbuch 188
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Buchvorschau
Kursbuch 188 - Peter Felixberger
Armin Nassehi
Editorial
Dass Frieden, verstanden als die Abwesenheit von Krieg, von geplanter oder roher Gewalt, von militärischen Auseinandersetzungen, von Tod und Zerstörung seinem Gegenteil vorzuziehen ist, ist trivial. Weniger trivial ist, von welchem Frieden die Rede ist. In der Kriegstheorie von Clausewitz war der Krieg letztlich das Mittel, der Frieden der Zweck, der sich freilich vom Kriege her verstand. Insofern hat der Krieg mehr Informationswert, weil er eben als Mittel Sichtbareres erzeugt als sein Derivat, der Frieden. Man mache nur den Test und suche nach Medienmeldungen über den Krieg und solchen über den Frieden. Der Krieg kommt gewissermaßen aus eigener Logik vor. Er ist für sich eine Meldung wert. Er hat Ereignischarakter und macht damit einen Unterschied. Der Frieden ist dagegen nichts, das aus eigener Kraft einen Informationswert hätte, sondern nur als negativer oder (wie man will) positiver Gegenwert des Krieges.
In diesem Kursbuch geht es um Temperamente. Der kalte ist dem heißen Krieg allemal vorzuziehen – und erstaunlicherweise gilt das auch für den Frieden. Wir nennen dieses Kursbuch Kalter Frieden, weil wir skeptisch sind, dass ein »heißer Frieden«, also einer, der starke Voraussetzungen im Hinblick auf gemeinsame Bekenntnisse, auf friedliche Mobilisierung, auf starke Gefühle und hohen Energiefluss hat, unrealistischer ist als ein kalter Frieden. Ein kalter Frieden gibt sich schon damit zufrieden, dass die zivilisatorische Eisdecke hält – denn je heißer der Frieden begründet wird, desto heißer müsste er auch verteidigt werden. Vielleicht ist die größte Utopie, alle Amplituden möglichst niedrig zu halten. Deshalb legen wir ein Kursbuch vor, das sich in erster Linie mit Temperamenten beschäftigt. Die Beiträge ringen alle um das angemessene Maß an kühlem Temperament.
Wolfgang Schmidbauer weist darauf hin, wie brüchig die zivilisatorische Eisdecke ist, wenn es zu Selbstgefühlskrisen kommt, Karsten Fischer weist auf die zivilisatorische Leistung des Irrtumsvorbehalts bei allen Entscheidungen hin, und Ulrike Guérot plädiert dafür, die Friedensordnung Europas endlich von ihrer Kriegsgeschichte zu emanzipieren.
Bernd Stiegler zeigt, wie selbst die bildliche Darstellung des Grauens in Zeiten des kalten Friedens der Selbststabilisierung dient. Deniz Yücel rekonstruiert die Geschichte der Türkei, deren innerer Frieden stets an ziemlich heißen Konfliktlinien mühsam und oft wenig erfolgreich verteidigt werden musste, und Manon Clasen und Stephan G. Humer machen drauf aufmerksam, dass das Internet anders, als der erste Eindruck im Hinblick auf den semantischen Zivilisationsverlust in den sozialen Medien suggeriert, ein weniger gefährlicher Ort ist, als man bisweilen erwartet. Mein eigener Beitrag weist darauf hin, dass Gesellschaften nur pazifiziert werden müssen, weil sie es nicht per se sind.
Klaus Hofmanns literarisches Stück handelt von einer fiktiv-utopischen Republik Kanaan, die das heutige Israel mit den Palästinensern in einem Staat vereinigt. Das Stück ringt um niedrigschwellige Formen eines friedlichen Zusammenlebens und ist ebenfalls vor allem temperamentsensibel.
Die Beiträge dieses Kursbuchs entfalten keine gemeinsame Programmatik, kommen aber aus ganz unterschiedlichen Perspektiven darauf, welcher Vorteil es sein könnte, das, was uns zusammenhält, möglichst niedrigschwellig und kühl zu halten. Das ist weniger pathetisch als andere Lösungen, aber produziert dann vielleicht auch weniger Pathologisches, wenn man den Verlust zivilisatorischer Selbstkontrolle mit guten Gründen für einen ungesunden Zustand hält.
