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Altstadt-Blues 2.0
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eBook504 Seiten6 Stunden

Altstadt-Blues 2.0

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Über dieses E-Book

Sommer 2014: Mona Blume könnte eigentlich zufrieden sein - das Kunst-Studium an der Uni Mainz - der Nebenjob beim ZDF und die gemütliche Wohnung in der Fußgängerzone. Einziger Wermutstropfen: Die noch vorhandenen Gefühle für ihren Exfreund und seinen Hund Troll. Als Troll in der Johannisnacht die blutige Kamera einer toten Politesse aufspürt, und aus dem Coface-Stadion eine weitere Frau spurlos verschwindet, kippt Monas ungeliebtes Singleleben völlig aus den vertrauten Bahnen und sie gerät in den direkten Dunstkreis von seltsamen Vorkommnissen hinter den Mauern der Bischofsstadt …
SpracheDeutsch
HerausgeberEngelsdorfer Verlag
Erscheinungsdatum18. Dez. 2017
ISBN9783961455577
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    Buchvorschau

    Altstadt-Blues 2.0 - Waltraut Karls

    Hundemüde, brennende Füße und der stechende Schmerz im Nacken. Hoffentlich kein Vorbote für einen steifen Hals, ihren alten Bekannten aus heiterem Himmel, den sie in den nächsten drei Wochen wirklich nicht brauchen kann. Aber fünfundsiebzig Parksünder hat sie am heutigen Sam stagabend des Johannisfestes im MDE, im mobilen Datenerfassungsgerät, registrieren können. Damit ist sie vollauf zufrieden. Ein ordentlicher Schnitt für den letzten Arbeitstag vor dem Urlaub. Nur, dass sie, Gerda Buchdruck, das gesamte Equipment der neuen Partnerin Kathrin, zusätzlich neben ihrem eigenen, nach Hause und morgen ins Amt transportieren soll, stinkt ihr gewaltig. Doch wie hätte sie dem Betteln der jungdynamischen Neuen widerstehen sollen?

    »Du bist die beste, die Beste von allen Kolleginnen! Bitte, bitte, bitte…!« Erst seit zwei Monaten gehört diese Kathrin zum Team und wollte es heute Nacht »…mal so richtig krachen lassen!«, wegen ihres dreißigsten Geburtstags.

    Nach Mitternacht wollte sie unbedingt darauf anstoßen und hatte Gerda, nach Ende der gemeinsamen Sonderschicht, überredet zum Besuch dieser merkwürdigen Kaschemme, welche die erfahrene Politesse normalerweise niemals betreten hätte. Kathrin ist die Erste, die lange mit der Einsatzleitung um die Ausnahme gerungen hatte, dass sie beide die Arbeitsgeräte nicht wie üblich nach Feierabend abliefern müssten. Morgen früh, so lautet ihr Deal, soll eine von ihnen zur Dienststelle in der Kaiserstraße kommen, um die erfassten Parkverstöße dieser Nacht ablesen zu lassen. An Gerdas Gürtel baumeln jetzt also zwei MDEs – neben der Tasche mit den übriggebliebenen, druckfrischen Strafzetteln und der Digitalkamera – und über ihrer Schulter schlenkern zwei ausgeschaltete Funkgeräte. Wie üblich hat sie den Schwarzen Peter gezogen und ärgert sich über sich selbst, dass sie sich wieder einmal zu etwas breitschlagen ließ, was sie eigentlich so nicht wollte. Vor der Kneipe atmet die zierliche Frau erst einmal tief durch, bevor sie so bepackt, den Abstieg zur Gaugasse beginnt. Unten angelangt torkelt ihr auf der begrenzten Verkehrsinsel inmitten der Gabelung der Straßenbahnschienen, im Durchgang zwischen den Robinien und dem dreistöckigen, skurrilen Schottenhof, ein Pärchen mittleren Alters entgegen. Es stützt sich mühsam schwankend immer wieder gegenseitig, kippt rechts und links auf die parkenden Autos am Straßenrand, um beim dritten Anlauf die Treppe zum Kästrich zu erklimmen, die sie gerade heruntergestiegen ist.

    Gerda schaut ihnen hinterher, verharrt kurz, dann blickt sie skeptisch zur beeindruckenden Kulisse der Stephanskirche, die sich hundert Meter weiter vor ihr in den Nachthimmel reckt. Mit dunklen Schlagschatten, dem verhangenen Mond und so in Dämmerlicht gehüllt, präsentiert sich die eigentlich vertraute Szenerie beklemmend unheimlich, was sie unwillkürlich erschauern lässt. Seit dem schweren Schicksalsschlag vor einem Jahr quälen Gerda sehr ambivalente Gefühle über ihr einstiges Urvertrauen zu Gott und den tiefen Glauben, den sie jetzt nicht mehr aufzubringen vermag. Sobald sie mit sich alleine ist, hadert sie mit dem unbarmherzigen Schicksal, das ihr alles nahm. Sie zweifelt immer wieder am Katholizismus und den streng gläubigen Familienbanden, in denen sie seit ihrer Kindheit so tief verwurzelt war.

