Parker und die "Stimmen aus dem Jenseits": Butler Parker 230 – Kriminalroman
Von Günter Dönges
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Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht!
»Besuch um diese Zeit?« Mißtrauisch blickte Agatha Simpson von der Pralinenschachtel auf, die noch eben ihre volle Aufmerksamkeit beansprucht hatte. »Falls Mylady keine Einwände erheben, würde man sich zur Haustür begeben und nachsehen, wer geläutet hat«, bot Josuah Parker an. »Aber lassen Sie niemand herein, Mister Parker«, wies die ältere Dame ihn an. »Ich möchte noch ein Stündchen meine Ruhe haben.« »Selbstverständlich wird man bemüht sein, Myladys Wünschen in vollem Umfang gerecht zu werden«, versicherte der Butler und lenkte würdevoll seine Schritte in Richtung Haustür. Der Mann mit dem glatten, undurchdringlichen Gesicht eines professionellen Pokerspielers erinnerte äußerlich an einen hochherrschaftlichen Butler des 19. Jahrhunderts. Aber auch seine Umgangsformen und seine Höflichkeit schienen aus vergangenen Zeiten zu stammen. »Es handelte sich lediglich um den Briefboten«, meldete Parker, als er gleich darauf in den Salon zurückkehrte. Auf dem silbernen Tablett, das er in der Hand hielt, lag ein großer, weißer Umschlag aus luxuriösem Büttenpapier. »Wer schreibt mir?« wollte die Hausherrin neugierig wissen. Wunschgemäß drehte der Butler den Brief um. Der Absender war nicht – wie Myladys Anschrift – mit der Hand geschrieben, sondern in altertümlich verschnörkelten Buchstaben gedruckt. »Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte«
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Parker und die "Stimmen aus dem Jenseits" - Günter Dönges
Butler Parker
– 230 –
Parker und die Stimmen aus dem Jenseits
Günter Dönges
»Besuch um diese Zeit?« Mißtrauisch blickte Agatha Simpson von der Pralinenschachtel auf, die noch eben ihre volle Aufmerksamkeit beansprucht hatte.
»Falls Mylady keine Einwände erheben, würde man sich zur Haustür begeben und nachsehen, wer geläutet hat«, bot Josuah Parker an.
»Aber lassen Sie niemand herein, Mister Parker«, wies die ältere Dame ihn an. »Ich möchte noch ein Stündchen meine Ruhe haben.«
»Selbstverständlich wird man bemüht sein, Myladys Wünschen in vollem Umfang gerecht zu werden«, versicherte der Butler und lenkte würdevoll seine Schritte in Richtung Haustür.
Der Mann mit dem glatten, undurchdringlichen Gesicht eines professionellen Pokerspielers erinnerte äußerlich an einen hochherrschaftlichen Butler des 19. Jahrhunderts. Aber auch seine Umgangsformen und seine Höflichkeit schienen aus vergangenen Zeiten zu stammen.
»Es handelte sich lediglich um den Briefboten«, meldete Parker, als er gleich darauf in den Salon zurückkehrte. Auf dem silbernen Tablett, das er in der Hand hielt, lag ein großer, weißer Umschlag aus luxuriösem Büttenpapier.
»Wer schreibt mir?« wollte die Hausherrin neugierig wissen. Wunschgemäß drehte der Butler den Brief um. Der Absender war nicht – wie Myladys Anschrift – mit der Hand geschrieben, sondern in altertümlich verschnörkelten Buchstaben gedruckt.
»Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte«, las Parker vor. Die Straße, in der diese Gesellschaft ihren Sitz hatte, lag im piekfeinen Londoner Stadtviertel Chelsea.
»Was für eine Gesellschaft?« fragte Agatha Simpson überrascht.
»Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte«, wiederholte Parker.
