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Buchvorschau
Am Strand - Monika Heil
Kurzinhalt
Wegen einer SMS muss Claudia dringend ihre Mutter aufsuchen. Sie fährt zu ihrem Strandhaus in Dänemark und erinnert sich an alte Zeiten, als sie Kind war, Jugendliche und Gregor kennenlernte, der jedoch mehr Augen für ihre Mutter als für sie hatte. Eines Tages verschwindet Claudias Mutter Sonja spurlos. Hinterließ ein Abschiedsbrief und einen leeren Tresor. Keiner wusste etwas über ihren Aufenthaltsort. Und auch Claudia verließ irgendwann ihren Vater, um anstelle eine Studiums, eine Ausbildung im Hotelfach zu machen. Da begegnet sie Gregor ein weiteres Mal, beginnt mit ihm eine Affäre, um sich dann wieder aus den Augen zu verlieren. Dann stolpert Gregor per Zufall über Sonja… und ein Wechselspiel der Gefühle beginnt.
Am Strand
Prolog
Die Straße war menschenleer, denn die Saison hatte noch nicht begonnen. Die Strandhütten wirkten verlassen. Es waren Ferienhäuser, die entweder von den Besitzern selbst genutzt oder vermietet wurden. Die meisten Fensterläden waren geschlossen, wirkten abweisend, als warteten sie gar nicht auf den alljährlichen Strom der Touristen. Einige der von Salzluft verwitterten Holzhäuser sahen aus, als seien sie seit Jahren unbewohnt, andere strahlten in kalkigem Weiß letztjähriger Anstrengungen. Ihr Haus lag am Ende der schmalen sandigen Straße hinter Dünen versteckt. Nur die Spitze des schiefergrauen Daches konnte man erkennen. Erinnerungen an unvergessene Ferientage überfluteten sie. Das Meer war von hier aus nicht zu sehen. Doch sie hörte es. Nicht bewusst und nicht im Hier und Jetzt. Sie hörte die Brandung des Meeres ihrer Kindheit. Ihr Herz klopfte im Rhythmus der anrollenden Wellen. Ihre Schritte wurden schneller. Sie stolperte über eine Wurzel, die der feine gelbliche Sand zugeweht hatte. Sie zwang den Blick von den Fassaden der Hütten auf den schmaler werdenden Pfad. Sie kam ihrer Kindheit immer näher. Plötzlich blieb sie kopfschüttelnd stehen. Was hatte sie veranlasst, nach den Anstrengungen des Vortages die Behaglichkeit und den Komfort ihres Hotels zu verlassen und mehrere Stunden Autofahrt auf sich zu nehmen, um in ihr altes Ferienhaus zurückzukehren, das sie seit mehr als zehn Jahren nicht betreten hatte. Es war die SMS ihrer Mutter gewesen und die Panik, die diese damit ausgelöst hatte. Nicht einmal einen Koffer hatte sie gepackt, stattdessen in großer Eile ein paar Kosmetikartikel, ein T-Shirt und eine Garnitur Wäsche in ihren Lederbeutel verstaut. Hals über Kopf war sie losgefahren. Ihrem Mann hatte sie eine dürftig kurze Notiz hinterlassen. Ein flüchtig schlechtes Gewissen hatte sie schnell in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses geschoben. Auch jetzt wollte sie nicht an ihren Mann denken. Sie würde Sonja in wenigen Minuten wiedersehen. Ihre Mutter.
Sie atmete tief durch und setzte bewusst langsamer gehend ihren Weg fort. Sie spürte den feinen Sand in ihren offenen Schuhen. Wie um Zeit zu gewinnen, bückte sie sich und schüttelte ihre Sandalen von den Füßen. Dann ging sie weiter. Sie hatte ihre Augen mit einer dunklen Brille geschützt, obwohl es so früh am Morgen war, dass die Sonne ihre Strahlkraft noch nicht entwickeln konnte. Fakt war, sie fühlte sich auf diese Weise anonymer. Ein winziges Lächeln versuchte, sich in ihren Mundwinkeln einzunisten. Hier war kein Mensch, der sie wiedererkennen würde und Gregor hätte sie sowieso nicht täuschen können. Er hätte sie sofort an ihrem Gang und ihren Bewegungen erkannt. Aber Gregor würde sie hier nicht treffen. Er war gerade auf Elba, wie sie der merkwürdigen Nachricht entnommen hatte, die sie gestern auf ihrem Handy empfangen hatte. Und sie war hier in Dänemark. In wenigen Minuten würde sie ihrer Mutter begegnen, die sie selbstverständlich auch mit Sonnenbrille erkennen würde. Sie holte noch einmal tief Luft und schaute sich suchend um. Kein Auto. Ihren eigenen Wagen hatte sie auf dem kleinen Wanderparkplatz abgestellt, von dem diese schmale Straße abging. Außer ihrem hatte bei ihrer Ankunft dort kein anderes Fahrzeug gestanden, was sie verwunderte. Sie fragte sich: Hatte ihre Mutter sie genarrt? Oder war sie eventuell ins nahe Dorf gefahren und käme gleich zurück? Keine Reifenspuren. Das musste nichts bedeuten bei dem Sand, oder? Gut, dass sie gerade in der Nähe ihres Elternhauses gewesen war, als sie die dringende Botschaft ihrer Mutter empfangen hatte. So hatte sie den Schlüssel für dieses Haus mitnehmen können, denn einen eigenen besaß sie seit vielen Jahren nicht mehr.
Claudia hatte das Haus erreicht. Es war ihr vertraut und fremd zugleich. Von der einst weißen Front war die Strahlkraft gewichen. Sonne, Wind und Wasser hatten ihren Tribut gefordert. Auf der schmalen ehemals grünen Fensterbank blühte in einem ausgetrockneten Blumenkasten eine einzelne rote Blume, deren Namen sie nicht kannte. Hatte sie der Wind gepflanzt? Sie zuckte die Schultern. Wer sonst? Ein Gefühl von Verlassenheit, das sie sich nicht erklären konnte, ließ sie frösteln, obwohl die Luft windstill war.
Mit zitternden Fingern zog sie einen unförmigen schwarzen Schlüssel aus ihrer Tasche. Vorsichtig betrat sie die drei Stufen, die zur Haustür führten. Auch hier hatte sich der staubfeine gelbe Sand breit gemacht. Der Schlüssel drehte sich schwerfällig und widerstrebend im Schloss. Sie drückte die verstaubte Klinke. Das metallische Quietschen der Scharniere begleitete das Öffnen der Tür. Es tat ihren Ohren weh. Claudia ging noch zwei Schritte weiter und war endlich angekommen. Sie schaute sich vorsichtig um, rief leise und wider besseres Wissen:
„Mutter, ich bin da." Sie erhielt keine Antwort. Dieses Haus hatte seit Jahren niemand betreten. Es schien, als hätte der Staub es versiegelt.
***
Gregor
