Drei unwiderstehliche Sizilianer (3-teilige Serie)
Von Michelle Smart
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Über dieses E-Book
IM BANN DES SIZILIANISCHEN MILLIONÄRS von MICHELLE SMART
Damals floh Grace vor dem sizilianischen Millionär Luca Mastrangelo - jetzt hat er sie in Cornwall gefunden. Und diesmal scheint es keinen Ausweg für ihre gefährlichen Gefühle zu geben …
MIT EINEM PLAYBOY NACH PARIS von MICHELLE SMART
Cara Delanay kocht vor Wut! Vor wenigen Wochen küsste Pepe Mastrangelo sie noch voller Leidenschaft - jetzt hält der charmante Playboy sie plötzlich für eine Lügnerin. Aber warum macht er der bildhübschen Kunstkennerin trotzdem das verführerische Angebot, mit ihm nach Paris zu ziehen?
LIEBESSOMMER AUF SIZILIEN von MICHELLE SMART
"Du spielst mit dem Feuer." Bei Francescos Worten überläuft Hannah ein Schauer: Sie weiß nichts über den Sizilianer, außer dass er gefährlich sexy ist! Leichtfertig schlägt sie seine Warnung in den Wind. Doch schon sein erster feuriger Kuss stellt ihre Welt auf den Kopf …
Michelle Smart
Michelle Smart ist ihrer eigenen Aussage zufolge ein kaffeesüchtiger Bücherwurm! Sie hat einen ganz abwechslungsreichen Büchergeschmack, sie liest zum Beispiel Stephen King und Karin Slaughters Werke ebenso gerne wie die von Marian Keyes und Jilly Cooper. Im ländlichen Northamptonshire, mitten in England, leben ihr Mann, ihre beiden Kinder und sie zusammen mit einem niedlichen Cockapoo – einer Kreuzung aus den Hunderassen Cocker Spaniel und Pudel. Was Michelle am meisten am Autorinnen-Dasein liebt, ist, dass sie den ganzen Tag mit Kaffee auf dem Schoß herumsitzen, aber dabei in Gedanken weit weg sein kann … In ihrer eigenen Welt, die sie ganz nach ihrer Vorstellung erschafft.
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Buchvorschau
Drei unwiderstehliche Sizilianer (3-teilige Serie) - Michelle Smart
Michelle Smart
Drei unwiderstehliche Sizilianer (3-teilige Serie)
IMPRESSUM
Im Bann des sizilianischen Millionärs erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
© 2014 by Michelle Smart
Originaltitel: „What a Sicilian Husband Wants"
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 394 - 2015 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Trixi de Vries
Umschlagsmotive: mauritius images / Hannah L | Lebendige Fotografie
Veröffentlicht im ePub Format in 10/2021.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751513180
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY
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1. KAPITEL
Schlaftrunken kam Grace die Treppe hinunter und lief auf bloßen Füßen zur Alarmanlage an der Wand. Noch im Halbschlaf tippte sie den Code ein, um die Anlage zu entschärfen. Ein einziges Mal hatte sie das auf dem frühmorgendlichen Weg in die Küche vergessen. Das würde ihr nie wieder passieren, denn der Lärm war so ohrenbetäubend gewesen, dass er vermutlich Tote geweckt hätte.
Sie schaltete den Wasserkocher ein und gähnte herzhaft. Heißer Kaffee mit viel Zucker war genau das, was Grace jetzt brauchte.
Um sich die Wartezeit zu vertreiben, zog sie den schweren Vorhang vor dem Hinterausgang zurück und riskierte einen Blick durch die Scheibe. Grelle Morgensonne blendete sie. Schnell wandte Grace sich ab. Sie hatte genug gesehen. Der nächtliche Frost hatte den Garten mit einer eisigen weißen Schicht überzogen, bei deren Anblick sie sofort vor Kälte zitterte. Missvergnügt zog sie den Vorhang wieder zu.
Fröstelnd tapste sie zum Küchentisch und schaltete den Laptop an. Während der Rechner hochfuhr, bereitete sie sich den Kaffee zu, gab noch einen großzügigen Schuss Milch hinein, damit er schneller abkühlte und wollte gerade den ersten Schluck nehmen, als es an der Tür klingelte.
Zu Tode erschrocken zuckte sie so heftig zusammen, dass der heiße Kaffee über den Becherrand schwappte. Leise fluchend stellte Grace den Becher ab und wedelte zur Abkühlung ihre schmerzende Hand hin und her.
Immerhin war sie jetzt wach und konnte blitzschnell entscheiden, was zu tun war. Innerhalb von Sekunden hatte sie einen Weidenkorb aus dem Küchenschrank in der Ecke gezogen, tastete suchend unter den Geschirrtüchern und packte dann mit festem Griff die Pistole, die sie für den Fall der Fälle dort versteckt hatte.
Die Türglocke schrillte ein zweites Mal.
Auf dem inzwischen einsatzbereiten Laptop klickte sie auf das Programm, das die Videobilder der vier rund ums Haus installierten Überwachungskameras zeigte. Auf dem Video rechts oben entdeckte Grace eine zierliche Frau, die mit Winterparka, Wollmütze und Schal bekleidet war und zitternd eine große Tasche an ihren Bauch presste.
