Die Stille vor dem Sterben: Unheimliche Geschichten
Von Martin Baresch
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Buchvorschau
Die Stille vor dem Sterben - Martin Baresch
„Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt." (Mark Twain)
So gesehen, begegnen uns der Wahnsinn und selbst Teufel (in Menschengestalt) in unserer Realität auf der Straße, in Arztpraxen, eigentlich überall, während wir unser Leben leben - Tag für Tag, oft hinter harmlosesten Biedermanngesichtern getarnt.
Umso wichtiger erscheint mir deshalb der ausdrückliche Hinweis darauf, dass sämtliche Personen, Orte und Handlungen in den Geschichten dieser Sammlung nicht real, sondern frei erfunden sind. Ähnlichkeiten also rein zufällig wären und völlig unbeabsichtigt.
Für Doris
... auf der Reise durch das Nachtland an meiner Seite.
Für Dein Kämpferherz, Deine klare Sicht der Welt, der Menschen, Situationen, für Deine Geduld (ohne die man einen Schriftsteller wohl nicht ertragen könnte) – und für dieses ganz besondere Lächeln oder Lachen, das jede Sonne in den Schatten stellt.
Die Stille vor dem Sterben„Die Vergangenheit ist ein Gespenst, das unser gegenwärtiges Leben ständig heimsucht."
Stephen King in „Danse Macabre"
„Lasst mich raus! Bitte, bitte, lasst mich raus!"
Weihnachten … das war für ihn auch nach all diesen Jahrzehnten noch die Vergangenheit, diese jämmerliche, viel zu laut flehende Kinderstimme und das Grauen, in den Schatten am Fuß der steilen Treppe jene Familie sehen zu können, schemenhaft, die sich im Dezember 1951, an Heiligabend, dort unten gegenseitig zerfleischt hatte. An dem Tag, an dem er geboren worden war.
Weihnachten, das war er selbst, als Kind, 1959.
Das war eine Kindheit voller Gerüchte und vager Geschichten über die Toten dort unten, war die Zeit des Eingesperrtwerdens. Seine Zeit im Keller, zusammengekauert auf der obersten Stufe der morschen, hölzernen Treppe, das Gesicht nass vor Tränen und Rotz und doch wie im Fieber so heiß gegen die Kellertür gepresst. Ringsumher - nichts als Dunkelheit und hauchzarte, klebrige Spinnweben und die Ahnung grausiger Einflüsterungen und Erinnerungen - und daraus hervor wuchernder eigener, noch viel schrecklicherer Gedankenbilder.
Wie er darauf hoffte, einen Lichtschimmer von draußen durch die Risse der alten Lattentür wahrnehmen zu können, oder einen Laut zu hören.
Überhaupt irgendetwas zu hören.
Hastige Schritte auf den Steinfliesen im Korridor draußen, vielleicht; ferne Stimmen aus der Küche der Großeltern im Erdgeschoss, dort, wo die Mutter, die Tante und Großmutter das Weihnachtsessen vorbereiteten; den Hauch eines Lachens; das tröstende Wispern seiner jüngeren Schwester Romy – oder, wenigstens, das unterdrückte Schluchzen seiner Mutter, das ihren Schmerz darüber verriet, dass man ihn am Heiligen Abend bestrafen musste.
Doch außerhalb seines Kopfes war nichts … Nur eisige Stille.
Selbst die fernen Geräusche jenseits der unmittelbaren Stille schien es nicht mehr zu geben: das phantomhafte Rauschen des Schneepflugs, der in regelmäßigen Abständen die Fabrikstraße räumte; die silberhellen Stimmen der Nachbarskinder, die am Straßenrand einen Schneemann bauten und sich dabei stritten; nicht einmal mehr das Stundengeläut der Kirchenglocken gab es.
