Erinnerungen: Zeitspuren in die Vergangenheit
Von Rolf W. Meyer
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Buchvorschau
Erinnerungen - Rolf W. Meyer
Rolf W. Meyer
Erinnerungen
oder
Zeitspuren in die Vergangenheit
Rolf W. Meyer
Erinnerungen
Copyright: © 2020 Rolf W. Meyer
Umschlagfoto: Rolf W. Meyer
Umschlag & Satz: Erik Kinting | www.buchlektorat.net
Konvertierung: sabine abels | e-book-erstellung.de
Die Aufnahmen von Familien und Einzelpersonen sowie weitere im Buch verwendete Abbildungen stammen ausschließlich aus den Nachlässen von C. F. Otto und Edith Meyer, Düsseldorf, sowie von Johanna Meyer, Plauen im Vogtland.
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Für meine Familie und für die Menschen weltweit, die in nahezu acht Jahrzehnten für meinen Lebensweg so wichtig gewesen sind.
„Das Alter hält immer Rückschau – im Traum, in den schlaflosen Stunden. Das Alter lebt sozusagen rückwärts. Man hätte Anlass, alle denkwürdigen Geburtstage und die Umstände, unter denen sie erlebt wurden, aufzuzeichnen. Es ist eine bunte Reihe merkwürdiger Erlebnisse, schöne und weniger schöne Erinnerungen."
C. F. Otto Meyer (1901–1977)
Vorwort
Wenn man älter wird, nimmt die Erinnerung an die Vergangenheit in den eigenen Gedanken einen immer größeren Raum ein. Der alternde Mensch, dessen Erwartungen von der Zukunft geringer werden, kehrt gleichsam den Blick öfter als zuvor rückwärts. In der größeren Besinnlichkeit, mit der er das Leben betrachtet, werden Bilder vergangener Jahrzehnte, Bilder seiner Mitmenschen, die ihn begleitet haben, und Bilder seiner Erlebnisse aus weit zurückliegenden Zeiträumen deutlicher. So träumt der alternde Mensch von seiner Kindheit und sieht sich in Räumen und an Orten, die aus seiner Gegenwart seit langem entschwunden sind. Diese Erkenntnis aus eigener Erfahrung hat mich dazu angeregt, ein Buch über den Bezug zwischen Älterwerden und Erinnerungen an die Vergangenheit zu schreiben. Zusätzliche Bezugsquellen zu diesem Thema fanden sich in der alten Familientruhe, die ich vererbt bekommen hatte. Im Laufe vieler Jahrzehnte waren in ihr Dokumente aus verschiedenen verwandtschaftlichen Nachlässen eingelagert worden. Bei deren Durchsicht fanden sich eine Vielzahl alter Briefe und andere Hinterlassenschaften aus mehreren Generationen. Für die Hinterbliebenen ist die Entscheidung über die Vernichtung solcher Nachlässe oder deren Aufbewahrung als Familiendokumente nicht immer einfach. So kann etwa die Scheu vor der Erinnerung an einen Menschen, der einem nahe stand, zu dem Entschluss führen, Briefe zu vernichten.
Die Erfahrung zeigt, dass es für jemanden, der nach Jahrzehnten Mitteilungen von Vorfahren liest, schwer ist, alte Briefe richtig zu verstehen. Dazu müssen nämlich historische Umstände und verwandtschaftliche Verhältnisse berücksichtigt werden. Sofern es sich in Briefen um rein persönliche Belange handelt, sollten diese Dokumente mit besonderem Verständnis und Einfühlungsvermögen gelesen werden. Anderenfalls können leicht oberflächliche Urteile entstehen. Auch sollten längst vergangene personenbezogene Geschehnisse mit Abstand betrachtet werden und einer anderen Generation keinen Anlass zu falschen Beurteilungen geben. Urteile über ein ganzes Leben eines Vorfahren können verständlicherweise nur von einem Menschen in fortgeschrittenem Alter gegeben werden, wenn er die Vergangenheit selbst erst als Geschichte begreift und die betreffende Person mit den damaligen Zeitumständen in Verbindung bringt.
