Bianca Extra Band 115
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Über dieses E-Book
NACH DIESEM KUSS IST ALLES MÖGLICH von CHRISTINE RIMMER
Hailey schäumt vor Wut. Erst flirtet der gut aussehende Immobilieninvestor Roman Marek mit ihr, lädt sie in ein edles Restaurant am Meer ein – dann will er ihr Herzensprojekt zerstören! Sein Verhalten ist unerklärlich. Genau wie Haileys Leidenschaft, als Roman sie heiß küsst …
BABY-DEAL MIT DEM BESTEN FREUND? von SHANNON STACEY
„Und wenn ich von dir ein Baby bekomme?“ Brady verschlägt es den Atem! Eigentlich ist der Vorschlag seiner guten Freundin Reyna verführerisch: Er will keine Beziehung, und sie will nur ein Kind. Doch eine leidenschaftliche Nacht ändert zwischen ihnen alles …
DAS HELLE LICHT DER LIEBE von ROAN PARRISH
Nach der Trennung von seinem Mann will Adam seiner kleinen Tochter alle Weihnachtswünsche erfüllen: tausend Lichter am Haus und dass ihr neuer Nachbar Wes ihnen damit hilft! Bald fragt sich Adam: Glaubt der attraktive Wes wie er selbst an Familie, an das Fest der Liebe – an sie beide?
EIN GELIEHENES FAMILIENGLÜCK von SHIRLEY JUMP
Karrierefrau Vivian ist komplett hilflos, als sie sich plötzlich um ihre kleine Nichte kümmern soll – glücklicherweise zusammen mit dem fürsorglichen Nick Jackson. Im Gegensatz zu ihr weiß Nick, was Babys brauchen. Und seltsamerweise weiß er auch genau, was sie selbst braucht …
Christine Rimmer
Christine Rimmers Romances sind für ihre liebenswerten, manchmal recht unkonventionellen Hauptfiguren und die spannungsgeladene Atmosphäre bekannt, die dafür sorgen, dass man ihre Bücher nicht aus der Hand legen kann. Ihr erster Liebesroman wurde 1987 veröffentlicht, und seitdem sind 35 weitere zeitgenössische Romances erschienen, die regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten landen. Diese vielfach ausgezeichnete Autorin stammt ursprünglich aus Kalifornien und wollte unbedingt Schauspielerin werden, weshalb sie nach New York ging. Doch nicht als Schauspielerin, sondern als Autorin machte sie sich einen Namen, als sie wieder zurück nach Südkalifornien kam und Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke verfasste. 1984 begann sie, ihre erste Romance zu schreiben, und stellte fest, dass es ihr fast so viel Spaß machte wie einen Liebesroman zu lesen. Sie ist fest entschlossen, die nächsten Jahrzehnte dabei zu bleiben! Christine Rimmer lebt mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn im amerikanischen Bundesstaat Oklahoma.
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Rezensionen für Bianca Extra Band 115
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Buchvorschau
Bianca Extra Band 115 - Christine Rimmer
Christine Rimmer, Shannon Stacey, Roan Parrish, Shirley Jump
BIANCA EXTRA BAND 115
IMPRESSUM
BIANCA EXTRA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 115 10/2022
© 2020 by Christine Rimmer
Originaltitel: „Home for the Baby’s Sake"
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Karin Wenz
© 2020 by Shannon Stacey
Originaltitel: „Their Christmas Baby Contract"
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Stefanie Rose
© 2020 by Roan Parrish
Originaltitel: „The Lights on Knockbridge Lane"
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Stefanie Rose
© 2019 by Shirley Kawa-Jump, LLC
Originaltitel: „Their Unexpected Christmas Gift"
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Julia Kerber
Abbildungen: brandon@ballonphotography / Harlequin Books S. A., alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 10/2022 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751507868
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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Nach diesem Kuss ist alles möglich
1. KAPITEL
Ein milder Nachmittag Anfang September in Valentine Bay in Oregon. Roman Marek stand auf dem Gehweg Ecke Carmel Street und Pacific Lane, die Hände in den Hosentaschen, und starrte finster auf die reich verzierte Fassade des Gebäudes.
Das Valentine-Bay-Theater war für Roman fast ein Albtraum. Er hatte sein Vermögen mit Immobilien in Las Vegas gemacht. Er bevorzugte zweckmäßige, lichtdurchflutete, moderne Gebäude. Ein heruntergekommenes, jahrhundertealtes Theater im Stil venezianischer Gotik wäre das Letzte, worin er investieren würde.
Trotzdem hatte er den verdammten Bau gekauft. Seine Mutter hatte darauf bestanden. Roman Marek tat nahezu alles für seine Mutter. Er liebte sie und verdankte ihr viel.
Sie war vernarrt in das alte Theater. Früher hatte sie Roman oft mitgenommen, um mit ihm Filme anzusehen oder Veranstaltungen zu besuchen. Heute schwelgte sie in Erinnerungen an diese Zeit. Vor ein paar Wochen hatte sie gehört, dass der Besitzer, ein älterer Herr, das Gebäude veräußern wollte. Sofort hatte sie Roman aufgefordert, es zu kaufen.
Er hatte ihr den Wunsch erfüllt. Und jetzt musste er entscheiden, was er mit dem verdammten Ding anfangen sollte.
Ihm schien eine Abrissbirne die geeignetste Lösung zu sein. Aber um Sasha, seine Mutter, glücklich zu machen, musste das Gebäude stehen bleiben und zumindest größtenteils sein Aussehen behalten.
Während Roman seine Möglichkeiten abwog, ging ein magerer Mann in Khakihose und kariertem Hemd hinein.
Achselzuckend folgte Roman ihm. Er konnte sich ja mal innen umsehen und einen genaueren Eindruck verschaffen.
Er betrat das Foyer mit braunschwarzem Teppich mit einem wirren Muster aus ineinander verschlungenen Medaillons, schwarzen Wänden, Stuckverzierungen und mehreren Säulen. Geschwungene Treppen mit schmiedeeisernen Geländern führten zum Balkon.
Die Luft roch zwar etwas abgestanden, aber nicht nach Schimmel.
Roman ging hinter die Bühne und sah, dass auf der Bühne wohl ein Meeting stattfand. Zwei heiße Blondinen und ein paar Leute mittleren Alters auf Klappstühlen bildeten einen Kreis. Sie unterhielten sich über eine Herbst-Revue, ein Gespensterhaus und eine Weihnachts-Show. Nach Romans Ansicht komplette Geldverschwendung. Es war sein Pech, dass der vorherige Besitzer schon Verträge dafür unterschrieben hatte. Roman hatte sich zur Einhaltung verpflichten müssen.
