Über dieses E-Book
Michael Gerber
Michael Gerber, geb. 1970 in Oberkirch, Dr. theol., Priesterweihe 1997, lange Jahre tätig in der Priesterausbildung und in der Hochschulpastoral, 2013-2019 Weihbischof im Erzbistum Freiburg, seit 2019 Bischof von Fulda, seit 2023 stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
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Buchvorschau
Synodalität - Michael Gerber
Einführung
»Synodalität« ist seit einiger Zeit in kirchlichen Kreisen in aller Munde. Erneuerungsprozesse wie die Weltsynode, die Papst Franziskus angestoßen hat, aber auch der Synodale Weg in Deutschland beziehen sich darauf und verstehen sich als Ausdrucksformen von Synodalität. Dabei zeigt sich sowohl in den konkreten Prozessen als auch in der Reflexion darüber ein breites Spektrum von Verständnisweisen. Der Begriff ist alles andere als scharf umrissen. Solche Multiperspektivität ist – zumindest als Schritt auf dem Weg – selbst schon ein Aspekt des gemeinsamen Suchweges des Gottesvolkes. Was Synodalität im vollen Sinn ist, können wir nur gemeinsam erkunden, reflektieren und leben. Das eigene Verständnis von Synodalität absolut zu setzen und gegen andere Verständnisweisen auszuspielen, widerspricht einem solchen aufrichtigen Suchweg des ganzen Volkes Gottes. Es gehört zum Kern des Begriffs Synodalität, dass sich nur allen gemeinsam erschließt, was er bedeutet. Denn »Synodalität« heißt ja, »miteinander auf dem Weg zu sein«, gemeinsam zu gehen. Das ist nicht als oberflächliche Harmonisierung zu verstehen, sondern setzt einen aufrichtigen Diskurs, das Aushalten auch von gravierenden Spannungen und das gemeinsame Ringen um das vor Gott Bessere voraus.
Das Wort »Synode«, aus dem »Synodalität« gebildet ist, kommt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst einfach »Versammlung«. Es besteht aus der Vorsilbe syn- (mit) und dem Wortstamm hodós (Weg). Menschen versammelten sich beispielsweise in einem griechischen Stadtstaat, um miteinander über ihre gemeinsamen Belange zu entscheiden. Da das Griechische zur Weltsprache der Urkirche wurde, hat sich der Begriff im kirchlichen Kontext etabliert und, anders als im säkularen Umfeld, über die Jahrhunderte erhalten. Wenn wir heute von »Synode« sprechen, ist in der Regel eine kirchliche Versammlung gemeint. Das Wort ist synonym mit dem aus dem Lateinischen stammenden Begriff »Konzil«, das ebenfalls die Grundbedeutung »Versammlung« hat und speziell kirchliche Versammlungen bezeichnet. In der Regel handelt es sich dabei um Versammlungen von Bischöfen, wie zum Beispiel bei einem Ökumenisches Konzil wie dem II. Vatikanum oder den seit 1967 alle drei Jahre vom Papst einberufenen Bischofssynoden. Im Kontext der Ökumene zwischen den christlichen Kirchen sind noch andere Leitungsgremien mitzudenken.
»Synodalität« öffnet das traditionelle Konzept der Synode als Versammlung der Kirchenleitung hin zu einer gemeinsamen Weggemeinschaft und Verantwortung aller Christen. Papst Franziskus greift in diesem Kontext ein Wort des Kirchenvaters Johannes Chrysostomus auf: »Kirche und Synode sind Synonyme«.¹ Versteht man Kirche so, dann fehlt etwas, wenn nur die Leitung gemeinsam auf dem Weg ist oder eine Versammlung abhält, die über wichtige Fragen entscheidet. In diesem Zusammenhang wird gerne ein wichtiger Grundsatz aus dem römischen Recht zitiert: »Was alle angeht, muss auch von allen gebilligt werden«.² Das meint nicht so sehr eine grundsätzliche Demokratisierung von Entscheidungen, sondern betrifft primär solche Entscheidungsprozesse, die die Beteiligten im Innersten angehen und ihren Glauben und ihr Leben unmittelbar betreffen. Nicht alles muss von allen beraten und gebilligt werden – das wäre ja auch gar nicht möglich –, aber das, was für die Einzelnen bedeutungsvoll ist, sollte nicht einfach ohne ihre Einbeziehung entschieden werden. Es verändert Beratungen wesentlich, wenn Betroffene einbezogen sind.
