Kursbuch 190: Stadt. Ansichten.
Von Peter Felixberger (Editor) und Armin Nassehi (Editor)
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Buchvorschau
Kursbuch 190 - Peter Felixberger
Armin Nassehi
Kein Editorial
Urbanität als Anerkennungsmedium
Hier steht üblicherweise das Editorial. Dies ist kein Editorial. Das Editorial hat etwas Zentralistisches, es ist eine Textsorte, die so tut, als kontrolliere sie den Rest des Kursbuchs – auch wenn alle Welt weiß, dass es erst geschrieben wird, wenn es nichts mehr zu kontrollieren gibt, also zum Schluss, damit es am Anfang stehen kann. Ein Editorial entspricht der Ästhetik des Städtischen, widerspricht aber der Praxis des Städtischen. Auch Städte sehen ästhetisch oft so aus, als hätten sie ein Editorial – eine erzählbare Geschichte, einen Namen mit Legende, ein Zentrum mit Prunk oder ein repräsentatives Ensemble, das sich wie eine Art Kontrollzentrum ausgibt. Aber auch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Städte eher dezentral operieren – was gerade deshalb zentralistische Instanzen wie Stadtplaner und Ordnungsagenten anzieht. Je mehr Planungsinstanzen, desto weniger Kontrolle.
In der Stadt ist man aber immer schon drin, egal, wo man einsteigt, reinfährt, aussteigt oder landet. Es muss nicht das Zentrum sein, auch nicht der Anfang, nicht einmal der Ort selbst. Wir steigen also beliebig ein, nämlich hier: Hier geht es nicht um Städte, sondern um Urbanität. Die folgenden Überlegungen sind keine empirischen Überlegungen, sondern eher begriffliche oder besser: diagnostische Überlegungen. Sie sollen freilegen, wovon wir eigentlich reden, wenn wir vom Städtischen reden – vom Städtischen, nicht von konkreten Städten. Städte sind relativ späte Erfindungen der Menschheitsgeschichte, auch wenn vormoderne Hochkulturen sogar begrifflich am Städtischen orientiert sind. Es ist übrigens umstritten, was unter Städten zu verstehen sei. Sie haben keine klaren Grenzen, man kann sie im soziologischen Sinne nicht als Systeme beschreiben. Sie sind keine Gesellschaften, aber auch keine Organisationen. Was Städte aber ausmacht, ist ein Raum- oder besser Ortsprinzip. Städte sind stets irgendwo. Man findet sie auf Landkarten, man kann die Welt danach beschildern, wo Städte sind. Sie sind also Orte, an denen etwas geschieht.
Vielleicht kann man für den europäischen Fall drei Idealtypen solcher Örtlichkeiten unterscheiden: das Dorf, das Kloster und die Stadt. Das Dorf ist vor allem von Gleichartigkeit geprägt. Tätigkeiten, die innerhalb eines Dorfes verrichtet werden, sind nicht wirklich gleich, aber insofern gleichartig, als sie sichtbar aufeinander bezogen sind und deshalb sehr sensibel auf Abweichung und Varietät reagieren. Hier hat alles und jeder und jede einen Ort, Rollen sind transparent und bekannt. Das Kloster dagegen ist wie eine Organisation aufgebaut, mit klarer arbeitsteiliger Struktur und vor allem mit dem Medium der zentralistischen Entscheidbarkeit von Sachverhalten und spezifischen Mitgliedschaftsrollen – deshalb waren Klöster in manchen Regionen mindestens so starke Modernitätsgeneratoren wie Städte. Diese beiden Sozialformen bringen zueinander passende Formen miteinander in Verbindung.
Städte dagegen haben es mit der Koordination von Disparatem zu tun, mit starken Unterschieden im Hinblick auf Tätigkeitsfelder, Aufgaben, Funktionen, Milieus und im Hinblick auf soziale Ungleichheit. Schon diese erste Annäherung sollte deutlich machen, dass das Städtische vor allem mit Unterschiedlichem zu tun hat, Komplexität und Unsichtbarkeit bewältigen muss.