Also würde er erst im neuen Jahr seine Pläne angehen können, aus diesem muffigen Bau etwas Nützliches zu machen.
Mehrere Minuten stand er unbemerkt hinter dem schwarzen Samtvorhang. Eine der scharfen Blondinen fesselte seine Aufmerksamkeit. Sie trug grüne Shorts und ein weißes Shirt und hatte ein hübsches ovales Gesicht, weit auseinanderstehende Augen und einen rosigen Mund. Die andere Blondine sah auch gut aus. Ihr Gesicht war etwas eckiger, ihr helles Haar sogar noch länger. Vielleicht Schwestern. Doch die in den grünen Shorts gefiel ihm besser.
Er löste sich aus dem Zauber, den die Blondine auf ihn ausübte, und setzte seinen Rundgang fort. Bis zum Jahresbeginn wollte er wissen, was er mit dem Gebäude anfangen konnte. Dann würde er die Theater- und Gemeindeleute rauswerfen und anfangen, Wände herauszureißen.
Je genauer er sich umschaute, desto zufriedener wurde er. Es gab zwar eine Menge zu tun, aber die Substanz war nicht schlecht.
Man könnte ein tolles Boutique-Hotel daraus machen. Der Tourismus florierte in Valentine Bay. Nach der Renovierung würden die Touristen sich darum reißen, hier wohnen zu dürfen. Er hatte schon eine Vorstellung von der gründlichen Umgestaltung, die sich am alten Theater orientieren und doch modern und einladend wirken würde.
Als er in den Bereich hinter der Bühne zurückkehrte, war nur noch die Blondine in den grünen Shorts da. Ihre vollen Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie sich über das Tablet auf ihrem Schoß beugte und Notizen machte.
Lächelnd betrachtete er ihren Rücken, die Beine, die die Unterlage für ihr Tablet bildeten, die Knöchel, die sie um die Stuhlbeine geschlungen hatte, die Füße in abgewetzten Converse All Stars. Sie sah verdammt attraktiv aus.
Gerade als er gehen wollte, kam ein schlaksiger Kerl von der anderen Seite auf die Bühne. Der Mann in dem karierten Hemd, dem er gefolgt war.
„Hailey, sagte der hochgeschossene Typ. Er hatte eine markante Stimme, tief und gebieterisch. „Endlich sind wir allein.
Die Blondine winkte nur ab. „Doug, hast du nicht noch in der Regiekabine zu tun?"
„Wann gehst du endlich mal mit mir aus?"
Sie konzentrierte sich immer noch auf ihr Tablet und erwiderte nur: „Du brauchst es gar nicht mehr zu versuchen."
„Ich kann nicht anders." Doug kam näher.
„Ich meine es ernst, Doug. Lass es einfach!"
Aber er gab nicht nach. „Da war immer so ein starkes Gefühl zwischen uns. Erinnerst du dich an unsere Abschlussklasse? Ich war John Proctor und du die wilde, eigensinnige Abigail …"
Die Blondine blickte nicht auf. Roman sah, wie sich ihr Rücken straffte. Kopfschüttelnd stand sie auf und legte ihr Tablet auf den Stuhl. „Es reicht jetzt, kapiert?"
Doug legte die Hand aufs Herz. „Tu nicht so, als würdest du es nicht fühlen – wie ein Blitz, jedes Mal, wenn wir einander anschauen." Er trat nahe an sie heran. Und dann griff er nach ihr.
Roman wollte ihr schon zu Hilfe kommen. Doch er hielt inne, als sie Dougs Arm packte und ihm die Beine wegtrat.
Doug schrie überrascht auf. Er war mitten auf der Bühne vor ihren Füßen gelandet. „Autsch, jammerte er und stöhnte ein bisschen, als er sich wieder aufrichtete. „Das war gemein.
„Du wirst es überleben", spottete Hailey.
Doug humpelte grollend davon.
„So was nennt man Belästigung, Doug, rief Hailey ihm nach. „Wenn du es noch mal versuchst, rufe ich Mariette an.
„Lass meine Frau aus dem Spiel", stieß Doug hervor und verschwand auf der anderen Seite der Bühne.
Roman musste lachen.
Die Blondine wirbelte herum. Er sah nun, dass sie wunderschöne blaue Augen hatte.
Entschuldigend hob er die Hände. „Tut mir leid. Ich habe mitbekommen, was los war, und blieb hier, um Ihnen notfalls zu helfen."
Sie betrachtete ihn skeptisch. „Wer sind Sie?"
„Roman Marek. Er wies mit dem Kopf zu der Stelle, wo Doug zu Boden gegangen war. „Das war beeindruckend. Machen Sie so was öfter?
Verächtlich warf sie ihre Haare zurück. „Mich baggern keine Männer an. Ich habe eine Anti-Beziehungsausstrahlung."
Er betrat die Bühne. „Oh, ich glaube nicht, dass Doug eine Beziehung sucht."
Sie lachte, heiser und verheißungsvoll. „Ich bin Hailey Bravo."
Die Familie Bravo war bekannt in Valentine Bay. „Ich bin hier zur Schule gegangen. In meiner Klasse war ein Connor Bravo."
„Das ist mein Bruder – der drittälteste nach Daniel und Matthias."
„An Matthias erinnere ich mich auch." Matt Bravo war ein mürrischer, ziemlich oft bekiffter Junge gewesen.
Hailey schien seine Gedanken zu erraten. „Matt war während seiner Highschool-Zeit nicht gut drauf. Sie verzog die rosigen Lippen zu einem Lächeln. „Aber vor zwei Jahren hat er geheiratet. Jetzt ist er glücklich – Sie wissen ja, die Liebe und so.
„Sicher." Roman zuckte die Achseln. Er war zweimal verheiratet gewesen. Beide Male war es schiefgegangen.
Hailey runzelte die Stirn. „Das klang nicht wirklich überzeugt."
Er sah sie fragend an. „Wovon?"
„Von der Liebe."
Ganz im Gegenteil. Er war überzeugt – davon, dass er nichts damit zu tun haben wollte. Aber Hailey Bravo war ihm sympathisch. Sie war so voller Selbstvertrauen. Diesen Doug hatte sie mühelos zu Boden geschickt. Und sie bot einen angenehmen Anblick.
„Das wievielte Kind der Bravo-Familie waren Sie?"
„Die siebte."
„Wie alt sind Sie denn?"
„Sie sind ziemlich neugierig, Roman."
Lässig zuckte er die Achseln. „So bin ich eben."
„Ich bin fünfundzwanzig."
Er war zweiunddreißig. Unwillkürlich dachte er, das wäre ein passender Altersunterschied für ein Paar. Doch er hatte nicht vor, sich mit einer Frau einzulassen. „Soweit ich mich erinnere, seid ihr eine ziemlich große Familie."
