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Buchvorschau
Das ganze Glück - Lise Gast
Morgen in den Bergen
1
Beate trat aus der Hütte, barfuß im Schlafanzug. Es mußte noch früh sein, sie schauerte in der Morgenfrische. Das Tal lag bläulich vor ihr, vorn durch die Spitzen der einzelnstehenden Lärchen, weiter hinten durch die querlaufende Bergkette begrenzt. Ein blendend weißer Wolkenwisch zog sich mitten hindurch und verdeckte die von hier aus spielzeugklein wirkende Kirche, die gewundene Straße, die Dorfhäuser. Der Himmel war von einem unregelmäßigen, aber so stark gleißenden Weiß, daß sein Licht den Augen weh tat.
Beate stand wie jeden Morgen still und sah hinunter; als Kind der Ebene konnte sie sich hier nie satt sehen. Sie hielt sich am Geländer fest, während ihre Füße Halt suchten auf den wackligen Brettern, die hier den „Altan" bildeten.
Überhaupt, diese Hütte hatte die Blüte ihrer Jahre hinter sich. Das Holz der Wände war fast schwarz vor Alter, rissig und rauh, und das Dach hielt nicht mehr dicht, jedenfalls auf der Seite, wo die Bauern früher das Heu gestapelt hatten. Deshalb war dieser Raum leer bis auf ein paar ausgediente Werkzeuge, die an der Wand lehnten, und die Tür stand offen. Wahrscheinlich suchte das Vieh dort Schutz, wenn ein Gewitter kam.
Die Wohnseite der Hütte hatte dem Wetter widerstanden. Der Ofen, lehmgemauert, füllte das eine Viertel des Raumes fast ganz aus; ihm gegenüber stand der festgerammte Tisch und um ihn herum an den Wänden die drei flachen, mit Heu gefüllten Kästen, in denen Beate, Frau Bergmann und Barbara schliefen.
Alle drei fanden es wunderbar, eine Hütte für sich zu haben, und beneideten die Jungen nicht, die in dem neuen, aus Stein gefügten Gebäude etwa fünfzig Meter weiter talwärts hausten. Ihre Hütte war zünftig, viel zünftiger als die andere, wenn diese auch feste Wände und ein richtiges Dach besaß.
Heute waren alle Jungen fort. Früh um vier schon, sie wollten eine große Tagestour machen, angeführt vom Cherusker, der in Wirklichkeit schlicht Hermann hieß. Dr. Bergmann, hier nur „der große Manitou" genannt, hatte einen freien Tag verdient, darüber waren sich alle einig.
Beate kratzte sich mit dem rechten Fuß an der linken Wade und lachte schadenfroh und liebevoll zugleich in sich hinein. Manchmal machten die zwanzig Jungen sogar ihm den Kopf warm.
Er war ja selbst schuld. Warum fuhr er nicht mit seiner Frau und Barbara allein in irgendeine Sommerfrische und erholte sich vom Unterrichten, statt auch noch die Ferien mit jungen Menschen gemeinsam zu verbringen? Aber gerade daß er das nicht tat, daß er sich nicht schonte und heraushielt, obwohl er nicht mehr der Jüngste war, das imponierte und verschaffte ihm diese Sonderstellung, die sonst kein Lehrer dieser Schule eingeräumt bekommen hätte. Nichts gegen Manitou! So etwa dachte jeder der Schüler, wenn es auch niemand aussprach.
Er war Jahrgang und Studienfreund von Beates Vater. Die beiden Männer hatten sich zufällig bald nach dem Tod von Beates Mutter, vor etwa drei Jahren, getroffen, und Pastor Rothemund hatte daraufhin seine Tochter sofort aus der bis dahin von ihr besuchten Schule genommen und dem Gymnasium anvertraut, an dem Manitou Deutsch und Geschichte gab. Seitdem ging Beate bei Bergmanns aus und ein, als wäre sie dort Kind im Haus und Barbaras Schwester. Frau Bergmann, an den Umgang mit jungen Menschen gewöhnt, verstand sich in ihrer freundlichen, ein wenig gleichmütigen Art sehr gut mit ihr. Beate nannte sie, wie Barbara, Mami. Oft schlief sie wochenlang bei Bergmanns, und die Ferien verbrachte sie fast ausnahmslos mit ihnen.
Barbara und Mami schliefen noch. Beate atmete die kalte und ein wenig feuchte, rauhe Gebirgsluft tief ein. Nein, sie kroch nicht wieder in ihren Schlafsack und in die trotz offnem Fenster etwas muffige Luft der Hütte! Sie angelte sich ein Frottiertuch und die Tasche mit Seife und Zahnbürste vom Fensterbrett und balancierte über die ausgelegten Bretter zum Wassertrog. Hier war der Boden von unzähligen Tritten des zur Tränke gehenden Viehs zerstampft und in Morast verwandelt. Zwei der fahlbraunen Rinder standen auch jetzt noch am Trog. Beate scheuchte sie mit dem Badetuch weg. Ein wenig bange war ihr als Großstadtkind doch, trotz ihrer siebzehn Jahre.
Als sie, gewaschen und nun ganz munter, wieder ins Tal hinunterguckte, sah sie, daß der Wolkenstreifen verschwunden war. Das Dorf lag unten, winzig klein und klar zu erkennen, und hinter den Bergflanken hoben sich die letzten Nebel. Es würde also schön werden, ein Tag voller Glanz, und diesmal für sie privat, für Manitou und Mami, Barbara und sie und niemand sonst!
Gewöhnlich liefen die beiden Mädchen hier in der Bergeinsamkeit den ganzen Tag im Turnzeug umher, wie die Jungen. Heute aber fühlte Beate plötzlich Lust, sich schön anzuziehen. Ihre Sachen hingen im Vorraum. Sie schlüpfte in ein Kleid, das sie sich mit Barbaras Unterstützung selbst geschneidert hatte: enges, leuchtend rotes Mieder mit kurzen Ärmeln, dazu ein weiter weißer Nesselrock. Sandalen an die Füße, fertig.
Beate kämmte ihr langes, dunkles Haar, flocht es in zwei Zöpfe. Sie und Barbara trugen Zöpfe, der heutigen Mode zum Trotz. Sie wußten genau, wie gut ihnen das stand. Freilich machte es Mühe, Beate brauchte jeden Morgen eine halbe Stunde, bis sie fertig war, aber das mußte man in Kauf nehmen.
Befriedigt warf sie die dunklen Schlangen über die Schultern, holte sich einen kleinen emaillierten Henkeltopf aus der
