In letzter Minute: Der Arzt vom Tegernsee 15 – Arztroman
Von Laura Martens
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Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen.
Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird.
Harald Brenner beobachtete vom Fenster aus, wie Franziska Löbl behutsam die Beine seines Töchterchens massierte. Mara-Christin lag ganz ruhig da. Sie hatte unendliches Vertrauen zu der jungen Krankengymnastin, obwohl die Behandlung, der sie sich bei ihr unterziehen mußte, nicht immer schmerzlos war. »Bin ich fertig?« fragte sie, als Franziska sich aufrichtete. Die junge Frau wies zu den Schienen am Fußende der Liege. »Ich mag keine Schienen«, maulte Mara-Christin und verzog das Gesicht. »Wann kann ich endlich wieder richtig laufen?« »Wenn wir weiterhin so fleißig zur Krankengymnastik gehen und du alle Übungen machst, die dir Franziska zeigt, bestimmt schon bald, Liebes«, sagte Harald Brenner und trat zu seiner fünfjährigen Tochter. »Du mußt noch etwas Geduld haben.« Mara-Christin schaute zu Franziska auf, die gerade eine der Schienen um das linke Bein befestigte. »Stimmt das?« erkundigte sie sich. Franziska nickte. »Wie oft muß ich noch schlafen, bis ich keine Schienen mehr brauche?« wollte die Kleine wissen. Franziska griff nach Block und Stift. »Das kann ich wirklich nicht voraussagen, Herr Brenner«
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In letzter Minute - Laura Martens
Der Arzt vom Tegernsee
– 15 –
In letzter Minute
Laura Martens
Harald Brenner beobachtete vom Fenster aus, wie Franziska Löbl behutsam die Beine seines Töchterchens massierte. Mara-Christin lag ganz ruhig da. Sie hatte unendliches Vertrauen zu der jungen Krankengymnastin, obwohl die Behandlung, der sie sich bei ihr unterziehen mußte, nicht immer schmerzlos war.
»Bin ich fertig?« fragte sie, als Franziska sich aufrichtete.
Die junge Frau wies zu den Schienen am Fußende der Liege.
»Ich mag keine Schienen«, maulte Mara-Christin und verzog das Gesicht. »Wann kann ich endlich wieder richtig laufen?«
»Wenn wir weiterhin so fleißig zur Krankengymnastik gehen und du alle Übungen machst, die dir Franziska zeigt, bestimmt schon bald, Liebes«, sagte Harald Brenner und trat zu seiner fünfjährigen Tochter. »Du mußt noch etwas Geduld haben.«
Mara-Christin schaute zu Franziska auf, die gerade eine der Schienen um das linke Bein befestigte. »Stimmt das?« erkundigte sie sich.
Franziska nickte.
»Wie oft muß ich noch schlafen, bis ich keine Schienen mehr brauche?« wollte die Kleine wissen.
Franziska griff nach Block und Stift. »Das kann ich wirklich nicht voraussagen, Herr Brenner«, schrieb sie. »Fünf, vielleicht auch sieben oder acht Monate wird es bestimmt noch dauern.«
»Es ist dumm, daß du nicht sprechen kannst, Franziska«, meinte Mara-Christin. »Ich kann doch noch nicht lesen.« Sie schaute sehnsüchtig zum Block. »Bis ich in die Schule komme, dauert es noch über ein Jahr.«
»Das Jahr wird schneller vergehen, als du glaubst, Mara-Christin«, sagte ihr Vater. »Und bis dahin wirst du sicher auch ohne Schienen laufen können.«
»Und genauso rennen wie die anderen Kinder?«
Harald Brenner sah Franziska unsicher an. Er wollte seiner Tochter keine Versprechungen machen, die sich womöglich nicht erfüllten.
»Rennen vielleicht noch nicht«, schrieb die junge Krankengymnastin. Sie griff nach der zweiten Schiene. Mara-Christin gehörte zu ihren liebsten Patienten. Viele der Erwachsenen, die sie behandeln mußte, waren nicht so geduldig wie die Kleine. Mara beklagte sich selten. Sie nahm es einfach als gegeben hin, daß die Behandlung auch manchmal wehtat.
»Und wenn ich in der zweiten Klasse bin, werde ich dann rennen können?« fragte die Fünfjährige, nachdem es ihr Harald gesagt hatte.
»Wir müssen abwarten.« Der Handelsvertreter strich zärtlich durch die blonden Löckchen seiner Tochter.
Franziska hob die Kleine von der Liege und gab ihr eine der Überraschungskugeln, die sie immer für Kinder in einem großen Glas auf der Ablage am Fenster stehen hatte.
»Danke.« Mara-Christin wickelte strahlend die Kugel aus, entfernte die Schokolade und öffnete die kleine Kapsel, die im Inneren verborgen gewesen war. »Schau, Papa, eine Figur aus dem ›Glöckner von Notre Dame‹!« rief sie glücklich.
»Und weißt du auch, um was für eine Figur es sich handelt?« erkundigte sich Harald Brenner.
