Über dieses E-Book
»Antje, da liegt ein gefesselter Toter bei der Windharfe!« Bei dem Mordopfer, das an dem bekannten Wahrzeichen der Insel Juist zurückgelassen wurde, handelt es sich um den Musiker Lennart Lehmann. Bereits am Tag zuvor war er bei einem Strandkonzert überraschend nicht aufgetaucht. Die Kommissare Antje Fedder und Roland Witte nehmen zunächst die übrigen Musiker in den Fokus, denn diese hatten ihren Kollegen nicht als vermisst gemeldet. Wussten sie bereits, dass er tot war? Schnell wird deutlich, dass es an Spannungen unter ihnen nicht fehlt: Neid, Eifersucht und enttäuschte Liebe sind starke Motive für einen Mord. Zudem war Lennart in dunkle Machenschaften verwickelt und wurde nicht umsonst von Insidern »Pillenpapst« genannt. Als dann auch noch seine Stiefmutter auf dem Töwerland auftaucht und ihren Ex-Freund des Mordes beschuldigt, nimmt der Fall eine neue Wendung. Denn der Mann befindet sich tatsächlich auf der Insel …
Jorritsma, Sina
Die gebürtige Ostfriesin Sina Jorritsma aus der Krummhörn studierte in Hamburg Germanistik und Philosophie, bevor sie wieder in ihre Heimat zurückkehrte. Sie veröffentlicht unter Pseudonym, weil sie ihre Umgebung genau beobachtet und Ereignisse aus ihrem Leben in ihre Geschichten einfließen. Das Romaneschreiben ist ihr kleines Geheim-nis, das nur wenige Menschen kennen. Bei einer großen Kanne Ostfrie-sentee mit Sahne und Kluntjes kann sie halbe Nächte durchschreiben, tagsüber hält sie sich mit Joggen fit. Sina Jorritsma lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort bei Emden.
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Juister Harfe. Ostfrieslandkrimi - Jorritsma, Sina
Kapitel 1
Kommissarin Antje Fedder von der Polizei Juist freute sich auf einen entspannten Musikabend am Strand ihrer schönen Heimatinsel. Sie saß auf einer mitgebrachten farbigen Baumwolldecke, sog die salzige Luft und den Geruch nach trocknendem Seegras ein. Sie hatte die Beine ausgestreckt und spürte den Sand unter ihren nackten Füßen. Das Rauschen der Wellen und das Kreischen der Möwen bildeten eine vertraute und angenehme Geräuschkulisse. Noch war der Boden nach einem langen sonnigen Augusttag angenehm warm. Aber abends konnte es selbst im Hochsommer hier draußen vor der Küste schnell kühl werden, sobald die Sonne hinter dem Horizont untergegangen war. Die ständige Meeresbrise sorgte außerdem dafür, dass es selbst bei Rekordtemperaturen auf dem beliebten Urlaubseiland nicht unerträglich warm wurde. Antjes Gesichtshaut schien nach einem langen Tag an der frischen Luft zu glühen, obwohl sie es mit dem Sonnenschutz sehr ernst nahm. Ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie viele Stunden außerhalb der Polizeiwache verbrachte – was ihr grundsätzlich gefiel. Sie war gern bei Wind und Wetter draußen. Die Kommissarin trug momentan Zivil: Einen knielangen Batik-Hosenrock, Sandalen und einen blauen Kapuzenpullover mit gesticktem Anker auf der linken Brusthälfte. Ihr blondes Haar, das sie während des Dienstes hochsteckte, fiel locker auf ihre Schultern. Sie schaute sich unauffällig um. Außer Antje selbst hatten sich ungefähr fünfzig weitere Zuhörer am Strand eingefunden, gleichermaßen Einheimische und Urlauber. Auch das übrige Publikum saß auf Decken oder Luftmatratzen, die Menschen sprachen miteinander und ließen sich mitgebrachte Getränke schmecken. Die Kommissarin nickte hin und wieder Bekannten zu, wenn sie eintrafen und sich einen Platz suchten. Antje war auf Juist geboren und aufgewachsen, hatte auch als Polizistin den größten Teil ihres bisherigen Arbeitslebens auf dem »Töwerland« verbracht.
