Fahnen und Tränen nahmen kein Ende: Erinnerungen in zehn Kurzgeschichten
Von Helmut Lauschke
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Beim Schauspieler Adam Kreutzfeld wie beim Königsberger Philosophieprofessor liegen hocherlesene Berufe brach, weil die Gesellschaft im Stand der Bildungsnot und Bildungsleere diese beiden Persönlichkeiten nicht zur Behandlung der geistig-interllektuellen Schwindsucht konsultiert und sie als Lehrer in voller Kapazität in Anspruch nimmt. Aus dem Versagen, es nicht getan zu haben, was von der materiellen Verschüttung und Erblindung vor der Bildungsnot mit der einhergehenden Gleichgültigkeit und Trägheit nicht zu trennen ist, ist der gesellschaftliche Verfall abzuleiten, dessen Negativfolgen in ihrem Ausmaß nicht abzuschätzen sind.
Ein kleines Bastkörbchen aus Palmenblättern geflochten steht auf dem Tisch des Untersuchungsraumes, und eine alte Frau sitzt auf dem Schemel, als Dr. Ferdinand niedergeschlagen und gedankenverloren seinen Platz einnimmt. Er schiebt den Stapel von Röntgentüten auf dem Tisch zurück und das Körbchen zur Seite, als die Schwester sagte, dass das Körbchen ein Geschenk der Patientin sei, die sich für die gute Behandlung bedanken will.
Im Lichte des Zwiespalts, ob er nach der verstümmelnden Operation der Armamputation ein schlechter Arzt sei, wie es die junge Frau denkt, die ihm als Arzt nichts Gutes mehr zutraut, ihm das Vertrauen entzogen hat und ihm nicht mehr ins Gesicht sieht, oder noch ein guter Arzt ist, Dr. Ferdinand dankt der alten Frau für die Freundlichkeit und das rührende Geschenk. Dabei ist er mit den Gedanken hin und her gerissen und nimmt das Körbchen gar nicht richtig wahr. Das Gute und das Schlechte, wenn er als Arzt mit dem Gewissen etwas getan hatte, das verquert sich in seinem Kopf, weil er es nicht trennen kann vom Guten und Bösen im Denken und in den Taten des Menschen. Er fragt sich, während die alte Frau ihm die rechte Hand noch entgegenhält, ob sein Bemühen und seine Fähigkeit genügen, ob sie ausreichen, um ein guter Arzt zu sein, dessen Aufgabe es ist, dem Menschen zu helfen und nicht ihm zu schaden.
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Buchvorschau
Fahnen und Tränen nahmen kein Ende - Helmut Lauschke
1. Bomben auf Köln
Erinnerungen
in zehn Kurzgeschichten
Die Fahne flattert uns voran,
ihr folgen wir, was auch kommen mag.
Wir marschieren und halten Wacht,
ob bei Tage, ob bei Nacht.
Das lauter werdende Brummen der Motoren der anfliegenden Bomberverbände wurde mit größter Angst und Sorge in den Luftschutzräumen verfolgt. Als die Motoren über der Stadt röhrten und dröhnten, begannen die Flakgeschütze zu rattern und holten einen Bomber, dann den zweiten vom Nachthimmel, die mit heulenden Motoren herabsausten und mit lauten Detonationen zerschellten. Es waren große Bomberverbände, die in drei Schüben die tödliche Fracht über der Stadt entluden. Das Zischen der herabfallenden Bomben und die Wucht der krachenden Einschläge gingen durch Mark und Bein der in den Kellern verängstigt Sitzenden, die ihre Stoßgebete um Verschonung gegen den Himmel, genauer gegen die dröhnenden Motoren der sich entladenden Bomber sandten. Einige Male ging das Licht im Keller aus, nachdem Bomben in der Nachbarschaft eingeschlagen hatten. Nach etwa einer halben Stunde, die eine Ewigkeit des Schreckens war, zog der letzte Bomberverband