Die „Zeitspuren in die Vergangenheit sind nicht nur für den Autor und dessen Lebensphilosophie bedeutsam. Es werden auch die Leserinnen und Leser dieses Buches mit einbezogen, indem jedes Kapitel mit einer Auflistung historischer Ereignisse eingeleitet wird, die für jeden von Interesse sein kann. Die Texte vermitteln eine Fülle an Informationen und geschichtlichen Hintergründen, die das Leben aus den Generationen der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern beschreiben. Durch diese „Zeitzeugen
wird etwas bewahrt, das unter Umständen irgendwann vergessen sein wird. Die Anmerkungen am Ende des Buches erklären Namen und Sachverhalte, soweit sie von historischer Bedeutung sind.
Rolf W. Meyer, Ratingen
„Wir alle wollen wissen, wer wir sind und woher wir kommen. Ganz gleich, was wir im Leben erreichen, ohne diese Klarheit bleibt eine Leere in uns, ein Gefühl der Wurzellosigkeit."
Alex Haley (1921–1992)
1 Die Suche nach dem familiären Ursprung
Der Stamm Meyer lässt sich nur bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Am 2. August 1730 kaufte der Meister Andreas Meyer, der Einwohner in Ritteburg war, vor dem königlich – polnischen und kurfürstlich – sächsischen Sequestrationsamt Artern von der Witwe Sophie Dorothea Meyer für 300 Thaler Hof, Garten, Haus, Scheune, Stall und Land. Am 6. Februar 1731 erwarb er für 206 Reichsthaler und 21 Groschen Ländereien an Äckern und Wiesen.
Ritteburg liegt bei Artern an der Unstrut, einem linken Nebenfluss der Saale. Es gehörte um 1700 zum „Manfeldschen Kreis des Kurfürstentums Sachsen und befindet sich im östlichen Teil der fruchtbaren „Goldenen Aue
, dem Helmetal nördlich des Mittelgebirges Kyffhäuser.
Dies war der historische Boden der Schlacht bei Riade, bei der ein militärisches Aufgebot unter dem Befehl von König Heinrich I. (876–936) gegen ein größeres Heer von Magyaren (Ungarn) gekämpft hatte. Historiker vermuten Riade im Kalbsriether Ortsteil Ritteburg an der Mündung der Helme, einem linken und westlichen Zufluss der Unstrut.
Die zersplitterte Grafschaft Mansfeld war bereits im 15. Jahrhundert in die lehensrechtliche Abhängigkeit der Wettiner gekommen. Zunehmende Verschuldung der durch den Bergbau einst reichen Grafen führte 1570 im Vertrag von Leipzig zu einer Sequestration (Zwangsverwaltung) durch den Kurfürsten August von Sachsen (1526–1586) und durch die geistlichen Landesherrschaften Magdeburg und Halberstadt. Damit gingen wesentliche Bestandteile der Landesherrschaft auf die Sequestrationsmächte über. Schließlich erwarb der Kurfüst August von Sachsen im Jahre 1573 auch die Halberstädter Hoheits- und Lehensrechte. Damit wurde dieser östliche Teil der Goldenen Aue kursächsisches Gebiet.
Über die Herkunft von Andreas Meyer war nichts Genaueres zu ermitteln. Er wird vermutlich im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts geboren sein, ist aber wahrscheinlich nach Ritteburg zugewandert, da er dort im Kirchenbuch nicht verzeichnet ist. Aus dem Traueintrag von 1762 für seinen ältesten Sohn Johann Gottfried Meyer (geboren am 15. April 1717) kann entnommen werden, dass dieser in Wolferstedt, gelegen zwischen Ritteburg und Eisleben, geheiratet hat. Im Taufeintrag des sechsten Kindes von Andreas Meyer, seinem Sohn Johann Michael Meyer (geboren am 28. Mai 1730), wird der Vater als „Meister Andreas, der Schäfer bezeichnet. An anderer Stelle wird er als „Kesslerischer Schäfer
, als „Schafmeistert (1732) oder „Pachtinhaber des Kesslerischen Gutes
beschrieben. Auf Grund seines Landerwerbes heißt er später „Einwohner". Andreas Meyer starb am 9. November 1739 und wurde dort am 11. November 1739 begraben. Die Frau von Andreas Meyer war Maria Christiane geborene Schmied, die am 6. April 1772 in Ritteburg verstarb. Aus der Ehe waren sieben Kinder hervorgegangen.