„Insgesamt zehn Geschwister, davon neun Blutsverwandte."
Er verstand nicht ganz. „Sie meinen, einer ist adoptiert?"
„Nein. Eine wurde bei der Geburt vertauscht, deshalb haben wir die vertauschte Schwester und die, mit der wir aufgewachsen sind. Daher sind wir zehn."
Er schaute sie schräg an. „Sie erzählen mir Märchen, oder?"
„Nein, es ist wahr. Eine von uns wurde bei der Geburt vertauscht."
„Welche?"
„Das ist ein Familiengeheimnis." Sie legte den Finger an die Lippen.
„Das klingt sehr geheimnisvoll."
Ihr Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an. „Und vor etlichen Jahren haben wir meinen Bruder Finn verloren. Er war zwei Jahre älter als ich. Er verschwand bei einer Familienreise nach Russland."
Roman erinnerte sich dunkel an die Geschichte von Finn Bravos Verschwinden. Es war vier oder fünf Jahre, nachdem er und seine Mutter nach Valentine Bay gekommen waren. Sie hatten nur übernachten wollen, doch dann waren sie geblieben.
Nun fiel ihm ein, dass die Eltern der Bravos bei einer späteren Reise gestorben waren. Über beide Fälle hatte die Lokalzeitung berichtet.
„Wir suchen Finn immer noch", sagte Hailey und schob das Kinn vor.
Roman schaute sie prüfend an – sie bot einen bezaubernden Anblick. „Ich hoffe, Sie finden ihn eines Tages."
„Das werden wir. Wir Bravos geben nie auf."
Ein Themenwechsel erschien Roman angebracht. „Was ist eigentlich mit diesem Doug?"
Sie runzelte die Stirn. „Wir waren früher an der Highschool beide in der Theater-AG. Er hilft hier im Theater aus. Und er baggert jede Frau an, die vorbeikommt. Sie legte den Kopf zur Seite und schaute Roman an. „Haben Sie Kinder?
Er dachte an seinen kleinen Sohn und lächelte. „Warum?"
„Wir führen hier die Herbst-Revue auf. Beinahe jedes Kind in der Stadt ist dabei."
Sollte er ihr sagen, dass er einen elf Monate alten Sohn hatte? Aber dann würde sie vielleicht nach dessen Mutter fragen, und die Geschichte wäre nicht lustig. „Ich sehe mich nur in dem Gebäude um. Und was machen Sie hier?"
Ihr Lächeln verstärkte sich. Sie wirkte so glücklich hier auf der Bühne des schäbigen alten Theaters. „Ich arbeite mit dem Kulturverein der Stadt. Wir stellen die Programme für die Saison zusammen, und wir versuchen alle einzubinden. Er hörte aufmerksam zu, als sie ihm erklärte, sie sei die künstlerische Leiterin. „Meine Schwester Harper und ich haben eine kleine Produktionsfirma, die H&H Productions. Letztes Jahr waren wir Co-Produzenten bei allen Aufführungen. Ehrlich gesagt, haben wir nur ein winziges Budget. Aber Harper – die technische Leiterin – ist genial darin, aus Nichts etwas zu machen. Sie erstellt fünf Bühnenbilder für die Herbst-Revue. Warten Sie, bis Sie sie sehen, Roman. Sie werden begeistert sein.
„Hört sich beeindruckend an", sagte er. Die Bühnenbilder interessierten ihn überhaupt nicht. Aber Hailey Bravos Begeisterung war ansteckend.
Sie schaute über die Reihen blank gewetzter brauner Sitze und dann hinauf zur Galerie. „Eine Renovierung wäre dringend nötig, sagte sie. „Aber alles in allem ist es ein großartiges Theater.
Wehmut breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Leider ist es verkauft worden. Wir wissen nicht, was der neue Besitzer für Pläne hat."
Roman ließ einen unverbindlichen Laut hören und gab sich nicht als neuer Eigentümer zu erkennen. Sie würde ihn sonst fragen, was er vorhatte, wenn der Vertrag mit dem Kulturverein am Jahresende auslief. Die Antwort würde ihr nicht gefallen. Dann wäre die Unterhaltung bestimmt beendet gewesen.
Das wollte er nicht – er wollte nicht, dass sie wegging. Sie war wie ein Atemzug frischer Luft, voller Energie und Begeisterung.
„Also, Roman, sagte sie grinsend, „wenn Sie etwas zum Erhalt unseres Theaters beitragen möchten, nehme ich gern einen Scheck von Ihnen für die H&H Productions an oder für den Kulturverein.
„Das könnte ich machen."
„Sie sind großzügig."
„Nein, aber ich möchte mich mit der künstlerischen Leiterin gutstellen."
Hailey Bravo lächelte den großen, breitschultrigen Typ mit den faszinierenden grünen Augen an. Er sah fantastisch aus mit seinem kantigen Kinn und dem Mund mit der vollen Unterlippe und der schön geschwungenen Oberlippe. Sein kurzärmliges Polohemd gab den Blick auf seine kräftigen Arme frei.
Und noch umwerfender fand sie seinen trockenen Humor und die Intelligenz, die sie in seinen Augen las. Sie war ganz verwirrt, wenn sie Roman anschaute. Das passte gar nicht zu ihr.
Seit drei Jahren war sie mit keinem Mann mehr ausgegangen. Nicht nach Nathan, der ihr alles bedeutet hatte. Andere Männer interessierten sie nicht.
Bis jetzt …
„Hey." Romans raue Stimme holte sie in die Wirklichkeit zurück. Er ging zum Bühnenrand, setzte sich und wies auf den Platz neben sich.
Sie ließ sich dort nieder.
„Sagen Sie mal. Er lehnte sich zu ihr rüber. Er duftete nach sauberer Wäsche und Meeresbrise. „Wie kommt es, dass Sie so beziehungsfeindlich sind?
Wie selbstverständlich erzählte sie ihm Dinge, die sie bisher nur ihrer Schwester Harper anvertraut hatte.
„Da gab es diesen Typ, Nathan Christoff. Er war groß und schlank, ein großartiger Schauspieler. Ich fühlte mich unwiderstehlich zu ihm hingezogen, aber … er wich mir aus."
Roman schaute sie genau an. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. „Dann waren Sie hinter ihm her."
„Stimmt. Bis er schließlich zugab, dass er auch voll auf mich abfuhr."
„Aber …?"
Sie senkte den Blick und hielt sich krampfhaft am Bühnenrand fest. „Nathan hatte Leukämie im vierten Stadium. Er warnte mich, dass seine Aussichten schlecht seien."