    Diesen Gott, der ihren Lebensweg wie ein roter Faden begleitete, der als unerschütterlicher Halt stets an ihrer Seite war, ihn stellt sie jetzt infrage, weil sie seine Anwesenheit nicht mehr zu spüren vermag. Gerda streift sich fest über die Stirn, als wolle sie die trüben Gedanken hinweg wischen. Den verkürzenden, aber diffus beleuchteten Durchgang entlang der Kirchenmauern wird sie heute nicht nehmen, auch nicht die unzähligen Treppenstufen nach unten, die gleich dahinter zu Ball- und Bischofsplatz führen. Dort müsste sie so behängt quer durch die Feiernden und dümmliche Sprüche wären vorprogrammiert. Nach Überquerung der Schienenstränge entscheidet sie sich zu einer letzten Anstrengung am Finale des heutigen Abends. Zu den hundert Metern Anstieg bis zum Gautor, wo sie nach Linksbiegung über die Zitadelle nur noch bergab der Straße folgen muss, um so das Fest zu umgehen. Funkgeräte und Digitalkamera lasten schwer auf Gerdas müden Gliedern, als sie sich Schritt vor Schritt den Berg hinauf in Bewegung setzt. Das Ecklokal hat geschlossen und in der Gasse grölt eine Gruppe Betrunkener. Mit einem kleinen Umweg über den Südbahnhof kann sie dann unbehelligt zu ihrer Wohnung in der Uferstraße gelangen. Ausgelaugt und zerschlagen sehnt sie sich unbändig nach den eigenen vier Wänden. Hunger verspürt sie nicht, war doch das üppig belegte Mettbrötchen der einzige Lichtblick in jener verrauchten Pinte. Zuerst wird sie ausgiebig duschen, sich ein Gläschen vom süffigen Dornfelder kredenzen und die müden Füße hochlegen. Morgen beginnt endlich der verdiente Urlaub, drei unglaubliche Wochen lang. Vielleicht gelingt es ihr in dieser Zeit, die aufkeimende Freundschaft mit dem neuen Nachbarn zu vertiefen …? Seit über einem Jahr hat kein männliches Wesen sie mehr richtig geküsst. Niemand durfte ihre intimsten Stellen berühren, niemanden hat sie näher als einen halben Meter an sich herangelassen. Doch dieser stattliche Mann mit den sanften Augen, den gepflegten Händen und dem ansehnlichen Körper, der ihr vor zwei Wochen so intensiv und verständnisvoll zuhörte, der zärtlich und beruhigend über ihren Rücken streichelte … Ihre nervösen Hände behutsam in seinen auffing, als sie ihm in einem schwachen Moment ihre leidvolle Geschichte anvertraute.

    Nach jedem Treffen spürt sie mehr und mehr, dass sein ausgeprägtes Interesse an allen Facetten ihrer Person, ohne sie je zu bedrängen, ein beachtliches Stück ihrer alten Kraft und Power wieder aufleben lässt. Auch die für immer verloschen geglaubte Flamme von Lust auf Berührungen, auf körperliche Nähe und Beziehung, hat wieder leise zu glimmen begonnen. Zunehmend gelingt es ihr auch, verschüttete Emotionen zuzulassen und dieser unverhoffte Umstand… erfreut sie sehr. Gleich nach dem Frühstück wird sie die Arbeitsutensilien zum Ordnungsamt bringen, und sich anschließend zu der Jugendstilvilla in die Nerotalstraße begeben. Endlich konnte sie sich dazu durchringen, wenn auch mit sehr bangem Bauchgefühl. Seit dem Tod ihres Vaters vor einem halben Jahr hat sie es nicht übers Herz gebracht, das vertraute Interieur ihres Familienerbes alleine zu betreten. Wen hätte sie auch bitten sollen, sie zu begleiten, sie zu unterstützen, sie zu stützen? Ihren Ex? Diesen Dreckskerl … Die Villa in Gonsenheim ist ihr Elternhaus. Alles, was ihr von ihrer Familie geblieben ist. Auch wenn der Zahn der Zeit die Bausubstanz nicht verschont hat. Vom Keller bis zum Dach wartet ihre übervolle Geburtsstätte mit Erinnerungen auf, mit guten und weniger guten. Dort wurde immer alles aufbewahrt und gehortet. Zeugen ihrer behüteten Kindheit und der unbeschwerten Jugend, aber auch bewegende Nachklänge dieser bleischweren Zeit, als ihr Vater und sie, die viel zu früh dahin siechende, vorher so stolze Mutter zu Hause gepflegt hatten. Der schmerzliche Verlust der geliebten Mutter und Ehefrau hatte sie beide verändert. Hatte die Leichtigkeit aus ihrem Leben verbannt. Die destruktive Trauer ihres so veränderten, freudlosen Vaters konnte sie irgendwann nicht mehr ertragen. Sie flüchtete aus dem großen Haus in die Innenstadt, allein in eine Wohnung am Rheinufer. Erst als Hajo in ihr Leben trat, schöpfte sie wieder neue Hoffnung. Die ständigen, insistierenden Argumente ihres Vaters gegen Gerdas schnelle Hochzeit mit Hans-Joachim, seine Vorahnungen über eine vermeintliche Schürzen- oder Mitgiftjägertendenz beim zukünftigen Schwiegersohn, die sie nicht hören wollte.

    Doch nicht ihr Liebster …

    Die zähen Kämpfe, in die sich Vater und die einzige Tochter immer wieder verstrickten und schließlich der Bruch. Wie recht er doch hatte mit seiner Menschenkenntnis. Wenigstens auf dem Sterbebett konnte sie sich wieder mit ihm versöhnen, bevor er friedlich entschlafen war. Zum Glück hatte sie bei der Hochzeit darauf bestanden, ihren Mädchennamen beizubehalten, denn Frau Trippers, ähnlich wie eine Geschlechtskrankheit, wollte sie wahrhaftig nicht heißen. Sie bleibt einen Moment stehen und schaut hinauf in den getrübten Nachthimmel. Ob ihre Eltern jetzt wieder in Liebe vereint waren und sie von oben sehen konnten?