frachterleichtert ab. Die Flakgeschütze schwiegen. Die Motorengeräusche wurden leiser und verstummten, als Minuten später die Sirenen die Welle der Entwarnung heulten. Es war ein schwerer, mörderischer Angriff auf die weitgehend zertrümmerte Stadt gewesen. Die Innenstadt war bereits zu einer Geisterstadt aus Mauerruinen und Schuttbergen zerbombt. Die wenigen Häuser, die verblieben waren, hatten alle schwere Schäden abbekommen. Heinrich Kroll war noch nicht acht Jahre alt und hatte sich wie die Eltern und seine Geschwister an die nächtlichen Bombenangriffe zu gewöhnen. Der Gewöhnungsprozess mit dem Verlassen von Schlaf und Bett und dem Gang in den engen stickigen Luftschutzkeller war jedes Mal mit der Angst verbunden, ob er mit den Eltern und Geschwistern den Angriff überleben und nach dem Angriff das Bett zum Weiterschlafen noch vorfinden würde. Die Sirenen hatten sich ausgeheult, und der Strom war ausgefallen, als die Eltern mit Tachenlampen, gefolgt von Heinrich und den Geschwistern und einigen Nachbarn mit Taschenlampen den Luftschutzraum mit der schweren stickigen Luft und mit Taschen mit Dokumenten, Notproviant, Wasserflaschen, und Verbandsmaterial verließen. Die Luft im Treppenhaus war vom Mörtelstaub des rausgebrochenen Putzes durchsetzt. Größere Mörtelstücke von den Wänden lagen auf den Stufen. Die harten Einschläge und Detonationen der Sprengbomben in der nahen Nachbarschaft hatten das Haus so schwer erschüttert, dass es als ein Wunder begriffen wurde, dass das Haus noch stand. Die Nachbarn verließen das Haus und dankten für die Aufnahme im Luftschutzkeller. Zahlreiche Fensterscheiben der Wohnung im ersten Stock waren durch die Druckwellen gesprungen, andere Scheiben waren zerscherbt. Es war ein sternenklarer Himmel mit der fast runden Mondscheibe, als Heinrich aus dem Fenster des Wohnzimmers auf die Straße sah, die mit Steinbrocken und anderem Trümmerzeug übersät war. Einige Bomben hatten ihr Ziel verfehlt und tiefe Krater in die Straße nicht weit vom Haus gerissen und die Straßenbahnschienen verbogen. Die hängenden Lampen über der Straßenmitte waren bei dem Alarmheulen der Sirenen mit den gewohnten drei Wellen ausgestellt worden. Die Fenster der noch stehenden Häuser waren dunkel. Das Runterziehen der schwarzen Rollos mit Eintritt der Dunkelheit war Vorschrift. Dem, der es vergaß, drohte die Ordnungsstrafe. Die Stadt hatte verdunkelt zu sein. Auch die Lampen der in der Dunkelheit fahrenden Autos trugen eine Lichtkappe mit einem Schlitz oder waren mit einer schwarzen Folie überzogen, dass nur aus dem schmalen Schlitz das Licht nach außen drang. Einige Häuser der Straße waren eingestürzt, andere waren von Brandbomben getroffen, wo die Flammen aus Dächern, Fenstern und Türen nach außen drangen, an den Außenwänden auf und ab und zu den Seiten züngelten, die Stockwerke verzehrten und beim Niederbrennen der Häuser große schwarze Rußmarken an den Wänden setzten. Es war ausgeschlossen, dass die Feuerwehr die Brände löschen konnte. Da reichten die wenigen Löschzüge nicht aus. Auch hatte die Nippeser Feuerwehrgarage bei einer der letzten schweren Bombardements einen Volltreffer abbekommen, wobei auch Fahrzeuge zerstört wurden. Der Strom war noch abgestellt beziehungsweise unterbrochen, als sich jeder im Bad bei Taschenlampenbeleuchtung die Hände und das Gesicht wusch und das Bett aufsuchte.
