Der Erste Weltkrieg: Debatten und Materialien. Die besten Beiträge aus F.A.Z. und Sonntagszeitung
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Über dieses E-Book
Der zweite Teil dieses eBooks widmet sich den wichtigen Kriegsschauplätzen. Ein Besuch auf den Schlachtfeldern an der Somme, eine Wanderung an der früheren Dolomitenfront, der See-krieg und der Friedenschluss in Versailles sind weitere Stationen dieser Zeitreise. Die auch nach 100 Jahren anscheinend unlösbare Kriegsschuldfrage wird auch hier diskutiert. Vor allem die im Jubiläumsjahr erschienenen Bücher rund um den Kriegsausbruch werden dabei einer detaillierten Bewertung unterzogen. Literarisch-kulturelle Fundstücke, ein ausführlicher Litera-turteil, eine Chronik und eine Statistik des Krieges, ein Verzeichnis der wichtigsten Akteure der kriegsführenden Staaten sowie Lese- und Filmtipps bilden den Abschluss des eBooks.
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Buchvorschau
Der Erste Weltkrieg - Frankfurter Allgemeine Archiv
Der Erste Weltkrieg
Debatten und Materialien
F.A.Z.-eBook 32
Frankfurter Allgemeine Archiv
Projektleitung: Franz-Josef Gasterich
Produktionssteuerung: Christine Pfeiffer-Piechotta
Redaktion und Gestaltung: Hans Peter Trötscher und Birgitta Fella
eBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten. Rechteerwerb: Content@faz.de
© 2014 F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main.
Foto: Flandern 1917. Hermann Rex/Kriegs- Bild- und Filmamt. Photographisches Bild- und Film-Amt.
ISBN: 978-3-89843-227-6
Vorwort
Der Erste Weltkrieg in Beiträgen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Von Hans Peter Trötscher
Als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg begann, ahnte selbstverständlich noch niemand, mit welcher Vehemenz die Frage von Schuld und Verantwortung für diese Menschheitskatastrophe noch nach einem Saeculum diskutiert werden würde. Auch in den Beiträgen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat diese Diskussion einen erstaunlich großen Raum eingenommen. Dabei liegt – wie auch schon in den Debatten der vergangenen Jahrzehnte – der Schwerpunkt in der Aufarbeitung der Politik in den Monaten unmittelbar vor dem Kriegsausbruch. Folglich beginnt auch diese Artikelsammlung mit Bewertungen der Ausgangssituation im Europa der Jahre 1913 und 1914. Wollte die Politik das gleiche wie das Militär? Verfolgten Frankreich und Großbritannien auf vergleichbarem Weg ihre außenpolitischen Ziele wie die Reichsregierung?
Im zweiten Abschnitt wenden wir uns wichtigen Schauplätzen des Kriegsverlaufs zu. Noch heute erfüllt es uns mit Grausen, wenn wir erfahren, dass die Bevölkerung entlang des Rheins beständig das Kanonengrollen der Front als dumpfes, entferntes Brummen hören konnte. Ein Besuch auf den Schlachtfeldern der Somme, deren Landschaft noch immer die scheinbar unauslöschlichen Spuren der Gewalt trägt, eine Wanderung an der früheren Dolomitenfront, die noch heute schreckliche Geheimnisse birgt, der Seekrieg und der Friedenschluss in Versailles sind weitere Stationen dieser Zeitreise. Der auch nach 100 Jahren anscheinend unlösbaren Kriegsschuldfrage nähern wir uns im nächsten Kapitel. Vor allem die im Jubiläumsjahr erschienenen Bücher rund um den Kriegsausbruch werden dabei einer detaillierten Bewertung unterzogen. Literarisch-kulturelle Fundstücke, ein ausführlich bewertender Literaturteil, eine Chronik des Krieges sowie ein Verzeichnis der wichtigsten Akteure der kriegsführenden Staaten bilden den Abschluss des eBooks.
