Über dieses E-Book
Georges Simenon
Georges Simenon (1903–1989) was born in Liège, Belgium. An intrepid traveler with a profound interest in people, Simenon strove on and off the page to understand—and not to judge—the human condition in all its shades. His books include the Inspector Maigret series and a richly varied body of wider work united by its evocative power, its economy of means, and its penetrating psychological insight. He is among the most widely read writers in the global canon.
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Rezensionen für Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien
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Buchvorschau
Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien - Georges Simenon
1
Das Verbrechen Kommissar Maigrets
Niemand bemerkte etwas. Niemand ahnte etwas von dem Drama, das sich im Wartesaal des kleinen Bahnhofs abspielte, in dem nur sechs Reisende, umgeben von Kaffee-, Bier- und Limonadendunst, trübselig warteten.
Es war fünf Uhr nachmittags, draußen dunkelte es. Die Lampen waren angemacht worden, aber durch die Scheiben konnte man draußen im Grau der Bahnsteige noch erkennen, wie die deutschen und holländischen Bahn- und Zollbeamten sich die Füße vertraten.
Der Bahnhof von Neuschanz liegt nämlich im nördlichsten Zipfel Hollands, direkt an der deutschen Grenze.
Es ist ein unbedeutender Bahnhof, und Neuschanz kaum ein Dorf. Fernzüge verkehren dort keine, lediglich morgens und abends ein paar Bummelbahnen für die deutschen Arbeiter, die wegen der hohen Löhne in holländischen Fabriken angeheuert haben.
Es ist immer das gleiche Ritual. Der deutsche Zug hält am einen Ende des Bahnsteigs, der holländische wartet am anderen Ende.
Die Beamten mit den orangefarbenen Mützen und die in den grünlichen oder preußischblauen Uniformen treffen sich und verbringen zusammen das für die Zollformalitäten vorgesehene Stündchen.
Es kommen jeweils nur rund zwanzig Fahrgäste an, die die Zollbeamten beim Vornamen anreden, sodass die Formalitäten rasch erledigt sind.
Die Reisenden setzen sich ins Bahnhofsbuffet, das so beschaffen ist wie sämtliche Buffets an Grenzbahnhöfen. Die Preise sind in Cent und in Pfennigen angeschrieben. In einer Vitrine werden holländische Schokolade und deutsche Zigaretten feilgeboten. Ausgeschenkt werden Genever und Korn.
Es war stickig. Die Frau an der Kasse dämmerte vor sich hin. Aus der Kaffeemaschine zischte Dampf. Durch die offenstehende Küchentür hörte man das Pfeifen eines Röhrenempfängers, an dem ein Junge herumdrehte.
Familiär ging es zu, und doch genügten ein paar Details, um der Atmosphäre etwas Abenteuerliches, Geheimnisvolles zu verleihen.
Die Uniformen der beiden Länder zum Beispiel! Der Mischmasch an Plakaten, die für Wintersport in Deutschland und für die Messe in Utrecht warben …
In einer Ecke eine Gestalt, ein etwa dreißigjähriger Mann in abgewetzter Kleidung, mit fahlem Gesicht, schlecht rasiert, auf dem Kopf einen schlaffen Hut von undefinierbarem Grau, mit dem er vielleicht schon durch halb Europa gezogen war.
Er war mit dem Zug aus Holland gekommen. Der Schaffner, dem er seinen Fahrschein nach Bremen vorzeigte, hatte ihm auf Deutsch erklärt, er habe die ungünstigste Strecke gewählt, dort verkehrten keine Schnellzüge.
Der Mann gab durch Zeichen zu verstehen, dass er nicht begriff, und bestellte auf Französisch einen Kaffee. Neugierig wurde er von allen gemustert.
Er hatte fiebrige, zu tief in den Höhlen liegende Augen. Beim Rauchen ließ er die Zigarette an der Unterlippe kleben, allein das schon verriet Überdruss oder Herablassung.
Zu seinen Füßen stand ein kleiner gelber Koffer aus Vulkanfiber, wie man ihn in jedem Hausratsgeschäft bekommt. Der Koffer war neu.
Als er seinen Kaffee bekam, holte er aus der Tasche eine Handvoll Münzen: französische, belgische und ein paar silberne aus Holland. Die Kellnerin musste sich das Passende heraussuchen.
