Schuld am Tod der anderen?: Chefarzt Dr. Norden 1282 – Arztroman
Von Carolin Grahl
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Über dieses E-Book
So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche!
»Müde, Daniel? War wohl wieder einmal ein langer, anstrengender Tag in der Notaufnahme?«, fragte Fee Norden teilnahmsvoll, während sie den Wagen aus der Parklücke auf dem Personalparkplatz der Behnisch-Klinik manövrierte. »Und dann zusätzlich noch all deine Aufgaben als Klinikchef …« Daniel Norden, der auf dem Beifahrersitz saß, zuckte die Schultern. »Der heutige Tag war nicht länger und nicht anstrengender als die meisten anderen Tage auch«, gab er zurück. »Es ist nur …« Er wischte sich mit beiden Händen müde übers Gesicht. »Erinnerst du dich noch an Petra? Petra Massag?« Fee warf Daniel einen überraschten Seitenblick zu. »Natürlich erinnere ich mich an Petra«, erwiderte sie. »Immerhin war sie eine sehr, sehr liebe Studienkollegin von mir. Und … und den unglücklichen Ausgang ihrer Operation vor einem Jahr wird wohl keiner von uns je vergessen. Ich begreife bis heute nicht, wie das passieren konnte.« »Ich auch nicht«, pflichtete Daniel Fee bei. »Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich erfahren habe, dass Petra Massag nach erfolgreicher Entnahme des Lebersegments aufgrund eines Herzstillstands auf dem Operationstisch gestorben ist.
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Schuld am Tod der anderen? - Carolin Grahl
Chefarzt Dr. Norden
– 1282 –
Schuld am Tod der anderen?
Die heftigsten Vorwürfe trafen ihr Herz
Carolin Grahl
»Müde, Daniel? War wohl wieder einmal ein langer, anstrengender Tag in der Notaufnahme?«, fragte Fee Norden teilnahmsvoll, während sie den Wagen aus der Parklücke auf dem Personalparkplatz der Behnisch-Klinik manövrierte. »Und dann zusätzlich noch all deine Aufgaben als Klinikchef …«
Daniel Norden, der auf dem Beifahrersitz saß, zuckte die Schultern. »Der heutige Tag war nicht länger und nicht anstrengender als die meisten anderen Tage auch«, gab er zurück. »Es ist nur …« Er wischte sich mit beiden Händen müde übers Gesicht. »Erinnerst du dich noch an Petra? Petra Massag?«
Fee warf Daniel einen überraschten Seitenblick zu. »Natürlich erinnere ich mich an Petra«, erwiderte sie. »Immerhin war sie eine sehr, sehr liebe Studienkollegin von mir. Und … und den unglücklichen Ausgang ihrer Operation vor einem Jahr wird wohl keiner von uns je vergessen. Ich begreife bis heute nicht, wie das passieren konnte.«
»Ich auch nicht«, pflichtete Daniel Fee bei. »Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich erfahren habe, dass Petra Massag nach erfolgreicher Entnahme des Lebersegments aufgrund eines Herzstillstands auf dem Operationstisch gestorben ist. Zu einem Zeitpunkt, als der Eingriff schon so gut wie beendet war und niemand mehr mit Komplikationen gerechnet hat. Matthias, der die Operation geleitet hat, war völlig verzweifelt. Er hat mir damals wieder und wieder von seinen vergeblichen Reanimationsversuchen berichtet. Dabei hatte er Tränen in den Augen. Es muss wirklich schrecklich gewesen sein.«
»In der Tat«, bestätigte Fee, während sie den Blinker setzte und auf die Hauptverkehrsstraße einbog. »Ich selbst habe ein paar Tage nach dem Unglück mit Johanna Laudien gesprochen. Auch Johanna ist Petras Tod sehr nahe gegangen. Sie hat sich als Anästhesistin immer wieder gefragt, was die Ursache für das unerwartete Herzversagen gewesen sein könnte. Ohne jedoch eine Antwort zu finden. Johanna hatte wie stets im Vorfeld der Narkose gewissenhaft alle eventuell zu erwartenden Störfaktoren abgeklärt und sämtliche möglichen Komplikationen bedacht und ausgeschlossen. Und doch …«
»Petra Massags plötzlicher Herzstillstand gibt uns in der Tat bis heute Rätsel auf. Rätsel, die wir wohl nie lösen werden«, meinte Daniel resigniert. »Weil wir trotz all unserer ärztlichen Kunst nicht immer imstande sind, den Tod zu besiegen. So sehr wir uns auch anstrengen und so sehr wir es uns auch wünschen. Manchmal ist leider er es, der gewinnt.« Eine Weile starrte Daniel gedankenverloren in den dichten Münchner Feierabendverkehr hinaus. »Wahrscheinlich fragst du dich, warum mir gerade heute die leidige Angelegenheit wieder in den Sinn gekommen ist«, setzte er schließlich hinzu.