Roman runzelte die Stirn. „Die Geschichte hat kein gutes Ende?"
Sie biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. „Ich schaffte es, ihn zu überzeugen, dass ich einfach mit ihm zusammen sein wollte. Wir wurden ein Paar. Aber niemand außer Harper wusste, dass ich einen Freund hatte. Mehrere Monate waren wir glücklich, Nathan und ich. Dann kam die Krankheit zurück. Er starb vor drei Jahren." Sie schaute über die leeren Sitzreihen hinauf zu dem eindrucksvollen Kronleuchter.
Lange sagte Roman nichts. Es fühlte sich nicht seltsam an, so lange zu schweigen mit einem Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Sondern selbstverständlich. Und gleichzeitig aufregend.
Schließlich gab sie zu: „Seit seinem Tod war ich mit niemand mehr zusammen. Nach etwa einem Jahr war ich nicht mehr so traurig. Ich kam gut allein zurecht, machte meinen Collegeabschluss und richtete mich darauf ein, mein Leben in meiner Heimatstadt zu verbringen. Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht glauben, dass ich Ihnen das alles erzähle.
„Ich habe danach gefragt." Er nahm ihre Hand.
Seine Berührung war warm. Fest. Hitze und etwas wie Verlangen stiegen in ihr auf. Nie hätte sie geglaubt, noch einmal so etwas zu empfinden.
Verrannte sie sich hier in etwas? Zweifellos.
Sie zog ihre Hand weg. Widerstrebend ließ er sie los. Oder bildete sie sich das nur ein?
Roman schaute auf die Uhr. Hailey erwartete, dass er gehen musste.
Doch er fragte: „Haben Sie Hunger? Es ist Zeit zum Mittagessen. Da gab es doch früher ein Fischrestaurant nicht weit von hier …"
Sie kannte das Lokal. „Sie meinen Fisherman’s Korner. Das gibt es noch immer, und sie haben den besten Fisch an der Küste von Oregon."
„Dort könnten wir essen."
„Ja, sagte sie rasch. „Ich muss nachsehen, ob noch jemand im Theater ist, und dann abschließen. Fahren Sie vor. Ich komme nach. Spätestens in einer Viertelstunde.
Als sie bei dem Fischrestaurant in der Ocean Road ankam, wartete Roman draußen auf sie. Er lehnte sich an einen schwarzen italienischen Sportwagen mit Flügeltüren.
„Was für ein Auto, sagte sie kopfschüttelnd und strich mit dem Zeigefinger über die glänzende Motorhaube. „Also Sie sollten wirklich einen Scheck für den Kulturverein ausstellen, Roman Marek.
Er legte die Hand aufs Herz. „Das verspreche ich."
Das Essen in dem Lokal war ausgezeichnet. Hailey fühlte sich wohl in Romans Gesellschaft. Er erzählte, er sei aus Las Vegas hergezogen und habe ein Haus am Treasure Cove Circle gekauft. Hailey kannte das Haus. Es stand auf einem Hügel in einem Park am Meer mit eigenem Strandabschnitt.
„Ich möchte Sie wiedersehen", sagte er, als er sie zu ihrem Auto brachte. Sie gab ihm ihre Nummer. Als er sie an sich zog, ließ sie es zu.
Sein Kuss war sanft, wie zum Kennenlernen. Erregung durchströmte sie. Langsam lösten sie sich voneinander und lächelten einander sekundenlang an.
„Bis bald", sagte er und hielt ihr die Tür ihres Wagens auf.
Hailey stieg ein und schloss die Tür. Die Nachmittagssonne schien auf seine dunkelbraunen Haare, als sie davonfuhr.
Den Rest des Tages lief Hailey wie auf Wolken. Sie hatte einen Mann getroffen, mit dem sie ausgehen wollte. Seit Nathan war ihr das nicht mehr passiert.
Während sie am Küchentisch an ihren Plänen für die Weihnachts-Show arbeitete, lächelte sie unaufhörlich. Später am Nachmittag verließ sie das Haus, das sie zusammen mit Harper bewohnte. Im Theater wollte sie die Eltern begrüßen, die ihre Kinder zu den Proben für die Herbst-Revue brachten.
Es war der übliche Zirkus. Sie musste die Kinder unter Kontrolle halten, ihnen Anweisungen geben, die sie sofort wieder vergaßen. Es gab Rempeleien, und eines der kleinen Mädchen weinte. Hailey tröstete und redete gut zu und genoss jede Minute – wie immer. Aber heute noch mehr.
Beim Gedanken an Roman Marek hatte sie Schmetterlinge im Bauch.
Nach den Proben verbrachten Hailey und Harper eine Stunde damit, Requisiten und Kostüme zu besprechen. Darüber, was sie selbst anfertigen und was sie zu günstigen Preisen ergattern konnten. Schließlich machten sie Schluss und gingen ins Beach-Street-Brauhaus, um Burger zu essen und ein Bier zu trinken.
Die Kellnerin nahm ihre Bestellungen auf, füllte ihre Gläser und ließ den Rest des Krugs auf dem Tablett.
Harper hob ihr Glas. „Auf uns! Wieder ein arbeitsreicher Tag geschafft."
Hailey stieß mit ihr an. „Wir brauchen einen Namen für die Weihnachts-Show."
Harper beobachtete sie viel zu genau. Hailey war zehn Monate älter, doch sie waren beinahe wie Zwillinge. Sie konnten die Gedanken der anderen lesen, beendeten die Sätze der anderen. „Weihnachten in der Carmel Street?"
„Klingt gut, und das Theater liegt ja in der Carmel Street."
Harper lehnte sich zu ihr hinüber. „Du grinst die ganze Zeit. Was ist heute passiert?"
„Keine Ahnung, wovon du sprichst."
Es machte Hailey Spaß, sie hinzuhalten. Doch dann gab sie nach. „Hast du schon mal was von Roman Marek gehört?"
Harpers Augen weiteten sich. „Du hast einen Kerl getroffen."
Hailey versuchte, sich ihre Begeisterung nicht anmerken zu lassen. „Er ist so alt wie Connor, ist hier aufgewachsen und dann nach Nevada gezogen. Er hat hier ein Haus am Treasure Cove Circle gekauft."
„Das Haus mit dem Privatwald und dem eigenen Strand?"
„Ich bin ziemlich sicher, dass es das einzige Haus dort ist."
„Erzähl mir alles darüber."
Hailey zuckte lässig die Achseln. „Er ist im Theater vorbeigekommen. Wir haben geredet und später zusammen bei Fisherman’s Korner gegessen."
„Also … ein sexy Alleinerziehender, der seine Kinder zur Probe für die Revue gebracht hat?"