Weniger auffallend war ein anderer Reisender, der sich an den Nachbartisch gesetzt hatte, ein großer, korpulenter, breitschultriger Mann. Er trug einen dicken schwarzen Mantel mit Samtkragen, und sein Krawattenknoten war an einem Zelluloidkragen befestigt.
Der erste Mann blickte immer wieder nervös durch die Glastür zu den Bahnbeamten, als fürchtete er, seinen Zug zu verpassen.
Der andere beobachtete ihn ungerührt und zog dabei an seiner Pfeife.
Der Nervöse entfernte sich zwei Minuten von seinem Platz, um die Toilette aufzusuchen. Da zog der andere, ohne sich zu bücken, mit dem Fuß den kleinen Koffer zu sich heran und schob an dessen Stelle einen anderen, der genau gleich aussah.
Eine halbe Stunde später fuhr der Zug los. Die beiden Männer setzten sich in dasselbe Abteil der dritten Klasse, sprachen einander aber nicht an.
In Leer verließen alle Reisenden den Zug, bis auf die zwei.
Um zehn Uhr hielt der Zug unter der riesigen Glaskuppel des Bremer Hauptbahnhofs, dessen Bogenlampen jedes Gesicht fahl wirken ließen.
Der erste Mann sprach anscheinend kein Wort Deutsch, denn er verlief sich mehrmals, betrat zuerst das Restaurant der ersten Klasse und fand erst nach einigem Hin und Her das Buffet der dritten, wo er allerdings nicht Platz nahm.
Er deutete auf Wurstbrötchen in der Auslage und gab zu verstehen, dass er sie mitnehmen wolle, und wieder bezahlte er, indem er eine Handvoll Münzen hinhielt.
Länger als eine halbe Stunde irrte er mit dem kleinen Koffer in der Hand durch die breiten Straßen des Bahnhofsviertels, als suchte er etwas.
Der Mann mit dem Samtkragen, der ihm geduldig folgte, begriff schließlich, als er den anderen links auf ein ärmlicheres Viertel zuhalten sah.
Jener war schlicht und einfach auf der Suche nach einem billigen Hotel. Mit immer müderem Gang begutachtete er misstrauisch mehrere Absteigen, bis er sich endlich für eine der niedrigsten Kategorie entschied, über deren Eingangstür eine große Milchglaskugel hing.
Noch immer hatte er in der einen Hand seinen Koffer, in der anderen die in Pergamentpapier eingewickelten Brötchen.
Es war eine belebte Straße. Der Nebel senkte sich herab und trübte das Licht der Schaufenster.
Der Mann im dicken Mantel bekam nur mit Mühe das Zimmer neben dem seines Mitreisenden.
Ein armseliges Zimmer, gleich allen armseligen Zimmern dieser Welt, mit dem Unterschied vielleicht, dass nirgends die Armut so düster ist wie in Norddeutschland.
Es gab aber zwischen den beiden Zimmern eine Verbindungstür, und an dieser wiederum ein Schloss.
So konnte der Mann beobachten, wie drüben der Koffer geöffnet wurde, der nichts weiter enthielt als alte Zeitungen.
Er sah, wie der Reisende bleich wurde, so bleich, dass es geradezu wehtat. Mit zitternden Händen drehte und wendete er den Koffer und ließ dabei die Zeitungen im Zimmer umherfliegen.
Die Brötchen lagen auf dem Tisch, noch immer eingewickelt, doch der junge Mann, der seit vier Uhr nachmittags nichts gegessen hatte, schenkte ihnen keine Beachtung.
Er rannte auf die Straße hinaus, irrte umher und rief immer wieder dasselbe Wort, mit einem Akzent allerdings, durch den es fast unverständlich wurde:
»Bahnhof!«
Um sich begreiflich zu machen, imitierte er in seiner Panik sogar das Geräusch eines fahrenden Zuges!
Am Bahnhof angelangt, lief er durch die riesige Halle. Irgendwo erblickte er einen Gepäckhaufen und schlich sich heran wie ein Dieb, um zu sehen, ob nicht sein Koffer dabei war.
Jedes Mal, wenn jemand mit einem ähnlichen Koffer vorbeiging, zuckte er zusammen.
Der andere Mann folgte ihm noch immer, ohne seinen bleiernen Blick von ihm abzuwenden.
Erst gegen Mitternacht kehrten sie, einer nach dem anderen, ins Hotel zurück.
