Musik die Sprache des Fühlens und der Sehnsucht
Von Helmut Lauschke
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Über dieses E-Book
Meine Aufgabe war es, dieses Verlangen nach Frieden, wirklicher und wirkender Humanität auf dem Flügel zur "Sprache" zu bringen, wobei ich von polnischer Seite auf das Großartigste unterstützt wurde. Ich war nur ein Teil, der aus Berlin für diesen Zweck angereist war, doch zusammen mit der Warschauer Philharmonie unter ihrem großen Maestro Kulczynski waren wir alles. Die Brücke ist geschlagen. Nun mögen die Menschen in guter Absicht aufeinander zugehen. Wir alle wollen in die Zukunft gehn, so lasst uns das zusammen als gute Freunde tun.
Der Mensch prüfe es mit eigenem Auge, für wen und was er sich verbrauchen will. Gärend raunt die Nacht zum frühen Morgen mit dem, was das Leben braucht und es bedroht.
Nimm den frühen Morgenblick über Feld und Flur, dass aus den Furchen grüßt die frische Saat. Es wird viele heiße Sommer geben mit den Tagen der Prüfung nach Sinn und Wert. Setz den Fuß fest auf den Boden und stell dir die Frage, was der neue Tag begehrt.
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Buchvorschau
Musik die Sprache des Fühlens und der Sehnsucht - Helmut Lauschke
Klangbögen zum tiefergehenden Verständnis des Lebens und der Moral
Musik die Sprache des Fühlens und der Sehnsucht
Boris nahm nicht den Fahrstuhl, um nach unten zum Speisesaal zu kommen, er ging die Treppe herunter, die direkt an der Rezeption endete. Die hübsche, junge Polin war mit einem Gast, einem russischen Herrn beschäftigt, mit dem sie in fließendem Russisch sprach. Boris wartete vor der Rezeption, frischte seine Russischkenntnisse dadurch auf, indem er das Gespräch, in dem es um das Auffinden von zwei Ministerien ging, verfolgte und im Geiste seinem Vater, Ilja Igorowitsch Tscherebilski, dankte, der ihm als kleines Kind neben den ersten Schritten auf dem Klavier auch die ersten Schritte in die russische Sprache mit ihren sonoren Kehllauten beigebracht hatte. Das Gespräch war beendet. Der russische Gast dankte charmant mit einem zusätzlichen Augenzwinker der attraktiven Polin und verschwand im Speiseraum.
Die junge Polin schaute Boris aus ihren großen, dunklen Augen an: Herr Baródin, kann ich etwas für Sie tun?
Das fragte sie in einem fehlerfreien Deutsch und lächelte Boris fast verheißungsvoll ins Gesicht. Boris: Darf ich zunächst um ihren Namen fragen, damit ich Sie korrekt anreden kann, wenn ich mit meinen ständigen Bitten komme.
Die Polin lachte, wobei ihr strahlend weißes Gebiss zur verdienten Geltung kam: Vera ist mein Name.
Boris: Vielen Dank. Vera, ich brauche ein Klavier oder einen Flügel. Haben Sie so etwas im Hotel? Ich habe zu arbeiten, das heißt zu spielen.
Vera schaute aus noch größeren Augen Boris an: Das ist ja interessant. Das kommt im Jahr selten vor, dass ein Gast nach einem Flügel fragt.
Mit dem Lächeln der Neugier fuhr sie fort: Nun begreife ich, Sie sind der Boris Baródin, der übermorgen ein Konzert in der Philharmonie gibt.
Boris: Ja, dieser Boris bin ich und muss mich auf das Konzert vorbereiten.
Vera: Seit einem Jahr steht hier ein neuer Konzertflügel im Musiksaal. Ich werde Sie zum Flügel hinführen.
Sie führte Boris den breiten Flur entlang, der sich in die entgegengesetzte Richtung vom Speisesaal erstreckte. Vera ging einige Schritte voraus und begann ein freundlich lockeres Gespräch: Da haben Sie einen großen Abend vor sich. Im Kulturteil der Zeitungen werden Sie als namhafter Pianist mit internationalem Renommee beschrieben. Boris schwieg und folgte Vera, die sich in der Anmut ihres Ganges in den Hüften wog. Vera:
Da sind Sie durch ihre Konzerte sicher in der Welt herumgekommen. Boris:
Ja, das bin ich. Vera:
Das muss doch ein aufregendes Leben sein, als Künstler gefeiert zu werden. Boris:
Wissen Sie, Fräulein Vera, oft wünschte ich mir weniger auf dem Präsentierteller zu stehen und dafür mehr Ruhe und Beschaulichkeit. Vera:
Das können nur Sie sagen, weil Sie ganz oben auf der Ruhmesleiter stehen. Für uns Normalmenschen ist und bleibt es der große Traum. Boris:
Aber Sie haben doch einen interessanten Beruf, der Sie mit vielen Menschen der unterschiedlichsten Herkunft und Berufe zusammenbringt. Da sind Sie mir doch im Vorteil, denn ich habe es fast ausschließlich mit Musikern und meinem Agenten zu tun. Vera:
Sie haben recht, Herr Baródin, in den ersten Monaten ist der Beruf einer Rezeptionistin spannend und aufregend, wenn auf einen die Menschen zukommen, um hier zu übernachten, und die anderen Menschen nach dem Frühstück gehen, die hier übernachtet und schließlich gezahlt haben. Aber dann wird es zur freundlichen Routine, die auch ihre schlechten Seiten hat, wenn sich ein Gast etwas herausnimmt, was er besser nicht tun sollte, weil es geschmacklos und ungezogen ist. Boris:
Ich verstehe, was Sie sagen wollen. Doch das sind doch die Ausnahmen."
