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Ich war ein Reichenauer Rattler
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eBook245 Seiten2 StundenErinnerungen an Innsbruck

Ich war ein Reichenauer Rattler

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Über dieses E-Book

Eine Reise in die Vergangenheit Innsbrucks - lebendig in persönlichen Erinnerungen!

Gernot Zimmermann ist in der Reichenau aufgewachsen und kennt den Stadtteil seit seiner frühesten Kindheit. Seine Erinnerungen reichen bis 1965 zurück, er hat die wichtigsten Jugendjahre hier verbracht und schildert diese Zeit in zahlreichen Anekdoten. Zimmermann und seine damaligen Freunde waren Kinder der Straße, sie haben sich in den Höfen herumgetrieben, haben Leute geärgert, wahnwitzige Mutproben gemacht und den ganzen Tag über nur Blödsinn im Kopf gehabt - richtige kleine Rattler halt.
Das Buch vermittelt einen lebendigen Eindruck der Reichenau und wie deren Einwohner vor 40, 50 Jahren hier gelebt haben. Und vor allem wie es war, in diesem Stadtteil Innsbrucks aufzuwachsen.
SpracheDeutsch
HerausgeberUniversitätsverlag Wagner in der Studienverlag Ges.m.b.H.
Erscheinungsdatum18. Feb. 2020
ISBN9783703065118
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    Buchvorschau

    Ich war ein Reichenauer Rattler - Gernot Zimmermann

    VORWORT

    Eigentlich bin ich per Definition gar kein richtiger Reichenauer, denn als ich geboren wurde, wohnten meine Eltern am Fischerhäuslweg in der Höttinger Au. Ziemlich genau dort, wo heute die Rollbahn des Innsbrucker Flughafens liegt.

    Barake_Fischerhaeusweg.jpg

    Baracke am Fischerhäuslweg, im Hintergrund der „Große Gott". (Foto: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck)

    Aber – genau am Tag meiner Geburt, am 13. Februar 1962, hat meine Oma ihre Stadtwohnung in der Radetzkystraße 18 bezogen. Und diese Adresse sollte die bedeutendste und wichtigste meiner Kindheit und Jugend werden, auch wenn ich oft woanders gewohnt habe. Aber die Radetzkystraße und mit ihr die ganze Reichenau haben mich geprägt und viele der dort entstandenen Freundschaften halten bis heute an.

    Ich bezeichne mich selber als Reichenauer Rattler, wohl wissend, dass das ein sehr umstrittener Begriff ist. Wikipedia meint dazu: „Rattler sind kleine bis mittelgroße Hunde, die ursprünglich als Rattenfänger verwendet wurden. Nun ja, als mittelgroßen Hund habe ich mich nie wirklich gesehen, ich verstehe unter einem Rattler etwas ganz anderes. Natürlich weiß ich, was viele Landsleute mit diesem Wort verbinden: „Ein Rattler ist bei uns in Tirol ein Mensch, der absolut keine Kultur und kein Benehmen hat. Wie z. B. die typischen Jugendlichen im Bus ganz hinten, die spucken, schreien und herumpöbeln … das sind Rattler … auch Karner genannt :-) LG aus Innsbruck. So ein Eintrag bei gutefrage.net. Nun ja, so denken wohl die meisten Tiroler.

    Für mich selber war die Bezeichnung „Rattler" nie wirklich eine Beleidigung. Es bedeutete irgendwie, ein Kind der Straße zu sein. Ganz anders als die behüteten Bürgerkinder. Wild. Rabaukenhaft. Ungestüm. Vulgär. Frech. Dreist. Wagemutig. Furchtlos. Abenteuerlustig. Oft dreckig. Manchmal mit blutigen Knien. Oder nach einem Watschenduell mit blutigen Lippen und blutiger Nase.