    *

    Aus der Altstadt dringen undeutliche Klangmischungen zu ihr hinauf, als sie sich langsam vorwärts bewegt. Die Musik in dieser Kneipe! Diese einst so vertraute Musik, die die dunklen Schatten der Vergangenheit wieder herauf beschwört hat. Die Musik, die sie nie mehr hören wollte… Der vermaledeite Song, zweimal in einer Stunde, nahezu seelische Folter.

    Auf dem Absatz umdrehen und flüchten wäre das Beste gewesen für ihren schwer erkämpften Seelenfrieden. So weit fort, wie ihre Füße sie getragen hätten. Gerdas Wangen glühen jetzt, ihr Kopf schmerzt und innerlich fühlt sie sich heillos aufgewühlt. ›Klaus Hoffmanns, Tanze Gerda, tanze… tanz die ganze Nacht!‹

    Das Lied ihrer großen Liebe, die sie verloren hat. Tief drinnen empfindet Gerda wieder den brennenden Schmerz von damals. Fast zerbrochen wäre sie daran. Morgen jährt sich der Tag, an dem das schreckliche Unglück über sie hereinbrach, und ihren gesamten Lebensentwurf in einen Scherbenhaufen verwandelte. Durch seine Schuld, seine alleinige Schuld. Dieser Song dort… er riss die längst verheilt geglaubte, tiefe Wunde ihres vernarbten Herzens wieder auf. Wie oft hatte der Lügner sie damit eingelullt! In die trügerische Illusion über Sicherheit und Bestand ihrer Ehe.

    »Brauchst dich nicht zu fürchten…« Mit genau diesem Lied … mit ihrem gemeinsamen Lied! Passé. Vorbei! Aber nicht vergessen. Bis zu ihrem letzten Atemzug wird diese Tantalusqual in ihrem Gedächtnis verbleiben, eingebrannt für immer.

    Der gemeine Betrüger. »ICH geb’ schon auf dich acht…«

    Das ganze Leid nur wegen dieser billigen Schlampe!

    *

    Dreiundzwanzig Uhr zehn zeigt ihre Armbanduhr. Scheinbar alle zum Feiern unten in der Stadt und keine Menschenseele hier oben. Gerda war nie eine ängstliche Seele, aber etwas mulmig… ist ihr jetzt doch zumute. Sie passiert zügigen Schrittes die verwaiste Eisgrubschule und die anschließenden, schnörkellosen Häuserfassaden. Wolkenverhangene Dunkelheit über dem Volkspark, gedämpfte Musikfetzen vom Hopfengarten und plötzlich… Ein gellender Kinderschrei? Der Spielplatz…? Nichts zu sehn.

    »Brauchst dich nicht zu fürchten…!«

    Schneller Gerdi, schneller… SIE hat doch keine Angst. Außer Atem erklimmt sie die Anhöhe gegenüber der Goldenluftgasse. Krächzt heiser: »Hallo?« Wo zum Teufel ist ihre feste, amtliche Stimme? Zum Glück – sie kommt und sie funktioniert.

    »HEY, SIE! Was treiben Sie denn da?« Eine Puppe fällt ins Gras, ein leises Wimmern, ein kurzes Rascheln. Dann erspäht sie den flatternden Schatten, den schnell der lichtlose Abhang verschluckt. Die breite, am Boden hockende Männergestalt, die ihr die freie Sicht versperrt, schaut ruckartig über die Schulter und springt auf. Der nachfolgende, funkelnde Blick aus der Dunkelheit trifft Gerda wie eine Pfeilspitze, begleitet von einem Zischen.

    »Hau bloß ab, DU blöde Schlampe!« Sie denkt nicht daran, verlangt eine Klärung: »Jetzt aber mal langsam! Was war denn hier los? Was wollten Sie…?«

    Bloß keine Schwäche zeigen! Mit zwei langen Sätzen ist er vor ihr, wie ein Baum in die Höhe wachsend. Ein langes Messer blinkt auf im schwachen Schein der einzigen Straßenlaterne.

    »Was soll das…?« Grob packt sein eiserner Griff ihre unbehängte Schulter, verharrt kurz, wie sich besinnend, und sie erkennt ein junges Gesicht. In der leicht erhellten Schwärze kreuzt sich Gerdas angstvoller Blick flüchtig mit dem mitleidlosen Ausdruck der kalten Augen, die sie anstarren.

    Aufsteigende, dumpfe Angst lähmt ihre Glieder, ihre Hände schwitzen, nur ihr Verstand arbeitet fieberhaft. Sie muss etwas tun, aber was?

    Ein Funkgerät anschalten und Verstärkung rufen…

    Sie versucht danach zu greifen, als der sie überragende Mann Gerda so unvermittelt und rüde zu sich reißt, dass sie taumelnd das Gleichgewicht verliert und ein Teil des Equipments zu Boden rutscht. Er fängt sie auf und umklammert sie mit eisernem Griff so fest, dass sie kaum noch Luft bekommt.

    »Lassen sie mich sofort los, nein…! Hören sie auf! H i l f e!« Die große Hand presst sich brutal auf ihren fordernden Mund, will ihn verschließen, sie mundtot machen. Mit stoßweisem Atem versucht sie, den körperlich überlegenen Angreifer abzuwehren. Kämpft verzweifelt an gegen die muskulöse Gewalt des jungen Täters. Alle Geräte und ihre letzte Chance auf Hilfe schleudern in den Abhang.

    Sie schreit und fleht mit allerletzter Kraft … um ihr Leben!

    »Bitte… Hilfe! Ich will nicht sterben! HILFE!!!« Vergeblich!