»Offen gestanden, ja«, gab Fee zurück. »Ich wundere mich wirklich ein bisschen, wieso du ausgerechnet …«
Daniel Norden stieß mit einem tiefen Seufzer die Luft aus. »Hans Massag, Petras Mann, oder, besser gesagt, Petras Witwer ist heute in der Notaufnahme der Behnisch-Klinik gewesen. Zusammen mit Olaf, seinem Sohn. Iris, Olafs Verlobte, hat die beiden in ihrem Wagen hergebracht.«
Fee runzelte die Stirn. »Und warum musste Hans Massag in die Notaufnahme? War es … wegen seiner Leber?«
»Nein, zum Glück nicht. Seine Leber ist völlig in Ordnung. Hans und Olaf Massag hatten sozusagen einen … Arbeitsunfall. Oder einen Freizeitunfall. Wie immer man es nennen will. Es ist im Garten ihres Hauses passiert. Sie wollten eine hohe Fichte zurechtstutzen, die ein paar ihrer Äste zu weit in Richtung des Balkons und des Hausdachs ausgestreckt hat. Hans Massag hat versucht, mithilfe einer Leiter die betreffenden Äste zu erreichen. Dabei ist ein großer Ast abgeknickt. Die Leiter ist umgekippt und hat Hans Massag mit zu Boden gerissen. Zum Glück befand Hans sich noch keine zwei Meter über dem Erdboden, sodass er sich bei seinem Sturz nur den Arm gebrochen hat. Er ist praktisch mit einem blauen Auge davongekommen. Es handelt sich nicht einmal um einen komplizierten Bruch.«
»Da hatte er allerdings Glück. Aber wie um Himmels willen ist er eigentlich auf die verrückte Idee gekommen, mithilfe einer Leiter …« Fee schüttelte verständnislos den Kopf. »Hans sollte dankbar sein, dass er die Lebertransplantation so gut weggesteckt hat, anstatt völlig unnötig sein Leben und seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Zumal er bereits Anfang sechzig ist. Normalerweise klettert man in diesem Alter nicht mehr auf haushohe Bäume. Auch nicht unter Zuhilfenahme einer Leiter.«
»Da stimme ich dir vollkommen zu«, erwiderte Daniel. »Aber Hans Massag ist noch erstaunlich fit. Seine Untersuchungsergebnisse waren bei jeder seiner Nachuntersuchungen ausgezeichnet, auch wenn die definitiv letzte Nachuntersuchung noch aussteht. Im Übrigen konnte er natürlich auch nicht wissen, dass der Ast, an den er die Leiter gelehnt hat, abbrechen würde.«
»Das mag durchaus sein. Aber es gibt für das Zuschneiden von Bäumen spezielle Baumpfleger und Baumkletterer, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Erfahrung den Zustand von Ästen mit ausreichender Sicherheit beurteilen können. Ich halte es für wenig sinnvoll, Arbeiten, die in die Hände von Fachleuten gehören, selbst zu erledigen«, stellte Fee klar.