»Du bist ein ganz mieser Klaubruder!«
Dieser empörte Ruf riss sie aus ihrer entspannten Feierabendstimmung. Sie hatte eigentlich gehofft, diesen Abend mit ihrem Freund Roland Witte – der zugleich ihr Kollege war – harmonisch verbringen zu können, ohne an Polizeiarbeit denken zu müssen. Aber jetzt sah es so aus, als ob zwei der Musiker einander an die Gurgel gehen wollten. Der eine hatte den anderen soeben beleidigt, aber dieser wehrte sich – zunächst nur mit Worten: »Du spinnst wohl, bist du völlig zugedröhnt?!«
Sein Widersacher schien zu überlegen, wie er reagieren sollte. Bisher beließen es die Streithähne dabei, sich gegenseitig anzuschreien. Die Kommissarin wusste aber aus Erfahrung, dass es nach einem verbalen Schlagabtausch sehr schnell dazu kommen konnte, dass die Fäuste flogen. Und das musste sie natürlich verhindern, obwohl sie aktuell nicht im Dienst war. Antje kam von ihrer Unterlage hoch und eilte zu den beiden Männern hinüber, die sich vom Aussehen her ähnelten. Beide trugen zerschlissene Jeans, waren barfuß und tief gebräunt. Der als »Klaubruder« Beschuldigte hatte ein schwarzes T-Shirt mit Totenkopfmotiv an, der Oberkörper seines Widersachers steckte in einem grünen Polohemd. Beide trugen einen Vollbart. Antje fragte sich, ob sie Brüder oder sonstige nahe Verwandte waren. Aber dafür unterschieden sich ihre Gesichtszüge dann doch zu stark.
»Beruhigen Sie sich bitte, verderben Sie den Menschen nicht den Musikabend, bevor er richtig angefangen hat.«
Mit ihren nachdrücklichen Worten wollte sie die Kontrahenten beruhigen, erreichte damit aber nur das Gegenteil.
»Misch dich nicht ein, Blondie – sonst gibt es einen Satz heiße Ohren!«, drohte der Musiker mit Totenkopf-T-Shirt. Er wirkte aggressiver als sein Widersacher. Antje atmete tief durch, spannten ihre Muskeln an und trat instinktiv einen Schritt zurück – nicht aus Feigheit, sondern um ihre Abwehr organisieren zu können.
»Ich bin Kommissarin Fedder von der Polizei Juist. Und wenn Sie mich schlagen wollen, dann verbringen Sie die Nacht in der Arrestzelle und können sich auf eine Anklage wegen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte gefasst machen«, gab sie resolut mit erhobener Stimme zurück. Antje unterstrich ihre Worte, indem sie ihren Dienstausweis zeigte. Pistole, Handschellen und Pfefferspray ließ sie hingegen nach Feierabend in der kleinen Inselwache zurück, die normalerweise nur mit ihr und Roland besetzt war. In den Sommermonaten konnten die Inselpolizisten hingegen auf Unterstützung vom Festland zurückgreifen. Momentan bestand die Verstärkung aus Polizeimeisterin Saskia Evers, die an diesem Abend Bereitschaftsdienst hatte. Die Gesichtszüge des Wüterichs verkrampften sich; die Aussicht auf eine Nacht im Polizeigewahrsam schien auf ihn zu wirken wie eine kalte Dusche. Er versuchte sichtlich, sich zusammenzureißen: »Schon gut, Frau Wachtmeister, das war alles nicht so ernst gemeint – stimmt doch, Keno?«
Die Frage war an seinen Gegner gerichtet, der aber nach wie vor geladen war: »Sie sind von der Polizei? Sehr gut – ich möchte Jannik Strube anzeigen, weil er ein Plagiator ist!«
Keno – so lautete sein Name offenbar – richtete seinen Zeigefinger auf den Mann im Totenkopf-T-Shirt. Jannik Strube ballte die Fäuste: »Du bist so ein ...«
»Was ist denn hier los?!«
Die Frage kam von Kommissar Roland Witte, der nun auf der Bildfläche erschienen war. Er hatte ein paar Dosen Bier für Antje und sich besorgt. Bei dem Strandkonzert wurden keine Getränke verkauft, nur Spenden gesammelt – die einem Kinderheim auf dem Festland zugutekommen sollten. Doch momentan stellte sich die Frage, ob ein Auftritt überhaupt stattfinden würde. Konnte es einen schönen Liederabend geben, wenn sich zwei der Künstler dermaßen in den Haaren hatten? Antje erklärte: »Das ist Kommissar Witte, mein Kollege. – Die beiden Herren sind gerade etwas laut geworden, haben sich aber schon wieder beruhigt.«
Der letzte Satz war an Roland gerichtet. Der hochgewachsene dunkelhaarige Polizist trug an diesem Abend ebenfalls keine Uniform – er war mit Jeans und einem weißen T-Shirt bekleidet, für die späteren frischen Temperaturen hatte er einen grauen Kapuzenpulli dabei, den er sich locker über die Schultern gelegt hatte.