Und innerhalb seines Kopfes sah er sie alle jenseits der Kellertür versammelt: seine Großeltern Gottfried und Anna, seine Tante Hildegard, die Onkel Kurt und Anselm, seine Eltern Eberhard und Katharina, seinen fettleibigen Bruder Konstantin und die zierliche Romy, seine kleine Schwester; sah sie wie eine Teufelshorde vor der Kellertür stehen – lauernd und nickend und sich flüsternd gegenseitig in dem bestärkend, was die Großmutter vorhin gesagt hatte:
„… Angst hat noch keinem geschadet, im Gegenteil. Die wird ihn Respekt lehren und, im rechten Moment folgsam zu sein. Sie wird ihn disziplinieren und abhärten und zu einem starken Mann machen. Weil, schließlich – gehört nicht den Starken die Welt? Alles wird gut sein, und danach wird er seine Lektion gelernt haben, ein für allemal."
In Wirklichkeit hatte er seine Lektion niemals gelernt, bis heute nicht, und niemals war alles so richtig gut gewesen in seinem Leben, und stark war nur eines geworden … diese viehische, allgegenwärtige, unbestimmbare Angst in ihm.
****
Wenn manche Erinnerungen gut sind, weil sie längst Vergangenem und längst Verstorbenen eine Art ewiges Leben und Bedeutung verleihen, so gibt es andere, ganz spezielle, die manchen Ereignissen definitiv zu viel Bedeutung verleihen - eine schleichend lebensvergiftende Bedeutung. Schemenhafte Erinnerungen, die man vergessen will; die man verdrängt, und die sich schließlich verdrängen lassen, mit jedem vergehenden Jahr ein wenig mehr.
Erinnerungen, wie diejenige an den Tod des winzigen, behinderten Bruders, den man als Achtjähriger nur ein einziges Mal im Arm gehalten hatte, unter dubiosen Umständen; Erinnerungen an die vielen, vor den Eltern geheim gehaltenen Besuche an seinem Kindergrab; Erinnerungen daran, wie bald die Eltern schon nicht mehr über ihn hatten sprechen können und in ihrem Schmerz noch weiter abgerückt waren von ihren lebenden Kindern.
Solche Erinnerungen, redete er sich ein. Doch natürlich waren es viel mehr noch die anderen Erinnerungen, die er loswerden wollte … Erinnerungen an lähmende Dunkelheit, an dieses Gefühl absoluten Ausgeliefertseins, Erinnerungen an reglose, zerschundene Körper, die Nikolauskappen trugen, keck in die Stirn gezupft. Und aus denen sich … etwas erhoben hatte, mit rasiermesserscharfen Klingen und Klauen und Raubtierfängen.
Aber auch diese speziellen Erinnerungen hatten sich verdrängen lassen, waren unter tausend Selbstzweifeln, Beteuerungen und schließlich logischen Erklärungen zu einem unguten Gefühl geworden, einem Gefühl des Belauertwerdens, einer Ahnung ständiger ungewisser Bedrohung … und irgendwann scheinbar ebenfalls verschwunden. Sie waren zu etwas geworden, das er nur scheinbar tapfer und selbstironisch als den Fluchtreflex bezeichnete, wenn sie sich tief unten in ihm regten. Trotz der eisigen Angst, die ihn dabei jedes Mal wie ein Blitz aus purer Schwärze durchfuhr. Trotz der Flüsterstimme, die er dabei zu hören glaubte.
Von der Flüsterstimme hatte er seiner Freundin niemals etwas erzählt. Auch nicht von seiner Zeit im Keller. Überhaupt niemandem hatte er davon erzählt.
Der Fluchtreflex, er kehrte jedes Jahr wieder; pünktlich Ende November schien er mit den ersten träge vom Himmel herab schwebenden Schneeflocken zu kommen, mit den dickbäuchigen Novemberwolken, den herausgeputzten, blinkenden, blitzenden Schaufenstern, den ewig gleichen Weihnachtsliedern in den Kaufhäusern, den Spendenaufrufen der Hilfsorganisationen, den langen, in graue Abgaswolken gehüllten Autoschlangen in nebligen Straßen. Mit dem Schnee, der sich am Straßenrand schnell rußig-schwarz färbte und zu einem pockennarbigen Krebspanzer wurde. Mit der Hektik, die Jahr für Jahr bizarrer Höhepunkt vor dem Fest des Friedens war.