Die Fotografien des österreichischen Atomkraftwerks Zwentendorf das nie ans Netz gegangen ist, also kalt und friedlich blieb, sind gerade in ihrer aufdringlichen Kälte faszinierend. Micha Pawlitzkis Aufnahmen negieren das Pathos geradezu pathetisch!
Wir danken Johann Hinrich Claussen für den 16. Brief eines Lesers.
Johann Hinrich Claussen
Brief eines Lesers (16)
Ein akademischer Lehrer von mir hatte – so erzählte er zumindest, ich habe es natürlich nie überprüft – immer das aktuelle »Kursbuch« der Bahn auf seinem Nachttisch liegen. Anders als andere Leute las er kein Buch, um nachts in den Schlaf zu finden. Bücher las er ja schon den ganzen Tag. Um diesen hinter sich zu lassen, griff er lieber zum »Kursbuch«, dachte sich eine Reise aus und suchte dann die eleganteste Verbindung. Bei großer, schon bereitstehender Müdigkeit mag das nur die Strecke Tübingen–Göttingen gewesen sein. Wenn der Schlaf aber so gar nicht kommen wollte, wird er gezwungen gewesen sein, die Züge von Bilbao nach Detmold herauszusuchen. Inzwischen hat die Deutsche Bahn den Druck von »Kursbücher« aufgegeben. Man braucht sie nicht mehr in papierener Form. Online steht das gesamte Verbindungswissen der Bahn viel besser und schneller zur Verfügung. Für meinen Professor brachte dieser Zugewinn an Bequemlichkeit den Verlust eines lebenslangen Vergnügens und einer verlässlichen Einschlafhilfe. Ich weiß nicht, was ihn seitdem zur Nachtruhe bringt.
Um heute Verbindungen zu ziehen, braucht es kein »Kursbuch«. Nichts ist leichter, als von A nach B zu kommen. Das ist selbstverständlicher digitaler Service und keine gedankliche Leistung mehr. Deshalb reagiere ich eher müde, wenn ich intellektuelle Richtungsanzeigen lese. Allgemeine Begriffe, soziologische Generalthesen, epochale Einteilungen, Zuordnungen von Phänomenen zu Trends – solche Verknüpfungen interessieren mich wenig. Sie überraschen mich nicht, schließen mir nichts auf, stoßen bei mir keine neuen eigenen Gedanken an. Sie erscheinen mir im tieferen Sinne als langweilig: weil sie ohne Überraschungen sind und weil ihre Leistung sich darauf beschränkt, das Chaos der Dinge und Ereignisse in eine gedankliche Ordnung zu bringen. So funktionieren Geistes- und Gesellschaftswissenschaften leider zu einem großen Teil: Sie nehmen sich Phänomene vor, geben ihnen Namen, kategorisieren sie, stellen sie an einen bestimmten Ort in einem System und haben so die verwirrende Wirklichkeit zumindest gedanklich aufgeräumt. Doch was ist damit erreicht?
Auch frage ich mich: Wenn es heute so leicht ist, Verbindungen zu ziehen und selbst von einem Ort zum anderen zu gelangen, braucht es dann noch ein »Kursbuch«, das einem Richtungen anzeigt? Oder müsste die Aufgabe einer solchen Publikation nicht eher darin bestehen, einen den Ort sehen und verstehen zu lassen, an dem man gerade ist. Denn so flink man die Informationen erhält, wie man von hier nach dort gelangt, so schwer ist es doch, den eigenen Lebensstandort zu durchschauen und die Lebenswelt anderer im Ernst kennenzulernen. Deshalb interessieren mich dichte Beschreibungen konkreter, exemplarisch bedeutsamer Dinge.
Deshalb hat mich beim letzten Kursbuch mit dem Titel Welt verändern der Beitrag ohne Worte am meisten begeistert. Fotos von Olaf Unverzart zum 100. Geburtstag seiner Großmutter. Man sieht einen Menschen, der sich sehr verändert hat und sich doch etwas Unveränderliches bewahrt zu haben scheint: die sehr alte Frau und ihr Gebet, durchscheinende Haut und alternde Gewänder, Frühlingsbaum und Rosenkranz, Schwäne und Hörgerät, Ehering und karges Brot mit Fleischsalat, Papstbilder und dritte Zähne. Als ich diese Fotos betrachtete, die zeigen, was hier noch da ist, fragte ich mich, warum man eigentlich die Welt immerzu verändern will. Sie verändert sich ja schon selbst – ganz von allein. Es würde doch genügen, wenn man auch nur etwas von dem Guten bewahrte.