Synodalität bedarf also einer Beteiligung besonders derjenigen, um deren Belange es geht. Sie erschöpft sich aber nicht in menschlicher Gemeinschaft, so universal diese auch gedacht sein mag. Synodalität umfasst notwendigerweise eine transzendente Dimension. Anders als ein Parlament, das um derentwillen existiert, die es gewählt haben, existiert die Kirche, um auf Gott hin transparent zu sein, um Menschen mit ihm in Berührung zu bringen. Es geht in einem synodalen Prozess also nicht einfach darum, miteinander auszuhandeln, was wir für die Kirche wollen, sondern miteinander herauszufinden, was Gott mit der Kirche will. Die Kirche ist kein Selbstzweck, sondern hat von Gott eine Sendung im Dienst an den Menschen unserer Tage. Synodalität schließt eigene Kreativität nicht aus, aber die führende Rolle im Prozess gebührt der Ur-Kreativität des Schöpfergeistes, des Creator Spiritus. Ihm Raum zu geben und ihn miteinander unter anderen Geistern auszumachen, ist das Kerngeschäft in einem christlichen synodalen Prozess. In der ignatianischen Tradition gehen wir davon aus, dass dies möglich ist, setzen aber auch voraus, dass es dazu gute geistliche Unterscheidung braucht und dass diese ein komplexes Geschehen ist.
Im vorliegenden Band geben wir einige Impulse aus der ignatianischen Spiritualität zum Thema Synodalität, ohne dabei einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Diese ist bei keinem Thema zu erreichen, ganz besonders aber nicht bei diesem, welches in der gegenwärtigen Zeit an so vielen verschiedenen Orten und von so vielen verschiedenen Personen und Gruppen erkundet und reflektiert wird. Vom Kirchenvater Gregor dem Großen ist der Gedanke überliefert, dass die Heilige Schrift mit jedem ihrer Leser wächst.³ Selbst das Wort Gottes ist also auf Weiterentwicklung in einem Resonanzgeschehen angelegt und auf den Hallraum des menschlichen Herzens angewiesen. Um wie viel mehr ist dies dann bei unseren menschlichen Überlegungen der Fall, zumal zum Thema Synodalität, das wesenhaft Weggemeinschaft voraussetzt. Eine solche Weggemeinschaft verbindet uns auch als Autoren. In je eigener Rolle als Bischof der Diözese Fulda und als Begleiterin geistlicher Prozesse in der Diözese beschäftigt uns, wie synodale Prozesse angestoßen, geleitet und begleitet werden können, in der Hoffnung, dass für alle Beteiligten etwas vom Wirken des Geistes und von Gottes Führung für die Kirche aufscheint. Es ist ein Bestreben, für das es auf der Ebene einer ganzen Diözese keine Vorlage gibt und in dem der Kern, das Wirken Gottes, notwendigerweise unverfügbar bleibt. Dennoch können geistliche Leitung und Begleitung dazu beitragen, eine Kultur des Hörens zu fördern, um dem Unverfügbaren Raum zu geben. Unsere Impulse zur Synodalität speisen sich nicht zuletzt aus vielen konkreten Erfahrungen.
Wir folgen in unseren Überlegungen einem Dreischritt: Im ersten Kapitel geht es um die biblische Dimension von Synodalität. In einem zweiten Kapitel zeigen wir auf, wie synodale Prozesse in der ignatianischen Tradition verwurzelt sind und welche wichtigen Grundlagen sich daraus entwickelt haben. In einem dritten Kapitel beschäftigen wir uns damit, was bei der praktischen Anwendung und Umsetzung dieser Grundlagen zu beachten ist. Zum Abschluss geben wir einige Einblicke, wie synodale Resonanz- und Prozesserfahrungen uns selbst und unsere persönliche Perspektive auf die Kirche prägen.