Im Gegensatz zu den beiden anderen Formen kommt in Städten zusammen, was nicht zusammengehört. Das Bild von Städten ist davon geprägt, dass auf engstem Raum Unterschiedliches und fast Unkoordinierbares aufeinandertrifft. Man kann es an den Gebäuden und an den Menschen sehen. Kirchen und Produktionsbetriebe, Verwaltungen und Kulturinstitutionen, Universitäten und Schulen, Regierungen und Oppositionen, Parlamente und Standesorganisationen, Verkehr und Erholung, Wohnungen und Konsumorte, unterschiedliche Milieus, Schichten und Klassen, verschiedene Kulturen, maximal verschiedene Lebensformen, moralische Gewohnheiten, sogar unterschiedliche Sprachen, dunkle Ecken und Löcher ebenso wie das Licht der Aufklärung, gerade Straßen und krumme Gassen, geplante und gestaltete Boulevards ebenso wie Ensembles ohne Plan, Industrie und Handwerk, Szenen und Zonen, Lautstärke und Stille, Verbrechen, Sünde und Tugendhaftigkeit, das Bordell ebenso wie der bürgerliche Verein, Sichtbares und Unsichtbares, öffentliche Räume und private Räume, Distinktionsbemühungen und Einheit. Alles, was Gesellschaften ausmacht, nämlich die Gleichzeitigkeit all dieser Formen, kommt in den Städten räumlich zusammen.
Es kommt wirklich zusammen, was nicht zusammengehört – deshalb gehören zum Urbanen stets eine konfliktträchtige Dynamik und der Versuch ihrer Kontrolle. Vielleicht sind die historisch entscheidenden Charakteristika des Städtischen die Stadtmauer und die Polizei – beide versuchen, wenigstens die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten. Die Stadtmauer kann kontrollieren, was und wer rein- und wieder rauskommt, aber sie kann nicht konditionieren, wie sich das Innen zu Ensembles gruppiert. Und die Polizei passt auf.
Urbanität ist ein Prinzip der Vielfalt und der Verschiedenheit – nicht als wohlfeiles Programm oder als normative Idee, sondern als Konsequenz eines Ortes, an dem sich tatsächlich ballt, was modernisierende Gesellschaften ausmacht. Die Begriffe Vielfalt und Diversität sind in der Gegenwart eher normativ aufgeladen, sie sind Kampfbegriffe im Kulturkampf der Gegenwart geworden – wenn man die Frage der Urbanität ernst nimmt, dann sind Städte per se, oft auch gegen den Willen und gegen die Motive der Akteure, bereits divers, vielfältig – wie sagt man so schön? –, bunt! Es lohnt sich, dieses Verständnis kurzzeitig einzuklammern, um es wirklich verstehen zu können – zumal auch die Protagonisten des Bunten oftmals ziemlich einfältig sein können, wenn sie die anderen, die, die das Bunte verwünschen, gerne exkludieren würden. Paradoxerweise gehören zum Städtischen stets auch die Protagonisten der Einfalt, geschlossene Gruppen, Einheitsfanatiker. Sie gehörten immer auch zur Vielfalt der Städte dazu – und das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Man könnte sagen: Vielfalt ist ein funktionales Erfordernis, eine Unvermeidlichkeit, die nur um den Verlust des Urbanen eingeschränkt werden kann. Insofern kann man tatsächlich behaupten: Es kann durchaus nicht urbane Städte geben!
Städte sind aufgrund ihrer strukturellen Vielfalt und inneren Diversität immer konflikthaft und eigensinnig. Und gerade weil sie keine klare Einheit haben oder sind, haben sie oft klingende Namen und Legenden, die auch stets für eine bestimmte Praxis stehen, für ein Arrangement all der Dinge, die nicht zusammengehören. In den Städten ereignet sich erst jener Austausch von Unterschiedlichem, der für Komplexitätsaufbau sorgt, dafür, dass Dinge geschehen, die man sich vorher nicht vorstellen konnte. Künste, Wissenschaften, religiöse Formen, politische Willensbildung, Kritik und Revolutionen, Unkontrollierbares, Risiken usw.