Vera: Das können Sie so nicht mehr sagen, denn die Respektlosigkeit dem weiblichen Geschlecht gegenüber hat in den letzten Jahren bedenkliche Ausmaße angenommen. Der Mangel an guter Erziehung zeigt nun und besonders uns gegenüber die Folgen, gegen die wir uns zu wehren haben.
Vera öffnete die hohe Flügeltür: Kommen Sie! Jetzt sind wir im Musiksaal.
Sie schaltete das Licht an, und zwei riesige Kronleuchter ließen den Saal erstrahlen. Vera: Es wird gesagt, dass hier auch Chopin seine Klavierabende gegeben haben soll. Das war zu einer Zeit, als das Hotel den Namen ‘Fürstenhof’ führte. Im letzten Krieg sollen hier jüdische Künstler vor den hochrangigen Nazis aufgetreten sein, auch solche von der Berliner Philharmonie, die wenig später in Auschwitz-Birkenau umgekommen sind.
Boris schockierte dieser Satz. Er erinnerte sich an die Erzählungen seines Großvaters, als er durch die multiple Sklerose in den Beinen gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt war, wie brutal die Nazis mit den Juden und anderen Minderheiten sowie den Regimekritikern umgegangen sind. Vera führte ihn ans Ende des Saales, wo der Flügel stand: Da ist er, den Sie suchen.
Boris setzte sich vor den Flügel, der ein Steinway war, und spielte ihr zum Dank die beiden ersten ‘Préludes op.28’, das C-Dur Agitato und a-Moll Lento von Frédéric Chopin vor. Vera stand wie gebannt am Flügel mit Tränen in ihren großen dunklen Augen. Da sie kein Tuch bei sich hatte, um ihre Tränen abzuwischen, zog Boris sein ungebrauchtes Taschentuch aus der Tasche und hielt es ihr mit der Frage entgegen, ob sie damit vorliebnehmen wolle. Vera nahm sein Taschentuch, das noch zusammengefaltet war, wortlos entgegen und wischte sich die Tränen vom Gesicht, während Boris die beiden nächsten ‘Préludes’, das G-Dur Vivace und das e-Moll Largo spielte.
Vera: Sie spielen wunderbar; wie ein Engel spielen Sie.
Boris: Schön wär’s, wenn ich wie ein Engel spielen könnte.
Vera trieb die Unruhe, weil sie ihren Dienst an der Rezeption zu verrichten hatte. Ich muss zurück zur Rezeption. Wie gerne hätte ich ihnen weiter zugehört.
Boris: Kann ich hier bleiben und spielen, ohne dass ich jemand störe?
Vera: Das können Sie, Boris Baródin. Sie können hier spielen, so lange Sie wollen. Aber was ist mit dem Abendessen. Wollen Sie sich nicht vorher etwas stärken?
Boris: Vera, ich will spielen. Das ist mein Bedürfnis. Mein Appetit ist nicht so groß. Aber wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann bringen Sie mir in einer Stunde etwa ein Tablett mit Tee und etwas zu essen.
Vera: Das bedeutet Nachtschicht für mich. Aber für Sie, den spielenden Engel auf dem Steinway tu ich das gern.
Sie verließ den Musiksaal und schloss die hohe Flügeltür leise hinter sich. Sie stand noch einen Augenblick an der Tür und lauschte seinem Spiel des ersten Satzes aus dem zweiten Brahms-Konzert. Dass sie dabei sein Taschentuch in der Hand hielt, merkte sie erst an der Rezeption, als sie es aus der Hand legte, um ein Telefonat zu tätigen. Sein Spiel hatte sie aus der Fassung gebracht, hatte sie umgeworfen
. Als ein Gast an der Rezeption aufgrund ihrer Abwesenheit
fragte, ob ihr nicht wohl sei, merkte Vera, dass sie mit ihren Gedanken nicht bei der Sache, sondern bei Boris Baródin war, dem jungen und schon berühmten Pianisten aus Berlin. Er hatte sie völlig in Beschlag genommen, hatte sie erobert, ob er es wollte oder nicht.
Am nächsten Morgen betrat Boris den Konzertsaal der Philharmonie, einen großen Saal mit doppelstöckigen Seitenrängen unter einer hohen, gewölbten Decke. Er stieg die Stufen zur Bühne und ging auf den Flügel zu. Der Konzertmeister, ein Geiger zwischen dreißig und vierzig kam ihm entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: Willkommen in Warschau! Willkommen in unserer Philharmonie!
Bei der Begrüßung hielt er Geige und Bogen in der linken Hand. Boris traf auf ihn zum ersten Mal, denn vor zwei Jahren war der Konzertmeister ein älterer Herr, der in dem sympathischen Gesicht eine Narbe über der linken Wange hatte, die ihm die Nazis beigebracht hatten. Der junge Geiger nun war ein schlankler hochgewachsener Pole mit ovalem Gesicht, dunkelbraunen Augen und langem, zurückgekämmten schwarzen