»Außersinnliche Kontakte?« Die ältere Dame runzelte die Stirn. »Bitte öffnen Sie den Brief, Mister Parker, und lesen Sie vor, was diese komische Gesellschaft mir mitzuteilen hat.«
»Wie Mylady wünschen.« Parker setzte das Tablett ab, nahm den vergoldeten Brieföffner zur Hand und schlitzte den Umschlag auf. Er enthielt lediglich eine gedruckte Einladungskarte. Allerdings ließ schon die aufwendige Aufmachung – goldgeprägte Lettern auf dunkelblauem Samt – ahnen, daß die »Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte« keine arme Gesellschaft war.
»Hochverehrte Damen und Herren!« las der Butler vor. »Die schwierigen Zeiten, in denen unsere Nation steht, sind auch an den Spitzen der britischen Gesellschaft nicht spurlos vorübergegangen. Gerade Menschen, die erhöhte Verantwortung tragen, fragen sich tagtäglich, was die Zukunft in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht bringen mag.«
»Das kann ich wirklich nur bestätigen«, unterbrach die Hausherrin. »Lesen Sie bitte weiter, Mister Parker.«
»Wer möchte da nicht die Fähigkeiten eines Hellsehers besitzen!« fuhr der Butler fort, aus der Einladung zu zitieren. »Sie, hochverehrte Damen und Herren, gehören zu den Auserwählten, die in die Zukunft sehen können, wenn Sie nur wollen.«
»Das stimmt!« bestätigte Lady Agatha sichtlich geschmeichelt. »Der Absender scheint mich zu kennen.«
»Der Text ist aber noch nicht zu Ende, falls man sich diesen kleinen Hinweis erlauben darf«, wandte Parker ein und las weiter vor: »Wir schätzen uns überglücklich, Ihnen gegen einen bescheidenen Unkostenbeitrag bieten zu können, was normalen Sterblichen verwehrt ist. Sie haben die einmalige Gelegenheit, einen der größten Seher unseres Jahrhunderts über Ihr persönliches Schicksal zu befragen. Giancarlo Augurelli, der von dem begnadeten Hanussen in der Stunde seines Todes in alle Geheimnisse des Übersinnlichen eingeweiht wurde, weilt für kurze Zeit in London.«
»Wer ist für kurze Zeit in London?« fragte Lady Agatha, die einen Moment nicht zugehört hatte.
»Ein gewisser Mister Augurelli, der angeblich über die Fähigkeit verfügt, in die Zukunft zu sehen«, gab der Butler Auskunft. »Die Gesellschaft schreibt auch noch, daß Mister Augurelli bereit sei, Gespräche mit verstorbenen Angehörigen zu vermitteln.«
»Wirklich?« fragte Lady Agatha gedehnt und schob sich die letzten beiden Pralinen gleichzeitig in den Mund, »Wie macht er das?«
»Bedauerlicherweise ist meiner Wenigkeit kein Verfahren bekannt, das es erlauben würde, mit Verblichenen in Kontakt zu treten«, entgegnete Parker.
»Wahrscheinlich ist es auch besser, die Toten ruhen zu lassen«, stimmte Mylady zu. »Aber was dieser – wie hieß er noch, Mister Parker?«
»Mylady geruhen offensichtlich, Mister Augurelli zu meinen«, half der Butler nach.
»Richtig, Gaurunelli! Das wollte ich doch sagen ...«, behauptete die Dame des Hauses. »Also – was dieser Raugunelli über meine wirtschaftliche Zukunft zu sagen hat, werde ich mir auf jeden Fall anhören. Gerade als alleinstehende Dame muß man heutzutage umfassend orientiert sein, damit man nicht irgendwann mittellos dasteht.«
Jeder andere als Josuah Parker hätte über Myladys Befürchtungen gelächelt, denn ihr Vermögen war ebenso unermeßlich wie ihr Geiz. Aber auf dem glatten Gesicht des Butlers zeigte sich keine Regung.
»Mylady beabsichtigen, Mister Rander zu entlassen und sich eines anderen Vermögensberaters zu bedienen?« erkundigte er sich gelassen.