Städte sind Gebilde, die sich selbst kontrollieren müssen. Und dies ist das Entscheidende: Was ist hier das Medium der Kontrolle? Im Dorf ist es die Sichtbarkeit und Transparenz, die jede Abweichung registriert und deshalb einschränken kann. Im Kloster ist es die kontrollierte Arbeitsteilung. In der Stadt aber ist es eine Handlungskoordination, die dezentral erfolgen muss, weil es den zentralen Ort der Handlungskoordination nicht gibt. Im Unterschied zu Dorf und Kloster ist das eine Handlungskoordination unter Fremden. Die Dörfler kennen sich, die Klosterbrüder sowieso, aber Städter bleiben sich fremd.
Urbane Lebensformen sind nur deshalb möglich, weil sich in den Städten vor allem Fremde begegnen. Es klingt auf den ersten Blick vielleicht paradox, aber gerade in den Ballungsräumen, in denen sowohl räumliche Nähe als auch funktionale Abhängigkeiten untereinander extrem gesteigert werden, werden die Grenzen der Gemeinschaft, die Unmöglichkeit, das gesellschaftliche Leben auf direkte persönliche Reziprozität aufzubauen, besonders deutlich. Distanz und persönliche Neutralität treten an ihre Stelle. Kurz: Nur weil man reden, argumentieren, deliberieren könnte, sind Schweigen und Distanzierung eine Option.
Die Urbanität der Städte lebt vom Privileg, in Ruhe gelassen werden zu können. Nur in Städten kann es gelingen, Hunderten von Fremden zu begegnen und niemand von ihnen bedrohlich zu finden. Nur in Städten kann man wirklich allein sein – weil so viele andere da sind. Nur in Städten bleibt man unbeobachtet – weil der andere eben ein Fremder ist. Nur in Städten kann man in Ruhe gelassen werden – weil andere da sind, die auch in Ruhe gelassen werden wollen. Und übrigens gibt es letztlich auch nur dort Freundschaft im engeren Sinne, weil solche Freunde eben keine Freunde sein müssen, sondern auch anders könnten und es nur deshalb auch wollen können. Die Zukunft der Städte wird sich daran erweisen, ob es gelingt, dieses Privileg der Fremdheit zu erhalten. Die Möglichkeit, in Ruhe gelassen zu werden, setzt voraus, dass viele andere da sind, die auch in Ruhe gelassen werden wollen. Und all das setzt Verhaltensweisen voraus, an die sich die anderen ohne Einwirkung von außen auch halten. Urbanität lebt von Innenregulierung, nicht von Außenregulierung.
Und dies ist das Medium der urbanen Selbstkontrolle: Urbanität als äußere Struktur zeigt sich im Habitus der Städter. Urbanität ist mehr als eine Idee, mehr als eine Theorie, mehr als ein Anlass für hehre normative Sätze, mehr als ein Konzept. Urbanität ist eine Praxis, die habituell eingeübt werden will. Sie leitet die Bewegung der Körper ebenso an wie die Blicke der Menschen. Auch Fremdheit muss eingeübt werden. Der indifferente Blick, nicht auf den anderen zu reagieren, sich trotz Sichtbarkeit unbeobachtbar zu machen, Blicke ebenso wie Nichtblicke aushalten zu können, all das muss der Körper und müssen die Augen, muss die innere Aufmerksamkeit und der eigene Wille praktisch einüben. Als Habitus liegt Urbanität in der Wechselseitigkeit der Bewegungen, gewissermaßen in einem aktiven Nichtstun, in differenzierter Indifferenz. Der Habitus des Urbanen ist nicht auf Konsens angewiesen. Er ist erst dann urban, wenn er in der Lage ist, nicht einmal Dissens zu registrieren, sondern Indifferenz. Der urbane Habitus gewöhnt sich an das andere, nicht, indem er das andere prinzipiell anerkennt oder die Handlungskoordination auf Freundschaft aufbaut, sondern im Gegenteil: indem er das andere ausklammern kann, wenn man es nicht anerkennen will. Die Anerkennung des Urbanen kann eine paradoxe, eine fraktale Form der Anerkennung sein. Sie kann eine anerkennende oder eine nicht anerkennende Form der Anerkennung sein – aber sie gibt sich mit dem anderen zufrieden. Unter diesen Bedingungen haben ethnische, kulturelle, sexuelle und sonstige Minderheiten die besten Überlebenschancen – nicht dort, wo sie auf explizite Anerkennung angewiesen sind, sondern dort, wo dies implizit erfolgt. Vielleicht ist die gegenwärtige Betonung dieser Minderheitenpositionen als ostentative Adressen für explizite Anerkennung ein nicht urbanes Missverständnis, weil auch die Mehrheitspositionen auf zu starke Formen der expliziten Ansprache verzichten können. Vielleicht.