Was sucht die denn hier? Grace war sich unschlüssig, ob sie überhaupt die Tür öffnen sollte. Doch es wäre unmenschlich, die frierende Frau einfach da draußen stehen zu lassen. Also eilte Grace den schmalen Korridor entlang, schob den schweren Vorhang zurück, der die Kälte abhalten sollte, schob mit der linken Hand die drei Sicherheitsriegel an der Tür zurück – mit der rechten umklammerte sie die Pistole – und lockerte die Sicherheitskette. Erst dann schloss sie die Tür auf und öffnete sie einen Spaltbreit.
„Entschuldigen Sie die Störung. Vor Kälte klapperten der Frau die Zähne. „Ich habe keinen Empfang auf meinem Handy. Darf ich bei Ihnen telefonieren? Ich bin mit dem Auto liegengeblieben und will meinem Mann Bescheid sagen.
Für Grace klang das glaubwürdig – in diesem kleinen Dorf in Cornwall gab es tatsächlich oft keinen Mobilnetzempfang. Das Festnetz hingegen funktionierte einwandfrei.
Nach eingehender Musterung der Frau, die fast einen Kopf kleiner war als sie selbst, gelangte Grace zu dem Schluss, dass von diesem kleinen verfrorenen Persönchen keine Gefahr ausging. Trotzdem hätte sie die Frau am liebsten abgewiesen und zum Bauernhaus am anderen Ende der Auffahrt geschickt. Doch einen Fußmarsch von weiteren zehn Minuten durch die Eiseskälte konnte sie der armen Frau wohl nicht zumuten.
„Einen Moment." Grace schloss die Tür, stopfte die Pistole in die Bademanteltasche, löste die Sicherheitskette und hielt der Frau die Tür auf. Wahrscheinlich leide ich schon unter Verfolgungswahn, wenn ich bei jedem Türklingeln einen Überfall vermute, dachte Grace verstimmt.
„Vielen Dank, sagte die Frau, trat sich die Schuhe auf der Matte ab und kam ins Haus. „Ich hatte schon Angst, gar keine Menschenseele in dieser verlassenen Gegend zu finden. Die Straßen hier sind eine einzige Katastrophe.
Grace rang sich ein höfliches Lächeln ab und schloss schnell die Tür, bevor noch mehr Kälte ins Haus dringen konnte. Wohl war es Grace nicht dabei, eine Fremde eingelassen zu haben. Nach dem Telefonat musste die Frau sofort wieder verschwinden!
„Sie können gleich hier telefonieren." Grace zeigte auf den Apparat, der auf einem Tischchen direkt neben der Haustür stand.
Die Frau nickte, griff nach dem Hörer und wählte. Dann kehrte sie Grace den Rücken zu und führte mit gedämpfter Stimme ihr Telefonat. Erst nach mehreren Minuten legte sie den Hörer zurück, schenkte Grace ein kühles Lächeln und sagte: „Danke, dass ich telefonieren durfte. Jetzt will ich Sie aber nicht länger belästigen."
„Sie können gern hier auf Ihren Mann warten", bot Grace angesichts des Wetters großzügig an.
„Nein, ich muss los. Er wird nicht lange brauchen."
„Sind Sie sicher? Es ist eisig da draußen."
„Ja, ganz sicher." Im nächsten Moment machte sie sich schon auf den Rückweg, ohne sich auch nur von Grace verabschiedet zu haben.
Konsterniert sah Grace ihr nach, schloss dann die Tür und verriegelte sie wieder sorgfältig.
Fröstelnd wandte sie sich um und blieb starr stehen. Ein ganz merkwürdiges Gefühl beschlich sie. Irgendetwas stimmte hier nicht. Lauschend hob sie den Kopf. Doch abgsehen von ihrem panisch klopfendem Herzen war alles ruhig.
Ich muss tatsächlich an Verfolgungswahn leiden, dachte sie frustriert.
Trotzdem kam ihr das Verhalten der Frau im Nachhinein äußerst verdächtig vor. Wieso hatte die Fremde sich so schnell aus dem Staub gemacht? Nachdenklich tapste sie zurück in die Küche. Der Schreck, den sie vorhin beim Klingeln der Türe erlebt hatte, war nichts im Vergleich zu dem Schock, den Grace jetzt erlitt. Mitten in der Küche, flankiert von zwei finster dreinblickenden Muskelprotzen, stand ein großer, teuflisch gutaussehender Mann.
„Wartet im Wagen auf mich", zischte der Mann seinen Begleitern zu, ohne Grace aus den Augen zu lassen.
Wortlos verschwanden die Schlägertypen durch die Hintertür, die noch vor zehn Minuten verrammelt und verriegelt gewesen war!
„Guten Morgen, bella."
Bella! Dieses eine Wort, so zärtlich wie eine Liebkosung ausgesprochen, wirkte wie Magie. Graces Herz klopfte zum Zerspringen. Diese samtweiche Stimme mit dem schweren sizilianischen Akzent rief eine Vielzahl zärtlicher Erinnerungen in ihr wach. Doch der Zauber war von kurzer Dauer. Der Verstand schaltete sich wieder ein. Den Blick wachsam auf den ungebetenen Gast gerichtet, zog Grace die Pistole heraus und zielte.