Historisch interessant ist, dass die Schäferei schon vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) und bis in das 18. Jahrhundert hinein in hoher Blüte stand. Die Schafwirtschaft war bedeutungsvoller als die Pferde- und Schweinezucht. Daher genoss der Schäfer höheres Ansehen als andere Hirten. Schäfer brachten es oft zu beträchtlichem Wohlstand und bewirtschafteten Güter nur mit großen Schafherden. Schafwolle war ein wertvoller Rohstoff gewesen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts führte die Ablösung und Aufhebung der Weiderechte, vor allem in Wäldern, und der Verfall der Wollpreise mit dem Aufkommen der Baumwolle allerdings zum Niedergang der Großschäferei.
Die Bezeichnung „Meister ist nicht im Sinne des modernen Gewerberechts zu verstehen. Sie ist eine allgemeine Bezeichnung, die Berufen zugesetzt wurde. „Keßlerischer Schäfer
wird bedeutet haben, dass Andreas Meyer ein einstmals herrschaftliches Gut einer Familie dieses Namens in Pacht oder Lehn bewirtschaftete oder auch der Schafmeister des Gutes in dessen Dienst war.
Das sechste Kind von Andreas Meyer, sein Sohn Johann Michael Meyer (1730–1796), lebte in Ritteburg als Landwirt und war zweimal verheiratet gewesen. Seine Ehefrau in zweiter Ehe war Christiane Augustine (1755–1814), die Tochter des Pachtschäfers Johann Andreas Werfel aus Unterröblingen. Sie hatten, mit dem Kind aus der ersten Ehe, sieben Kinder, unter deren Paten wiederholt Schäfer genannt werden.
Das sechste Kind aus der zweiten Ehe, Johann Gottlob Meyer (1789–1861) wurde Müller. Er verließ, offenbar dem Wandertrieb dieses Handwerks folgend, die Heimat und heiratete am 14. Januar 1820, in Markleeberg bei Leipzig die 28jährige Tochter Johanna Magdalene des „Pferdners und Nachbarn" Johann Daniel Otto aus Beucha bei Borna, der ein gelernter Brauer war. Johann Gottlob Meyer muss es zu Wohlstand gebracht haben, denn schon bei der Geburt seines zweiten Sohnes, Friedrich Otto (1830–1901), ist er Pachtmüller in Markleeberg. Seit etwa 1850 hat er das Rittergut Probstdeuben als Pächter bewirtschaftet. 1863 wird er als Rittergutspächter in Probstdeuben bezeichnet. Johann Gottlob Meyer verstarb im Alter von 72 Jahren in Probstdeuben, seine Frau Johanna Magdalene im Alter von 76 Jahren in Herlasgrün. Der zweite Sohn von Johann Gottlob und Johanna Magdalene Meyer, Friedrich Otto Meyer, war mein Urgroßvater.
Nebenbei bemerkt
Der Familienname Meyer tritt allein in den Kaufverträgen mehrmals auf (Sophia Dorothea Meyer, Hausvogt Jakob Meyer). 1713 werden als Paten der Gemeindebäcker Hans Jakob Meyer und die Witwe Maria des Christian Meyer genannt. 1936 war in Ritteburg noch ein Landwirt mit dem Namen Friedrich Meyer (geboren 1879) ansässig, der zwei Brüder hatte (geboren 1887 und 1892). Von ihnen kam der Hinweis, dass „nach mündlicher Überlieferung die Vorfahren aus Schlesien gekommen seien".
„Vielleicht wirken die Taten und Leiden der Vorfahren noch in ganz anderer Weise auf unsere Gedanken und Werke ein, als wir Lebenden begreifen. Aber es ist eine weise Fügung der Weltordnung, daß wir nicht wissen, wieweit wir selbst das Leben vergangener Menschen fortsetzen, und daß wir nur zuweilen erstaunt merken, daß wir in unseren Kindern weiterleben."