Wer je in irgendeiner Institution Verantwortung getragen hat, weiß, welche administrative, gedankliche und körperliche Anstrengung es kostet, gute Dinge zu bewahren und Normalität am Leben zu erhalten. Vielleicht reden deshalb viele Verantwortungsträger lieber davon, »Zukunft zu gestalten«, irgendetwas »zukunftsfähig zu machen« und was der hässlichen Floskeln mehr ist. Eine halbwegs gelingende Normalität, ein geregelter Alltag ohne Not und Grauen, eine verlässliche Herrschaft des Rechts, eine gute Ordnung – das wäre schon ziemlich viel. Deshalb nähere ich mich dem neuen Heft mit einer skeptischen Neugier. Sein Titel lautet Kalter Frieden. Das Adjektiv »kalt« ist meist negativ besetzt: Kalter Kaffee schmeckt scheußlich, kalte Menschen sind ohne Liebe, bei kalter Nässe geht man nicht raus. Das Gegenteil lautet entweder »heiß« – das klingt wild, schön, begehrenswert – oder zumindest »warm« – also freundlich, bergend, vertrauenswürdig. Heißt dies, dass ein »kalter Frieden« weniger wert wäre als ein »heißer Krieg«, nicht viel besser als ein »kalter Krieg«? Aber wie soll ein Frieden denn sein, wenn nicht kühl? Frieden ist ja kein Garten Eden, der so wohltemperiert ist, dass man wie Adam und Eva nackt in ihm herumgehen kann. Frieden ist Recht und Ordnung, Schutz vor Raub und Mord, Gesetz und Gefängnis, eine Grenze für die Gewalthaber und Gewalttäter, Lebensmittelkontrolle und Eingangsstempel, Emissionsschutz und Zebrastreifen. Frieden ist der kahle, nüchterne Platz, auf dem Konflikte fair und ohne größere Verletzungen ausgetragen werden. Er lebt deshalb von der Herabregelung der Temperaturen. Er ist notwendigerweise kühl oder – besser gesagt – lau.
Das Laue aber wird gern verachtet (Jesus von Nazareth hat es vorgemacht). Aber wie viel wert ein lauer Frieden ist, zeigt schon der Blick über den Atlantik. Indem die Vereinigten Staaten von Amerika bestimmte Gesetzesverstöße nicht im Rahmen einer Friedensordnung, nämlich polizeilich, bekämpfen, sondern ihnen den Krieg erklärt haben (war on terror, war on drugs), sind sie in einen Kampf gezogen, den sie nicht gewinnen werden und in dem sie Wesentliches von dem, was sie im Kern ausgezeichnet hat, verloren haben. Deshalb möchte ich verstehen, was einen – kalten, kühlen oder lauen – Frieden auszeichnet und wie er bewahrt werden kann. Denn er ist der Ort, an dem ich lebe und leben will. Ich bin gespannt, ob das neue Kursbuch nicht erklärt, wo es von hier aus hingeht, sondern wie ich dieses Hier und Jetzt so verstehen kann, dass ich einen Beitrag zu seinem Erhalt zu leisten vermag. Dann wäre es mir keine Einschlafhilfe, sondern eine aufregende Lektüre.
Wolfgang Schmidbauer
Der entgrenzte Suizid
Narzisstische Kränkung im kalten Frieden
Die meisten gewissenhaften Selbstbeobachter werden zugeben, dass ihnen Mordimpulse nicht gänzlich fremd sind. Kaum einer hat das in einer so schönen Mischung von Idylle und Schauder vorgetragen wie Heinrich Heine:
»Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.« (Heinrich Heine, Gedanken und Einfälle)
Der Dichter bekennt sich zu seiner Mordlust gegen jene, die ihn gekränkt haben. Aber er nimmt die Tat nicht selbst in die Hand, er wünscht sich, es möge ihm jemand die Henkersarbeit abnehmen. In der bürgerlichen Schicht hatte man damals noch Personal.
