Über dieses E-Book
Georges Simenon
Georges Simenon (1903–1989) was born in Liège, Belgium. An intrepid traveler with a profound interest in people, Simenon strove on and off the page to understand—and not to judge—the human condition in all its shades. His books include the Inspector Maigret series and a richly varied body of wider work united by its evocative power, its economy of means, and its penetrating psychological insight. He is among the most widely read writers in the global canon.
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Buchvorschau
Maigret und die widerspenstigen Zeugen - Georges Simenon
1
»Hast du deinen Regenschirm nicht vergessen?«
»Nein.«
Gleich würde sich die Tür schließen, und Maigret wandte den Kopf schon der Treppe zu.
»Du solltest lieber deinen Schal umbinden.«
Seine Frau lief, um ihn zu holen, nicht ahnend, dass dieser kleine Satz ihn verdrießlich und melancholisch stimmen würde.
Es war erst November – der 3. November –, und es war nicht besonders kalt. Doch aus einem tiefhängenden grauen Himmel fiel diese Art von Regen, die, besonders am frühen Morgen, feuchter und hinterhältiger wirkte als gewöhnlicher Regen. Als er vorhin aufgestanden war, hatte er das Gesicht verzogen, denn sein Nacken schmerzte, wenn er den Kopf drehte. Es war keine regelrechte Nackenstarre, aber doch eine empfindliche Verspannung.
Am Abend zuvor, als sie aus dem Kino gekommen waren, hatten sie noch einen Spaziergang auf den Boulevards gemacht, obwohl es auch da schon geregnet hatte.
Das alles war ganz ohne Belang, und doch genügte die Erwähnung des Schals – vielleicht auch, weil es ein dicker Schal war, den seine Frau gestrickt hatte –, dass Maigret sich alt fühlte.
Als er die Treppe hinunterging, auf der sich feuchte Schuhabdrücke abzeichneten, und dann auf der Straße, unter dem aufgespannten Schirm, musste er wieder an ihre Worte vom Vorabend denken: In zwei Jahren würde er pensioniert werden.
Der Gedanke gefiel ihnen. Sie hatten davon gesprochen, dass sie auf dem Land leben würden, in der Gegend um Meung-sur-Loire, die sie beide liebten.
Ein barhäuptiger Junge lief an ihm vorbei und stieß ihn an, ohne sich zu entschuldigen. Ein junges Ehepaar ging Arm in Arm unter einem gemeinsamen Schirm. Sie arbeiteten gewiss in Büros, die dicht beieinander lagen. Der Sonntag war öder gewesen als üblich. Vielleicht weil es Allerseelen gewesen war. Er hätte schwören können, dass er noch immer den Duft der Chrysanthemen roch. Von ihrem Fenster aus hatten sie gesehen, wie sich Familien auf den Weg zu den Friedhöfen machten. Sie selbst hatten niemanden in Paris, dessen Grab sie besuchen konnten.
An der Ecke des Boulevard Voltaire, wo er auf seinen Bus wartete, wurde er noch mürrischer, als er das schwere Gefährt näher kommen sah. Es hatte keine Plattform mehr, sodass er nicht draußen stehen konnte und obendrein seine Pfeife ausmachen musste.
Aber solche Tage kannte wohl jeder, oder nicht?
Wenn nur die beiden Jahre schon um wären, dann bräuchte er keinen Schal mehr, um frühmorgens im Regen durch ein Paris zu fahren, das an diesem Tag so schwarz und weiß aussah wie ein Stummfilm.
Im Bus saßen lauter junge Leute, von denen ihn einige erkannten und andere keine Notiz von ihm nahmen.
Auf dem Quai war es windiger, der Regen kälter. Er eilte in die zugige Toreinfahrt des Polizeipräsidiums, dann ging er die Treppe hinauf. Der unverwechselbare Geruch des Hauses und der fahle Schein der Lampen, die noch brannten, empfingen ihn wie stets, und mit einem Mal stimmte ihn der Gedanke traurig, dass er dies schon bald missen sollte.
Der alte Joseph, der auf rätselhafte Weise der Pensionierung entgangen zu sein schien, grüßte ihn mit verschwörerischer Miene und raunte:
»Inspektor Lapointe erwartet Sie, Herr Kommissar.«
Wie jeden Montag hielten sich im Wartezimmer und in dem breiten Flur viele Leute auf. Einige Unbekannte; zwei oder drei junge Frauen, über deren Anwesenheit man sich nur wundern konnte; vor allem aber »Stammkunden«, die man immer wieder vor einer der Türen stehen sah.
Er ging in sein Büro, hängte seinen Mantel in den Schrank, seinen Hut und den berühmten Schal, zögerte, den Schirm zu öffnen und ihn zum Trocknen in eine Ecke zu stellen, wie Madame Maigret es ihm empfahl, und stellte ihn dann schließlich ebenfalls in den Schrank.
