Das Blauerhundkonzept 2: Hunde emotional verstehen und trainieren - Praxis Familienbegleithund
Von Rolf C. Franck und Madeleine Franck
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Buchvorschau
Das Blauerhundkonzept 2 - Rolf C. Franck
TEIL 1
VOM WELPEN ZUM BRAVEN BEGLEITER
TEIL 1
VOM WELPEN ZUM BRAVEN BEGLEITER
Zieht ein Welpe in sein neues Zuhause, ist es für den engagierten Neuhundebesitzer inzwischen fast selbstverständlich, mit dem kleinen Knirps zur Hundeschule zu gehen. Eine Ausbildung dort beginnt in der Regel mit der Welpenspielstunde – und endet nicht selten mit so manchen unerwünschten Nebenwirkungen. Im Praxistraining Familienbegleithund nach dem Blauerhund®-Konzept ist wahrscheinlich einiges anders, als Sie es erwarten. Damit Ihr Welpe zu einem braven Begleiter heranwachsen kann, empfehlen wir Ihnen, lieber nicht mit ihm in eine Spielstunde zu gehen! Sie sollten lieber alles dafür tun, ihm die Welt zu zeigen und ihm beizubringen, wie er sich in den verschiedensten Situationen verhalten soll. Spielen Sie Ihre Rolle als Elternfigur so, dass Sie für Ihren Vierbeiner zur beschützenden Anlaufstelle bei jeder Unsicherheit, zum besten Spielkumpel und zur verlässlichen Respektsperson werden. Auf dem Lehrplan unserer Welpenschule steht nicht das freie Spiel mit Artgenossen, sondern das Begegnungstraining. Ihr Hund soll dabei lernen, wie man anderen Vierbeinern freundlich und gelassen begegnet, Konflikten aus dem Weg und oft auch nur einfach entspannt vorbei, statt zu jedem hin geht.
KUCK MAL, WIE SCHÖN DIE SPIELEN
Die beiden spielen schön miteinander, leider geht es nicht immer so friedlich zu. (Foto: majtas/fotolia.com)
Bereits 1975 entstanden in den USA die ersten Welpen-Kindergärten. In Deutschland begann wenig später Heinz Weidt sein Konzept der „Prägungsspieltage zu entwickeln und bekannt zu machen. Der berühmte Tierarzt und Hundeexperte Dr. Ian Dunbar startete 1981 in Amerika mit seinem „Sirius Puppy Training
. Alle diese Konzepte, auf denen die meisten heutigen Welpenschulen beruhen, haben eine Gemeinsamkeit: Ein großer Teil der Übungsstunden wird mit Freispiel zwischen den Welpen gestaltet. Durch dieses Spielen mit Gleichaltrigen sollen die jungen Hunde lernen, sich untereinander besser zu verständigen, um späteren Problemen im Umgang mit Artgenossen vorzubeugen. Alle Angebote beinhalteten weiterhin Übungen zur Umweltgewöhnung und Sozialisation, zur Schulung des Selbstvertrauens und Gleichgewichtssinns sowie zur Grunderziehung. Heutzutage ist es schon fast selbstverständlich, dass man als frischgebackener Hundebesitzer eine Welpenspielstunde besucht.
Wir finden es gut und auch richtig, dass besonders unerfahrene Besitzer möglichst früh einen Welpenkurs besuchen. Wir sind jedoch ausgesprochen kritisch gegenüber dem Freispiel, seinen Auswirkungen auf den Welpen, seine Beziehung zu anderen Hunden und zu seinem Menschen.
Statt frei zu toben, sind in der Welpenschule alle kleinen Vierbeiner angeleint.
Gutes Sozialverhalten
Theoretisch sollen Welpen im Freispiel gutes Sozialverhalten erlernen, aber sehr oft kommt genau das Gegenteil dabei heraus. Schauen wir uns einmal an, was nach unserem Modell des Emotionalen Lernens in einem durchschnittlichen Welpen vorgeht, der ein- oder zweimal pro Woche an einer Gruppenspielstunde teilnimmt:
Der optische Reiz „Anblick anderer Hunde" wird mit zunehmend positiven Emotionen und steigender Erregung verbunden. Mit jeder Stunde wird die Erregung höher und fester verknüpft. Je höher die Erregung wird, desto geringer werden jedoch gleichzeitig die Selbstkontrolle und die Schmerzempfindlichkeit. Dadurch werden feine kommunikative Signale nicht mehr beachtet und das Lernen einer Beißhemmung erschwert. Stattdessen werden grobe Umgangsformen eingeübt und sehr raues Toben gefördert. Je nach Neigung entwickeln sich einige Welpen zu Grobianen, andere fallen immer mehr in die Opferrolle hinein. Sehr häufig werden rassetypische Verhaltensweisen an anderen Hunden geübt. Hütehunde zeigen zum Beispiel ihre typischen Bewegungsmuster wie Anschleichen, Treiben, Stoppen oder Hackenbeißen. Retriever praktizieren begeistert Rempeln und Distanzlosigkeit, während die Terrier eher zu Kampfspielen neigen. All diese und andere Verhaltensweisen werden immer fester mit dem Anblick und der Bewegung von Hunden verknüpft und entwickeln sich zu Standardverhaltensweisen für Hundebegegnungen.