Gustav Freytag (1816–1895)
2 Wie die Vorfahren gelebt haben
2.1 Vorfahren väterlicherseits
Johann Friedrich Fischer war mein Ururgroßvater. Er kam 1806 in Löbnitz zur Welt. Diese Ortschaft liegt an der Mulde, einem linken Nebenfluss der Elbe, zwischen der Leipziger Tieflandsbucht und der Dübener Heide. Als Siebenjähriger hatte er in Stöhna den Durchmarsch preußischer Truppen erlebt, die im Herbstfeldzug 1813 im Rahmen der Freiheitskriege gegen die Vorherrschaft Frankreichs unter Napoleon Bonaparte in der Völkerschlacht bei Leipzig eingesetzt wurden. Diese militärische Schlacht, die vom 16. Bis 19. Oktober 1813 geführt wurde, war die Entscheidungsschlacht der Freiheitskriege, auch Befreiungskriege genannt. Napoleon Bonaparte musste damals seine Truppen über den Rhein zurückziehen.
Mein Ururgroßvater Johann Fischer hatte den Beruf eines Huf- und Waffenschmiedes gelernt und viele Jahre in Stöhna ausgeübt. Auf Wanderschaften war er weit herumgekommen. Von dem ersparten Kapital lebte er später bei seiner Tochter Friederike Liberta in den vogtländischen Ortschaften Herlasgrün und Haselbrunn. Erwähnenswert ist, dass der Bau der Bahnstrecke Leipzig – Plauen – Hof von 1846 bis 1851 die Ortschaft Herlasgrün und das Leben seiner Einwohner gravierend verändert hatte. 1846 begann nämlich die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn-Compagnie mit dem Bau von zwei Brücken, die die geplante Bahnstrecke Leipzig – Hof ermöglichen sollten: die Göltzschtalbrücke (sie ist die bisher größte Ziegelsteinbrücke der Welt) und die Elstertalbrücke. 1847 übernahm die Sächsisch-Bayerische Staatseisenbahn den Weiterbau und stellte am 15. Juli 1851 beide Brücken gleichzeitig fertig. An diesem historischen Bau der Göltzschtalbrücke hatten mein Ururgroßvater und seine Tochter Friederike Liberta mit gut verdient. Denn in der Nähe der Baustelle hatten Vater und Tochter die Bauarbeiter verköstigt und so den Grundstein für ein Vermögen gelegt.
Von Herlasgrün aus lief Johann Fischer nach Art eines Schmieds in Lederpantoffeln bis nach Reimersgrün. Von Haselbrunn aus fuhr er noch in den 1880er Jahren mit der Eisenbahn in der 4. Klasse (wobei er einen Feldstuhl benutzte, da es dort keine Sitzplätze gab) nach Lucka im Altenburger Land. Von dort aus wanderte er nach Leipzig zur Messe, um seinen Tabakbedarf (einen ganzen Sack voll) einzukaufen. Am 2. März 1888 verstarb mein Ururgroßvater in Haselbrunn.
TitelUrgroßeltern Friedrich Otto Meyer und
Friederike Liberta Meyer geb. Fischer
Friedrich Otto Meyer, der 1830 in Markkleeberg bei Leipzig zur Welt kam, war mein Urgroßvater. Er erlernte den Beruf eines Landwirtes („Ökonom). Die Lehrzeit erfolgte von 1845 bis 1849 in Probstdeuben, die er 1849 bis 1854 auf einem Gut bei Bautzen fortsetzte. 1855 kehrte er nach Probstdeuben zurück, wo sein Vater Johann Gottlob Meyer ein Rittergut zur Pacht übernommen hatte. 1863 heiratete er die 24jährige Tochter Friederike Liberta des Huf- und Waffenschmiedes Johann Friedrich Fischer in Stöhna bei Leipzig. 1864 kaufte mein Urgroßvater einen Landgasthof, den „Sächsisch-Bayerischen Hof
, im vogtländischen Herlasgrün. Dieser Landgasthof befand sich unmittelbar am Bahnhof Herlasgrün an der Bahnstrecke Leipzig-Hof, etwa 10 km südlich von Reichenbach. Da der Bahnhof Umsteigeort für die Bahn-Nebenstrecke Herlasgrün – Treuen – Auerbach war, hatte er größeren Fremdenverkehr.