In Heines Notiz fällt der Zusammenhang zwischen Vereinfachung und Todeswunsch auf. Dem Dichter ist das städtische Leben mit seinen verletzenden Rivalitäten und seiner Unübersichtlichkeit zu kompliziert, er will es einfach haben. Und in der Tat ist der Tod der größte Vereinfacher und Kränkungslinderer von allen – einmal abgesehen davon, dass die Endlichkeit des Lebens selbst eine tiefe Kränkung darstellt. Die einem buddhistischen Weisen zugeschriebene Variante des Heine-Themas ist der Rat: »Meditiere am Ufer des Flusses, bis die Leiche deines Feindes vorbeitreibt.«
Noch viel stärker verbreitet ist die Fantasie vom Selbstmord als Erlöser, glänzend dramatisiert in Hamlets Monolog. Mit einem ausgeführten Suizid hat sie wenig gemein. Ich erinnere mich, wie im Alter von vier Jahren eine Ärztin schalt, weil ich angesichts einer drohenden Injektion schrie: »I mog nimma lem!« (hochdeutsch: Ich mag nicht mehr leben). Vielleicht erriet die strenge Frau Doktor, dass meine Absicht, sich dem Diphtherieserum durch solchen Todesmut zu entziehen, ihrer ärztlichen Kunst ins Gesicht spuckte.
In Fantasien wird der Selbstmord mehrfach genutzt: einmal, wie schon in der kindlichen Szene, als Wunschbild, um sich Angst und Schmerz zu entziehen; oft auch als symbolische Rache an jenen, die mich zu diesem Akt genötigt, die mich aus dem Leben vertrieben haben. Eine Fantasie, wie die Eltern am Grab des Kindes, das sie lebend missachtet haben, weinen, wird oft berichtet. Selbstmord ist bei jungen, körperlich gesunden Menschen nur ganz selten eine sozusagen unsoziale, nicht auf die Lebenden, sondern allein auf das eigene Ende gerichtete Tat.
Seit dem 11. September 2001 ist der Mann, der sein Leben opfert, um möglichst viele zu töten und ein Zeichen zu setzen, Symbol einer neuen Gefahr. Er verbindet die Todessehnsucht des Gekränkten mit dessen Mordlust zu einem archaischen Geltungswahn, der die triviale Mythologie der Drehbücher von Mortal Kombat umsetzt: In einer Schattenwelt müssen die Opfer ihren Mörder bedienen und seine Macht steigern. Politisch weniger bedeutungsvoll, aber wegen des wahllosen Mordens dem Terroristen zum Verwechseln ähnlich: Der Amoktäter, der seine Mitschüler, seine Lehrer oder einfach die jugendlichen Gäste in einem Lokal niederschießt.
Wie angespannt die gesellschaftliche Stimmung ist, wie wenig es den durch Bürokratie gegängelten und durch Sicherheit verwöhnten Mitteleuropäern gelingt, krasse Ereignisse einzugrenzen und möglichst viel Normalität um sie herum zu bewahren, hat sich nach einem Schüler-Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum gezeigt. Kurz vorher hatte es in Bayern einen ersten Fall von islamistischem Terror gegeben – einen 17-Jährigen, der mit Axt und Messer in einem Vorortszug auf Reisende losging.
Der bayerische Löwe fängt den eigenen Schwanz
Vom Abend bis nach Mitternacht stand München an einem Tag im Juli 2016 unter Schock. Das gesamte Netz der öffentlichen Verkehrsmittel und der Hauptbahnhof wurden auf polizeiliche Anordnung gesperrt und stillgelegt, Hubschrauber kreisten über der Stadt, Straßen und Plätze waren wie ausgestorben. Es twitterte überall, es hieß, drei Männer mit Langwaffen seien aus dem einzigen Ort, wo es Schussverletzte gab, geflohen – einem Einkaufszentrum im Nordwesten. Männer mit Langwaffen – das sind Terroristen, das ist kein Amoklauf eines Jugendlichen, wie die ersten Zeugenaussagen hatten vermuten lassen. Bald wurden auch Schüsse gehört und in die Gerüchteküche der sozialen Medien eingespeist, deren Macht zuerst die kritische Haltung der Polizei und in der Folge die ganze Stadt lahmlegte.
Nicht existierende Terroristen wurden mit einem riesigen Aufgebot an Einsatzkräften, Blaulicht und Hubschraubern im ganzen Stadtgebiet gesucht. Irgendwann stellte sich heraus, dass die Männer mit den Maschinenpistolen Polizisten in Zivil waren, deren Auftritt am Tatort Zeugen im Geist ihrer Ängste erlebt