Es war noch nicht ganz halb neun. Post wartete auf seiner Schreibunterlage. Er öffnete die Tür zum Büro der Inspektoren, hob die Hand, um Lucas, Torrence und zwei oder drei andere zu begrüßen.
»Sagt Lapointe, dass ich da bin.«
Gleich würde es einer dem anderen zuraunen, dass der Chef seinen schlechten Tag habe, was jedoch nicht ganz stimmte. Manchmal sind es gerade die Tage, an denen man verstimmt, mürrisch und gereizt gewesen ist, die einem, wenn man später an sie zurückdenkt, als die glücklichsten erscheinen.
»Guten Morgen, Chef.«
Lapointe war blass, doch seine vom Schlafmangel geröteten Augen glänzten vergnügt. Er zitterte geradezu vor Ungeduld.
»Es ist geschafft! Ich habe ihn!«
»Wo ist er?«
»In dem Verschlag am Ende des Flurs. Torrence bewacht ihn.«
»Um wie viel Uhr?«
»Um vier.«
»Hat er etwas gesagt?«
»Ich habe Kaffee kommen lassen, dann gegen sechs Frühstück für zwei. Wir haben uns wie alte Freunde unterhalten.«
»Hol ihn.«
Es war ein guter Fang. Grégoire Brau, genannt »der Geduldige« oder auch »der Domherr«, trieb seit Jahren sein Unwesen, ohne dass es ihnen gelungen war, ihn auf frischer Tat zu ertappen.
Ein einziges Mal, vor zwölf Jahren, hatte man ihn erwischt, weil er zu lange geschlafen hatte, doch nach abgesessener Strafe hatte er seine Tätigkeit unverändert wieder aufgenommen.
Er betrat das Büro, begleitet von einem Lapointe, der triumphierte, als ob er die größte Forelle oder den größten Hecht des Jahres geangelt hätte, und blieb verlegen vor Maigret stehen, der in seine Post vertieft war.
»Setz dich.«
Während der Kommissar einen Brief zu Ende las, fügte er hinzu: »Hast du Zigaretten?«
»Ja, Monsieur Maigret.«
»Du kannst rauchen.«
Es war ein dicker Kerl von dreiundvierzig Jahren, der sicherlich schon fettleibig gewesen war, als er noch zur Schule ging. Er hatte eine helle, rosige Haut, die sich leicht in Rot verwandelte, eine Knollennase, ein Doppelkinn und einen kindlichen Mund.
»Hat man dich also endlich gekriegt.«
»Ja, hat man.«
Das erste Mal hatte Maigret ihn selbst verhaftet. Sie waren sich seitdem oft begegnet und hatten sich jedes Mal ohne Groll begrüßt.
»Das warst wieder du!«, pflegte der Kommissar dann zu sagen, in Anspielung auf eine Wohnung, in die gerade eingebrochen worden war.
Statt es abzuleugnen, lächelte der Domherr bescheiden. Man konnte ihm nichts beweisen, doch obwohl er nie auch nur einen Fingerabdruck hinterließ, trugen alle Einbrüche unverkennbar seine Handschrift.
Er arbeitete allein und bereitete jede Tat mit großer Geduld vor. Er war die Ruhe in Person, ein Mann ohne Laster, ohne Leidenschaften, ohne Nerven.
Die meiste Zeit saß er in der Ecke einer Bar, eines Cafés oder eines Restaurants, wo er so tat, als ob er eine Zeitung läse oder vor sich hinträumte, aber mit seinem feinen Gehör entging ihm nichts von dem, was um ihn her gesprochen wurde.
Er war auch ein eifriger Leser der Wochenzeitungen, deren Gesellschaftsspalte er sorgfältig studierte, sodass er stets sehr genau wusste, wo sich bestimmte Prominente gerade aufhielten.
Und eines schönen Tages wurde die Kriminalpolizei dann von einer bekannten Persönlichkeit angerufen, einem Schauspieler oder Filmstar etwa, der bei seiner Rückkehr aus Hollywood, London, Rom oder Cannes feststellen musste, dass in seiner Wohnung eingebrochen worden war. Noch ehe der Betreffende die Geschichte zu Ende erzählt hatte, pflegte Maigret zu fragen:
»Und der Kühlschrank?«
»Geleert.«
Mit dem Weinkeller war es das Gleiche. Man konnte außerdem sicher sein, dass das Bett zerwühlt war und dass der Einbrecher Pyjama, Morgenmantel und Pantoffeln des Hausherrn benutzt hatte.
Es war die Handschrift des Domherrn. Schon seit seinen Anfängen mit zweiundzwanzig Jahren machte er es so, vielleicht weil er damals wirklich Hunger gelitten und sich nach einem weichen Bett gesehnt hatte. Wenn er sicher war, dass eine Wohnung mehrere Wochen lang unbewohnt, auch das Hauspersonal auf Urlaub war und die Concierge nicht den Auftrag hatte, hinaufzugehen und zu lüften, verschaffte er sich Zutritt, ohne dafür eine Brechstange zu benutzen, denn er kannte das Geheimnis aller Schlösser.