Urbanität hält Differenz aus, ohne sie begrüßen zu müssen. Insofern können auch die Einfältigen urban sein, wenn sie nur darauf verzichten, das andere zu beleidigen oder zu bekämpfen. Unter diesen Bedingungen entsteht eine Solidarität, die dann paradoxerweise gerade deshalb in der Lage ist, von konkreten persönlichen Merkmalen abzusehen, weil diese keine Rolle spielen müssen. In den partikularen Gruppen unserer Milieus, unserer Familien, Berufsgruppen, kulturellen Bestätigungsgruppen usw. sehen wir genauer hin. Aber Urbanität zeichnet sich dadurch aus, auch den Fernsten auszuhalten. Vielleicht meint die christliche Nächstenliebe so etwas – eine bedingungslose Form der Anerkennung des anderen, der ganz unabhängig von konkreten Anerkennungsmerkmalen anerkannt bleibt.
Wenn man ganz genau hinsieht, kann man gerade in dieser so gefühlskalt beschriebenen Form tatsächlich die aufklärerische Idee des Menschen sehen – Menschen im emphatischen Sinne gibt es erst, seit man diese Wesen mit einer gewissen Unterbestimmung ausstattet, die sie trotz faktischer und sozialer Ungleichheit zu Gleichen macht, zu vernunftbegabten tabulae rasae, deren Benutzoberfläche nur die Kontingenz der Welt widerspiegelt, deren Kern aber rechtlich geschützt, anthropologisch anerkannt und für allgemeine Leistungen anspruchsberechtigt macht. All das hängt davon ab, von der konkreten Person absehen zu können, um die konkrete Person davon profitieren lassen zu können. Urbanität ist das Medium, in dem dies historisch möglich wird und eingeübt werden kann. Es ist eine fragile Form der Sozialität – deshalb ist derzeit auch Urbanität das Ziel von Terroranschlägen. Der Terror in den Städten nutzt die Potenziale der Urbanität, um sie zu bekämpfen. Der islamistische Kämpfer oder rechtsradikale Anschlagstäter bewegt sich indifferent wie jeder andere – er nutzt die Unsichtbarkeit, die er zerstören will.
Urbanität ist aber nicht der Regelfall – Urbanität kann verfehlt und gesteigert werden. Aber mit dem Konzept der Urbanität hat man einen Kriterienkatalog bei der Hand, an dem man den Charakter des Städtischen messen kann. Es ist weniger ein normatives als ein diagnostisches Konzept – und es ist offen genug, der Unterschiedlichkeit der Städte in ihren kulturellen, nationalen, strukturellen, historischen, räumlichen und sonstigen Gestalten Rechnung zu tragen. Wo der hier angedeutete urbane Habitus in Gefahr gerät, stimmt jedenfalls etwas nicht.
Janina Fleischer
Brief einer Leserin (18)
In ihrer Freizeit fahren Städter gern aufs Land. Sie füllen einen Picknickkorb mit Freilandeiern, glyphosatfreien Schrotsemmeln und Äpfeln aus der unmittelbaren Region. Sie holen den SUV mit Grip Control aus dem Stadtteil, in dem sie tags zuvor einen Parkplatz fanden, und reihen sich ein in den Stau Richtung Natur. Einfach mal für ein paar Stunden ohne Netz.
Manchmal ziehen sie auch ganz aufs Land. Wenn die Kinder Glück haben, sind sie da schon alt genug, sich ein WG-Zimmer in der Stadt nehmen zu können. Das kostet zwar mehr, als ein Erzeuger für 1000 Liter Weidemilch bekommt, liegt aber verkehrsgünstig zwischen Veganer Vleischerei und Bürger*innenbüro gegen Gentrifizierung. Wer mit 15 aufs Land muss, kann nichts dafür – wer es mit 50 noch will, hat nichts zu verlieren. Der Ruf des Dorfes lebt vom poetischen Realismus vergangener Zeiten: Natur, Nähe, Nachhaltigkeit.