Durchs Schlüsselloch war zu sehen, wie der junge Mann, den Kopf zwischen den Händen, zusammengesackt auf einem Stuhl saß. Plötzlich stand er auf und schnippte mit den Fingern, wütend und resigniert zugleich.
Das war auch schon das Ende. Er zog einen Revolver aus der Tasche, riss den Mund auf und drückte ab.
Gleich darauf waren zehn Menschen in dem Zimmer, obwohl Kommissar Maigret, immer noch in seinem Mantel mit dem Samtkragen, sie zurückzudrängen versuchte. Immer wieder hörte man die Wörter »Polizei« und »Mörder«.
Tot wirkte der junge Mann noch erbärmlicher als lebendig. Man sah seine zerlöcherten Schuhsohlen, und das hochgerutschte Hosenbein offenbarte eine unmögliche rote Socke und eine bleiche, haarige Wade.
Als ein Polizist eintraf und ein paar markige Worte sprach, traten alle auf den Flur hinaus, bis auf Maigret, der seine Dienstmarke vorwies.
Der Polizist sprach kein Französisch, und Maigret stammelte ein paar Worte auf Deutsch.
Keine zehn Minuten später hielt vor dem Hotel ein Auto, und Zivilbeamte stürmten herein.
Im Flur war nun statt »Polizei« das Wort »Franzose« zu hören, und Maigret wurde neugierig gemustert. Ein paar Befehle machten dem Treiben ein Ende und kappten alle Gerüchte so gründlich, wie man eine Stromleitung kappt.
Die Hotelgäste gingen wieder auf ihre Zimmer. Unten auf der Straße hielt sich ein schweigendes Grüppchen in respektvoller Entfernung.
Kommissar Maigret hatte noch immer seine Pfeife zwischen den Zähnen, nur war sie inzwischen erloschen. Sein fleischiges Gesicht, wie mit energischem Daumen in zähen Ton modelliert, hatte etwas Banges, Verstörtes an sich.
»Gestatten Sie, dass ich zugleich meine eigenen Ermittlungen durchführe!«, sagte er. »Eins ist gewiss: Dieser Mann hat Selbstmord begangen. Er ist Franzose.«
»Haben Sie ihn beschattet?«
»Es würde zu lange dauern, Ihnen das zu erklären. Der Erkennungsdienst soll Fotos von ihm machen, so scharf wie möglich und von allen Seiten.«
Nach all der Aufregung war es nun ganz ruhig im Zimmer. Sie waren nur noch zu dritt.
Der eine Polizeibeamte war ein junger Mann mit rosigen Wangen und kahl rasiertem Schädel. Er trug einen Cut und eine gestreifte Hose und wischte immer wieder seine goldgefasste Brille sauber. Er trug einen Titel in der Art von »Doktor in Kriminaltechnik«.
Der andere, ebenso rotwangig, aber weniger fein gekleidet, stöberte überall herum und bemühte sich, Französisch zu sprechen.
Gefunden wurde nichts weiter als ein Reisepass auf den Namen Louis Jeunet, geboren in Aubervilliers, Maschinenschlosser.
Der Revolver war ein Fabrikat der belgischen Firma Herstal.
Bei der Kriminalpolizei am Quai des Orfèvres wäre niemand auf den Gedanken gekommen, dass Maigret in jener Nacht stumm und wie vom Schicksal erschlagen seinen deutschen Kollegen zuschaute, zur Seite trat, um den Fotografen und Gerichtsmedizinern Platz zu machen, und schließlich, mit noch immer erloschener Pfeife, stur ausharrte, bis er gegen drei Uhr morgens die armselige Beute ausgehändigt bekam: die Kleider des Toten, seinen Reisepass und ein Dutzend Fotos, die durch den Magnesiumblitz erst recht gespenstisch wirkten.
In gewisser Weise – sogar sehr gewisser Weise – hatte er das Gefühl, soeben einen Menschen getötet zu haben.
Den er nicht einmal kannte! Er wusste nichts über ihn! Es gab keinerlei Beweis dafür, dass dieser Mann sich etwas hatte zuschulden kommen lassen!
Begonnen hatte alles am Vortag in Brüssel, und zwar völlig überraschend. Maigret war dort auf Dienstreise. Er hatte mit der belgischen Sûreté über von Frankreich ausgewiesene italienische
