Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!
Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!
Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!
eBook255 Seiten3 StundenDas Haus Zamis

Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Kaum hat sich Coco Zamis mit dem Café Zamis in Wien etabliert, kündigt sich neues Unheil an: Ihr verschwundener Bruder Volkart schwebt in Gefahr. Schon einmal befand er sich in der Gewalt eines Nekromanten, von dem er sich erhofft hatte, seinen vor Jahren ermordeten Zwillingsbruder Demian zum Leben zu erwecken. Volkarts Schwarzes Tagebuch ist die einzige Spur, die er diesmal hinterlassen hat. Karl und Lilian wittern eine Falle und beschwören Coco, ihr Refugium, das Café Zamis, nicht zu verlassen …

Der 34. Band von "Das Haus Zamis".

"Okkultismus, Historie und B-Movie-Charme - ›Dorian Hunter‹ und sein Spin-Off ›Das Haus Zamis‹ vermischen all das so schamlos ambitioniert wie kein anderer Vertreter deutschsprachiger pulp fiction." Kai Meyer

enthält die Romane:
84: "Der Nekromant"
85: "Sonst fressen dich die Raben!"
SpracheDeutsch
HerausgeberZaubermond Verlag
Erscheinungsdatum7. Juni 2013
ISBN9783955722340
Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!

Andere Titel in Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben! Reihe ( 30 )

Mehr anzeigen

Mehr von Susanne Wilhelm lesen

Ähnliche Autoren

Ähnlich wie Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!

Titel in dieser Serie (69)

Mehr anzeigen

Ähnliche E-Books

Horrorfiktion für Sie

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben!

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Das Haus Zamis 34 - Sonst fressen dich die Raben! - Susanne Wilhelm

    Sonst fressen dich die Raben!

    Logo-HZ

    Band 34

    Sonst fressen dich die Raben!

    von Susanne Wilhelm und Catalina Corvo

    nach einer Story von Uwe Voehl

    © Zaubermond Verlag 2013

    © Das Haus Zamis – Dämonenkiller

    by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

    Lektorat: Reinhard Schmidt

    Titelbild: Mark Freier

    eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

    http://www.zaubermond.de

    Alle Rechte vorbehalten

    Was bisher geschah:

    Die junge Hexe Coco Zamis ist das weiße Schaf ihrer Familie. Die grausamen Rituale der Dämonen verabscheuend, versucht sie den Menschen, die in die Fänge der Schwarzen Familie geraten, zu helfen. Auf einem Sabbat soll Coco endlich zur echten Hexe geweiht werden. Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie der Dämonen, hält um Cocos Hand an. Doch sie lehnt ab. Asmodi kocht vor Wut – umso mehr, da Cocos Vater Michael Zamis ohnehin mehr oder minder unverhohlen Ansprüche auf den Thron der Schwarzen Familie erhebt.

    Nach jahrelangen Scharmützeln scheint endlich wieder Ruhe einzukehren: Michael Zamis und seine Familie festigen ihre Stellung als stärkste Familie in Wien, und auch Asmodi findet sich mit den Gegebenheiten ab. Coco Zamis indes hat sich von ihrer Familie offiziell emanzipiert. Das geheimnisvolle »Café Zamis«, dessen wahrer Ursprung in der Vergangenheit begründet liegt und innerhalb dessen Mauern allein Cocos Magie wirkt, ist zu einem neutralen Ort innerhalb Wiens geworden. Menschen wie Dämonen treffen sich dort – und manchmal auch Kreaturen, die alles andere als erwünscht sind …

    Erstes Buch: Der Nekromant

    Der Nekromant

    von Susanne Wilhelm

    nach einer Story von Uwe Voehl

    1.

    Café Zamis

    Aus dem untersten Fach hinter dem Tresen des Café Zamis starrte mich ein pelziger Klumpen an. Es war gerade einmal zwei Wochen her, dass Karl und ich die Renovierungsarbeiten an dem Kaffeehaus abgeschlossen hatten. Dennoch hielt bereits wieder die Schmuddeligkeit Einzug, die in dem Laden geherrscht hatte, als er noch »Espresso Rosi« geheißen hatte. Aus zusammengekniffenen Augen musterte ich das undefinierbare Etwas in dem Fach. Bei genauerer Betrachtung glaubte ich, eine ungefähr dreieckige Form zu erkennen. Doch das meiste war unter flauschigem Schimmel verborgen.