Der nächste Morgen zeigte das Ausmaß der Verheerung durch das mitternächtliche Bombardement. Menschen, die es überlebt hatten, suchten nach Vermissten und noch brauchbaren Gegenständen in den Trümmerbergen. Es war Nachbarschaftshilfe, wenn alte Menschen und Kinder, die es überlebten, aus Kellerfenstern herausgezogen wurden. Aus dem Schutt wurden Verletzte und Tote frei geschaufelt und geborgen. Man half sich gegenseitig, so gut es unter dem Wahnsinn und Barbarentum der Zerstörung von Haus und Häuslichkeit ging, um zu überleben und mit den Trümmerstücken das Provisorium zu errichten, das gegen Regen, Nacht und Kälte schützt und ein Dach über den Kopf gab. Erwachsene und Kinder waren dem gemeinen, zerstörerischen Sadismus aus der Luft hilflos ausgeliefert. Die Sinnlosigkeit im Resultat breitete sich vor den erschrockenen Augen nach jedem Angriff weiter aus, verstanden wurde sie nicht.
Es gab schulfrei, und das für einen Monat, weil die Schule einen Treffer abbekommen hatte und baulich instand gesetzt werden musste, was bei der Knappheit an Ziegelsteinen und Zement länger dauerte. Das Schulfrei sollte sich in kürzer werdenden Intervallen wiederholen, und die schulfreien Perioden sollten länger werden, je länger der Wahnsinn des Krieges das gebeutelte Volk in Atem hielt beziehungsweise ihm den Atem nahm. Es passierte, dass der Klassenlehrer und auch Kinder nach einem schweren Bombenangriff nicht mehr zur Schule zurückkehrten.
Die Krolls wohnten im ersten Stock des zweistöckigen Eckhauses Neußer/Wilhelmstraße, in dem die Nippeser Filiale der Kölner Stadtsparkasse im Parterre untergebracht war. Dem Haus schloss sich zur Wilhelmstraße ein kleiner Dachgarten an, auf dem die Jungen spielten und beim Spielen den freien Einblick in die Hinterhöfe der nächsten Häuser hatten. In der Wilhelmstraße gab es die Bäckerei und Konditorei Pollack, von wo morgens die frischen Brötchen, meist waren es Roggenbrötchen wegen Ermangelung an Weizenmehl, gebracht wurden, und wo Mutter das Brot kaufte, wenn es mit der frühen Backerei trotz Fliegeralarm und Bomben noch geklappt hatte. Holte einer der Jungens die Brötchen, dann bekam er manchmal ein kleines Stück Kuchen oder ein paar Plätzchen mit auf den kurzen Heimweg. Bei einem der folgenden Bombardements wurde das zweistöckige Eckhaus von einer Brandbombe getroffen, die bis in den Keller dicht neben dem Luftschutzraum durchschlug. Der Vater ging mit zwei Eimern, die mit Sand gefüllt waren, voraus und bat den kleinen Heinrich, ihm mit dem dritten vollen Eimer zu folgen. Aus nächster Nähe sah er zum ersten Mal in seinem Leben die sechskantige Stabbombe mit dem roten Streifen um den Brennkopf. Der Vater schüttete den Sand aus den drei Eimern über die Bombe und erstickte den Brennkopf rechtzeitig, dass die Entzündung der Bombe unterblieb und das Haus mit der Sparkassenfiliale im Parterre und der Wohnung im ersten Stock vor dem Niederbrennen gerettet wurde. Die Direktion der Stadtsparkasse dankte dem Vater für seinen beherzten Einsatz und überreichte ihm ein sechzehnbändiges Handbuch der Frauenheilkunde [Halban-Seitz: Biologie und Pathologie des Weibes
].
Im Nachhinein
Fragst du mich, ob ich glücklich war, dann trauere ich um die Sekunde. Fragst du mich, was nicht mehr ist, kommen gleich die Stunden.
Es zieht sich in die Länge, das mit dem Einen und der Einsamkeit. Ich greife nach der Schere, um den Faden durchzuschneiden.
2. Zwischenstation Damerau in Ostpreußen
Fahnen mit gekreuzten Haken
wurden überall getragen.
Durch die Weiten wehten sie,
wurden hoch gehalten.
Da die Bombenangriffe an Häufigkeit und Schwere zunahmen, unter denen die Kinder durch Angst und Schlafstörungen besonders litten, vermittelte der freundliche Kinderarzt Dr. Huysman für Heinrich Kroll und den anderthalb Jahre jüngeren Wolfgang Kroll einen Aufenthalt auf dem ‘Rittergut’ Damerau in Ostpreußen nicht weit von Gerdauen entfernt. Die Kinder