„Du hast genau fünf Sekunden, um mein Haus zu verlassen."
Ein fast unmerkliches Zucken einer breiten schwarzen Augenbraue war Lucas einzige Reaktion darauf, dass plötzlich ein Revolver auf seine Brust gerichtet war. Lässig hob er nun die Hände. „Und wenn ich mich weigere? Erschießt du mich dann?"
„Keine Bewegung!", zischte Grace, als er einen Schritt näher kam.
Es wirkte schon irgendwie komisch, dass der unbewaffnete Luca so cool blieb, während ihr der Angstschweiß ausbrach, obwohl sie eine tödliche Waffe in den Händen hielt. Dabei hatte Grace lange genug Zeit gehabt, sich auf diese Situation einzustellen. „Zurück!" Verzweifelt versuchte sie, die Waffe stillzuhalten, trotz der vor Angst bebenden Hände.
„Begrüßt du alle deine Besucher so?" Luca machte zwei weitere Schritte auf sie zu, den Blick seiner faszinierenden Augen unverwandt auf ihr Gesicht gerichtet.
Irgendwann hatte Grace vergessen, wie magnetisch diese dunklen, dicht bewimperten Augen waren, die auf den ersten Blick schwarz wirkten. Erst bei sehr genauem Hinsehen entpuppten sie sich als dunkelblau. Ein unvergessliches Blau. Nun erinnerte sie sich wieder an den Moment, als sie Luca zum ersten Mal tief in die Augen geschaut und sich sofort in ihn verliebt hatte.
Aber das war lange her. Jede Liebe, die Grace einmal für ihn verspürt haben mochte, war vor zehn Monaten gestorben – als sie Lucas wahres Gesicht erblickte.
„Nur die ungebetenen, antwortete sie jetzt und entsicherte demonstrativ den Revolver. „Zum letzten Mal: Verschwinde aus meinem Haus!
Er war ihr jetzt so nahe, dass sie den Puls an seiner Schläfe pochen sah.
„Leg die Waffe weg, Grace! Du hast doch keine Ahnung, wie man mit einem so gefährlichen Ding umgeht."
Ihr Wiedersehen hatte Luca sich ganz anders vorgestellt. Er hielt es zwar für unwahrscheinlich, dass Grace auf ihn schießen würde, doch wenn sie in Panik geriet, konnte man nie wissen.
Noch hatte er nicht ganz verinnerlicht, dass er sie nun endlich gefunden hatte. Sowie er sie auf dem Foto erkannt hatte, war er zum Flughafen geeilt, und war mit seinem Privatjet direkt nach England geflogen.
„Du traust mir wohl gar nichts zu, bemerkte sie ausdruckslos. „Wie hast du mich gefunden?
Ist sie wirklich so gefühlskalt? überlegte Luca verdutzt. „Leicht war es nicht, gab er knapp zu. „Nun nimm endlich das Ding runter, Grace! Ich will doch nur mit dir reden.
„All diese Umstände, nur um mit mir zu reden? Sie musterte ihn ungläubig. „Warum hast du dann nicht einfach geklingelt, statt eine Komplizin vorzuschicken, um mich abzulenken, während du dir durch die Hintertür Zugang verschaffst?
„Weil mir nach der Schnitzeljagd, auf die du mich durch halb Europa geführt hast, klar geworden ist, dass du mich nicht mit offenen Armen empfangen wirst, meine kleine gerissene Grace." Wie oft war sie ihm in den vergangenen zehn Monaten nur um Haaresbreite entwischt? Nachdem seine Männer sie hier aufgespürt hatten, waren sie instruiert worden, Grace keine Sekunde aus den Augen zu lassen, falls sie wieder das Weite suchen sollte. Dieses Mal durfte sie ihm nicht entkommen, das hatte Luca sich geschworen.
„Ich habe dich nirgendwohin geführt." Sie hielt den Revolver nun in einer Hand, während sie sich die andere am Bademantel trocknete. Dabei lockerte sich der Gürtel und gab den Blick frei auf ihren Schlafanzug.
Wie gebannt betrachtete Luca die einstmals fast knabenhafte Figur, die inzwischen deutlich weiblichere Formen angenommen hatte. Nervös befeuchtete Luca sich die Lippen und begegnete dem eisigen Blick aus Graces haselnussbraunen Augen. Sie hat sich wirklich sehr verändert, dachte er. Vermutlich hätte er sie bei einer zufälligen Begegnung zuerst gar nicht erkannt.
Auch die Fotos, die seine Männer geschossen hatten, als Grace den Briefkasten am Ende der Auffahrt geleert hatte, hätte er fast achtlos wieder von seinem Handy gelöscht. Erst auf einer Profilaufnahme hatte er Grace erkannt. Die unverwechselbare Kopfhaltung hatte sie entlarvt. Das war Grace, wenn sie nachdachte, wenn sie vor der Staffelei stand und überlegte, wie sie den ersten Pinselstrich auf die Leinwand bringen sollte. Damals hatte langes blondes Haar Graces bildhübsches Gesicht umrahmt. Eigentlich verabscheute er Kurzhaarfrisuren bei Frauen. Aber bei Grace wirkte dieser freche rote Bubikopf unglaublich sexy.