Diese Stimmung, sie trieb ihn hinaus, in die Stadt, hinein in die dicht gedrängt hastenden Menschen mit ihren geröteten Gesichtern, den triefenden Nasen; ihrem Schwitzen unter den Pelzmänteln, Anoraks, Parkas.
Als könnte er auch nur einen von ihnen beschützen; oder gar retten.
An den Ampeln, unter den quer über die Straßen aufgehängten Neonsternen und dem Goldlametta und den überall ausgestellten Weihnachtsbäumen der weihnachtsdekorierten Stadt hörte er sie ungeduldig murren und über Zeit reden, die viel zu knapp bemessene Freizeit, in der man nun die Geschenke einkaufen musste; Geschenke für alle, vor allem aber für die Kinder, die doch gar nichts mehr zu schätzen wussten, außer den verrücktesten Klamotten, Videorekordern und Computern und möglichst bündelweise Geld; und dass gewisse Wünsche auf ihren Wunschlisten sogar nachdrücklich pinkrot unterstrichen waren.
In den grippedampfenden Kaufhäusern hörte er Kinder schreien und quengeln und weinen; sah sie an den Händen ungeduldiger, überforderter Mütter und unerbittlich strenger Väter mitgeschleift werden, hin zum nächsten Geschenk, zum nächsten dringend benötigten Weihnachtsgeschenk.
Er beobachtete, wie sie in die Parkhäuser zurücktrotteten, wie sie Weihnachtsmärkten einen hastigen Besuch abstatteten, blindlings, hektisch, schließlich hastig betrunken, beladen und behängt mit Plastiktüten, mit großen und kleinen Geschenkkartons, mit bereits verpackten Überraschungen. Die Gesichter kaum friedlicher jetzt, nicht verklärt – Gott sei Dank, eine Verpflichtung, ein Stress, ein Punkt auf meiner To-do-Liste weniger. Denn Liebe und Weihnachten trugen in dieser Zeit ganz andere Namen: nämlich Geld und Hektik und Einkaufenmüssen und Druck.
Er folgte unglücklichen Männern, Frauen, Kindern auf ihrem Weg durch den Schneematsch nach Hause und ging noch lange vor den hellen Fenstern auf und ab, in Gedanken bei den Kellern, den vielen Kellern, die es gab; ein einsamer Spaziergänger in einer unwirklichen, traumhaften Dunkelheit, die keine richtige Finsternis mehr werden konnte, weil überall künstliche Sterne und Schaufenster strahlten - die pervertierten Sterne von Bethlehem, so kalt wie die Herzen der Menschen, die auf ihre Kinder einbrüllten beim Einkaufen der Weihnachtsgeschenke, sie hierhin und dorthin zerrten und schlugen und schlimmer als Hunde behandelten; so kalt wie der Tod … und eine ferne Flüsterstimme. Eine Flüsterstimme, in einem tiefen, kalten Keller, in dem bereits Menschen gestorben waren.
An diesem Abend floh er halb besinnungslos aus dem Kaufhaus, eilte die Rolltreppe hinab, ließ sich tränenblind von den Menschenmassen davonstrudeln … hinaus, in das Schneegestöber, das eingesetzt hatte, vorbei an den dicht vor hell erleuchteten Schaufenstern am Boden kauernden Bettlern mit ihren kleinen „Ich habe Hunger!"-Pappschildern.
Irgendwann fand er seinen in einer dunkleren Seitenstraße abgestellten Wagen und warf sich hinein, ohne zu wissen, wie er ihn hatte erreichen können mit seiner Kraftlosigkeit; warf sich hinein in eine stählerne Kälte, die sich darin ausgebreitet hatte und an der er selbst dann noch festzukleben drohte, als er längst viel zu schnell unterwegs war.