„Nein, er sagte, er sei nur hereingekommen, um sich umzusehen."
Harper starrte sie an. „Marek. Den Namen kenne ich nicht. Aber wenn er mit Connor zusammen zur Schule gegangen ist, dann ist er …"
„Sieben Jahre älter als ich. Ist das zu alt für mich?"
„Ich bitte dich. Also fünfundzwanzig und zweiunddreißig."
„Ich habe ihm von Nathan erzählt."
Harper setzte ihr Glas so heftig ab, dass das Bier überschwappte. „Du musst diesen Typen richtig mögen."
Warum hätte sie es nicht zugeben sollen? „Ich habe ihm meine Nummer gegeben."
Harpers Augen weiteten sich. „Enormer Fortschritt. Ich bin stolz auf dich."
„Ich hoffe sehr, dass er anruft."
Harper klopfte ihr liebevoll auf die Schulter. „Natürlich macht er das. Sie schaute zum Eingang. „Sieh mal, da kommen Gracie und Dante.
Ihre jüngste Schwester hatte dieses Jahr eine Stelle als Geschichtslehrerin an der Highschool angetreten. Sie und Dante Santangelo waren ein Paar. Dante war geschieden und teilte sich das Sorgerecht für seine Zwillingstöchter mit seiner Ex-Frau. Kürzlich war Gracie bei ihm eingezogen. Dante war Connors bester Freund. „Vielleicht erinnert er sich an Roman Marek." Sie winkte Gracie und Dante heran.
Die Kellnerin brachte noch zwei Krüge und die Burger für Hailey und Harper. Als Gracie danach verkündete, dass sie und Dante verlobt seien, umarmten ihre Schwestern sie und Dante herzlich und gratulierten. Gracie trug noch keinen Ring.
„Sie möchte ihn selbst aussuchen", erklärte Dante und küsste sie sanft auf die Wange.
„Ihr zwei seht so glücklich aus", sagte Harper.
„Zumindest einer von uns ist das", entgegnete Dante ruhig. Gracie strahlte ihn an, und sie küssten sich rasch.
Harper knabberte an einer Pommes. „Wir haben eine Frage, Dante. Hailey hat heute jemanden im Theater getroffen. Er sagte, er sei in Valentine Bay zur Schule gegangen und bei dir und Connor in der Klasse gewesen."
„Er heißt Roman Marek", ergänzte Hailey. Dabei bemühte sie sich um Gelassenheit, obwohl sie plötzlich Röte auf den Wangen spürte.
Dante winkte die Kellnerin heran. „Ja, ich erinnere mich an Roman. Eher ein Einzelgänger. Klug, taff. Er ging dann auf ein College, Berkeley, glaube ich, und ist kürzlich wieder hierhergezogen. Er soll das große Haus am Treasure Cove Circle gekauft haben."
„Das muss der Typ sein." Harper grinste.
Dante schaute Hailey abwartend an. „Danke. Ich hoffe, er gibt eine großzügige Spende an den Kulturverein", erklärte sie.
„Nach allem, was ich so gehört habe, kann er sich das leisten, sagte Dante. „Er hat in Nevada ein Vermögen mit Immobilien gemacht.
Die Kellnerin kam an den Tisch. Dante und Gracie bestellten etwas zu essen, Dante ein Bier. Hailey fragte Gracie, wie ihre erste Woche als Lehrerin gewesen war. Harper wollte von Dante wissen, wie es seinen achtjährigen Töchtern ging, die zurzeit bei ihrer Mutter und dem Stiefvater in Portland waren. Schnell war eine Stunde vergangen. Hailey schaute öfter auf ihr Handy, ob Roman ihr eine Textnachricht geschickt hatte. Nichts.
Aber da war etwas zwischen ihnen gewesen. Bestimmt würde er anrufen.
Vielleicht morgen. Oder übermorgen …
2. KAPITEL
Roman meldete sich nicht bei Hailey. Nicht am nächsten Tag, einem Dienstag. Und auch nicht am Mittwoch.
Nachdem er etwas Zeit gehabt hatte, sich über die Auswirkungen einer Beziehung klarzuwerden, hatte er beschlossen, dass es klüger wäre, sich nicht bei ihr zu melden.
Am Mittwochabend wurde ihm bewusst, dass sie verärgert über ihn sein musste, weil er nach ihrer Telefonnummer gefragt hatte und sich nun nicht bei ihr meldete.
Ständig musste er an sie denken. Eine Frau, die ihm nicht mehr aus dem Sinn ging, war das Letzte, was er jetzt brauchte. Er wäre höchstens zu einer kurzen Affäre bereit gewesen.
Dazu mochte er sie schon viel zu sehr. Das war nicht gut. Seiner ersten Frau, Charlene, war er völlig verfallen gewesen. Und sie hatte geschworen, sie liebe ihn auch.
Aber dann hatte sie ihr wahres Gesicht gezeigt. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit hatte sie ihm offen gesagt, dass sie Liebe für Schwachsinn hielt. Was sie an ihm schätzte, war sein Geld.
Als sie geschieden wurden, war ihr eine große Summe zugesprochen worden.
Nina, seine zweite Frau, hatte er geheiratet, weil sie mit Theo schwanger gewesen war. Sie war mit ihrem Sportwagen von der Straße abgekommen und gegen eine Dattelpalme gerast, als Theo gerade einen Monat alt gewesen war. Wenigstens hatte sie seinen Sohn bei der Nanny gelassen, als sie betrunken losgefahren war.
Er hielt es für keine gute Idee, mit einer Frau auszugehen, an der ihm zu viel lag. Wenn – oder besser falls – er Hailey das nächste Mal sah, würde er ihr sagen, dass er zwei Ehen hinter sich hatte, die schiefgegangen waren. Und dass er einen elf Monate alten Sohn hatte.
Und er musste auch zugeben, dass seine Pläne für das historische Gebäude sich sehr von ihren unterschieden. Das hätte er alles sofort klarstellen müssen. So schob er den Anruf bei ihr immer weiter auf.
Als er am Donnerstagmorgen zum Frühstück herunterkam, stand seine Mutter am Herd. Theo saß in seinem Hochstuhl und aß Cheerios und Mandarinenspalten.
„Da-da-da!" krähte Theo, sobald er ihn erblickte. Roman grinste. Für ein paar Sekunden vergaß er Hailey. Er sah nur Theo und sein strahlendes Lächeln.
Roman gab ihm einen Kuss auf die verschmierten Pausbacken. „Hallo, Großer, wie geht’s dir?"
Theo nahm eine Mandarinenspalte und hielt sie Roman hin. Der nahm sie und warf sie in den Mund. „Mmh. Danke, Theo."
„Ma-wa-da", antwortete Theo.