    Ich hatte ganz bestimmt keinen Putzfimmel, aber wenn unter dem Tresen neue Lebensformen entstanden, fand ich das nicht mehr lustig.

    »Karl …«

    Der Wirt sah von dem Glas auf, das er mehr schlecht als recht polierte. »Was gibt's, Pupperl?«

    »Was ist das da?« Ich deutete auf den Klumpen. Hatte er sich gerade bewegt?

    Karl kam zu mir herüber, ging in die Hocke und spähte in das Fach. »Oh. Das hatte ich vorletzte Woche ja noch aufessen wollen …«

    »Das war mal ein Sandwich?« Ich schloss es aus seinem Kommentar und der dreieckigen Form.

    Karl nickte. »Und ein leckeres dazu. Das kommt davon, wenn es hier plötzlich vor Kundschaft nur so wimmelt. Dabei vergisst man glatt sein Mittagessen. Und jetzt ist es ungenießbar.«

    »Wenn du es nicht mehr willst, nehme ich es.« Ein scheußlicher Gestank kündigte Vindobenes Ankunft an. Eilig erhob ich mich und gewann einen Schritt Abstand von dem niederen Dämon. Normalerweise ernährte sich der ehemalige Gehilfe von Skarabäus Toth von den negativen Emotionen der Menschen. Doch nun hob er das verschimmelte Sandwich auf und schob es sich in den Mund. Demonstrativ genüsslich kaute er darauf herum. Kurz glaubte ich, zwischen seinen Lippen etwas krabbeln zu sehen. »Hmm…«, machte er. »Schimmelkäse mit Fleischbeilage.«

    Ich wandte mich Karl zu. »Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass es deine Aufgabe ist, den Tresen sauber zu halten?« Ich kam mir schrecklich kleinbürgerlich vor. War ich etwa allen Zwängen meines bisherigen Lebens entkommen, um nun darüber zu streiten, wer wann was putzte? Das war bestimmt nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.

    Karl zuckte mit den Schultern. »Ich mach doch sauber, Pupperl. Man kann ja mal was übersehen. Reg dich nicht auf. Du tust so, als würden wir ein Nobelrestaurant führen.«

    Ich schüttelte den Kopf. »Ich will nur, dass die Kunden, die hier reinkommen, nicht gleich rückwärts wieder rausgehen. Wenn du alles verkommen lässt, was wir gerade erst renoviert haben, kannst du am Ende wieder nur Getränke an Leute wie Tschick ausschenken.«

    »Coco hat recht«, sprang mir Lilian bei. Dorian Hunters Ehefrau kam gerade mit einem Wischmopp und einem Eimer in der Hand aus der Richtung der Billardtische. Immerhin, einer war auf meiner Seite. »Es ist doch alles so hübsch geworden. Nun muss man dafür sorgen, dass es auch so bleibt.«

    Karl wandte sich halb ab und murmelte etwas vor sich hin. Es klang nach: »Früher hatte man hier zumindest noch seine Ruhe.«

    Wie um seine Worte zu bestätigten, klopfte in diesem Moment jemand an die Glasscheibe der Tür. Ich spähte hinüber. Wir hatten noch nicht geöffnet, aber offensichtlich brauchte irgendjemand sehr dringend einen Kaffee.

    Es klopfte erneut.

    Ich ging zur Tür, um den Störenfried auf später zu vertrösten. Doch auf halbem Weg erkannte ich das Gesicht des Mannes durch das Glas. »Georg!«

    Das einzige Mitglied meiner Familie, das mir noch etwas bedeutete. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, weil ich seit meinem Auszug aus der Villa Zamis nichts mehr von ihm gehört hatte. Nun, da ich fort war, nahm er meinen Platz als Sündenbock der Familie ein, wenn etwas schiefging. So viel hatte ich von Norbert Helnwein erfahren.

    Als ich öffnete und ihn einließ, war seine Miene ernst.