Da draußen aber geht es nicht mehr wie bei Anton Tschechow zu: »Die Hunde haben die ganze Nacht gebellt – die witterten wohl, daß die Herrschaft kommt«, heißt es im Kirschgarten. Die Hunde sollte man heute im Griff haben, sonst flattert eine Klage ins Bauernhaus. Nicht jeder Hahn darf krähen, wann er will. Denn ist der Streit am Maschendrahtzaun nicht das Sinnbild der Deutschen? Und ruinieren die meisten Tatort-Leichen den Teppich nicht in einem Eigenheim?
Manchmal lässt sich etwas daraus machen: »Ihr Gut liegt nur zwanzig Werst von der Stadt ab, und es hat direkte Bahnverbindung: Wenn der Kirschgarten samt dem Terrain am Flusse parzelliert und mit Sommerhäuschen bebaut wird, können Sie sich ein Jahreseinkommen von mindestens 25 000 Rubeln sichern.« Als hätte Tschechow bei Engel & Völkers abgeschrieben.
So ein Städter sucht vor allem seine Ruhe. Während Landmenschen mit dem »Baikal IJ 512« Kaliber 4,5 Millimeter im Anschlag den Kirschbaum nicht aus den Augen lassen, laden sich Stadtleute Singvogelstimmen runter. Sie lagern auch nicht wie Oblomow in »besorgter Pose« auf dem Ost-Diwan. Sie schaffen sich was. Etwas Eigenes.
Es ist wie beim Kochen: Das Landhaus von heute ist der Thermomix der Parzelle. Die »Schweizer Pendelhacke« gibt es bei Manufactum, »She-Sheds-Damen-Hütten« im Hornbach-Katalog: »Diese Zweithäuser sind Ich-Zeit-Häuser, Yoga-Höhlen, Lese-Inseln, Kreativ-Hütten oder auch lichtdurchflutete Nähstuben im Freien.« Baumarkt statt Bauhaus. Fakten wie »Eigenheimzulage« und »Entfernungspauschale« haben Wörter wie »Ich-Zeit-Häuser« erst möglich gemacht. Oder »Wanderungsverluste«.
Zu den Themen der Frühsommerausgabe der Landlust, die im Zeitschriftenfachhandel neben Mein schönes Land, Landfreunde oder Liebes Land liegt, gehören »Ein Haus mit Weitblick« und »Der Zugezogene«. Hinter Letzterem verbirgt sich übrigens der Marderhund – nicht der Spätumsiedler mit Erbschaftshintergrund.
Was war eher da: Stadtflucht oder Landlust? Jahrelang haben Wissenschaftler und Künstler in Leipzig »Shrinking Cities« untersucht, jetzt planen sie ein Projekt zum Thema »Wachsende Stadt«. Wenn sie schrumpft, wird Alarm geschlagen, wenn sie wächst, wird Alarm geschlagen – kein Wunder, dass es so laut wird, dass alle nur noch raus wollen. Zumal es fürs Lebensglück nicht mehr genügt, »Guerilla-Gardening-Samenbomben« auf dem urbanen Grünstreifen zwischen Invest-Ruine und Town-Haus zu versenken. In der Dokusoap Ab ins Beet! bringt VOX seit über zehn Jahren Hobbygärtner in die Erde. Mit Erfolg.
Bei uns hieß so was früher Datsche. Es war die Ausweitung der Balkonzone bis zu einem Zaun, der eine Wiese zusammenhielt und im Frühjahr mit Carbolineum lasiert wurde. Tags gab es im Schuppen zu tun, abends am Grill. Im Dorf galt das Wort von Pfarrer, LPG-Chef und Konsum-Filialleiter. Wind, Kraft und Anlagen traten zwar auf, aber getrennt. Inzwischen kämpfen Bürgermeister, Aldi-Filialleiter und der Vorstand des Schützenvereins gegen Windmühlen.
Auf dem Land würde die DDR heute