    Der gnadenlose Stich seines Messers bohrt sich tief durch ihre Eingeweide. Einmal, zweimal und wieder… bis Gerda rückwärts zu Boden sinkt. Rasselnder Atem aus blutendem Rachen… kraftloses Röcheln… ein mattes Stöhnen… ein letztes, fast lautloses Flüstern.

    »Nein! Diese Schmerzen, ich verblute… Wo bist du? Gott?! Das tut so weh… Nein! OOH! GOTT?! Oh Nein!« Stille… Totenstille.

    Samstagmorgen, 25. Juni

    »Oh nein – wer ruft denn um diese Zeit an?«

    Der Wecker zeigte sechs Uhr fünfzehn am Samstagmorgen, Johannisfest-Wochenende in Mainz. Ihr Kopf brummte. Je nach Sichtweise war es sehr spät gestern Abend oder früh heute Morgen. Und der allerletzte Winzersekt sicher verdorben! Das schwarze, schwere Pelzbündel auf ihrem Fuß namens »Troll«, hob langsam den Kopf und gähnte sie an. Ja – SIE war auch noch sehr müde. Das Telefon klingelte dreimal, ehe der museumsreife Anrufbeantworter mit lautem Geratter ansprang und die sonore Stimme eines guten Freundes, wie immer verlässlich, das Sprüchlein herunterleierte: » …ist nicht zu erreichen, sprechen Sie nach dem Piep!«

    Familie und Freunde wussten, dass ihr das Wochenende heilig war. Also, keine Anrufe vor neun, besser noch zehn Uhr, wenn sie nicht absolut dringend waren. Viele legten dann auf, waren abgeschreckt, aber diesmal… Piieeep…

    Die etwas mürrisch klingende Frauenstimme schnarrte laut.

    »Ihr PKW steht im absoluten Halteverbot!«

    Vielleicht ein blöder Joke? Mona Blume sprang wie elektrisiert aus dem Bett, stieß gegen die halbvolle, unverschlossene Cola daneben, die sich schäumend über den Teppich ergoss. Verflixt! Diesen Spleen vom Stehen lassen der offenen Flaschen musste sie sich endlich abgewöhnen. Troll rollte widerwillig zur Seite.

    »Das kann gar nicht sein«, krächzte sie heiser in den Hörer, »wer ist denn da?«

    »Hier ist das Verkehrsüberwachungssamt und wenn Sie Ihren Wagen nicht gleich wegbewegen, wird er abgeschleppt!«

    Doch kein Scherz! Diese Stimme, eine eiskalte Dusche könnte momentan nicht besser wirken.

    »Aber machen Sie schnell!«

    »Ich komme sofort«, hörte sie sich antworten und schob das Mobilteil unsanft zurück in die Basisstation. Hektisch riss sie einige saugstarke Blätter von der nahe liegenden Dick & Durstigrolle und presste sie auf den ausgedehnt, klebrigen Fleck. Troll umrundete die junge Frau jetzt schwanzwedelnd, beobachtete mit fragendem Blick, wie sie hektisch die Klamotten vom Vorabend bestieg. Jeans und T-Shirt, Sandalen.

    »Nein! Keine Zeit, Troll. Später.«

    Ein flüchtiger Blick in den Spiegel, zwei Bürstenstriche übers Haar, ungewaschen ging sie sonst nirgends hin, aber das schien ein Notfall zu sein! Hausschlüssel, Autoschlüssel in den Rucksack und diesen über die Schulter. Türe zu und die steile Treppe hinunter. Der Hund winselte laut hinter ihr her.

    Vor ihrer Haustür – Fußgängerzone – erblickte Mona an deren-Ende, einen gelben ADAC-Abschleppwagen in Aktion und rundherum viele bunte Marktstände. Reges Treiben überall. Wieso um diese frühe Zeit? Ach ja, der Samstags-Wochenmarkt, normalerweise auf dem Domplatz, war wegen des Johannisfestes verlegt auf den Hopfengarten-Parkplatz. Mona schwante nichts Gutes und erhöhte ihre laxe Schrittfrequenz. Shit! Ihr schwarzer Golf parkte einsam inmitten zweier Marktstände, die soeben mit buntem Obst und knackigem Gemüse bestückt wurden. Die Marktleute schoben die noch halb leeren Tische freundlicherweise schon zur Seite, als Mona die peinliche Bescherung ansteuerte.

    »Sorry! Und vielen Dank«, stammelte sie verlegen mit hochroten Wangen. Hinter dem Autoheck erwartete sie eine hellblond getönte Politesse mittleren Alters ganz in Zweierleiblau, die vollschlanke Figur stocksteif aufgebaut wie eine Zinnsoldatin.

    »Jetzt, abba – ganz fix«, schnauzte sie mit bärbeißigem Blick, ohne ihre Pose zu verändern, als die Studentin den Schlüssel hastig ins Schloss schieben wollte. Just in diesem Moment entdeckte Mona den Strafzettel, der an der verschmutzten Windschutzscheibe prangte. Sie angelte ihn mit spitzen Fingern und wenig Begeisterung unter dem Scheibenwischer hervor. Fünfundzwanzig Euro für Parken im absoluten Halteverbot mit Behinderung. Das durfte doch nicht wahr sein! Umgehend war sie dem alarmierenden Weckruf gefolgt. Wütend drehte Mona sich um, fauchte der Matrone dieses entgegen und dass, das Parkverbot üblicherweise erst um acht Uhr begann. Die Speckrollen wogten, als sich die uniformierte Gesetzeshüterin unbeeindruckt vor ihr aufbaute. Den rechten Arm in die Diagonale gehievt, zielte der fleischige Finger auf ein astverdecktes Zusatzschild über dem Original, begleitet vom einem Hinweis mit deutlichem Unterton:

    »DAS – steht schon länger! War lange genug in der Lokalpresse angekündigt.« Noch etwas verschlafen folgte Monas Blick dem Fingerzeig. Tatsächlich waren dort der heutige Samstag und der kommende Montag als Halteverbotstage ausgewiesen, ab sechs Uhr. So ein Mist! Beim gestrigen Parken in der Dämmerung war sie wieder mal so in Eile, dass sie natürlich nicht nach Änderungen Ausschau hielt, vor allem nicht in dieser Höhe hinter dichtem Geäst. Ein Zeitungsabo bezog sie nicht, die kostenlosen Wochenblätter wurden entweder nicht geliefert, verschwanden regelmäßig von der Türschwelle oder segelten windzerknüllt – quer durch die Fußgängerzone.