„Eier und Schinken?", fragte Romans Mutter vom Herd her. Sie war begeistert von dem Riesenteil aus Stahl mit mehreren Backöfen.
Sasha Marek hatte Roman in Valentine Bay allein großgezogen. Ihr Geld hatte sie als Haushälterin verdient. Kürzlich war sie zu ihm gezogen, um sich zusammen mit ihm um Theo zu kümmern – unter der Bedingung, dass er aus Las Vegas nach Valentine Bay zurückkam. Sasha wollte, dass ihr Enkelkind in Valentine Bay aufwuchs.
Roman bejahte ihre Frage, nahm sich einen Kaffee und setzte sich auf den Stuhl neben Theo. Der Kleine hielt ihm aufgeweichte Cheerios hin. Roman aß sie automatisch, direkt aus Theos molligen Händchen. Zwischendurch trank er seinen Kaffee und schaute aus den riesigen Fenstern über die Terrasse auf die windzerzausten Bäume, die Wolken am Morgenhimmel und den blauen Pazifik.
Sasha stellte ihm den Teller mit Rührei und Schinken hin. „Was ist los mit dir?"
„Gar nichts." Er breitete eine Serviette auf dem Schoß aus und griff zur Gabel.
„Denkst du, eine Mutter merkt nicht, wenn ihr Sohn sie anschwindelt?"
Er nahm einen Bissen und antwortete nicht. Seine Mutter war eine wunderbare Frau, aber manchmal etwas zu wissbegierig.
Ein paar Stunden später arbeitete er gerade im Home-Office an einem neuen Projekt, das er zusammen mit einer Investorengruppe plante, als ein Anruf kam. Tandy Carson, die Direktorin des Kulturvereins, war am Apparat.
„Wir alle haben uns gefragt, wer der neue Besitzer des Valentine-Bay-Theaters sein könnte", sagte sie. Wahrscheinlich wollte sie ihn davon überzeugen, das Theater dem Kulturverein zur Verfügung zu stellen.
„Sie haben sicher Post von meinem Anwalt bekommen?", vermutete er.
„Ja. Und ich möchte Sie um einen Termin bitten, damit wir persönlich über die Situation sprechen können."
„In dem Brief ist alles aufgeführt. Sie müssen ab Januar nächsten Jahres neue Räumlichkeiten finden. Ich habe Pläne für das Gebäude."
„Ich verstehe. Könnten Sie trotzdem bei uns im Büro vorbeikommen? Die Gemeinde, der Vorstand des Kulturvereins und ich würden uns freuen, wenn wir darüber reden könnten."
Das wäre absolute Zeitverschwendung. Aber andererseits wollte er nicht unhöflich sein. Schließlich wohnte er jetzt hier. Sein Sohn würde hier aufwachsen.
Widerstrebend stimmte Roman einem Treffen am Nachmittag im Büro des Kulturvereins zu.
Am Freitagmorgen war Hailey niedergeschlagen. Solche Gefühle ließ sie normalerweise nicht zu. Schon gar nicht, wenn ein Mann nicht angerufen hatte.
Außerdem war sie sauer. Warum hatte er sie um ihre Nummer gebeten, wenn er dann nicht anrief?
Sie kannte ihn ja nicht mal richtig. Aber … sie wollte einfach, dass er sich meldete.
Und das ärgerte sie nur noch mehr. Wenn Hailey etwas wollte, dann unternahm sie ohne Zögern den ersten Schritt. Doch sie hatte seine Telefonnummer nicht. Ihn zu Hause aufzusuchen, das ginge zu weit.
Harper hatte früh das Haus verlassen. Hailey wollte sich um elf mit ihr treffen, um nach Kostümen und Requisiten für die Herbst-Revue und das Gespensterhaus an Halloween zu stöbern.
Dieses Jahr sollte das Gespensterhaus an drei Tagen geöffnet sein. Es war der Hit bei Kindern jedes Alters.
Hailey verließ das Haus um halb zehn, damit sie vor dem Treffen mit Harper noch im Büro des Kulturvereins vorbeischauen konnte.
Tandy saß hinter dem Schreibtisch. Sie trug ein T-Shirt und hatte ihren üblichen Irokesenschnitt. Ihre makellose dunkle Haut ließ sie jünger wirken, als sie war.
Hailey schenkte sich einen Kaffee ein und setzte sich. „Hast du was wegen der Pläne des neuen Besitzers erfahren?"
Tandy ließ sich auf ihrem Stuhl nach hinten fallen. „Ja, und es ist nichts Gutes. Zum ersten Januar müssen wir ausziehen."
Hailey blinzelte. „Das heißt, der neue Eigentümer hat sich gemeldet?"
„So ist es. Am Mittwoch habe ich einen Brief von seinem Anwalt bekommen. Gestern habe ich ihn angerufen. Er hat andere Pläne für das Gebäude."
„Du hast tatsächlich mit ihm gesprochen?"
Tandy nickte. „Er ist gestern Nachmittag sogar hergekommen, um sich meine Bitte anzuhören. Ich habe alle Register gezogen, an seinen Gemeinsinn appelliert, ihm vor Augen geführt, dass viele Kinder eine Nachmittagsbetreuung brauchen und ihre Kreativität ausleben könnten."
„Und?"
„Das hat ihn nicht umgestimmt."
„O nein!" Seit dem Verkauf wusste Hailey, dass sie auf das Schlimmste gefasst sein musste. Doch tief im Innern hatte sie nicht glauben wollen, dass sie diesen unersetzlichen Ort verlieren würden.
„Ich habe schon Rundrufe gestartet. Tandy zog einen Stift hinter dem Ohr hervor und rollte ihn in den Fingern. „Wir finden etwas, Hailey. Davon bin ich überzeugt. Und die gute Nachricht: Der neue Besitzer hat dem Kulturverein eine großzügige Spende zukommen lassen.
„Toll, sagte Hailey tonlos. „Wer ist der Typ? Vielleicht kann ich noch mal mit ihm reden.
Tandy schüttelte den Kopf. „Er hat unmissverständlich gesagt, dass er den Vertrag nicht verlängert."
„Ich möchte doch nur mit ihm reden. Ein freundliches Gespräch."
Tandy starrte sie mit zusammengekniffenen Augen an. Sie hielt den Kuli fest in der Hand und ließ die Mine vor- und zurückschnellen.
Hailey gab nicht nach. „Es kann nicht schaden, es noch mal zu versuchen …"
Tandy ließ ihren Kuli noch ein paar Mal klicken. „Warum nicht? Sie schrieb einen Namen und eine Telefonnummer auf eine Haftnotiz und reichte sie Hailey. „Also versuche es.