Der Weg in die Katastrophe
Heldenopfer und Massensterben
Wie das kaiserliche Deutschland und das republikanische Frankreich sich in Stellung brachten
Von Rainer Blasius
Vor hundert Jahren, im August 1907, fand in Stuttgart der Internationale Sozialistenkongress statt. Zu den prominentesten Teilnehmern zählte der Sozialistenführer Jean Jaurès, der darauf hoffte, dass die internationale Arbeiterbewegung bei Kriegsgefahr durch Massenstreiks und Androhung von Aufständen die nationalen Regierungen zu einer Friedenspolitik zwingen könnte. Seine pazifistische Haltung kostete ihn am 31. Juli 1914 – unmittelbar vor Kriegsbeginn – das Leben, als ein Fanatiker in Paris ein Attentat auf ihn verübte. So lässt sich nur darüber spekulieren, ob sich Jaurès der »Union sacrée« in Frankreich angeschlossen hätte, jenem propagandistischen Gegenstück zum »Burgfrieden« in Deutschland. Den Begriffen und ihrer Wirkung widmete sich in Stuttgart eine Tagung, zu der Wolfram Pyta deutsche und französische Historiker und Literaturwissenschaftler eingeladen hatte. Einleitend sprach er davon, dass beide Gesellschaften »in hohem Maße fragmentiert« gewesen seien, bis der Krieg im Sommer 1914 eine Welle der nationalen Integration auslöste. Diese verdiene einen Vergleich, der Kulturgeschichte und Politikgeschichte miteinander verbinde, um die »symbolische Repräsentationsfähigkeit als eine zentrale Voraussetzung zur Erlangung politischer Legitimation« zu erfassen. Der moderne Politiker müsse nicht nur Entscheidungen treffen, sondern auch in der Lage sein, »die umlaufenden kulturellen Zuschreibungen symbolisch zu verdichten« und daraus politische Herrschaft abzuleiten.
Georges-Henri Soutou (Paris) leuchtete den Mythos vom »Burgfrieden« und von der »Union sacrée« aus. Kaiser Wilhelm II. kündigte den »Burgfrieden« mit den Worten an: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.« In Frankreich erklärte der Präsident der Abgeordnetenkammer, Paul Deschanel: »Gibt es noch Gegner? Nein, es gibt nur noch Franzosen.« Und der Präsident der Republik, Raymond Poincaré, beschwor in seiner Botschaft an die zwei Kammern die »Union sacrée«, die dem Feind trotzen werde. Wilhelm II. schärfte den Deutschen ein: »Wir kämpfen gegen eine Welt von Feinden«, während Poincaré im Parlament ausrief, Frankreich stehe noch einmal »vor der Welt für Freiheit, Gerechtigkeit und Vernunft« und erhalte dafür »aus allen Gegenden der zivilisierten Welt . . . Sympathie und Glückwünsche«. »Burgfrieden« und »Union sacrée« seien vergleichbar, aber nicht ähnlich. Der »Burgfrieden« habe dem Mythos der nationalen Eintracht, der »Sehnsucht für eine vormoderne Einheit der Gesellschaft und der Nation«, der »Ablehnung der Spaltung und des Wettbewerbs der liberalen Demokratie« entsprochen – hingegen die »Union sacrée« der »Einheit der Nation Jakobiner Prägung, die Nation des allgemeinen Willens – volonté générale –, der nicht den Willen jedes Einzelnen oder verschiedener Parteien, Klassen oder Gruppierungen unbedingt widerspiegelt, sondern der Nation als ganzen«. In Frankreich sei es vor allem um die Katholiken gegangen, die weitgehend ausgeschlossen waren vom politischen Leben seit der Trennung von Staat und Kirche im Jahr 1905, außerdem – wie in Deutschland – um die Sozialisten, die nicht länger als »vaterlandslose Gesellen«, sondern endlich als vollwertige Bürger anerkannt worden seien. Bis 1917 habe Reichskanzler von Bethmann Hollweg im Rahmen des »Burgfriedens« problemlos regieren können. Olivier Forcade (Amiens) referierte über Zensur und öffentliche Meinung in Frankreich. Über die Höhe der eigenen Verluste habe man die Bevölkerung nicht informiert, wohl aber über die Anzahl deutscher Kriegsgefangener. In der Diskussion machte Georges-Henri Soutou darauf aufmerksam, dass die französischen Kriegstoten erst im Mai 1919 mit 1.300.000 beziffert worden seien. Diskussionsleiter Gerd Krumeich (Düsseldorf) meinte, während des Krieges sei der Tod nur »sektorial erfahren« worden, also die Gefallenen der eigenen Kompanie, nicht darüber hinaus die anderer Einheiten: »Wenn man die wirklichen Verluste gewusst hätte, das Massensterben, dann hätte der Krieg nicht so lange gedauert.« Dem stimmte Jean-Jacques Becker (Paris) zu. Gewusst habe man von vielen Gefallenen, aber keine Vorstellung von den enormen Verlusten gehabt: »Ohne Zensur wäre es anders gelaufen.«
Poincare-1914.JPG»Freiheit, Gerechtigkeit und Vernunft« – die von Frankreich verteidigten Werte der Zivilisation beschwor Staatspräsident Poincaré vor dem Parlament, als der Krieg unmittelbar bevorstand. Foto: Fotografische Reproduktion eines Gemälde von Pierre Carrier-Belleuse.