    Bei einer Rückschau auf die eigene Kindheit darf natürlich ein Satz nicht fehlen: Es waren damals andere Zeiten. Ich schreib diesen Satz gleich im Vorwort, dann brauche ich im weiteren Verlauf nicht ständig darauf hinweisen. Ständige Veränderung ist halt nun mal die einzige Konstante, auch in der Reichenau. Meine Erinnerungen an die Radetzkystraße reichen bis 1965 zurück, ich habe Ende der 1960er Jahre hier gewohnt, dann von meinem 15. bis 21. Lebensjahr und danach noch einmal für ein paar Monate. Als Omas Liebling habe ich unzählbare und unvergessene Wochenenden bei ihr verbracht und dabei die ersten Freundschaftsbande geknüpft. Und weil meine Mutter später die Wohnung übernommen hat, bezeichne ich heute die Radetzkystraße 18 als mein „Elternhaus".

    Im vorliegenden Buch werden auch einige andere Reichenauer zu Wort kommen, manche von ihnen kenne ich bereits seit Jahrzehnten. Sie würden sich übrigens allesamt nicht als Reichenauer Rattler bezeichnen, der Begriff gefällt ihnen nicht. Mir eh auch nicht besonders, aber was soll ich machen? Ich war nun mal ein Reichenauer Rattler, zumindest ein kleiner …

    Gernot Zimmermann, November 2018

    Ich war ein Reichenauer 

    Rattler

    „DER NAME REICHENAU"

    taucht erstmals in einer Urkunde von 1461 auf, als Herzog Sigmund der Münzreiche ain Wismad und Grund, Raut oder Reychnaw genannt, seinen getreuen Leuten im Dorf Amras verlieh. Der Name Reichenau deutet darauf hin, dass das Gebiet durch Brandrodung urbar gemacht worden ist. So steht es im Internet. Und damit soll über die Entstehungsgeschichte der Reichenau hier schon so ziemlich alles gesagt sein, das wird keine wissenschaftliche Abhandlung über einen Innsbrucker Stadtteil.

    Ein paar historische Fakten möchte ich aber schon noch aufzählen, im Jahr 1925 etwa wurde in der Reichenau der erste Innsbrucker Flughafen eröffnet, da war von einer Bevölkerung noch kaum etwas zu bemerken.

    Flughafen_Reichenau_Stadtarchiv.jpg

    Der alte Flughafen Reichenau – heute steht hier das O-Dorf III. (Foto: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck)

    Lediglich einzelne Häuser standen in den weitläufigen Amraser Feldern und seit dem 15. Jahrhundert ist der Gutshof bekannt, nach dem heute noch der Gutshofweg benannt ist. Zu den allerersten richtigen Siedlern in der Reichenau gehörten die Mitglieder der Familie Morajer, deren Enkel Bert Morajer immer noch am großelterlichen Grundstück am Langen Weg lebt und von dem ich noch sehr viel zu berichten habe. Aber alles zu seiner Zeit.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Reichenau dann immer mehr zum Wohngebiet ausgebaut worden und heute leben an die 12.500 Einwohner hier. Übrigens – auch da ist die Statistik ganz genau – auf exakt 101,5 Hektar. Das geht, da muss man sich nicht zwangsweise auf die Füße steigen. Mit dem städtischen Wohnbau sind auch die letzten „Ureinwohner aus der Reichenau vertrieben worden, etwa die Bewohner der ebenso legendären wie berüchtigten Bocksiedlung. Diese Siedlung war ein wirklich groteskes Sammelsurium an selber gebauten Häusern und Hütten und es hat einige Dutzend davon gegeben. Unumschränkter Herrscher und Namensgeber der kleinen Stadt in der Stadt war die Familie Bock; die ebenso geachteten wie gefürchteten Patriarchen Hermann und Egon Bock haben ihre ganz eigenen Gesetze gemacht und diese im Fall des Falles auch rigoros durchgezogen. Da hat man damals keine Staatsgewalt gebraucht. Noch heute erzählt man sich, dass die Innsbrucker Polizei nur in Mannschaftsstärke in der Bocksiedlung ermittelt hat, einzelne Beamte seien mit dem berühmten nassen Fetzen vom Hof gejagt worden. Wenn sie Glück gehabt hatten! Das Thema Bocksiedlung werde ich eh noch ein paarmal erwähnen, aber wer sich ausführlich mit diesem Stück Innsbrucker Geschichte befassen möchte, dem sei das Buch „Bocksiedlung von Melanie Hollaus ans Herz gelegt. Erschienen im Studienverlag, so viel Werbung muss erlaubt sein.