„Wieso hast du dich überhaupt aus dem Staub gemacht? Nicht einmal eine Nachricht hast du hinterlassen", raunzte er barsch.
„Ich dachte, das sagt mehr als tausend Worte."
Da hatte sie natürlich recht. Aber Luca hätte sie bis ans Ende seiner Tage gesucht. Schließlich hatte Grace ihm ewige Liebe und Treue geschworen – bis zum Tod, nicht bis …
Genau das war der Punkt. Bis heute hatte Luca keine Ahnung, warum Grace von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben verschwunden war.
Noch immer konnte er kaum fassen, dass er nun keine drei Meter von ihr entfernt stand.
„Nicht einmal deine Kleidung hast du mitgenommen." Unter dem Vorwand, einen Spaziergang durch die Weinberge zu machen, hatte sie sich damals einfach aus dem Staub gemacht.
„Selbst deine minderbemittelten Muskelprotze hätten wohl Verdacht geschöpft, wenn ich mit einem großen Koffer durch die Gegend spaziert wäre."
So sarkastisch kannte er Grace gar nicht.
„Mir war klar, dass du mich irgendwann finden würdest, Luca. Deshalb habe ich mir eine Waffe besorgt. Niemand wird mich zwingen, zu dir zurückzukehren. Ich werde nie wieder einen Fuß auf Sizilien setzen. Wenn du nicht am eigenen Leib spüren willst, wie gut ich mit dieser Waffe hier umgehen kann, dann solltest du jetzt auf der Stelle verschwinden. Und nimm gefälligst die Hände wieder hoch!"
Sprachlos starrte Luca sie an. Was war nur aus der fröhlichen, unbekümmerten Künstlerin geworden, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte? „Was in aller Welt ist denn nur mit dir geschehen, Grace?", fragte er schließlich ratlos. Diese Frau, die ihn voller Verachtung musterte, konnte doch nicht seine Ehefrau sein, die ihn so unendlich glücklich gemacht hatte!
Mit eisiger Stimme sagte sie: „Du kennst vielleicht das Sprichwort ‚Früh gefreit, nie gereut!‘ Ich kann dir nur sagen, dass ich unsere Heirat noch immer bereue."
Luca war erschüttert. Wieso hatte sie ihm dann immer wieder versichert, ihn über alles zu lieben? Wir sind füreinander geschaffen, Luca. Diese verliebten Worte klangen ihm noch in den Ohren. Und nun wollte Grace das alles nicht mehr wahrhaben? Übelkeit stieg in ihm auf.
Das hier konnte unmöglich die Frau sein, die er geheiratet hatte!
Am liebsten hätte er auf dem Absatz kehrtgemacht. Doch zuerst musste er wissen, was vor zehn Monaten plötzlich in Grace gefahren war.
„Zum letzten Mal, Luca: Wie hast du mich gefunden?", stieß sie ungeduldig hervor.
„Durch das Handy deiner Freundin."
Damit hatte sie nicht gerechnet. „Sprichst du von Cara?"
„Ja."
„Ich glaube dir kein Wort. Cara würde mich niemals hintergehen."
„Das hat sie auch nicht getan. Ihr Handy hat dich verraten. Kurz nachdem du mich verlassen hattest, hast du sie auf dem Handy angerufen."
Grace wurde bleich. „Sie hätte dir niemals ihr Handy überlassen."
„Stimmt. Ich musste es mir beschaffen. Der Rest war ganz einfach. Sowie ich deine Nummer hatte, konnte ich dich orten." Sie musste ja nicht wissen, dass er einen Mitarbeiter ihres Providers bestochen hatte, um Bescheid zu sagen, wenn die Nummer wieder aktiv war. Offensichtlich war das Handy nämlich monatelang ausgeschaltet gewesen. Doch Luca hatte auf ein Wunder gehofft. Genau das war dann tatsächlich geschehen.
„Weiß Cara, was du getan hast?"
„Keine Ahnung. Es war ihm auch egal. Weniger egal waren ihm Graces bebende Hände, mit denen sie die Waffe auf ihn gerichtet hielt. „Gib mir das Ding, oder leg es auf den Boden!
„Nein! Nicht bevor du mein Haus verlassen hast."
„Darauf kannst du lange warten." Beschwörend sah er sie an und kam noch einen Schritt näher.
Sofort wich Grace zurück. „Bleib stehen, Luca!, rief sie schrill. „Das ist die allerletzte Warnung.
„Du würdest niemals auf mich schießen." Er streckte einen Arm aus und griff nach dem Revolverlauf.
„Verschwinde!", schrie sie ihn panisch an und erschrak, als plötzlich sein Handy in der Tasche klingelte.
In der nächsten Sekunde krachte ein Schuss.
Luca spürte einen stechenden Schmerz in der Schulter.
Völlig entgeistert starrten Luca und Grace einander an. Dann schluchzte Grace entsetzt auf und ließ den Revolver polternd auf den Steinfußboden fallen.
