Odyssee durch Russland: Dieter Hüllstrungs Erlebnisse an der Ostfront und in Gefangenschaft 1945 - 1949
Von Jan D. Stechpalm
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Über dieses E-Book
Die sorgfältig recherchierte und packend geschriebene Erzählung von Jan Stechpalm schildert, wie sein Vater Dieter als 19-jähriger Offiziersanwärter nach seinem Schulabschluss im Jahr 1944 in den Krieg ziehen muss. Nachdem er im Chaos der zusammenbrechenden Ostfront nur mit Glück zu seinen Truppenteilen findet, gerät er auch schon wenig später in russische Gefangenschaft.
Nun beginnt eine fünfjährige Odyssee durch verschiedene Gefangenenlager in Russland, ein bitterer Kampf ums Überleben gegen Hunger, Kälte und Krankheiten, eine Prüfung seines noch jugendlichen Charakters und seines Überlebenswillens ...
Jan D. Stechpalm
Jan Stechpalm (*1966 in Köln) wuchs in Leverkusen auf und studierte in Köln und Heidelberg. Er lebt seit 1993 in der Schweiz. Seinem ersten Gedichtband "Aus VersEhen" (2008) folgten die Gedichtbände "Versiert serviert" (2014) und "Verwobene Welten" (2017) sowie die Erzählung "Odyssee durch Russland" (erstveröffentlicht 2011, übersetzt ins Englische 2019). Das Gedicht "Ballad for Michael" erschien 2015 im Bildband "Kunstwerke von Michael Jackson" der Artlima (übersetzt ins Japanische 2016). Zahlreiche Beiträge (Gedichte, Kurzgeschichten und Karikaturen) wurden in verschiedenen Anthologien, Zeitschriften und Blogs veröffentlicht.
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Buchvorschau
Odyssee durch Russland - Jan D. Stechpalm
Inhalt
Einleitung
Irrweg zur Front
Arbeitsdienst und Grundausbildung
Erster Einsatz auf Walcheren
Der Krieg von Adolf dem Wahnsinnigen
Der Russland-Feldzug
Zwischen den Fronten
Ein Lebenszeichen an die Mutter
Ende der Suche
Die letzte Gefechtsstellung
Die Nacht an vorderster Frontlinie
Die Gefangennahme
Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg
Das Verhör
Das Nationalkomitee Freies Deutschland
Das Überlaufangebot
Weitertransport der Gefangenen
Waldlager Minsk
Schlaflosigkeit, Frostbeulen und Hungerödeme
Die lebensrettende Idee
Im Lazarett
Torfkommando in der Nähe von Minsk
Lager 13 Minsk
Theaterklassiker in Gefangenschaft
Im Donec-Becken
Die Heimkehr deutscher Kriegsgefangener
Entschluss zum Hungern
Moment der Entscheidung
Entlassung aus Kriegsgefangenschaft
Rückkehr nach Hause
Einleitung
Lange, abendfüllende Erzählungen in den Skiferien oder daheim in der Couchrunde, wenn Gäste aus fernen Ländern oder Jugendliche aus der Nachbarschaft da waren, weckten das erste Interesse von anfangs noch romantisierenden Kinderohren an den persönlichen Erlebnissen des Vaters im Zweiten Weltkrieg. Als letzter Jahrgang war er im letzten Kriegsjahr an die Front geschickt worden und hatte dann im besten Alter von 19 Jahren fünf Jahre in Gefangenschaft als Zoll an den Krieg zahlen müssen. Später kamen neue Facetten des Interesses dazu: Wie konnte man überhaupt dort und damals überleben? Welche Tricks hatte Vater entwickelt? Wie erlebte er die Niederlage? Wie überwand er die grausamen Seiten des Krieges? Was gab ihm Trost?
Leider kam Vater vor seinem Tod im Jahre 2000 nicht mehr der Bitte nach, die Erlebnisse für Kinder und Enkel niederzuschreiben, wie es sein eigener Vater mit seinen Memoiren aus dem ersten Weltkrieg getan hatte. Glücklicherweise hatten wir uns jedoch in den letzten gemeinsamen Skiferien im Wallis im Frühjahr 2000 abends hingesetzt, um Orte und Zeiten der Ereignisse nachzuzeichnen.
Ausgehend von diesen Skizzen, einigen eigenen Erinnerungsfetzen, einer Tonkassettenaufnahme von Erzählungen des Vaters, seinen Schriftwechseln mit seinen Eltern, seinem Fotoalbum und anderen Quellen wie Büchern sowie Nachforschungen im Internet, konnte der Versuch gestartet werden, die Geschichte zu Faden zu schlagen.