    Von der Einwohnerzahl her ist die Reichenau nach Pradl, Höttinger Au und Wilten nur der viertgrößte Innsbrucker Stadtteil, hat aber – gemeinsam mit dem Schlachthof und dem Olympischen Dorf – den mit Abstand schlechtesten Ruf. Sogar vom „Glasscherben-Viertel ist die Rede, wenn in – Achtung Klischees – noblen Saggener Villen, in Wiltener Bürgerhäusern oder an urigen Höttinger Wirtshaus-Stammtischen über die Reichenau gelästert wird. Oder sagen wir besser „gelästert wurde. Denn das hat sich natürlich heute alles etwas aufgehört und echte „Feindschaft zwischen den einzelnen Stadtteilen wird auch keine mehr auszumachen sein. Zwar werden bei der Zuteilung einer Stadtwohnung die wenigsten Innsbrucker mit einem „Juhu! Ein Wohnblock an der Reichenauer Straße! oder „Supergeil – wir ziehen in ein Hochhaus in der Andechsstraße! reagieren, wenn sie die Nachricht über ihre neue Adresse bekommen. Aber von einem „Glasscherben-Viertel kann wirklich nicht die Rede sein und ganz davon abgesehen, haben wir Reichenauer diesen Begriff immer für die Bewohner von Stalingrad verwendet, also die Siedlung rund um die Premstraße. Aber das ist eine ganz andere Geschichte …

    Während der ganzen Zeit, in der ich in der Reichenau gewohnt und gelebt habe – und das waren doch einige Jahre –, hat sich der Stadtteil ununterbrochen verändert. Bin ich als Kind noch unmittelbar neben der Radetzkystraße durchs mannshohe Gras und Gestrüpp gestreift, so standen dort bald einmal Neubauten. Auf dem Weg zum Baggersee bin ich in der Roßau an keinen fünf Häusern vorbeigekommen und die Andechsstraße war noch ein grob geschotterter Fahrweg. Überall wurden ganze Wohnblocks hochgezogen und das Zuschauen auf den zahlreichen Baustellen der Umgebung gehörte zum Pflichtprogramm für uns Reichenauer Kinder. Ich bin als kleiner Bub noch wagemutig über die Hauptstraße der Bocksiedlung geradelt, ein paar Jahre später habe ich mir dann genau an dieser Stelle beim „Reifen Rebitzer" Winterräder für mein Auto gekauft. Auf vielen unserer damaligen Spielwiesen und Abenteuerplätzen stehen heute Hochhäuser, manche Orte aus meiner Kindheit lassen sich gar nicht mehr auffinden und existieren nur in meinen Gedanken weiter.

    Reichenauer_Strasse_93_Bild_2_Zimmermann_Ilse.jpg

    In meiner Kindheit haben wir hier noch „Fangerlex" gespielt.

    (Foto: Ilse Zimmermann)

    Wenn ich mich ganz weit in meine Kindheit zurückversetze, dann haben

    „MEINE ERSTEN ERINNERUNGEN AN DIE REICHENAU"

    mit Weihnachten zu tun. Mit viel Schnee am Straßenrand und mit von Kerzen beleuchteten Wohnungsfenstern in den neuerrichteten Wohnblocks der Roßbachstraße. Ich erinnere mich an den würzigen Duft von Weihrauch, der auf die heiße Ofenplatte gestreut wurde, und an den unvergleichlichen Geruch frisch abgebrannter Sternspritzer. Ziemlich sicher war es das Weihnachten von 1965, da war ich noch nicht ganz vier Jahre alt. In jedem Fall war es in der Wohnung meiner geliebten Oma, in der Radetzkystraße 18.