Hailey starrte auf den Namen, den Tandy aufgeschrieben hatte. War sie nun nur unglaublich wütend, oder wurde ihr übel?
Schließlich lächelte sie. „Danke, Tandy. Mal sehen, was ich erreiche."
Am liebsten hätte sie Roman Marek den Hals umgedreht. Als sie in ihren Kia stieg, klebte sie die Notiz aufs Armaturenbrett. Im Augenblick war sie viel zu aufgeregt, um vernünftig mit dem Mann reden zu können.
Am besten sollte sie nach Hause fahren, tief durchatmen und ein paar Entspannungsübungen machen. Aber sie sah rot. Und warum sollte sie anrufen, wenn er ihr gesagt hatte, wo er wohnte?
Sie machte sich direkt auf den Weg zu dem prächtigen Haus am Treasure Cove Circle. Auf der von Rhododendren gesäumten Auffahrt stoppte sie abrupt, sprang aus dem Auto und warf die Fahrertür kräftig ins Schloss.
Sie hastete die imposante Steintreppe hinauf zum Eingang. Die Klingel ignorierte sie, stattdessen pochte sie heftig mit der Faust an die Tür.
Als kurz darauf geöffnet wurde, erblickte Hailey eine Frau in den Fünfzigern mit schön gewelltem Haar in verschiedenen Silbertönen. Sie hatte genauso grüne Augen wie der Mann, dem Hailey gründlich die Meinung sagen wollte. Die Frau trug ein hübsches Baby auf dem Arm. „Ja, bitte?"
„Wo ist Roman?"
Huschte da ein Lächeln über das Gesicht der Frau? Hailey war nicht sicher. Sie starrten einander an. Und dann trat die Frau wortlos zur Seite und gab den Eingang frei. Sie wies zu der Treppe, die in den ersten Stock führte.
Hailey zögerte nicht. Rasch stieg sie hinauf und schaute in drei Zimmer, ehe sie im nächsten auf Roman traf, der gerade aus seinem luxuriösen Badezimmer kam. Er war nackt bis auf ein Handtuch, das er sich um die schmalen Hüften geschlungen hatte.
Hailey blieb wie erstarrt an der Tür stehen.
Roman zuckte nicht einmal zusammen – warum auch? Er hatte einen perfekten Körper. Einen muskulösen Brustkorb, lange braune Beine. Er sah aus wie die Männer auf den Titeln von sexy Liebesromanen.
„Hailey, sagte er kühl. „Das ist ja eine Überraschung.
Sie kam sich ein bisschen blöd vor. Aber sie musste ihrem Ärger Luft machen.
„Ich ziehe mir schnell was an", sagte er und griff nach dem Handtuch, das er um die Hüften geschlungen hatte.
Sie legte die Hand über die Augen, um ihn nicht nackt zu sehen.
„Drei Stunden, Roman, sagte sie ärgerlich. „Am Montag haben Sie drei Stunden mit mir verbracht. In dieser Zeit habe ich Ihnen ganz deutlich gesagt, wie viel Sorgen ich mir mache, dass der neue Besitzer uns zum ersten Januar aus dem Theater rauswerfen würde. Sie hatten eine Menge Zeit, um mir zu sagen, dass Sie der neue Besitzer sind.
Sie hörte, dass irgendwo eine Schublade aufgezogen wurde. Ob mit nacktem Hintern oder voll bekleidet, er würde ihren Zorn zu spüren bekommen.
Sie presste die Hand fester auf die Augen, damit sie nicht in Versuchung geriet, zwischen den Fingern hindurchzublinzeln. „Unabhängig davon, dass Sie mich schamlos angelogen haben, indem sie mir nichts davon gesagt haben, braucht Valentine Bay dieses Theater. Nichts, was Sie daraus machen könnten, kann so bedeutungsvoll sein wie das, was wir verlieren, wenn Sie Ihre Pläne verwirklichen."
„Ein Hotel, erklärte er sanft. „Und Sie können jetzt die Augen öffnen.
Sie ließ die Hand sinken. Er stand direkt vor ihr, barfuß, in Jeans und Shirt. „Das können Sie nicht machen", rief sie fast flehend.
„Doch, das kann ich. Er sagte es freundlich, mit beinahe zärtlichem Ausdruck in seinen grünen Augen. „Und ich werde es tun, Hailey.
Seine Zärtlichkeit machte sie schwach. Ihr Kampfgeist schwand. Sie machte auf dem Absatz kehrt und eilte hinaus.
„Hailey, langsam", rief Roman ihr nach.
Sie zögerte keine Sekunde. Er hatte seine Entscheidung getroffen, es gab nichts mehr zu reden.
Als sie die Treppe hinunterlief, sah sie die schöne grauhaarige Frau unten stehen. Das Kind hatte sie noch auf dem Arm. Der mitleidige Ausdruck in ihren Augen verriet, dass sie alles gehört hatte.
„Tut mir leid, dass ich so hereingeplatzt bin", sagte Hailey unglücklich, als sie unten ankam. Die Frau strich ihr über die Schulter. Hailey lief an ihr vorbei zur Tür, die Treppe und die Auffahrt hinunter. Hastig stieg sie in ihr Auto, wendete und fuhr davon.
Roman blieb oben an der Treppe stehen.
Natürlich wollte Hailey Bravo sich nicht anhören, was er ihr zu sagen hatte. Langsam stieg er hinunter, da hörte er schon, wie sie mit quietschenden Reifen davonfuhr.
Sasha schaute ihn missbilligend an, als er auf sie zukam.
„Ma, sagte er, „du kannst doch nicht einfach aufgebrachte Frauen zu mir ins Schlafzimmer schicken.
Seine Mutter zuckte abschätzig mit den Schultern. Sie hatte den Lebensunterhalt für sich und Roman verdient, indem sie anderer Leute Häuser geputzt hatte, doch sie konnte herablassend wie eine Königin sein. „Du magst sie. Das merkt man."
Ja, so war es. Doch er wollte es nicht zugeben. „Woher willst du das wissen?"
„Ich habe dein Gesicht gesehen, als du ihr nachgeschaut hast. Ich kenne dich. Mir brauchst du nichts zu erzählen."
„Ma …"
„Wir haben eine Vereinbarung, und ich halte mich daran."
„Was für eine Vereinbarung?"
Darauf antwortete Sasha nicht. „Was ich dir klarzumachen versuche, ist, dass ich kein Problem damit habe."
„Kein – was?"
„Ich mag sie auch. Sie hat Temperament, und sie weiß, was wichtig ist im Leben. Deshalb erlaube ich dir, sie näher kennenzulernen."
Kopfschüttelnd steckte er die Hände in die Hosentaschen.