Sie war kreidebleich geworden und sah schockiert auf seine Schulter. Luca folgte ihrem Blick. Erst jetzt sah er das Blut, nahm den Schmerz wahr, wurde blass. Schockiert zog er das Jackett zur Seite. Das weiße Oberhemd war bereits blutverschmiert. Und noch etwas nahm er wahr: Das Weinen eines Babys.
Grace hat mich angeschossen, dachte er fassungslos.
Lilys Weinen klang wie aus weiter, weiter Ferne. Ich habe Luca angeschossen, dachte Grace entsetzt und schlug die Hände vor den Mund. Es dauerte noch einige Schrecksekunden, bevor sie wieder rational handeln konnte. Mit wenigen Schritten war sie bei ihm. Die Wunde sah grässlich aus.
„Es tut mir unendlich leid, stammelte sie. „Moment, ich hole was, um die Blutung zu stillen.
Sie lief zum Schrank, zerrte einen Stapel Geschirrtücher aus dem Weidenkorb und presste sie auf Lucas rechte Schulter, begleitet von Lilys immer lauter werdendem Gebrüll.
Was soll ich nur tun? überlegte Grace verzweifelt.
Vielleicht stand Luca ja so unter Schock, dass er das Weinen gar nicht wahrnahm.
Luca hatte sich an den Küchentisch gesetzt und presste die Tücher auf die Wunde. Wie verletzlich er aussieht, dachte Grace, beugte sich vor und drückte ein weiteres sauberes Tuch auf die anderen.
Luca zuckte vor Schmerz zusammen und umklammerte mit der anderen Hand Graces Handgelenk. „Spinnst du?"
„Ich will doch nur die Blutung stillen", flüsterte sie.
Luca biss die Zähne zusammen und stieß wütend hervor: „Das schaffe ich schon allein. Kümmere dich lieber um das Baby, das du da oben versteckt hast!"
2. KAPITEL
Lucas wütender Blick ließ Grace das Blut in den Adern gefrieren. Doch dann riss sie sich zusammen und richtete sich auf. „Bist du okay?", fragte sie besorgt. Der Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich.
„Ich komm schon klar, bella."
„Dann lass mich los!"
Einem ferngesteuerten Roboter gleich zog er ruckartig die Hand zurück.
Leicht benommen stieg Grace die Treppe hinauf und betrat das Schlafzimmer, das sie sich mit ihrer drei Monate alten Tochter teilte.
Die Arme weit von sich gestreckt, lag Lily in ihrem Stubenwagen auf dem Rücken und strampelte heftig. Ihr niedliches Gesicht war krebsrot vom Weinen.
Schuldbewusst hob Grace das Baby hoch und drückte es zärtlich an sich, bevor sie begann, Lily beruhigend in den Armen zu wiegen. „Es tut mir so leid, meine kleine Lily. Deine Mummy hat etwas ganz Schreckliches getan."
Erst jetzt wurde ihr schlagartig das ganze Ausmaß ihrer unüberlegten Handlung bewusst. Sie hatte einen Menschen angeschossen! Noch dazu den Mann, den sie einmal geliebt hatte – und der nun wusste, dass sie Mutter geworden war.
Als sie Lilys ganz eigenen Duft einatmete, beruhigte Grace sich langsam wieder. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren. Sonst geriet ihr Leben womöglich vollends außer Kontrolle. Falls das nicht schon passiert war.
Sie durfte sich nichts vormachen. Luca würde wohl kaum tatenlos darüber hinweggehen, dass sie ihn angeschossen und ihm die Existenz seines Kindes verheimlicht hatte.
Dabei wäre ihr schöner Plan fast aufgegangen!
Die Waffe hatte sie sich erst vor zwei Monaten besorgt, als sie vor Sorge, Lucas Männer könnten sie aufspüren und ihr das Baby wegnehmen, nicht mehr schlafen konnte. Sie hatte ja mit eigenen Augen ansehen müssen, wozu ihr Ehemann imstande war.
Natürlich wusste sie, dass sie wegen illegalen Waffenbesitzes ins Gefängnis wandern konnte. Trotzdem hatte sie den Sohn ihres Vermieters gebeten, ihr einen Revolver zu besorgen. Eine der zwielichtigen Gestalten, mit denen der Junge verkehrte, hatte das Ding beschafft. Danach hatte Grace wieder ruhig schlafen können. Jedenfalls manchmal.
Lucas Männer waren immer bewaffnet und schreckten vor nichts zurück. Allerdings waren sie auch nicht die Hellsten. Bei ihrer Flucht aus Italien hatte sie die Muskelprotze schon einmal ausgetrickst. Warum sollte ihr das nicht ein zweites Mal gelingen? Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass Luca höchstpersönlich hier auftauchen würde. Sie hatte ihn sich immer vorgestellt wie einen König, der hinter dem sicheren Gemäuer seiner Burg wartet, bis seine Schergen ihm die flüchtige Königin zurückbringen … Die dann bis ans Ende ihrer Tage im Turmzimmer eingesperrt wird.
Doch nun war Luca hier. Und er würde sich nicht so leicht austricksen lassen wie seine Lakaien.
Warum hatte sie nicht auf ihren sechsten Sinn gehört? Seit Wochen spürte Grace, dass es höchste Zeit für einen Ortswechsel war.
Jetzt war es zu spät. Sie war gefangen.