I. Biblische Impulse zur Synodalität
Mit Gott und miteinander auf dem Weg zu sein, gehört zu den grundlegenden Erfahrungen des Gottesvolkes von Anfang an. Die Erfahrung ist viel älter als der Begriff der Synodalität. Das ist wichtig zu bedenken, wenn wir uns hier in einem ersten Kapitel auf die Spur der biblischen Grundlagen von Synodalität machen. Dies tun wir in zwei Schritten: Erstens, indem wir die Bibel als Wegurkunde in den Blick nehmen. Zweitens, indem wir exemplarisch bedeutsamen Wegerfahrungen nachspüren, von denen uns die Bibel berichtet.
1. Die Bibel als Wegurkunde
Wie prägen die Wegerfahrungen Israels und der Kirche die Heilige Schrift als Text? Das Alte und Neue Testament unterscheiden sich diesbezüglich. Beginnen wir mit dem Neuen Testament. Allein die Textgattungen, aus denen sich das Neue Testament zusammensetzt, sagen viel über die Wegerfahrung der Kirche von Anfang an. Die meisten Schriften des Neuen Testaments, 21 von 27, sind Briefe. Rechnet man dazu auch die als Brief verschickte Johannesoffenbarung, sind es sogar 22 von 27. Lediglich die Evangelien und die Apostelgeschichte fallen nicht unter die Gattung »Brief«. Ein Brief ist aber von seinem Wesen her die Kommunikation zwischen Personen, die sich nicht am selben Ort befinden. Der antike Schriftsteller Cicero bezeichnet den Brief als »ein Gespräch unter Freunden, die voneinander getrennt sind«⁴. Es gehörte zum Wesen urchristlicher Missionsbewegungen, immer weiterzuziehen, um das Evangelium zu verkünden. Deshalb war der Brief das zentrale Medium, in Kontakt zu bleiben und über die Entfernung hinweg aneinander Anteil zu nehmen.
Die frühesten Schriften des Neuen Testamentes aus der Mitte des ersten Jahrhunderts sind also Briefe. Das Markusevangelium als erster narrativer Text entsteht erst eine Generation später. Die Evangelien sind biographische Erzählungen des Lebensweges Jesu, aber zugleich auch Wegerzählungen. Modern gesprochen könnte man sagen: road movies. Jesus geht in den synoptischen Evangelien mit seinen Jüngern von Galiläa nach Jerusalem. Im Modus des Weges lernen sie, wer Jesus ist und was es heißt, ihm nachzufolgen. Das Johannesevangelium beschreibt den Weg des göttlichen Wortes in ein menschliches Leben hinein und zurück in den Himmel. Jesus pilgert zudem jeweils zu den großen jüdischen Festen nach Jerusalem. Was Jesus zu sagen hat, was seine Jünger als Schüler von ihrem Meister aufnehmen – all das geschieht auf dem Weg. Im Johannesevangelium gipfelt das in der Aussage Jesu: »Ich bin der Weg« (Joh 14,6).
Von den urchristlichen Missionsbewegungen erzählt uns die Apostelgeschichte in einer Form, die sich innerhalb der antiken Literatur als klassische Reiseerzählung charakterisieren lässt. Hier reisen allerdings nicht nur Missionare wie Paulus oder Barnabas. Zusammen mit ihnen reist das Evangelium selbst »bis an die Enden der Erde« (Apg 1,8).
Das Neue Testament ist damit bereits von seinen Textgattungen her ein Zeugnis der geteilten Wegerfahrung des Gottesvolkes mit seinem Gott. Es dokumentiert eine Kommunikation in Briefen, erzählt Lebenswege und Reisewege. Es besteht aus literarischen Formen, die nach Unterwegssein schmecken.
Im Alten Testament haben wir es weit weniger mit Textgattungen zu tun, die unmittelbar auf das Unterwegssein des Gottesvolkes verweisen. Das bedeutet allerdings nicht, dass in ihnen die Wegerfahrung Israels nicht dennoch eine entscheidende Rolle spielt. Nur sind die Bücher der Weisung (in der griechischen Übersetzung nómos, d. h. »Gesetz«), die Bücher der Geschichte, der Lehrweisheit und der Prophetie keine Großgattungen, die schon an sich