    »Wie geht es dir?«, fragte ich. »Wie geht es dem Rest der Familie?«

    Auf die letzte Frage hin winkte er ab. »Vaters Laune ist noch schlechter als sonst. Der Rest befindet sich auf dem Weg der Besserung.«

    Dorian Hunter hatte meiner Familie schwer zugesetzt. Adalmar war dem Tod nur knapp entkommen. Er war förmlich zerstückelt worden und noch immer damit beschäftigt, sich wieder zusammenzufügen. Mutter hatte ihre Beine verloren. Ob sie je wiederhergestellt werden konnten, stand bisher nicht fest. Lydia würde für immer eine hässliche Narbe im Gesicht zurückbehalten, die das Schwert der Hexe von Endor geschlagen hatte. Und Volkart … niemand wusste so recht, was mit Volkart war – oder genauer gesagt, wo er war.

    Ich führte Georg zum Tresen und bot ihm etwas zu trinken an. Doch er schüttelte den Kopf. Irgendetwas bedrückte ihn, das war ihm anzusehen.

    »Du bist nicht einfach hergekommen, um hallo zu sagen, nehme ich an.« Ich versuchte, damit das Eis zu brechen.

    Mein Bruder schüttelte den Kopf. »Volkart ist verschwunden.«

    »Ich weiß. Vater hat es mir schon erzählt.«

    »Vater weiß nicht, warum er verschwunden ist«, sagte Georg. Er ließ den Blick über das Spirituosenregal schweifen. »Vielleicht nehme ich doch einen Drink.«

    »Aber du weißt, warum Volkart verschwunden ist?«, fragte ich, während ich ihm aus einer Flasche einschenkte, auf die er gedeutet hatte.

    »Nicht genau«, schränkte Georg ein. »Allerdings habe ich kurz vor seinem Verschwinden noch mit ihm gesprochen. Er hat einige seltsame Andeutungen gemacht. Unter anderem hat er gesagt, dass er kurz davor stehe, Demian wiederzusehen.«

    Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Demian war Volkarts Zwillingsbruder … gewesen und damals bei unserem Zwist mit den Winkler-Forcas gestorben.

    »Ich fürchte, Volkart könnte etwas zugestoßen sein«, fuhr Georg fort.

    Es klang tatsächlich danach. Ich nickte, während ich ihm seinen Drink hinstellte. Gleichzeitig war ich mir bewusst, dass Karl, Lilian und Vindobene neugierig die Ohren spitzten. »Und warum erzählst du das mir und nicht Vater?«

    Georg schnaubte. »Du weißt doch, wie er Volkart nach Demians Tod in das Sanatorium abgeschoben hat. Sie haben ihn totgeschwiegen. Und seit seiner Rückkehr ist er noch seltsamer geworden. Er war schon immer das schwächste Glied unserer Familie. Die anderen würden ihn lieber tot als lebendig sehen. Getreu nach unserem Familienmotto …«

    »Besser ein toter Zamis als ein schwacher Zamis«, ergänzte ich. Gleichzeitig bemühte ich mich um einen möglichst gleichgültigen Gesichtsausdruck. Hinter dieser Fassade arbeitete es. War Georg tatsächlich von sich aus gekommen oder hatte Vater ihn geschickt? War dies ein Trick, um mich vom neutralen Boden, den das Café Zamis darstellte, herunterzulocken? Ich machte mir nichts vor. Georg mochte mir von allen Mitgliedern meiner Familie noch am ehesten wohlgesonnen sein, aber das änderte nichts daran, dass seine Loyalität zuallererst der Familie galt. Ich hatte Vater zutiefst verletzt und ihm mal wieder einen ganzen Haufen Schwierigkeiten bereitet. Das würde er nicht einfach so auf sich sitzen lassen.

    »Und ausgerechnet du willst Volkart nun helfen?«, fragte ich vorsichtig.

    Georg ignorierte die Frage. Stattdessen zog er eine Mappe unter seiner Jacke hervor. Sie war schlicht und schwarz. Er legte sie auf den Tresen. »Das hier habe ich in einem Versteck in seinem Zimmer gefunden«, sagte er. »Sieh es dir an.«

    Mit diesen Worten kippte er seinen Drink in einem Zug runter, dann erhob er sich und verließ das Café. Ich blickte ihm nachdenklich hinterher.