War er erst einmal in der Wohnung, dann raffte er nicht in aller Eile Wertgegenstände, Schmuckstücke, Bilder und dergleichen zusammen, sondern richtete sich für eine Weile häuslich ein, so lange meistens, wie die vorhandenen Lebensmittelvorräte reichten.
Nach seinem Verschwinden fand man dann bis an die dreißig leere Konservenbüchsen und natürlich auch eine hübsche Anzahl geleerter Flaschen. Er las. Er schlief. Er benutzte das Badezimmer geradezu mit Wollust, ohne dass andere Mieter auch nur das Geringste von seiner Anwesenheit bemerkten.
Wenn er dann in seine eigene Behausung zurückkehrte, nahm er sein übliches Leben wieder auf, begab sich nur abends in eine anrüchige Bar in der Avenue des Ternes, wo er Belote spielte und wo man ihn, weil er allein arbeitete und nie mit seinen Taten prahlte, respektvoll und misstrauisch zugleich betrachtete.
»Hat sie Ihnen geschrieben, oder hat sie angerufen?«
Er stellte diese Frage mit einer Melancholie, die derjenigen Maigrets ähnelte, als er vorhin das Haus verlassen hatte.
»Wovon sprichst du?«
»Das wissen Sie genau, Monsieur Maigret. Sonst hätten Sie mich nicht gekriegt. Ihr Inspektor« – er wandte sich Lapointe zu – »war schon im Treppenhaus, bevor ich dort ankam, und ich nehme an, ein Kollege von ihm stand auf der Straße. Stimmt’s?«
»Ja, das stimmt.«
Nicht nur eine Nacht, sondern zwei Nächte hatte Lapointe auf der Treppe eines Hauses in Passy verbracht, in dem ein gewisser Monsieur Ailevard eine Wohnung besaß. Ailevard war nach London gefahren, wo er sich zwei Wochen aufhalten wollte. Die Zeitungen hatten von seiner Reise berichtet, denn er hatte mit einem Film zu tun und mit einer sehr bekannten Schauspielerin.
Brau stürmte nicht sofort in die Wohnungen, sobald ihre Besitzer fort waren. Er nahm sich Zeit und traf seine Vorsichtsmaßnahmen.
»Ich verstehe nicht, wieso ich Ihren Inspektor nicht bemerkt habe. Tja! Das soll mir eine Lehre sein … Hat sie Sie angerufen?«
Maigret schüttelte den Kopf.
»Hat sie Ihnen geschrieben?«
Maigret nickte.
»Sie können mir den Brief wohl nicht zeigen? Sie hat bestimmt ihre Schrift verstellt.«
Nicht einmal. Aber warum ihm das sagen?
»Ich habe es immer geahnt, ohne es glauben zu wollen – eines Tages musste es passieren. Sie ist ein Luder, verzeihen Sie meine Ausdrucksweise. Aber ich kann ihr nicht einmal böse sein … Ich bekomme mindestens zwei Jahre, oder?«
All die Jahre hatte man geglaubt, er habe nichts mit Frauen. Seines Äußeren wegen hänselten ihn manche und behaupteten, er habe gute Gründe für sein züchtiges Verhalten.
Mit einundvierzig Jahren heiratete er dann plötzlich eine gewisse Germaine, die zwanzig Jahre jünger war als er und die man seitdem kaum noch in der Avenue de Wagram auf und ab gehen sah.
»Hast du dich standesamtlich mit ihr trauen lassen?«
»Auch kirchlich. Sie ist eine Bretonin. Ich nehme an, sie ist schon zu Henri gezogen?«
Er sprach vom »blauäugigen Henri«, einem jungen Zuhälter.
»Er ist zu dir gezogen.«
Brau entrüstete sich nicht darüber, klagte das Schicksal nicht an. Er gab sich selber alle Schuld.
»Wie viel bekomme ich?«
»Zwei bis fünf Jahre. Hat Inspektor Lapointe deine Aussage zu Protokoll genommen?«
»Er hat notiert, was ich ihm erzählt habe.«
Das Telefon klingelte.
»Hallo! Kommissar Maigret.«
Maigret hörte zu, runzelte die Stirn.
»Wiederholen Sie bitte den Namen.«
Er zog einen Notizblock heran und schrieb: Lachaume.
»Quai de la Gare? … In Ivry? … Gut … Ist ein Arzt am Tatort? … Der Mann ist wirklich tot?«
Der Domherr war schlagartig unwichtig geworden, und er schien es zu spüren. Ohne dazu aufgefordert zu sein, erhob er sich.
»Sie haben gewiss etwas anderes zu tun …«
Maigret wandte sich an Lapointe.
»Bring ihn ins Untersuchungsgefängnis, und dann geh schlafen.«
Er öffnete seinen Schrank, um Mantel