    Doofe Nuss! Etwas mehr Kulanz gegenüber den parkmäßig stark gebeutelten Bewohnern der Altstadt könnte wahrhaft nicht schaden. Der Bewohnerausweis war die pure Geldverschwendung. Abends gab es keine freien Plätze wegen einer Flut von Berechtigungen, die die Anzahl der Plätze bei Weitem überstieg. Oder weil gerade die Straße aufgebuddelt wurde oder Fremdnutzer und Kinobesucher alles wild zuparkten. Kein Wunder, dass einem jegliche Lust verging, sich nach zwanzig Uhr motorisiert aus der Altstadt zu bewegen. Bei der Rückkehr wartete garantiert immer der nervtötende Stress einer Sisyphus-Suche!

    *

    Die füllige Politesse wendete sich ab, scheinbar befriedigt ob ihrer bravourös abgewickelten Dienstpflicht, wie Mona der aufgehellte Gesichtsausdruck signalisierte. Sie watschelte mit ausladenden Schritten hinüber zur brünetten Kollegin, die den Fahrer des monströsen Abschleppwagens im Kasernenton dirigierte. Dieser Tag fing ja schon gut an! Mona blickte ihr hinterher und wollte leicht verdrossen ihr Auto besteigen, als hinter dem Biolandstand ein fremdländisch wirkender Mann mit geballter Faust auftauchte, laut fluchend in unverständlicher Sprache. Ohne Zeit zu verlieren, packte er die nächststehende Blauberockte ruppig am Kragen und schüttelte sie kräftig hin und her, wie eine Katze ihr Junges beim Transport. Schleunigst war der zornige Wüterich umzingelt und vom einzigen männlichen Kollegen der Politessen gepackt. (Wie nannte man diesen eigentlich?) Die herbeigeeilten Mitstreiterinnen attackierten den Herrn aufs Heftigste, gestikulierend und laut keifend. Die Vermutung, dass sein PKW am Haken hing, drängte sich Mona auf. Da konnte sie sich wohl glücklich schätzen, dass die Politesse sie zuvor informiert hatte. Den emotionsgeladenen Job dieser wenig beliebten Damen wollte Mona nicht geschenkt haben. Ständig wüste Beschimpfungen, verbale Attacken und mehr von den »rabiaten« Autofahrern, den Melkkühen der Politik.

    *

    Die pausbäckige Bäuerin nickte verständnisvoll, aber sichtbar erfreut, als Monas betagter Golf sich slalommäßig den Weg aus dem begrenzten Terrain bahnte. Mona lenkte ihn nach rechts in die ehemalige Rotlichtmeile der Neutorstraße, an der Ampel rechts an Cinestar-Kino und Südbahnhof vorbei, am Radhaus den Berg links hoch und an der Ampel wieder rechts in den Eisgrubweg. Entlang der gesamten Straße, Stoßstange an Stoßstange, parkende Autos. In der Goldenluftgasse – auch nichts. Oh yeah, sie war noch so unausgeschlafen. Enerviert versendete Mona ein Stoßgebet an Christophorus, den Schutzpatron der Autofahrer, und bat um einen freien Parkplatz. Als hätte dieser ihr Flehen prompt erhört, erblickte Mona im Rückspiegel einen Typ mit Pferdeschwanz und dunkelrotem Jack-Wolfskin-Rucksack auf sie zu steuern. Er trottete breit grinsend vorbei zu einem orang efarbenen, verbeulten Polo mit Steilheck. Stieg ein, startete mit rauchigen Auspuffgasen, setzte zurück, kurbelte, zeigte ihr immer noch grinsend das Victoryzeichen und knatterte lautstark davon. Wunderbar! Schnell diesen raren Glücksfallplatz okkupieren, ehe ein anderer kam. Monas Auto parkte jetzt unterhalb des Zitadellenwegs, schräg gegenüber der frisch renovierten Burschenschafts-Villa, wie das an der Fassade befestigte Metallschild verriet. ›Katholische Deutsche Studentenverbindung Rhenania- Moguntia‹.

    Hier konnte ihr treues Gefährt wohl verweilen bis zum kommenden Dienstag, wenn die Pflicht sie wieder zur Uni rief. Im Eilschritt trabte sie bergab. Vorbei an den hochherrschaftlichen Gründerzeitvillen, die Treppen am Feuerberg-Bräu hinunter (Pfui, stank es hier!), mit kleinem Schlenker zur Altstadtbäckerei, um fix einige Schrippenbrötchen zu besorgen. An den vorderen Marktständen, die bis zur Hälfte in den Bürgersteig ragten, entdeckte sie im Augenwinkel eine günstige Lücke zwischen den frühen Käuferreihen. Sie schob sich hinein und erstand ein Kilo Salatkartoffeln, fünf kleine Zwiebeln und zwei flache, weißfleischige Weinbergspfirsiche.