»Das habe ich damit nicht gesagt«, entgegnete die passionierte Detektivin. »Aber man sollte sich immer aller Informationen bedienen, die einem Menschen zugänglich sind.«
»Mylady haben mit dieser Feststellung mitten ins Schwarze getroffen, falls man sich einmal dieser volkstümlichen Ausdrucksweise bedienen darf«, kommentierte Parker höflich. »Auch meine bescheidene Wenigkeit ist stets bemüht, nach dieser Maxime zu leben.«
»Daß Sie sich darum bemühen, Mister Parker, will ich Ihnen ja zugestehen«, räumte Mylady großzügig ein. »Aber im Ernstfall fehlt es Ihnen dann doch an Erfahrung und Urteilsvermögen. Einer Detektivin meines Ranges werden Sie kaum das Wasser reichen können.«
»Nie würde meine Wenigkeit es wagen, dieser Äußerung zu widersprechen«, versicherte Parker durchaus wahrheitsgemäß.
»Und wann hält dieser Mister Pirelli seinen Vortrag?« kam die Hausherrin zum Thema zurück.
»Soweit der Einladung zu entnehmen ist, handelt es sich nicht um einen Vortrag, sondern um eine Séance«, wandte der Butler ein.
»Eine was?« fragte Agatha Simpson entgeistert.
»Eine Séance ist eine spiritistische Sitzung, falls man sich diesen Hinweis erlauben darf«, gab Parker Auskunft.
»Sie tun gerade so, als ob mir das nicht bekannt wäre, Mister Parker!« entgegnete die Hausherrin entrüstet. »Natürlich weiß ich, was eine Melange ist! Ich habe Sie nur nicht verstanden, weil Sie so undeutlich gesprochen haben.«
»Man bittet Mylady in aller Form um Vergebung für diese phonetische Nachlässigkeit«, erklärte der Butler. »Man wird sich in Zukunft einer noch klareren Aussprache befleißigen.«
»Und was verstehe ich unter einer spiritistischen Sitzung, Mister Parker?« wollte die Detektivin wissen.
»Mylady denken vermutlich an eine Zusammenkunft, die dazu dient, Geister zu beschwören«, antwortete Parker.
»Genau das ist es«, bestätigte Lady Agatha. »Wann findet diese Geisterbeschwörung statt, Mister Parker?«
»Morgen abend um zehn Uhr, soweit man der Einladung Glauben schenken darf«, informierte der Butler die Lady.
»Dann sorgen Sie dafür, daß mein Wagen rechtzeitig startklar ist, Mister Parker«, befahl die ältere Dame. »Dieses Ereignis werde ich mir nicht entgehen lassen.«
*
Als Parker sein hochbeiniges Monstrum vor dem Sitz der »Gesellschaft zur Förderung außersinnlicher Kontakte« ausrollen ließ, war es 22.30 Uhr vorbei. Mylady hatte für die kleine Verspätung gesorgt, weil die Auswahl der passenden Garderobe doch eine gewisse Zeit in Anspruch nahm.
Schließlich hatte sie sich nach langem Hin und Her für das rustikale Tweedkostüm entschieden, das ihre beängstigende Körperfülle noch am sichersten zu bändigen wußte. Dazu passend trug Mylady derbe Schnürschuhe mit zünftigen Profilsohlen und eine Kopfbedeckung, die sie hartnäckig als Hut zu bezeichnen pflegte, obwohl das Gebilde eher einem gründlich mißratenen Napfkuchen ähnelte, in dem zwei stählerne Bratspieße steckten.
»Ohne mich wird er ja wohl nicht anfangen«, meinte Agatha Simpson zuversichtlich, während sie ächzend und mit Parkers unauffälliger Hilfe ihre wogende Fülle durch die Autotür ins Freie bugsierte.
Die in klassizistischem Stil errichtete Gründervilla machte einen düsteren Eindruck. Nur das Portal mit den