Wer sich den Themen: „Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte und „russische Kriegsgefangenschaft deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg
zuwendet, trifft auf unzählige Schriften. Dies beginnt beim 15-bändigen Werk „Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges von E. Maschke, welcher in den Sechzigerjahren die 1957 gegründete wissenschaftliche Kommission für Kriegsgefangenengeschichte in Deutschland leitete und überwiegend in Feldpost, Berichten von Heimkehrern und Unterlagen von Hilfsorganisationen forschte. Auf russischer Seite stand diesem Werk damals eine propagandistisch gefärbte Monographie eines Prof. Blank gegenüber. Nach dem Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West öffneten sich Anfang der Neunzigerjahre zunehmend sowjetische Archive für Nachforschungen, u.a. das Zentralarchiv der russischen Föderation, viele Ortsarchive in den jeweiligen Regionen der Gefangenenlager und die Zentrale zur Aufbewahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen mit über zwei Millionen Personalakten, Soldbüchern, Briefen und Fotos von deutschen Kriegsgefangenen. Ein fundiertes historisches Bild kann z.B. in den jüngeren Büchern „Im Archipel GUPVI, Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion 1941–1956
von S. Karner (1995) oder „Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion, 1941–1956; Kriegsgefangenenpolitik, Lageralltag und Erinnerungen von A. Hilger (2000) gewonnen werden. Interessante Veröffentlichungen von Einzelschicksalen findet man zudem in der Autorenbuchreihe „Erzählen ist Erinnern
des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (z.B. in Band 27 „Anpassen oder widerstehen? Eine Überlebensfrage von J. Wildenhain oder in Band 30 „Neunundvierzig Monate. In russischer Kriegsgefangenschaft Mai 1945 bis Juni 1949
von E. Eicher).
Schon beim Sammeln dieses Hintergrundwissens fielen widersprüchliche Angaben der verschiedenen Autoren z.B. bei den Schätzungen der Truppengrößen, der Gefangenen und der Gefallenen auf. Umso mehr gab es auch Unschärfen und Widersprüche in den privaten Quellen zum persönlichen Schicksal des Vaters, so dass das hier Niedergeschriebene höchstens als Annäherung an den tatsächlichen Ablauf der Begebenheiten zu verstehen ist. Dabei mag die Sprache an manchen Stellen etwas salopp anmuten. Dies wurde bewusst so gewählt, um eine gewisse Unmittelbarkeit zu den Erlebnissen der jungen Soldaten herzustellen.
Am Ende stand nicht der Ehrgeiz, dieses komplexe, bereits vielfach von viel Besseren bearbeitete Thema in exakter kritisch-historischer Manier zu Papier zu bringen. Triebfeder für dieses spannende Unterfangen war schlicht, diese ungewöhnliche Geschichte eines prägenden Abschnitts von Vaters Leben für die eigene Familie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wenn es damit gelingt, ein Nachdenken über die eigene Herkunft, die eigenen Werte, über Notwendiges und Überflüssiges sowie über Beständiges und Vergängliches anzuregen, dann hat sich die Mühe mehr als gelohnt.
Jan D. Stechpalm
Dieter Hüllstrung (*1925 - †2000)
Irrweg zur Front
Er saß im Zug von Warschau nach Moskau auf dem Abschnitt zwischen Brest und Minsk. Eine Landschaft aus bewaldeten Hügeln und bebauten Feldern – ähnlich wie daheim – spulte sich vor seinen Augen ab und ließ seine Gedanken nach Hause, nach Karlsruhe und in den Nordschwarzwald driften. Plötzlich gab es einen heftigen Ruck und mit quietschenden Bremsen hielt der Zug mitten im Wald an. Irgendjemand schrie: „Fliegerangriff! Alles raus aus dem Zug!" Es brach eine panische Hektik aus. Die Soldaten schnappten ihre Waffen, stürzten aus den Waggons heraus und rannten blitzschnell die Bahnböschung hinunter, um Deckung im Wald zu finden. Über ihren Köpfen schossen mehrere russische Kampfflieger wie Raubvögel im Sturzflug und mit heulenden Motoren auf den Zug zu, um nach einer Maschinengewehrsalve wieder im Grau des Himmels zu verschwinden.
Dieter hatte das erste Mal in seinem Leben Todesangst. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er war gerade 19 Jahre alt und auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg, zur „Frontbewährung an der Ostfront. Jeder Offiziersbewerber musste mindestens zwei Monate an der Front gewesen sein. Erst vor einem Jahr – am 3. März 1943, hatte er vorzeitig sein Abitur gemacht. Er war noch ein halber Bub und dazu ein Spätentwickler. Bisher hatte er sich nicht einmal rasieren müssen. Seine Abiturklasse hatte nur gerade aus sieben Jungs bestanden. Die Älteren mit Jahrgang 1924 – es waren vierundzwanzig – hatten ein Vierteljahr zuvor bereits ihr Abitur bestehen „dürfen
, um danach zum Militär eingezogen zu werden. Den Jungs wurde vorgemacht, der Weg in den Krieg als Soldat sei eine günstige, Ruhm und Ehre bringende Fügung auf ihrem Lebensweg. Zwei oder drei waren bereits in den ersten Tagen an der Front gefallen. Bei Kriegsende werden nur 20 von den insgesamt 30 Jungs überlebt haben.
(So viel zur Gunst, als Soldat für „Führer,