    Die hauchdünnen Plastiktüten schlenkernd eilte sie nach Hause in der Hoffnung, dass der Hund nicht das ganze Haus geweckt hatte mit seinem Gewinsel. Er kratzte wild an der Tür, als er Mona kommen hörte, und begrüßte sie ausgelassen hochspringend, als kehrte sie zurück von einer langen Reise. Eigentlich waren sie ein eingespieltes Team und es war für ihn längst Routine, einige Stunden allein zu verbringen. Heute hatte die Studentin jedoch gegen ihr Ritual verstoßen: Ihm eine Schale vom frisch gezapften, kalkfrischen Kranenberger zu servieren, von Micha als Helau-Cocktail getauft. Das erwartete er stets vom Ersten, der morgens aus dem Bett »aufstieg«, womit Mona ihn jetzt geschwind beglücken konnte.

    *

    Der glänzend schwarze Troll mit weißen Pfoten und Hals war eine schöne Mischung, vermutlich aus viel Bordercollie und etwas Schäferhund. Eigentlich war er nicht Monas Hund. Sein wahrer Besitzer Michael, Monas Ex-Lebensgefährte und intimster Freund der letzten Jahre, war regelmäßig im Ausland unterwegs, meist mehrere Wochen als Kameramann auf ZDF-Tour und dann wohnte Troll bei ihr. Zurzeit war Micha sogar noch länger gebucht für die aktuelle, sehr aufwendige Reportage.

    »In 90 Tagen um die Welt«, die das ZDF-Morgenmagazin täglich live via Satellit ausstrahlte. Micha und seinem Vitamin B, dem allgemein probaten Wegeebner und Sesam-öffne-dich, verdankte Mona ihr bescheidenes Haupteinkommen durch einen der begehrten Studentenjobs beim ZDF, dem Zweiten Deutschen Fernsehen oder auch dem Zentrum der Freude, wie einige Redakteure die Initialen gelegentlich schmunzelnd interpretierten. So! Nach der ganzen Aufregung benötigte sie erst mal ihren geliebten Milchkaffee. Die Espressomaschine war länger nicht benutzt worden, weil Mona in morgendlicher Hektik öfter schnellen Teebeutel-Darjeeling bevorzugte und natürlich …funktionierte die haarfeine Aufschäumdüse nicht. Vielleicht wegen der vollfetten Milch, die nicht hindurchpasste, genauso wenig wie das sprichwörtliche Kamel durchs Nadelöhr. Auch gut! Dann würde sie die Milch eben so hineinschütten. Oh nein, weißgraue Klümpchen formierten sich auf der schwarzbraunen Kaffeeoberfläche, sie war sauer und flockte aus. Shit Happens! Adieu Café au Lait! Ab mit dem Gebräu in den Ausguss und doch Schwarztee. Die Schrippe mit Quark und Omas selbstgekochter Blaubeermarmelade schmeckte köstlich. Troll schlürfte genüsslich an seinem Helau-Cocktail aus dem grauen Steinnapf, danach musste er erfahrungsgemäß immer gleich »Gassigehn«.

    Die Schuhe auszuziehen, lohnte sich also nicht. Eine halbe Zigarette ging noch, dann stand Monas tierischer Logiergast, die Leine zwischen die scharfen Zähne geklemmt, auffordernd an der Wohnungstür. »Ja, ist ja gut, ich komme schon!«

    Was für ein Stress am frühen Morgen!

    *

    Den gleichen Weg, nur die diametrale Route, der Troll instinktiv folgte, denn er verrichtete seine Geschäfte ausschließlich in den grünen Gefilden der Zitadelle. Sie passierten seitlich die ansprechend dekorierten Marktstände, wieder einmal finster und mit Argusaugen über der randlosen Brille skeptisch beäugt vom Gastwirt in blauer Halbschürze. Dieser bewachte den Bürgersteig vor seiner Bierpinte so scharf, wie wohl einst Zerberus, der dreiköpfige Höllenhund, den sagenhaften Hades. Unbarmherzig konsequent und mit erhöhter Dosis Adrenalin im Blut verscheuchte er im besonderen Radfahrer und ahnungslose Nichtkunden vom Trottoir, die den weißen Plastikstühlen zu nahe kamen.

    Auf der überdachten, langgezogenen Terrasse der Privatbrauerei unterhalb der Zitadelle schwelgten schon plappernde Gäste im preiswerten 5,90 € – Frühstück&Getränke-Büfett.

    Die parallel dazu aufsteigende Treppe bot stets ein zweifelhaftes Sortiment unwiderstehlicher Duftmarken für sensible Spürnasen, deswegen musste Mona ihren schnuppernden Gasthund auch stets mit sanfter Gewalt über die steinerne Hürde lotsen. Oben angekommen stürzte sich Troll – alarmstuferotmäßig – ins angenehm nahe Gestrüpp. Mona ließ sich auf den großen, leicht bemoosten Stein sinken und zündete genussvoll ihre Zigarette an. Das Unterbewusstsein ziepte wieder einmal. In letzter Zeit meldete es sich oft mahnend, einem echt ungesunden (Warnung und grässliche Ekelbilder auf der Packung!) und außerdem teuren Luxuslaster zu frönen – aufgrund Herrn Schäubles hohem Steuerbedarf. Sie hatte sich eine lederne Hülle besorgt um die unappetitlichen Fotos zu umgehen. Himmlische Ruhe herrschte über dem schönen Platz, die Sonne lachte noch verhalten und außer Rascheln und fröhlichem Vogelgezwitscher, war nichts zu vernehmen. Monas wilde Spekulationen, die »Meenzer« oder »Määnzer« hätten in grauer Vorzeit mal einen obskuren Pakt mit dem zuständigen Wettergott besiegelt, wurden aktuell wieder bekräftigt. Nahezu zu jeder Open-Air-Festivität, ob Rosenmontagszug, Rheinland-Pfalz-Tag oder dem Gutenberg-Marathon breitete sich stabiles Traumwetter aus über Mainz, selbst wenn in Wiesbaden gerade Bindfäden oder cats-and-dogs vom Himmel regneten. Nach Trolls Rückkehr an die ungeliebte Leine überquerten sie die Straße und wählten jetzt die Alternative zum Absteigen, die sich optisch im absoluten Kontrast zum unweiten Villenambiente nach unten schlängelte. Der Weg führte quer durch den gepflasterten Innenhof, der fast kreisförmig angeordneten, scheinbar auf dem Reißbrett entworfenen Häuserquadrate, die nur differenzierbar waren durch die alphabetische Nummerierung oder die üppigen, sich gegenseitig überbietenden Balkonbepflanzungen, und mündete in einer steilen Treppe zur Altstadttangente.