    In dieser kleinen, aber raffiniert geschnittenen Dreizimmerwohnung habe ich die glücklichsten Tage meiner Kindheit verbracht. Von uns drei Brüdern war ich der absolute Lieblingsenkel und ich durfte viele Wochenenden bei meiner Oma übernachten. In meiner Erinnerung war das jedes dritte oder vierte Wochenende, aber das wird mich wohl täuschen. Sie hat mir dann im Wohnzimmer immer eine Matratze neben ihr Bett auf den Boden gelegt, damit ich in ihrer Nähe schlafen konnte. Und fast jedes Mal hat sie mir meine Leibspeise gekocht – Spinatomeletten. Das ist bis heute eines meiner Lieblingsessen – selbstverständlich habe ich sie nie mehr so gut gekriegt wie damals bei meiner Oma.

    Sie hat Juliane Borsutzky geheißen, geborene Hollrieder, und wer sie näher gekannt hat, der nannte sie Liane. Sie war – das war für die damalige Zeit ziemlich außergewöhnlich – stets nur mit Hosen bekleidet, in einem Rock oder in einem Kleid habe ich Oma niemals gesehen. Neben meiner Mutter hat sie noch meine Tante Angelika großgezogen, als Alleinerzieherin. Meine Oma war genau das, was man heute „eine starke Frau nennt. Sie hat nicht nur ihre Kinder gut durch die Kriegs- und Nachkriegszeit gebracht, sondern sich allen Anfeindungen, denen man in Tirol damals als Mutter lediger Kinder – noch dazu von einem ausländischen Vater – ausgesetzt war, trotzig entgegengestellt. Und sie war eine ausgewiesene Anti-Nazi, da hat sie zeitlebens kein Hehl daraus gemacht und das war während des Krieges nicht ungefährlich. Aber sie ist ihrer Einstellung immer treu geblieben und nach dem Krieg haben sich die ehemaligen Parteigänger einiges von meiner Oma anhören dürfen. Unvergessen ihr ebenso oft wie laut verkündetes Mantra beim Aufsperren der Haustüre: „Na, hat der D…, das alte Nazi-Schwein wieder mitgekriegt, dass ich heimgekommen bin? Ja, die liebe Liane konnte erfrischend direkt sein. Einmal, so sagt die Familienlegende, hat sie einen Busfahrer der Linie R vielleicht etwas zu direkt auf einen Fehler aufmerksam gemacht. Der Mann hatte eine verspätet aussteigende Frau übersehen und schon den Türschließknopf gedrückt. Natürlich sind die pneumatischen Türen sofort wieder aufgegangen, aber die ältere Frau hat einen sehr lauten Schrei des Erschreckens ausgestoßen. Darüber musste der Busfahrer grinsen, meine Oma ist nach vorne gegangen und hat ihm eine ordentliche Watsche runtergehaut: „Für Ihr deppertes Grinsen!", erklärte sie ihm noch und hat sich dann wieder ganz normal hingesetzt. Und die anderen Fahrgäste sollen ihr applaudiert haben.

    Grossmutter_von_Gernot_Zimmermann.jpg

    Meine Oma Juliane, kurz Liane

    Meine Oma war zwar eine, wie man so sagt, „einfache, aber eine durchaus kluge und auch sehr belesene Frau. In ihrem großen Wohnzimmerschrank stapelten sich die Bücher aus den „Donauland- und „Deutsche Buchgemeinschaft-Abonnements und auch das „Reader’s Digest war stets vorhanden. Mich hat sie immer sehr zum Lesen animiert und schon als 12-Jähriger hatte ich ihre gesamte Bibliothek durch, von „Das Schweigen im Walde über jeden Konsalik und jeden Simmel bis hin zu „Krieg und Frieden. Und Oma hat extra für mich das damals ziemlich hochpreisige „Flora & Fauna" abonniert, obwohl sie sich das als Putzfrau eigentlich nicht hat leisten können.

    Wenn ich in der Radetzkystraße zu Besuch war, bin ich natürlich auch immer wieder „in den Hof gegangen. Der Hof war die unbebaute Fläche zwischen unserem Wohnblock und den Häusern der Wörndlestraße gegenüber. An einem Ende wurde der Hof vom Flachbau des „Reichenauer Stüberls begrenzt, auf der anderen Seite erstreckte er sich bis zum so genannten „Steiner-Block" am Anfang der

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