1883 erwarb mein Urgroßvater das Vorwerk Haselbrunn bei Plauen im Zusammenhang mit einer Zwangsversteigerung für 62.500 Mark und zog mit der Familie dorthin. Zu dem Vorwerk, einem landwirtschaftlichen Gutshof, gehörten nicht nur ein umfangreicher Besitz an Weiden und Feldern, sondern auch eine Ziegelei im Heidenreich, nördlich der Bahnlinie Plauen – Leipzig. Vor dem Verkauf der „Hut hielt man auf dem Gut 30 Stück Vieh. In einer ungewöhnlich schnellen Entwicklung ihrer Industrie dehnte sich die Stadt Plauen immer mehr nach Norden aus. Dies führte zu einer unerwarteten Wertsteigerung der Grundstücke in Haselbrunn als Baugrund. So verkaufte mein Urgroßvater um 1890 70.000 qm Weideland an der „Rußhütte
für 145.000 Mark und baute davon die Ziegelei aus. Ihre Erzeugnisse konnten nicht nur in Plauen, sondern auch in der ländlichen Umgebung abgesetzt werden. Am 1. Januar 1899 wurde Haselbrunn nach Plauen eingemeindet. Friedrich Otto Meyer, der in seinen letzten Lebensjahren einen Backenbart nach Kaiser Wilhelm I. trug, war im Gemeinderat des Dorfes Haselbrunn gewesen und hatte den Eingemeindungsvertrag mitunterzeichnet. Er starb 1901 an einem Herzschlag.
Friederike Liberta Meyer geborene Fischer, die einzige Tochter des Huf- und Waffenschmieds Johann Friedrich Fischer, war meine Urgroßmutter. Sie kam im März 1839 in Stöhna zur Welt. Sie war die treibende Kraft eines mehrmaligen Ortswechsels mit ihrer Familie, der mit einem sichtbaren Vermögenszuwachs verbunden war. Auch im Haselbrunner Unternehmen „Meyers Gut war sie der Mittelpunkt der Familie. Nach dem Tod ihres Mannes führte sie das Unternehmen mit Tatkraft weiter. Die umfangreichen Grundstücke um das „Meyers Gut
herum (schon 1910 wird es in der Garnisonumgebungskarte so genannt) werden beschleust, die Haselbrunner Straße (in Gemeinschaft mit dem Nachbarn Roßbach) und die Hans-Sachs-Straße ausgebaut. In der Haselbrunner- und in der Morgenbergstraße werden in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts im Verlauf der „Blütezeit von Plauen einige Wohnhäuser als Spekulationsbauten finanziert. 1905 schloss meine Urgroßmutter des gesamten Grundstücks- und Ziegeleibesitz, der damals mit 1.300.000 Mark bewertet wurde, in den „Meyer’s Ziegelwerken GmbH
zusammen. Zu den Gesellschaftern machte sie ihre vier Kinder. Ihre Söhne Friedrich Otto (mein Großvater) und Friedrich Albert wurden Geschäftsführer. Den Erwerbspreis der Grundstücke durch die GmbH stundete sie zinslos gegen die Eintragung von unkündbaren Hypotheken in der Höhe des Erwerbspreises. Auf diese Weise band sie ihre Kinder zusammen und diese an die Gesellschaft. Meine Urgroßmutter hatte die Ansicht vertreten: „Wer nicht mitmacht, wird enterbt! Ihre Geschäftsgewandtheit wurde nicht dadurch behindert, dass sie nur schlecht und nicht orthographisch richtig schreiben konnte. Auf der anderen Seite war sie tatkräftig, rührig, geschäftstüchtig, auf der anderen Seite konnte sie herrschsüchtig und oft auch rechthaberisch auftreten. Menschen, die mit ihr zu tun hatten, sahen überwiegend ihre positiven Charaktereigenschaften. So äußerte sich beispielsweise ein Notar, der mit ihr beruflich zu tun gehabt hatte: „Eine tüchtige Frau, die wusste, was sie wollte. In ihren Geschäften war sie weitblickend und großzügig.
Von einem alten Schweizer, der auf ihrem Gut gearbeitet hatte, kamen die anerkennenden Worte: „Früh die Erste und abends die Letzte, … aber anständig zum Gesinde." Meine Urgroßmutter hielt sich Kutsche und Pferd und fuhr in ihren letzten Lebensjahren mit der Gummikutsche in die Stadt Plauen. 1906 verstarb sie in Haselbrunn.