    Karl schob sich näher an mich heran und beäugte die Mappe neugierig. »Was ist das?«

    Eilig zog ich die Kladde an mich heran und damit aus seiner Reichweite. »Eine Familienangelegenheit.«

    Als ich mich umwandte, begegnete ich Lilians besorgtem Blick. »Sei vorsichtig, Coco. Es könnte eine Falle sein.«

    Karl nickte heftig. »Sobald du das Café verlässt, bist du in Gefahr. Sowohl Asmodi als auch dein Vater haben dir Rache geschworen. Vielleicht ist diese Mappe nur ein Trick, um dich aus deinem sicheren Hafen zu locken.«

    Das waren alles Überlegungen, die mir auch schon durch den Kopf gegangen waren. Doch es rührte mich, dass es tatsächlich Leute gab, die sich Sorgen um mein Wohlergehen machten. Das hatte ich in meinem bisherigen Leben viel zu selten erlebt. Ich lächelte. »Keine Sorge, ich passe schon auf. Aber jetzt entschuldigt mich.«

    Ich zog mich zurück und stieg in den Keller des Cafés hinab. Dort erstreckte sich ein wahres Labyrinth aus Räumen und Gängen. Auch während der Renovierungsarbeiten hatte ich dort unten noch längst nicht alles erforscht. Allerdings hatte ich es Karl gleichgetan und mir in einem Teil des Kellers eine eigene Wohnung eingerichtet.

    Während ich hinabstieg, dachte ich über meine Situation nach. Wenn ich in Sicherheit bleiben wollte, war ich tatsächlich fast genauso eine Gefangene im Café Zamis wie Karl. Aus irgendeinem Grund stellte das Café neutralen Boden dar. Magie war darin niemandem möglich – abgesehen von mir. Draußen allerdings lauerten Asmodi und mein Vater nur darauf, dass ich das Café verließ.

    Und das war nicht mein einziges Problem. Ich strich mit der freien Hand über meinen Bauch. Die leidenschaftliche Liebesnacht mit Dorian Hunter hatte Konsequenzen gehabt. Noch hatte ich nicht entschieden, was mit dem Kind geschehen sollte. Wollte ich es überhaupt austragen? Ein Kind war eigentlich das Letzte, was ich im Moment gebrauchen konnte. Ich hatte genug andere Probleme. Es wäre ein Leichtes, das ungeborene Leben abzutreiben – oder aber nach Dämonenart einer menschlichen Frau unterzujubeln, die es dann für mich austrug.

    Noch hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, doch allzu lange durfte ich die Entscheidung nicht vor mir herschieben.

    In meiner Wohnung angekommen ließ ich mich auf ein schickes, neues Sofa fallen und legte die Füße hoch. Dann endlich studierte ich die Mappe genauer.

    Auf den ersten Blick war der Einband schlicht schwarz und ohne Verzierungen. Erst auf den zweiten erkannte ich einige eingeprägte Zeichen. Bei ihrem Anblick musste ich schmunzeln. Es handelte sich um ein magisches Siegel. Deshalb war Georg mit der Mappe also zu mir gekommen. Er hatte sie nicht öffnen können!

    Ich fuhr mit den Fingern über das Siegel und prüfte, wie es beschaffen war. Mir kam es nicht sonderlich kompliziert vor. Ich legte den Zeigefinger an eine bestimmte Stelle und murmelte einen Spruch.

    Plötzlich kam Bewegung in das eingeprägte Zeichen. Es wand sich über den Deckel der Mappe, als wäre es ein lebendes Wesen, das Schmerzen litt. Es versuchte, meiner Berührung zu entkommen. Ohne mich beirren zu lassen, hielt ich weiterhin den Finger auf die Prägung gepresst. Ich sprach ein letztes Wort, das den Spruch vollendete. Mit dem trockenen Knistern von Papier löste sich das Zeichen auf. Kurz stieg mir ein verbrannter Geruch in die Nase.

    Jetzt konnte ich die Mappe öffnen. Darin fand ich einen ganzen Stapel loser Blätter. Es war nicht schwer zu erkennen, worum es sich dabei handelte. Schon das Überfliegen der ersten Seite genügte.