Seine Tochter hatte sich inzwischen ein Stückchen von der Schokolade in den Mund geschoben. »Esmeralda«, erwiderte sie kauend. »Das ist die Esmeralda.«
Sie verabschiedeten sich von Franziska Löbl, deren nächster Patient, ein alter Mann, der vor einigen Wochen einen Schlaganfall erlitten hatte, bereits wartete. »Ich muß morgen nach Konstanz fahren und komme vermutlich erst in einer Woche zurück«, sagte Harald Brenner zu ihr. »Die nächsten beiden Male wird also meine Schwiegermutter Mara-Christin bringen.«
Franziska nickte. Sie schloß die Arme um das kleine Mädchen, dann küßte sie es sacht auf die Stirn und ließ es los.
»Wiedersehen, Franziska!« rief Mara-Christin. Sie griff nach der Hand ihres Vaters. Gemeinsam verließen sie die Praxis von Dr. Baumann.
Harald Brenner schloß seinen Wagen auf. Mara-Christin kletterte in ihren Sitz. Er schlug die Fondtür zu und wollte sich eben hinter das Steuer setzen, als der Wagen von Dr. Baumann durch die Einfahrt fuhr. Der junge Handelsvertreter wartete ab, bis der Arzt vor der Garage geparkt hatte und ausgestiegen war, bevor er ihm entgegenging.
»Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen, Herr Brenner«, meinte Eric. »Ich glaube, das…« Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, weil in diesem Moment Franzl, der hinter dem Haus auf der Terrasse gelegen und gedöst hatte, auf ihn zuschoß. Dem Arzt blieb nichts weiter übrig, als erst einmal die stürmische Begrüßung seines Hundes über sich ergehen zu lassen.
»Und jetzt bin ich an der Reihe«, meinte Harald lachend, als sich der Hund ihm zuwandte, um noch ein paar extra Streicheleinheiten zu ergattern. »Du bist schon ein lieber Kerl, Franzl.« Er schlug ihm leicht auf das dicke Hinterteil.
»Jetzt reicht es, Franzl«, sagte Eric, was aber von seinem Hund überhaupt nicht beachtet wurde. »Franzl!«
Mit einem lauten Aufseufzen ließ sich Franzl zwischen die beiden Männer auf die Auffahrt fallen. Der vorwurfsvolle Blick, mit dem er sein Herrchen bedachte, sprach Bände.
»Wie geht es Ihnen?« erkundigte sich Eric bei Harald.
»Ziemlich durchwachsen«, antwortete der Handelsvertreter. »Heute ist es auf den Tag zwei Jahre her, daß meine Frau ums Leben gekommen ist. Ich vermisse sie noch genauso, als sei es erst gestern gewesen. Wenn wir nicht so glücklich miteinander gewesen wären…« Er holte tief Luft. »Manchmal wache ich frühmorgens auf, strecke die Hand nach Ines aus und greife ins Leere. Man sollte doch meinen, daß der Schmerz mit der Zeit nachläßt.«
»Ich kann sehr gut verstehen, wie sehr Sie Ihre Frau vermissen, Herr Brenner.« Eric berührte die Schulter des Mannes. »Aber in erster Linie sollten Sie an Mara-Christin denken.«
»Das tu ich«, versicherte Harald. »Ich zeige ihr meistens ein lachendes Gesicht. Was hätte es denn für einen Sinn, ihr mit meinem Schmerz das Leben zu vergällen? Ich bin so glücklich, daß sie wieder aus dem Koma erwacht ist. Sie wissen, wie grauenvoll diese acht Monate für uns gewesen sind, in denen wir nicht wußten, ob wir jemals wieder die Stimme meiner Tochter hören würden. Vermutlich hätte ich es nicht ertragen können, wenn sie mir auch noch genommen worden wäre.«
»Mara-Christin hat – Gott sei Dank – einen Schutzengel gehabt«, antwortete Eric. Er war damals noch in Kenia gewesen als Ines Brenner während eines Ausfluges vom Blitz erschlagen worden war. Sie hatte ihre Tochter bei der Hand gehalten. Mara-Christin war wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen, hatte aber danach monatelang im Koma gelegen.
»Papa!« rief Mara-Christin.
Die beiden Männer winkten der Kleinen zu. »Bis zum nächsten Mal, Herr Doktor.« Harald reichte Eric die Hand. »Meine Schwiegermutter wird bereits auf uns warten.«
»Und ich muß in meine Praxis«, erwiderte der Arzt. »Grüßen Sie Ihre Schwiegermutter von mir.«
»Werde ich«, versprach Harald und ging zu seinem Wagen.
Franzl überlegte, ob er seinem Herrchen in die Praxis folgen sollte, wußte jedoch aus Erfahrung, daß man ihm erbarmungslos die Tür vor der Schnauze zumachen würde. Nein, da war es besser, noch etwas auf der Terrasse zu dösen. Er stand auf, streckte sich und trottete hinter das Haus zurück.
Harald Brenner ließ die Stadt hinter sich. Seine Schwiegermutter besaß etwas außerhalb vom Tegernsee eine Fremdenpension mit fünfundzwanzig Zimmern, die von ihrem Sohn Gerald geleitet wurde, der ein gemütliches Appartement im Dachgeschoß des Gebäudes bewohnte. Sie selbst lebten im Nachbarhaus, das noch im Bau gewesen war, als er und Ines vor sieben Jahren geheiratet hatten. Gerald und er waren noch nie gut miteinander ausgekommen, und seit Ines’ Tod herrschte zwischen ihnen