»Ich vermute, dass Olaf und Hans Massag Geld sparen wollten«, antwortete Daniel. »Wahrscheinlich war ihnen ein professioneller Baumpfleger schlicht und ergreifend zu teuer. Davon abgesehen wollte Hans vielleicht aber auch beweisen, dass er trotz seiner Lebertransplantation und seiner … schon etwas vorgerückten Jugend immer noch ein ganzer Kerl ist und nicht zum alten Eisen gehört.«
»Typisch Mann.« Fee verdrehte die Augen. »Ich bin wirklich froh, dass du in dieser Hinsicht eine Ausnahme bist, Dan. Ich finde es gut, dass du dir deine Selbstbestätigung aus deinen beruflichen Erfolgen holst und nicht aus irgendwelchen waghalsigen Arbeiten in unserem Haus oder in unserem Garten.«
Daniel konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Arbeiten, für die ich beim besten Willen keine Zeit hätte«, entgegnete er, »mögen sie nun waghalsig sein oder nicht. So gesehen ist beruflicher Stress nicht unbedingt das Schlechteste. Wer weiß, auf welche dummen Gedanken ich bei etwas großzügiger bemessener Freizeit käme.«
»Ich kann mir dich beim besten Willen nicht mit einer elektrischen Heckenschere oder einer Motorsäge in der Hand denken.« Fee fing bei der bloßen Vorstellung an zu lachen. »Es beruhigt mich deshalb ungemein, dass du in deiner knapp bemessenen Freizeit lieber Klavier spielst.«
»Ach, Fee.« Daniel warf Fee einen bedauernden Blick zu. »Klavier zu spielen ist etwas Wunderbares. Es tut mir wirklich sehr leid, dass mir für dieses schöne Hobby so wenig Zeit bleibt.«
»Mir auch«, gab Fee zurück. »Ich höre dir nämlich ausgesprochen gerne zu. Aber vielleicht schaffen wir es ja irgendwann sogar, wieder einmal vierhändig zu spielen. Das würde mich sehr freuen.« Sie bremste abrupt, als ein anderer Fahrzeuglenker ihr die Vorfahrt nahm, und drückte auf die Hupe. »Der Typ hat wohl seine Brille vergessen«, schimpfte sie, kehrte aber sofort wieder zum ursprünglichen Thema zurück. »Du konntest Hans Massag also ambulant behandeln?«
»Im Prinzip ja«, erwiderte Daniel. »Ich habe ihn aber sicherheitshalber trotzdem für ein paar Tage zur Beobachtung in die Behnisch-Klinik aufgenommen. Und seinen Sohn ebenfalls. Olaf Massag hat, als er seinem Vater zu Hilfe kommen wollte, durch die kippende Leiter und den herabstürzenden Ast eine Platzwunde am Kopf und eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Auch für ihn hätte die Sache weit schlimmer enden können. Deshalb war ich mir eigentlich sicher, dass sämtliche Beteiligten dankbar und erleichtert sein würden, aber …«
»Aber?«
»Olafs Verlobte Iris hat ›ihren beiden Männern‹ ein paar Stunden nach deren Einchecken in der Behnisch-Klinik die nötigsten Sachen für einen kurzen Krankenhausaufenthalt gebracht. Dabei ist Alex, der zufällig in Hans und Olaf Massags Krankenzimmer war, Zeuge eines wirklich unschönen Streits zwischen Hans Massag und seiner zukünftigen Schwiegertochter geworden. Was Alex mir über diesen Streit berichtet hat, geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf.«
»Vielleicht machst du dir einfach zu viele Gedanken, Dan. Genau wie Alex. Ich bin der Ansicht, man sollte einen Wortwechsel zwischen Familienmitgliedern nicht überbewerten. Wahrscheinlich sind trotz des glimpflichen Ausgangs der Angelegenheit die Nerven aller Beteiligten ziemlich blank gelegen.« Fee zuckte die Schultern. »Was … was hat Alex denn erzählt?«
»Er hat behauptet, Hans Massag habe Iris die Schuld an Petras Tod gegeben. Und das finde ich – angespannte Nerven hin oder her - dann doch ziemlich heftig.«
»Wie bitte? Iris soll schuld sein an Petras Tod?«, hakte Fee völlig irritiert nach. »Wenn Hans Massag das wirklich gesagt hat … Also das verstehe ich absolut nicht. Wieso sollte Iris … Wie kommt Hans Massag denn auf einen derart abstrusen Gedanken?«
»Das hat Iris ihn gefragt«, entgegnete Daniel Norden.
»Und?«
»Hans Massag hat Iris ins Gesicht gesagt, sie hätte Petra zu der Leberspende überredet und sie dadurch praktisch umgebracht. Ich habe,