Wilhelm-II-1914.jpg»Ich kenne nur noch Deutsche«. Der von Wilhelm II. ausgerufene »Burgfriede« ist in Deutschland zum negativ besetzten Synonym für affirmative, machtpolitisch motivierte Oppositionspolitik geworden. Foto: T H Voigt, 1902. Bildnummer HU 68367, Imperial War Museum, London.
Almut Lindner-Wirsching (Frankfurt am Main) sprach über Krieg als nationale Erfahrung bei deutschen und französischen Schriftstellern. Das Wort »Opfer« habe zu den Schlüsselbegriffen gehört, insbesondere in Frankreich, aber auch bei Walter Flex und Fritz von Unruh: »Der Soldatentod wurde häufig als Imitatio Christi gedeutet: Das gegenwärtige Leiden der Soldaten wurde als Lösegeld für eine bessere Welt, für eine im Krieg noch nicht verwirklichte brüderliche Gemeinschaft oder gerechtere soziale Ordnung verstanden.« Unruh sprach »explizit vom Ostergang der Verdunkämpfer«, und Henri Barbusse »parallelisierte« in »Le Feu« mehrere Soldaten mit Christus. Französische Frontautoren hätten an den »Bürger in Uniform«, den »soldat citoyen« mit seiner revolutionär-jakobinischen Tradition angeknüpft.
Steffen Bruendel (Essen) ging der Entwicklung vom »Burgfrieden« zur »Volksgemeinschaft« nach: »Der euphorische Jubel der bürgerlichen Deutungselite über die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten im August 1914 galt der Atmosphäre gesamtgesellschaftlicher Eintracht, die als Geist von 1914 bezeichnet und zur Grundlage des Burgfriedens wurde.« Als Gegenentwurf zu den »Ideen von 1789« und ihren Werten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hätten »Deutsche Freiheit«, Kameradschaft und Sozialismus gestanden. »Deutsche Freiheit« sei als freiwillige Einordnung in die Gesamtheit der Nation interpretiert worden, Kameradschaft als kollektive Pflichterfüllung ohne Änderung der sozialen Hierarchie und »nationaler Sozialismus« als spezifisch deutsche Form von Brüderlichkeit und Einheit, die den »westlichen Konkurrenzkapitalismus« durch eine Gemeinschaftsverpflichtung aller »Volksgenossen« beseitigen sollte. Damit bestand ein »semantisches Identifikationsangebot für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen«: »Die deutsche Volksgemeinschaft sollte der nationalen Überlieferung entsprechen, aber auch den Lebensbedingungen in einer industrialisierten Massengesellschaft durch neue Formen der Organisation, der Integration, der Repräsentation und der Partizipation gerecht werden. Zwar wurde das Volksgemeinschaftsparadigma seit 1916 von der politischen Rechten radikalnationalistisch-exklusiv umgedeutet, aber bis 1918 und darüber hinaus nicht zu ihrem ideologischen Alleinbesitz. Bis zu ihrer eliminatorischen Radikalisierung nach 1933 blieb die Volksgemeinschaft eine konkrete Utopie der Deutschen.« Gerd Krumeich gab zu bedenken, dass »Volksgemeinschaft« im Ersten Weltkrieg nicht geläufig gewesen sei, sondern meistens nur der Begriff »Gemeinschaft«.