Lily hatte endlich aufgehört zu weinen und schaute ihre Mummy vertrauensvoll an.
Erneut fiel Grace das Versprechen ein, das sie ihrer kleinen Tochter gegeben hatte: Sie würde Lily niemals in die Hände ihres verbrecherischen Vaters fallen lassen.
Eine gute Stunde vertrödelte sie damit, sich umzuziehen, Lilys Windeln zu wechseln und sich mit ihr zu beschäftigen, bis die Kleine vor Hunger ungnädig wurde. Dann war Grace gezwungen, mit Lily nach unten zu gehen und in der Küche ein Fläschchen zu bereiten.
Luca saß mit nacktem Oberkörper am Tisch und musterte sie vorwurfsvoll. „Du hast dir aber lange Zeit gelassen."
Ein untersetzter Mann versorgte die Schusswunde. Das ist ja Giancarlo Brescia, der Arzt, dachte Grace verdutzt. Dann fiel ihr wieder ein, was für ein Sicherheitsfanatiker Luca war. Er hatte sich auch früher oft von einem Arzt auf Reisen begleiten lassen.
Verstört wandte Grace sich ab. Der Anblick des blutverschmierten nackten Oberkörpers setzte ihr zu. Wie oft hatte sie nach einem erregenden Liebesspiel erschöpft, aber überglücklich an Lucas Brust geruht. Und nun das! Was hatte sie nur angerichtet?
„Ach, Grace?"
Zögernd sah sie auf. „Ja?"
„Untersteh dich, je wieder vor mir fortzulaufen!, stieß Luca in schneidendem Tonfall hervor. „Ich lasse mir doch nicht mein Kind vorenthalten.
„Woher willst du wissen, dass sie deine Tochter ist?"
Ein wilder Blick huschte über Lucas Gesicht. Doch da der Arzt ihm gerade eine Spritze gab, musste Luca gezwungenermaßen stillhalten. „Glaubst du wirklich, ich würde mein eigen Fleisch und Blut nicht erkennen?"
Wortlos zuckte Grace die Schultern, ging zum Kühlschrank und holte ein vorbereitetes Fläschchen für Lily heraus, während sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie der Arzt die Fleischwunde zunähte, nachdem er die Kugel aus dem Oberarm entfernt hatte.
„Nur ein Steckschuss. Keine bleibenden Schäden", erklärte Luca, der ihren Blick bemerkt hatte und biss die Zähne zusammen.
„Gut." Grace unterdrückte Schuldgefühle und aufsteigende Übelkeit. Ich muss jetzt stark sein, ermahnte sie sich. Konzentriert platzierte sie das Fläschchen in der Mikrowelle, stellte die Zeit ein und wartete.
„Lily ist nicht von dir."
Diese ungeheuerliche Lüge nahm Grace fast den Atem. Und dann auch noch das Gefühl von Lucas bohrendem Blick im Rücken! Grace erschauderte.
Die Mikrowelle meldete sich. Grace fuhr zusammen. War dieser Klingelton immer so durchdringend? Sie nahm die Flasche heraus und schüttelte sie.
Das Baby wimmerte hungrig.
„Ist ja gut, Lily. Du bekommst dein Fläschchen gleich. Mummy muss es erst schütteln und die Temperatur prüfen." Die Spannung im Raum wurde langsam unerträglich. Grace riskierte einen Blick über die Schulter. Lucas Miene spiegelte Wut und Verachtung wider.
Der Arzt hatte die Wunde genäht und entfernte nun das Blut von Lucas Schulter.
Erneut kämpfte Grace mit aufsteigender Übelkeit und atmete tief durch.
„Macht sich dein schlechtes Gewissen bemerkbar?" Luca grinste schadenfroh.
„Nein." Entschlossen wandte Grace sich ab, bevor er ihre verräterisch glühenden Wangen entdeckte.
„Das sollte es aber", beharrte Luca.
„Das sagt der Richtige. Wütend schüttelte sie noch einmal die Flasche. „Ich gehe jetzt ins Wohnzimmer, um meine Tochter zu füttern. Mach bitte die Haustür hinter dir zu, wenn du gehst.
Ohne seine Reaktion abzuwarten, verließ Grace die Küche, schaltete im Wohnzimmer den Fernseher an und setzte sich mit Lily aufs durchgesessene Sofa.
Seit Lilys Geburt saß Grace zu jeder Tages- und Nachtzeit vor dem Gerät. Je primitiver das Programm, desto besser. Für anspruchsvolle Sendungen fehlte ihr das Konzentrationsvermögen.
Wie gebannt starrte Grace auf den Bildschirm. Um diese Zeit liefen Doku-Soaps über Familiendramen. Sehr passend! Eigentlich passe ich auch ins Schema, dachte Grace. Immerhin hatte sie gerade ihren Ehemann angeschossen. In einer dieser Fernsehserien würde sie jetzt wortreich versuchen, ihre Tat zu rechtfertigen. Eigentlich hätte Grace eine ganze Menge zu rechtfertigen! Sie hatte viel zu lange weggesehen.