Bei Alltagsbegegnungen geht ein solcher Welpe dann davon aus, dass man immer mit allen Hunden spielt, denen man begegnet. Läuft er frei, galoppiert er begeistert zu jedem Hund hin, ohne vorher auf die Benimmregeln unter Hunden zu achten. Dies führt häufig dazu, dass der kleine Grünschnabel heftig von erwachsenen Hunden in die Schranken gewiesen wird. Da der junge Hund ja schon durch den Anblick der anderen stark erregt ist, wird er entweder selbst mit Aggressionen antworten oder Angst bekommen. Sollte er bei solch einer Begegnung angeleint sein, wird er zunehmend frustriert, weil er nicht gleich zum anderen Hund hinlaufen kann. Frust und hohe Erregung führen in der Folge unweigerlich zu aggressiven Signalen, die dann meist vom Gegenüber missverstanden werden. Genau dies sind die häufigsten Probleme, unter denen Hundehalter leiden, die uns um Rat fragen. In sehr vielen Fällen sind sie eindeutig auf übermäßiges Gruppentoben in Hundeschulen oder -vereinen zurückzuführen.
So hat Frauchen die besten Chancen, für ihren Zwerg wichtiger zu werden als andere Hunde.
Die Rolle des Menschen
Welche Auswirkungen hat das freie Gruppenspiel auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund? Schon früh lernen Welpen, dass man mit Hunden viel mehr Spaß haben kann als mit dem eigenen Besitzer. Der Besitzer wird sogar zunehmend zum Spielverderber, weil er das Toben immer gerade dann unterbindet, wenn es am meisten Spaß macht. Dann werden kleine Übungen wie Sitz und Platz gemacht, bei denen der Hund halbherzig mitmacht, ohne seine vierbeinigen Kumpels je aus den Augen zu lassen. Was er lernt, ist etwa Folgendes: „Auf dem Hundeplatz ist es echt super. Man kann dort ganz toll mit anderen toben und endlich mal richtig Dampf ablassen. Okay, zwischendurch muss man an die Leine und soll langweiliges Zeug machen. Dafür bekommt man aber wenigstens Leckerchen. Zum Glück ist der Teil bald vorüber und man kann wieder ganz viel Spaß haben."
Auch mit einem großen Welpen sollte man das widerstandslose Tragen üben.
Wir wissen durch die moderne Bindungsforschung, dass bei jungen Säugetieren die Bindung hauptsächlich über Spielen und Toben gefestigt wird. Unter den genannten Bedingungen wird also unweigerlich eine stärkere Bindung zu Artgenossen entstehen als zum Menschen. Gerade unerfahrene Welpenbesitzer schaffen es so oft nicht, eine feste, positive Bindung des Hundes zu ihnen zu erreichen. Dies wird noch zusätzlich erschwert, wenn Zerrspiele vom Trainer oder Züchter verboten wurden, damit der Hund nicht „dominant" wird!
Sehr oft schildern uns Interessenten für unser Kurssystem beim ersten Telefongespräch, dass der Hund alle Übungen recht gut beherrsche, solange keine anderen Hunde dabei seien. Fast ausnahmslos handelt es sich dann um Vierbeiner, die in Hundeschulen oder Vereinen viel zu stark auf Hunde geprägt wurden. Außerdem bekommen wir immer wieder zu hören, dass den Besitzern oft vom Trainer verboten wurde, sich einzumischen, wenn ein Welpe verängstigt war. Man solle den Hund ignorieren, um die Ängste nicht zu verstärken und damit er lerne, sich zu wehren! Wie wir im ersten Buch erklärt haben, sieht der Hund uns als eine Art Elternfigur. Wie fühlt sich ein kleines, verängstigtes Kind, das von seinen Eltern ignoriert wird, wenn es ihm schlecht geht? Können Sie sich einen Kindergarten vorstellen, in dem die Kindergruppen sich selbst überlassen sind, damit sich die Kids gegenseitig gutes Benehmen beibringen? Was dabei herauskommen würde, ist wohl klar. Anstatt die enge Beziehung zwischen Welpenbesitzern und Hund zu fördern, seine Menschen und die Übungen interessant zu machen, passiert in den meisten Welpenschulen wohl in vielen Fällen gerade das Gegenteil.
Die emotionale Ebene
Neben den oben geschilderten Risiken und Nebenwirkungen des Freispiels hat das wiederholte aufgedrehte Toben auch Auswirkungen auf das Nervenkostüm eines Hundes. Besonders für leicht erregbare Typen wie zum Beispiel viele Jagdhunde, sogenannte Gebrauchs- und Hütehunde, bedeutet dies, dass sich ihr Körper generell noch mehr auf das Aktivieren von Erregungszuständen einstellt. Da im Welpenalter auch in diesem Punkt die Weichen für das spätere Leben gestellt werden, entwickelt sich so mancher zum schwer kontrollierbaren Zappelphilipp.Weiterhin wird das für Erziehung und Ausbildung wichtige Grundprinzip der Selbsthemmung zurückgedrängt. Alle Alltagsübungen beinhalten ein mehr oder weniger starkes Element der Selbstkontrolle, da der Hund sich immer entscheiden muss, anderen Verlockungen nicht nachzugeben.
Auch im Zusammenhang mit der Leine entstehen ungünstige Verknüpfungen. Welpen lernen sehr schnell, dass sie brav gehorchen müssen, solange sie angeleint sind, aber machen können, was sie wollen, wenn sie frei laufen.