    Auf dieser wirbelte ihnen jetzt Diva hechelnd entgegen, mit hängender Zunge und in eine kleine Staubwolke gehüllt.

    »Diva« war die inzwischen mehr graubraune als braunschwarze Rauhaardackelin von Ilse Gerlach. Beide relativ klein, aber sehr lebendig.

    »Meine Tragetaschenhündin«, pflegte Ilse immer zu sagen, weil sie Diva bisher überall problemlos mitnehmen konnte. Manchmal sogar im überdimensionalen Weidenkorb, in dem die jung gebliebene Rentnerin gewöhnlich Berge von Gemüse vom Wochenmarkt nach Hause transportierte. Die Leute glaubten zwar in der klein geratenen, quirligen Dackeldame stets einen süßen, zu groß geratenen Welpen zu erkennen, aber seit die Hälfte von Divas struppigem Fell die Farbe verloren hatte und falls jemand nach deren Alter fragte, antwortete Ilse mit leichtem Augenzwinkern, »Wie der Herr, so’s Gescherr!« Dabei deutete sie auf ihre eigene, graumelierte, dichte Haarpracht, die sie immer geschickt mittels Hornkämmchen zu einer Art kunstvoller Hochsteckfrisur arrangierte.

    Ilse Gerlach (Monas mütterliche Freundin)

    Ilse lebte seit vielen Jahren als bekennende Vegetarierin, resultierend aus der festen Überzeugung, dass es gesünder sei, für Körper und Geist und aus großer Leidenschaft:

    »… für alles, was Augen hat!« Früher schon selten Fleisch verzehrt, erfolgte die Initialzündung für den endgültigen Verzicht umgehend nach ihrem Einzug in der Altstadt. Damals, als die nichts ahnende Großstädterin Ilse erschreckt die Anlieferung einer Ladung aufgeschlitzter, mittig auseinandergeklappter, ganzer Schweine beobachtete, die im Morgengrauen mittels einer quietschenden Winde aus einem Transporter nach unten gelassen, in benachbarter Metzgerei verschwanden.

    Das zwangsläufig folgende Mark&Bein-durchdringende Kreischen einer Kreissäge im Hinterhof, welches vom Zerstückeln der armen Säue zeugte, vergällte Ilse langfristig den Appetit auf den geliebten Frühstücksspeck, da sich die gruselige Vorstellung regelmäßig und unausweichlich wiederholte. Lange Zeit verlegte die Neubürgerin ihr Frühstück ins Wohnzimmer, um den nervtötenden Geräuschen der unteren Nachbargefilde zu entgehen. Sie schloss das Küchenfenster wegen des aufsteigenden, weißen Dampfes, der ihre Fensterscheiben beschlug, und vermied zukünftig den Blick auf die sehr frühe Leere der Fußgängerzone, weil das Quietschen des Seilzugs sie stets an das Quieken lebendiger Schweine erinnerte.

    Zum Glück war die Ausbeinerwerkstatt vor einigen Jahren deutlich besser isoliert worden, sodass Ilse sich von der schweinischen Verarbeitung nicht mehr belästigt fühlte. Auch die sehr frühen Zeiten für die wöchentliche Anlieferung und den Abtransport der abgenagten Knochen samt Müllbox waren ihr schleunigst so hinlänglich bekannt, dass sie diese Aktionen bewusst ignorieren konnte. Ilse bewohnte seit fast dreißig Jahren ihre kleine, aber sehr charmante Wohnung mit schiefen Wänden im zweiten Stock eines vierhundertjährigen Hauses mit überputztem Fachwerk in der Augustinerstraße. Anfangs noch mit Sohn Henrik, der inzwischen erwachsen war, und im Ausland lebte. Auch Mona hatte auf Anhieb ihre Studentenbude hier gefunden, allerdings in einem jüngeren Wohnhaus, auf der sogenannten Beletage im ersten Stock und zweihundert Meter weiter Richtung Dom. Die Bischofsstadt, insbesondere die verwinkelte Altstadt, war inzwischen zu Ilses Heimat aufgestiegen, wo sie sich sehr wohl fühlte. Trotz ihrer mittelgroßen Adaptionsprobleme an die »Schunkelmentalität« der Urmainzer – treffend ausgedrückt im Fastnachtsmotto: »Mainz, wie es singt und lacht!«, oder in der Realität der Altstadt manchmal eher… stank und krachte!