Aber die Liebe hatte sie blind gemacht. Oder war es nur Lust gewesen? Vermutlich eine Mischung aus Lust und Liebe. Jedenfalls hatte Luca sich in ihrem Herzen eingenistet …
Wie naiv sie gewesen war! Nach Abschluss ihres Studiums an der Kunsthochschule war sie mit ihrer besten Freundin Cara auf eine Bildungsreise durch Europa gegangen, um die architektonischen Wunder des Kontinents zu bestaunen.
Sizilien hatte sie sofort verzaubert. Grace hatte sich auf den ersten Blick in die Insel und deren gesellige Einwohner verliebt. Siziliens zwielichtige Geschichte hatte sogar noch zu der romantischen Verklärung beigetragen.
Die Frischluftfanatikerin Cara hatte Grace zu einer Bergwanderung nahe Palermo überredet. Der Weg führte wohl an dem längsten Zaun der Welt entlang, wie die beiden Freundinnen scherzhaft vermuteten. Auf dem schönsten Weingut Europas waren offensichtlich keine Besucher erwünscht. So schien es zumindest. Doch dann fand sich eine Lücke in der Einfriedung, durch die Grace und Cara neugierig schlüpften. Schon bald fanden sie sich auf einer Bergalm mit atemberaubendem Panorama wieder. Cara wollte es unbedingt malen. Also ließen sie sich auf der Wiese nieder, bedienten sich aus dem mitgebrachten Picknickkorb und versuchten, jede auf ihre Weise, die herrliche Aussicht auf Leinwand und Papier zu bannen.
Grace war gerade bei ihrer ersten Bleistiftskizze, als ein schwarzer Jeep mit quietschenden Bremsen neben ihnen anhielt.
So hatte sie Luca kennengelernt.
Schwarz gekleidet, mit einem Gewehr in der Hand, war er näher gekommen. Seltsamerweise empfand Grace keine Angst – im Gegensatz zu Cara. Grace hingegen war fasziniert. Sie redete sich ein, bei den Dreharbeiten zu einem Vampirfilm mitzuwirken. Der Vampir war gekommen, um sie auf seine Burg zu locken.
Rückblickend war ihr schleierhaft, wie gelassen sie damals auf den bewaffneten Mann reagiert hatte. In ihrer romantischen Verklärung war es ihr völlig normal erschienen, dass jeder Sizilianer eine Waffe bei sich trug.
Unwillkürlich kamen ihr jetzt die Tränen. Sie zog sie hoch. Das Geräusch erschreckte Lily, die hungrig am Sauger nuckelte. Die süße kleine Maus ahnte ja nicht, dass ihr Leben sich jetzt schlagartig ändern würde …
Schritte auf dem Flur und die ins Schloss fallende Haustür erregten Graces Aufmerksamkeit. Instinktiv umklammerte sie das Baby fester. Eher würde sie sterben, als von Lily getrennt zu werden!
Intuitiv wusste sie, dass nicht Luca das Haus verlassen hatte. Tatsächlich schlenderte er im nächsten Moment ins Wohnzimmer, als wäre es sein eigenes. Die Wunde war inzwischen fachmännisch verbunden, und Luca trug den verletzten Arm in einer Schlinge. Als erste Amtshandlung wurde der Fernseher ausgeschaltet.
„Was fällt dir ein? Ich will mir das ansehen", protestierte Grace sofort.
Luca verzog keine Miene, griff wortlos in seine Hosentasche und schwenkte im nächsten Augenblick zwei Reisepässe.
Grace erstarrte vor Schreck.
Zufrieden steckte Luca die Pässe wieder ein. „Lily Elizabeth Mastrangelo. Laut Geburtsdatum ist sie zwölf Wochen alt", verkündete er mit monotoner Stimme.
„Was fällt dir ein, meine Handtasche zu durchwühlen?", fragte Grace entrüstet, als sie sich von ihrem Schreck erholt hatte. Zu dumm, dass sie nicht schon vor Wochen einen weiteren Ortswechsel vollzogen hatte. Fit genug wäre sie gewesen, doch eine unerklärliche Lethargie hatte sie davon abgehalten.
Wütend funkelte Luca sie an. „Was fällt dir ein, mir mein Kind vorzuenthalten?"
Grace dachte nicht daran, es ihm so leicht zu machen. Mit dem Mut der Verzweiflung schleuderte sie ihm entgegen: „Sie ist nicht von dir. Aber ich musste dich als Vater angeben, weil wir noch verheiratet sind."
„Natürlich ist sie meine Tochter!"
Wie gern hätte sie ihm den Ausdruck arroganter Gewissheit aus dem Gesicht gefegt!
„Ich bin mir dessen so sicher, weil du überhaupt keine Gelegenheit zu einer Affäre hattest. Außerdem hast du mich geliebt. Unser Sexleben war unbeschreiblich gut."
Grace wurde es heiß, als sie unwillkürlich an die erregenden Liebesspiele mit Luca denken musste. Doch sie blieb hartnäckig bei ihrer Behauptung. „Ja, ich habe dich mal geliebt. Aber das ist vorbei. Lily ist nicht von dir."
In Wahrheit hatten die Ereignisse der vergangenen zehn Monate Grace nicht nur das Herz gebrochen, sondern ihr auch jede Lust auf Sex genommen.