„Tu nicht so, als wüsstest du nicht, wovon ich rede. Zweimal hast du dir eine Frau ausgesucht, beide Male war es eine Katastrophe. Charlene war hinter deinem Geld her, und Nina … Sie unterbrach sich, weil sie vor Theo nicht Schlechtes über Nina sagen wollte. „Du hast dich verpflichtet gefühlt, als der Kleine unterwegs war.
„Ma …"
„Lass mich ausreden. Ich habe dich beide Male vor einer falschen Entscheidung bewahren wollen. Ich hatte recht. Und deshalb haben wir vereinbart, dass du erst eine Beziehung zu einer Frau beginnst, wenn ich sie mir angeschaut und meine Zustimmung gegeben habe."
Es hatte keinen Sinn, mit ihr darüber zu streiten.
Sie sprach immer weiter. „Und ich erlaube nicht, dass du mein Theater in so ein Boutique-Hotel verwandelst."
Theo, der den Wortwechsel zwischen Roman und Sasha gebannt verfolgt hatte, krähte in diesem Augenblick: „Da-da!" Er streckte die Ärmchen aus und neigte sich zu Roman hinüber.
Roman nahm ihn und drückte ihm rasch einen Kuss auf die Stirn. „Ich entwickle Projekte, das ist mein Beruf. Und wenn ein Gebäude danach schreit, ist es das Theater. Ich muss was daraus machen, Ma."
„Stimmt. Du musst das bestmögliche Theater für alle in Valentine Bay daraus machen. Du bist reich, Roman. Und du hast am Anfang viel Glück gehabt. Ja, du hast hart gearbeitet. Aber du hattest das Startkapital, das dir Patrick für deine Ausbildung gegeben hat."
Patrick. Am liebsten hätte Roman den Namen nie wieder gehört. Die ganzen Jahre hatte er sich gefragt, ob da etwas war, zwischen seiner Mutter und Patrick Holland. Das war unmöglich. Seine Mutter war aufrecht und ehrlich. Patrick war ein verheirateter Mann. Sasha Marek hätte nie etwas mit dem Mann einer anderen Frau angefangen – schon gar nicht mit dem Mann von Irene Holland. Irene hatte sie wie eine Schwester behandelt und Roman wie ihren eigenen Sohn.
Roman fühlte einen Stich im Herzen, wie immer, wenn er an Irene dachte. Reenie hatte er sie genannt. Er hatte sie verehrt – bis zu jenem schrecklichen Tag, als alles zu Ende gegangen war.
Sasha sprach weiter. „Und dann war da der Lottogewinn, den ich dir an deinem einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt habe. Dieses Geld hat dir zu deinem Erfolg verholfen. Du hast Glück gehabt, Roman Marek, und nun kannst du etwas zurückgeben. Du kannst den Traum dieser Frau erfüllen und etwas wirklich Gutes für diese Stadt tun."
Theo hatte zu singen begonnen und versuchte seine Finger in Romans Nase zu stecken. Roman griff nach der kleinen Hand und drückte einen Kuss darauf. „Mit den Träumen dieser Frau habe ich nichts zu tun. Und ich bin nur hier, Ma, weil du dich hier wohlfühlst und darauf bestanden hast, dass Theo in Valentine Bay aufwächst."
Sie schien ihn mit ihrem Blick zu durchbohren. „Sei nicht so gefühllos. Du brauchst nicht noch ein Hotel, Roman. Du musst dieser Frau ihren Traum erfüllen."
Es war sinnlos, sich an diesem Punkt weiter mit ihr zu unterhalten. Er wandte sich um und ging in die Küche, um seinem Sohn etwas zu essen zu geben.
Hinter sich hörte er Sasha verächtlich schnauben.
Harper war schon in der Pacific Bargain Mall, als Hailey ankam. Sie durchstöberten die kleinen Läden, kauften gebrauchte Kleidung, aus der sie Kostüme nähen konnten, und einige große, etwas lädierte Übertöpfe. Wenn sie die schwarz ansprühten, konnten sie als Kessel für das Gespensterhaus dienen. Die Kinder fanden es toll, wenn Kessel mit Trockeneis einen gespenstischen Nebel verbreiteten. Sie ergatterten noch alte Stühle, einen wackligen Tisch und herbstliche Seidenblumen.
Hailey überlegte, wann sie ihrer Schwester die schlechten Nachrichten wegen des Theaters beibringen sollte. Besonders schmerzlich war es, dass der Mann, der den Vertrag nicht verlängern wollte, dieser tolle Typ war, den sie vor ein paar Tagen getroffen hatte.
Sie konnte jetzt nicht mit Harper über Roman sprechen. Vielleicht später.
Leider kannte ihre Schwester sie viel zu gut. „Sag schon, was los ist", forderte Harper sie auf.
Hailey krauste die Nase. „Haben wir Zeit für einen Kaffee?"
„So schlimm? Harper nahm Hailey an der Hand. „Komm schon.
Im Café um die Ecke holten sie sich beide eine Pumpkin-Spice-Latte.
„Das ist ja total mies", bemerkte Harper, nachdem Hailey alles erzählt hatte.
„Ja. Hailey nahm einen Schluck von ihrem Latte. „Der Fiesling hat nicht angerufen und ist dazu noch ein herzloser Raffzahn ohne soziales Gewissen.
„Honey, du bist ja richtig wütend."
Hailey richtete sich auf. „Vielleicht. Aber zu Recht."
„Du solltest ihn verführen. Warte, bis er eingeschlafen ist, und mach dann ein paar Nacktfotos von ihm. Wenn du drohst, die auf Instagram zu veröffentlichen, überlegt er es sich vielleicht anders."
„Dazu müsste ich Sex mit ihm haben."
„Tja. Ich weiß, das ist viel verlangt. Aber denk an das Theater."
Hailey lachte kurz auf. Ihre Schwester verstand es, Licht in die dunkelsten Momente zu bringen. „Du meinst, es sei meine Bürgerpflicht, mit dem Mistkerl ins Bett zu gehen?"
„Ja! Genauso ist es. Ein selbstloser Akt."
„Also jetzt übertreibst du."
Harper griff nach Haileys Arm. „Im Ernst. Geht es dir gut?"
Hailey atmete kurz durch und nickte heftig. „Es ist mir schon besser gegangen. Aber ich werde es überleben."
Um drei Uhr nachmittags war Probe.
Um zwei saß Hailey allein an ihrem Klapptisch in der ersten Reihe des Zuschauerraums. Sie arbeitete gerade die Planungen für den zweiten Akt der Herbst-Revue durch. Es würde nicht einfach werden, besonders beim Finale, wenn fast alle Kinder der Stadt auf der Bühne stehen würden,