Nein, gar nichts war gut in seinem Leben, und niemals an Weihnachten, denn Weihnachten, das war die Zeit dort unten, im Keller, an dieser Tür. In dieser unermesslichen Stille; denn tatsächlich, so hatte er es sich später eingeredet, hatte er niemals wirklich auch nur den geringsten Laut gehört jenseits der Kellertür, ob seine Eltern, Großeltern, die Tante und seine Geschwister nun tatsächlich lauernd und lauschend und tuschelnd dort draußen beieinander gestanden waren oder nicht.
****
Dieser tief ins lehmige Erdreich getriebene und mit einem alten Bunker voller Schatten und uralter Geheimnisse verbundene Gewölbekeller unter dem großen, alten Haus verschlang seit jeher jedes Geräusch wie ein ungeheuerliches Wesen.
Das zumindest wusste er, denn es war ihm eingehämmert worden, seit ihn die Hebamme in dieser verfluchten Mordnacht aus seiner Mutter heraus und in diese Welt gezerrt hatte. Unmöglich, die Geschichten seiner Großmutter zu vergessen.
„Alle drei, Vater, Mutter und die kleine Tochter, wollten dort unten wohnen, unbedingt. Angeblich hatten sie Schlimmes erlebt und gesehen, und dort, bei den dicken Grundmauern unseres Hauses, fühlten sie sich in Sicherheit, endlich in Sicherheit – und nur dort. Und es gab ja auch, durch den alten Bunker, einen eigenen Ausgang in den Garten. Diese armen Leute, sie wollten für sich sein und waren zufrieden, wenn man ihnen genügend Wasser und Lebensmittel vor die Kellertür gestellt hat. Das haben wir gemacht, immer. Das war uns ein Herzensanliegen. Und wie haben sie`s uns gedankt?"
Selbst heute, als Erwachsener, konnte er, ob er wollte oder nicht, ihre monotone Stimme noch hören, und wie sie von dieser armen Flüchtlingsfamilie plapperte, die nach dem Weltkrieg im Haus ihres Mannes Gottfried, seines über alles geliebten Großvaters, zwangseinquartiert worden war, weil es viel zu wenig Wohnraum gab im zerbombten Nachkriegsdeutschland. Die Geschichte selbst kam ihm noch unwirklicher vor als früher, abgerutscht an den unteren Rand seines Unterbewusstseins; aber sie war da, sie lauerte allgegenwärtig. Und mit ihr dieses Entsetzen in der Stimme der Großmutter, wenn sie in einem Satz zusammengefasst hatte, wie diese Familie dort unten gehaust hatte, nämlich: „Wie die Tiere!"
Mit diesem Satz, der ihm noch jedes Mal wie ein schleimiger Auswurf vorgekommen war, hatte sie ihre Erzählungen, die letzten Endes doch kaum mehr als Andeutungen waren, immer beschlossen und beschloss sie auch heute noch, hochbetagt, dement – jedoch nicht, was die arme Flüchtlingsfamilie anbelangte; mitgenommen von einem langen Leben voller Erinnerungen an diese Nacht, totenblass und vorwurfsvoll zugleich: „Und nichts hat man oben von der Tragödie gehört, gar nichts. So sehr wir auch die Luft angehalten und gehorcht haben, wenn uns das möglich gemacht wurde von deiner Mutter, die es in dieser Nacht auch nicht leicht hatte … deinetwegen."
Er hatte oft an das kleine Mädchen denken müssen, früher; und natürlich hatte er nach ihr gefragt: ob sie wohl auch unbedingt dort unten hatte hausen wollen, im Dunkeln, oder ob sie nicht lieber mit den anderen Kindern aus dem Viertel in der Sonne gespielt und gelacht und wieder Kind gewesen und alles Schlimme aus der Vergangenheit vergessen hätte. - Doch mehr war nie in Erfahrung zu bringen gewesen, über die bedauernswerte Flüchtlingsfamilie.
Stille und Schweigen waren schon damals nicht nur im Keller zuhause gewesen, sondern auch oben im Haus, zwischen den Mitgliedern seiner Familie, und so hatte er sich im Lauf seiner Kindheit an das Immergleiche gewöhnt. Düstere Geschichten, Andeutungen, vage Vorwürfe, Halbheiten. Niemals Antworten, von der