Luca kam näher und ging vor ihr in die Hocke. Dabei verzog er kurz das Gesicht vor Schmerz. Grace wusste genau, wie sehr der sonst so vitale, energiegeladene Luca es hassen musste, nicht hundertprozentig fit zu sein.
„Bella", raunte er mit verdächtig einschmeichelnder Stimme. „Die Kleine hat das Haar der Mastrangelos. Außerdem musst du während unserer Ehe schwanger geworden sein. Zufälligerweise bin ich mir ganz sicher, dass du mich damals nicht betrogen hast."
Grace fing seinen Blick auf. Wie dumm von ihr, sich einzubilden, sie könnte diesem arroganten, selbstherrlichen Mann etwas vormachen! Außerdem hatte sie einen großen Fehler gemacht, als sie auf dem Standesamt Luca als Lilys Vater angegeben hatte.
„Es ist schwierig, heimlich eine Affäre zu haben, wenn dein Mann durch die Manipulation deines Handys stets genauestens über deinen Aufenthaltsort informiert ist und dich außerdem rund um die Uhr von zwei Leibwächtern beschatten lässt", zischte sie wütend.
Lily hatte das Fläschchen ausgetrunken und sah erstaunt zu ihrer aufgebrachten Mutter auf.
Luca presste die Lippen zusammen und lehnte sich vor. „Du gibst also zu, dass sie meine Tochter ist und du mir ihre Existenz vorsätzlich verheimlicht hast?"
Sie zwang sich zur Ruhe, um das Baby nicht aufzuregen, bedachte Luca jedoch gleichzeitig mit einem vernichtenden Blick. „Ja, ich habe sie vor dir versteckt, und ich würde es wieder tun. Lily verdient etwas Besseres als dieses Monster, das sie gezeugt hat. Du bist lediglich der Samenspender, aber ich bin ihre Mutter. Sie braucht dich nicht. Ebenso wenig wie ich."
Die abgrundtiefe Verachtung in Graces Blick verletzte Luca zutiefst. Für ihn hatte sofort festgestanden, dass Lily seine Tochter war. Er hegte nicht einmal den leisesten Zweifel. Woher er diese Gewissheit nahm, wusste er selbst nicht. Lily war seine Tochter.
Ich bin Vater geworden!
Statt erleichtert zu sein, weil seine verabscheuungswürdige Frau ihm nun doch die Wahrheit gesagt hatte, spürte Luca heiße Wut in sich aufsteigen, die er nur mit großer Mühe im Zaum halten konnte. Niemals hätte er Grace so viel Gemeinheit zugetraut. Nicht dieser Frau, die auch im schlechtesten Menschen noch einen guten Kern entdeckte.
Doch nun sah sie ihn an, als wäre er der Teufel persönlich.
Ihm wurde ganz seltsam zumute, als sie sich jetzt das Baby behutsam über die Schulter legte und ihm den Rücken rieb. Wie zärtlich und liebevoll ihre Gesten waren!
Die Schmerzen in seiner eigenen Schulter waren schier unerträglich. Sobald er mit Grace und Lily im Flugzeug saß, würde er die Schmerztabletten nehmen, die Giancarlo ihm gegeben hatte. Bis dahin musste er seine fünf Sinne behalten. Er traute seiner Frau nicht über den Weg. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde sie versuchen, mit dem Baby zu entkommen.
Luca konnte Graces Anblick nicht länger ertragen, also erhob er sich wieder und wandte sich ab. „Du hast genau dreißig Minuten", presste er hervor.
„Wofür?" Geistesabwesend steckte sie die Nase in Lilys dichtes schwarzes Haar.
„Um zu packen."
„Wozu? Lily und ich bleiben hier."
„Ach ja?, fragte er sarkastisch und begann, hin und her zu tigern. Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Irgendwie war es Grace gelungen, allerlei Fitnessgeräte in dem kleinen Zimmer unterzubringen. Kein Wunder, dass sie so schnell nach der Schwangerschaft schon wieder ihre alte schlanke Figur vorweisen konnte. Dabei hatte sie irgendwann mal behauptet, allergisch gegen Sport zu sein. Luca blieb stehen. „Ich fürchte, du hast keine Wahl.
„Man hat immer eine Wahl, Luca."
Er bedachte sie mit einem hasserfüllten Blick. „Möglich, aber in exakt dreißig Minuten verlassen wir alle gemeinsam dieses Haus und kehren zurück nach Sizilien."
Luca atmete tief ein. Was für ein Tag! Innerhalb einer Stunde war er angeschossen worden – von seiner eigenen Frau! – und hatte erfahren, dass er Vater geworden war. Wie durchscheinend Lilys Lider waren. Und diese dichten schwarzen Wimpern der Mastrangelos …
Erinnerungen aus seiner frühesten Kindheit schossen ihm durch den Kopf. Drei Jahre alt war er gewesen, als er eines Tages aufwachte, und seine Eltern fort waren. Sein Lieblingskindermädchen Bettina hatte ihm aufgeregt berichtet, dass seine Mutter in der Klinik war, um ein Geschwisterchen für ihn auf die Welt zu bringen. Er erinnerte sich noch genau, wie sehr er sich darauf gefreut hatte. Noch größer war die Freude gewesen, als seine