Großeltern Friedrich Otto Meyer und
Emma Elise Meyer geb. Baumann
Friedrich Otto Meyer, der 1872 in Herlasgrün im Vogtland im „Sächsisch-Bayerischen Bahn-Gasthof" seiner Eltern zur Welt kam, war mein Großvater. Er besuchte die Schule in Limbach und kam 1883 nach Haselbrunn, als seine Eltern das Gut in Haselbrunn erwarben. Nach dem Besuch der Realschule in Plauen lernte er das Maurerhandwerk bei dem Maurerobermeister Friedrich Gustav Richter in Plauen und legte 1890 vor der Innung der Baugewerksmeister in Plauen die Gesellenprüfung ab. Als Maurergeselle arbeitete er in Elberfeld, Braunschweig und in Auerbach. In Großenhain und in Elsterberg (bei der Firma Piehler) arbeitete er als Bautechniker. 1899 legte er in Plauen die Maurermeisterprüfung und danach die staatliche Baumeisterprüfung ab. Von 1900 an war er als selbständiger Baumeister tätig. So erbaute er 1901 das Garnisonlazarett der Infanterie-Kaserne 134 und in der Folgezeit mehrere Wohnhäuser und Fabrikgebäude in Haselbrunn, das inzwischen nach Plauen eingemeindet worden war: Haselbrunner Straße 108, 110, 112; das Stickereigebäude Körner; die Maschinenfabrik Endesfelder & Weiß; die Eisengießerei Iwan & Winkel. 1903/1904 war er an dem Bau der Radrennbahn in Plauen-Kauschwitz beteiligt. Mein Großvater war Mitgründer der Kirchengemeinde St. Markus in Haselbrunn und Mitglied des Kirchenvorstandes von Anfang an. Während des Kirchenbaues 1912/13 war er Vorsitzender des Bauausschusses. Meine Großeltern stifteten für die Markuskirche den Altar, den Taufstein und ein Kirchenfenster.
Mein Großvater hing am Hergebrachten und war in der Lebensauffassung sowie in der Politik konservativ, zuweilen bis zur Einseitigkeit und in vorgefasster Meinung schwer belehrbar („Das bäuerliche Erbe wirkte nach.). Sein Wesen war voll Gemüt. Er war sehr musikalisch und seine Lieblingslieder waren: „Traute Heimat meiner Lieben …
, „Nach der Heimat möchte ich wieder …, „Ein getreues Herze wissen …
. Er war von tiefer und überzeugter Gottgläubigkeit, die ihn in vielem eine Stütze war. 1933 starb er laut betend nach einem Leben voller Sorgen, Mühen und Entsagungen, in dem seine Fürsorge für die Familie stets im Vordergrund stand.
Emma Elise Meyer geborene Baumann wurde 1879 in Elsterberg als 5. Kind meiner Urgroßeltern Christian Friedrich und Mathilde Therese (eine geborene Lenk) Baumann in Elsterberg geboren. Im Familienkreis wurde sie „de Kleene genannt. Im kleinbürgerlichen Elsterberg im Vogtland wuchs sie auf, besuchte dort die Schule und erlernte auch das Klavierspiel. Nach der Schulzeit war sie für einige Monate bei einem Geschäftsfreund ihres Vaters in Düsseldorf und in einem „Marthaheim
in Leipzig, um Hauswirtschaft zu lernen. In Elsterberg lernte sie das Kochen in der Gaststätte „Goldenes Lamm" am Marktplatz. Mein Großvater verkehrte in dieser Zeit dort. 1901 heirateten meine Großeltern.
Die Zahl der Kinder (zwei Söhne, vier Töchter) kennzeichnete ihren Lebensweg. Sie führte das Leben der Frauen des Bürgertums am Anfang des 20. Jahrhunderts, die, für Familie und Haushalt erzogen, in diesem Pflichtenkreis aufgingen. Meine Großmutter war fleißig, sparsam, wirtschaftlich und offenherzig. Sie hat keine Arbeit in den schweren Hungerjahren des Ersten Weltkrieges gescheut. Sie lebte nur für die Familie. Aus dem kleinstädtischen Haushalt ihrer Eltern in Elsterberg kannte sie Arbeiten des „Ackerbürgers" aus eigener Erfahrung und führte danach ihren Haushalt. Sie war unermüdlich. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte sie das