Pyta stellte heraus, dass in beiden Staaten von 1914 bis 1918 die Idee der Nation die politisch-kulturelle Leitvorstellung darstellte. In Deutschland seien weder der Kaiser als Reichsoberhaupt noch der Reichstag imstande gewesen, daraus einen »symbolischen Mehrwert zu generieren«. Daher sei die symbolische Repräsentation der Nation einer Person zugefallen, »die nach streng legalem Verständnis von Herrschaft gar kein politisches Amt ausübte, die aber gerade deswegen eine enorme herrschaftliche Potenz besaß: der Feldmarschall Paul von Hindenburg«. Im Gegensatz dazu habe sich in Frankreich der Parlamentarismus als stark genug erwiesen, »um alle politischen Verselbständigungstendenzen der Militärs im Ansatz zu ersticken« und die Idee der Nation symbolisch zu repräsentieren.
Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.7.2007
Seiner Majestät Nachrüster
Reichskanzler Bethmann Hollweg rechnete mit einem Krieg zwischen »Slawen und Germanen«
Von Rainer Blasius
Beim »Kriegsrat« vom 8. Dezember 1912 war viel über den nächsten Waffengang gesprochen und vom Chef des Generalstabs sogar die Devise »Je eher, je besser« ausgegeben worden. Ein Entschluss, etwa im Sommer 1914 den Krieg zu entfesseln, fiel bei dem Treffen des Kaisers mit hohen Militärs aber nicht – zumal weder der Reichskanzler noch der Staatssekretär des Auswärtigen Amts zugegen waren. Die »einzige, in ihren Auswirkungen freilich kaum zu unterschätzende Folge« der Versammlung war dann – so der Potsdamer Historiker Michael Epkenhans – die Entscheidung, eine Vorlage zur Heeresverstärkung auf den Weg zu bringen.
Schon Anfang Dezember 1912 hatte das preußische Kriegsministerium beim Generalstab eine Denkschrift in Auftrag gegeben, die dem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 21. Dezember vorlag. »Über die militärische Lage und die sich aus ihr ergebenden Forderungen für die weitere Ausgestaltung der Deutschen Wehrkraft« hieß das Memorandum, das die Unterschrift des Generalstabschefs Helmuth von Moltke (des Jüngeren) trug, jedoch inhaltlich die »Handschrift« seines Gehilfen Oberst Erich Ludendorff. Der spätere Weltkriegs-Großstratege wies darauf hin, dass Deutschland wegen seiner zentralen Lage immer genötigt sein werde, »nach mehreren Seiten Front zu machen«; daher müsse es sich »nach einer Seite mit schwächeren Kräften defensiv halten«, um »nach der anderen offensiv werden zu können. Diese Seite kann immer nur Frankreich sein. Hier ist eine rasche Entscheidung zu erhoffen, während ein Offensivkrieg nach Russland hinein ohne absehbares Ende sein würde. Um aber gegen Frankreich offensiv zu werden, wird es nötig sein, die Belgische Neutralität zu verletzen.« Nur so lasse sich Frankreichs Heer »in freiem Felde angreifen und schlagen«. Damit enthüllten die Militärs dem Kanzler und dem Kriegsminister erstmals und eher beiläufig den von Alfred von Schlieffen entworfenen fatalen Operationsplan.
Ludendorffs militärische Schlussfolgerungen lauteten: Erhöhung der Friedenspräsenzstärke des Heeres (bisher 754.000 Soldaten) um 300.000 Mann, Verbesserung der Ausrüstung der Reserveformationen durch zusätzliche Maschinengewehre und Geschütze, Erweiterung