    Ich hatte hier ein Tagebuch vor mir – Volkarts Schwarzes Tagebuch, um genau zu sein. Der erste Eintrag schien kurz nach Demians Tod geschrieben worden zu sein, also kurz nachdem Volkart in das Sanatorium eingeliefert worden war. Neugierig begann ich zu lesen.

    2.

    Volkarts Schwarzes Tagebuch

    Tag 1 der Verbannung

    Meine Familie hat mich abgeschoben. Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen, seit Demian tot ist, das waren Vaters Worte. Ich bin eine Schande für die Familie Zamis. Ein Schwächling.

    Vielleicht haben sie ja recht. Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre mit Demian ein Teil von mir gestorben. Wir haben schon immer alles zusammen gemacht. Seit unserer Geburt waren wir kaum getrennt gewesen. Die meisten Leute konnten uns nicht auseinanderhalten.

    Dann kam der Tag, an dem ich den Schmerz spürte, der mir sagte, dass ein Familienmitglied in Gefahr war – Demian. Er war bereits tot, als ich ankam. Was danach geschah, weiß ich kaum mehr. Ich tat, was man mir sagte, doch die Welt um mich herum wirkte weniger real. Ich spielte nur noch eine Rolle in einem schlechten Stück. Mit der Zeit waren das Einzige, was mir noch echt erschien, Blut und Schmerz. Das Blut und der Schmerz der Menschen, die ich quälen durfte, wenn es einen Sabbat gab oder ähnliche Gelegenheiten. Wenn ich in ihrer Angst und in ihrem Leid bade, wenn ihre Schreie in meinen Ohren gellen und jeden anderen Gedanken verdrängen, kann ich fast vergessen, dass ich nur noch eine halbe Person bin. Aber diese Momente sind immer zu kurz. Danach geht es wieder auf die graue Bühne und in die Ereignisse des Schmierentheaters, das mein Leben geworden ist.

    Und nun scheint es, als hätte ich meine Rolle nicht gut genug gespielt. Nun bin ich hier, in diesem Sanatorium, zusammen mit den Verzweifelten und den Verlorenen, weil Vater am liebsten vergessen würde, dass er einst zwei Söhne mehr hatte.

    Es gibt sogar einen Arzt hier, der mich heilen soll. Sein Name ist Dr. Bartholomäus Breitenstein. Er redet zu viel. Er sagt, ich schweige zu viel.

    Tag 2 der Verbannung

    »Wollen Sie über Ihren Bruder reden?«, fragte Dr. Breitenstein heute.

    »Über welchen?«, fragte ich zurück, obwohl ich natürlich genau wusste, welchen er meinte.

    »Demian«, erwiderte Breitenstein geduldig. Ich glaube langsam, dass es nichts gibt, womit man ihn aus der Ruhe bringen kann. »Ihr Zwillingsbruder.«

    »Er ist tot.« Ich versuchte es wie eine nüchterne Feststellung klingen zu lassen.

    Breitenstein rückte seine Brille zurecht, die seine Augen so groß wirken lässt wie die eines Insekts. »Was empfinden Sie dabei, dass er tot ist?«

    Ich schwieg. Immer diese Fragen. Was empfinden Sie hierbei? Wie fühlen Sie sich damit? Was nützt es mir, diesem Arzt zu sagen, wie ich mich fühle? Er kann die Leere nicht füllen, kann mir meine fehlende Hälfte nicht zurückgeben.

    Der Rest der Therapiestunde verging damit, dass er redete und ich schwieg. Als er mich schließlich zum Abendessen schickte, fragte ich mich, wie lange es wohl dauern wird, bis er aufgibt. Hoffentlich nicht allzu lange.

    Das Essen wird in zwei unterschiedlichen Sälen eingenommen. Ich sah einige der menschlichen Patienten in einen Raum trotten, während ich in einen anderen geführt wurde. Der Speisesaal sieht aus, wie man es von einer solchen Klinik erwartet. Ein Tresen an einer Seite, an der das Essen ausgegeben wird. Reihen von Tischen im Rest des Raumes. Ich stellte mich mit meinem Teller an und wurde von der Frau gemustert, die hinter dem Tresen stand. Sie war derart fett, als würde sie den Großteil des Essens selbst herunterschlingen. Ihre Taille, die ich nicht mit beiden Armen hätte umfassen können,

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1