    Anfangs unvorstellbar, als es Ilse samt Nachwuchs aus dem hohen Norden ins Rhein-Main-Gebiet verschlagen hatte und festkleben ließ. Sie kannte zahlreiche Geschichten aus der langen Zeit,

    »…über das schwarz-weiße und manchmal grellbunte Treiben in der Altstadt, als sich noch metallene Straßenbahnschienen wie große Adern durch die inzwischen gepflasterte Fußgängerzone zogen und heiße Öfen von Motorrädern oder röhrende Auspuffrohre von lautstarken Autos ihre stinkenden Abgase – fast blau – in den engen Häuserschluchten stehen ließen, ehe sie zum Himmel entweichen konnten.« Aus dieser prallen, imaginären Schatzkiste bewegten Altstadtlebens kramte die sympathische Seniorin des Öfteren, autobiografisch gefärbte Anekdoten und offenbarte diese schmunzelnd der Kunststudentin Mona. Die, immer auf der Suche nach lohnenden Karikaturmotiven, sog sie begeistert auf. Wie jene vom kleinwüchsigen, verhärmten Italiener im zweiten Stock der gegenüberliegenden Straßenfront.

    Jedes Mal, sobald Ilse es wagte sich mit Freundinnen am Fenster zu zeigen, fühlte sich dieser Kretin scheinbar zu halböffentlichem, wildem Onanieren animiert, die markante Region zusätzlich beleuchtet durch einem verbeulten Spotstrahler. Was stets so lange reibungslos, bzw., eher reibungsvoll bei ihm ablief, bis ein rohes Ei an seinen verwitterten Fensterflügeln zerbarst und mit klebriger Schleimspur zerfloss. Gezielt platziert von Ilses studentischem Nachbar im dritten Stock, untermalt durch lautes Beifall-Geklatsche eines Konzertmitschnitts aus seiner Anlage, welche er zur Untermalung der kostenlosen Peepshow so lange erdröhnen ließ, bis die wohlgenährte, italienische Mama wutschnaubend aus dem Nachbarzimmer der engen Wohnung emportauchte. Sie zerrte ihren ‚Onani’ hastig von der Bildfläche und verschloss Fenster und Gardinen blickdicht.

    Oder die von zwei feministisch angehauchten Studentinnen im gleichen Haus, die Ilses dreizehnjährigen Sohn samt Freund eines Abends mit anstachelnden Sprüchen quer über die Straße in ihre Wohnung lockten, um den Teenies eine Metallreibe vom Flohmarkt in die Hände zu drücken mit den Worten,

    »Macht’s euch selber, Männer«: Umgehend schickten sie dann die verdutzten Jungs samt Reibe zurück. Wohl eine Reaktion auf deren neugierige und pubertäre Blicke in die gut einsehbaren, gardinenlosen Fenster, unter denen sich die Mädels anschließend lachend auf der Matratze kugelten.

    Ebenso diverse Storys über den quirligen, italienischen Familienclan, der sich Jahr um Jahr zahlenmäßig vergrößerte und das enge, nachbarliche Hinterhaus bevölkerte, welches im Zweimeter Abstand zum Haupthaus errichtet war. Im Winter kühlten sie ihre Vorräte in aufgeschnittenen Plastikkanistern auf der Fensterbank und im Sommer kurbelten »la Madre« und »la Nonna« abwechselnd und tagtäglich die Wäsche mittels einer abenteuerlichen, mechanischen Rollenkonstruktion zum übernächsten Hinterhof. Dort hauste mehr als wohnte scheinbar ihre Verwandtschaft, wie man den lebhaften, fast maschinengewehrartigen Unterhaltungssalven entnehmen konnte, die, zumindest die Hälfte des Tages, quer über den Hinterhof schallten. Durch die plastische Schilderung der pittoresken Altstadtarchitektur und ihrer Bewohner in den siebziger Jahren vermittelte Ilse immerzu einen Hauch ihres ganz persönlichen Mainz-Eindrucks an Mona, die jedes Detail begeistert aufsog. Die Studentin verklärte die überlieferten Momentaufnahmen schwärmerisch zu einem Fin de siècle-Flair, welches sie bedauerlicherweise nicht mehr hatte erleben dürfen aufgrund der umfassenden Altstadtsanierung.

    Das anheimelnd nostalgische Bild, welches ihr Ilse irgendwann beschrieben hatte, » …als über viele Jahre aus dem Rundbogenrahmen der Dachluke im unbewohnten Hinterhaus, ein dickwangiger, barock vergoldeter Putto, seinen Blick verträumt in mein Küchenfenster richtete«, konnte sie bereits zu einer zart pastellfarbenen Illustration verarbeiten. Mona mochte Ilse und deren häufig poetische Ausdrucksweise gefiel ihr sehr. Obwohl die ungleichen Freundinnen bei Unterhaltungen regelmäßig befremdliche Blicke und Tuscheln der Nachbarn ernteten. Besonders auffällig vor dem italienischen Eiscafé am Leichhof zwischen den eng gestellten Tischen, wo sie sich öfter zu Latte macchiato oder Gelati multicolore verabredeten. Vermutlich zielte das pikierte Gebaren mancher Mitmenschen darauf, Ilses Redefluss zu stoppen oder auf normalbürgerlichen Level herabzusenken, doch es bewirkte eher das Gegenteil. Je nach Stimmung regte es Ilse zu lyrischen Höhenflügen an, mit promptem Echo im Umkreis, über das sie beide später herzhaft lachen konnten. Ilses vieljährige Tätigkeit als Lektorin eines Frankfurter Verlages, wo sie auch Gedichte redigieren durfte, hatte mit Sicherheit auf sie abgefärbt, wie sie gerne einräumte.

    *

    »Der Wochenmarkt ist

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