»Und was ist mit meiner Strafanzeige?«, fragte Keno mit einem quengelnden Unterton in der Stimme. »Ich mache hier keine Scherze!«
»Das hat ja vielleicht auch noch Zeit bis morgen früh, oder?«, schlug die Kommissarin vor. Dies schien Keno im ersten Moment nicht zu behagen. Jedenfalls ließ sein Gesichtsausdruck darauf schließen. Aber nachdem er ihren Vorschlag einen Moment lang überdacht hatte, nickte er eifrig: »Ja, am besten nehmen Sie Juist Dreams gleich als Audiodatei auf, dann haben wir ein Beweisstück gegen den Plagiator in Händen!«
Jannik Strube verdrehte hinter Kenos Rücken die Augen, schnitt eine Grimasse und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. Die eindeutige Geste zeigte unmissverständlich, was er von seinem Musikerkollegen hielt. Die Kommissarin mochte es nicht, wenn ihr jemand sagte, wie sie ihren Job zu erledigen hatte. Das wusste sie selbst nämlich am besten. Der Abend war für sie jetzt schon verdorben. Immerhin hatte sie eine drohende Schlägerei im Keim ersticken können. Das war aber auch das einzig Positive, das sie der momentanen Situation abgewinnen konnte. Ihre Laune verschlechterte sich schlagartig. Während die Kommissare noch mit den zwei Bärtigen zusammenstanden, eilte eine junge Frau herbei, die sich einen Gitarrenkoffer auf den Rücken geschnallt hatte. Ihre rotbraunen Locken fielen fast bis auf die Schultern. Sie trug Jeansshorts und ein bauchnabelfreies gestreiftes Top. Die Musikerin war offenbar gerade erst angekommen, zumindest kam sie der Kommissarin nicht bekannt vor. Antje hatte ein gutes Personengedächtnis, auch Urlauber, die nur wenige Tage auf der Insel verbrachten, prägte sie sich gut ein. Während der Sommermonate zog es zahlreiche Feriengäste auf das »Töwerland« mit seinen breiten Sandstränden.
»Müsst ihr euch denn immer streiten, Jannik und Keno?«, fragte sie mit ihrer glockenhellen Stimme und einem vorwurfsvollen Unterton. Der direkte Konflikt war ja schon wieder vorbei. Vermutlich krachte es zwischen den beiden Kerlen öfter, zumindest ließen ihre Worte darauf schließen. Sie schien solche Situationen schon öfter erlebt zu haben. Immerhin bewirkte ihr Erscheinen, dass Jannik und Keno sich in ein möglichst gutes Licht zu rücken versuchten und der Konflikt nicht erneut aufflammte.
Wahrscheinlich sind beide in die Musikerin verknallt, vermutete Antje, wobei sie ein Lächeln unterdrückte. In einer solchen Situation konnte es nichts schaden, ernst und entschlossen zu wirken.
»Merle, das ist alles ein Missverständnis«, behauptete Keno, wobei er möglichst vertrauenerweckend zu lächeln versuchte. Sein Widersacher schlug in dieselbe Kerbe.
»Ja, wir haben nur etwas Lampenfieber.«
Mit diesen Worten spielte auch Jannik die Auseinandersetzung herunter.
»Schön, dann wollen wir den Menschen jetzt mal einen schönen Abend bereiten. Wir sind schließlich für einen guten Zweck hier, nicht wahr?!«
Merle war fast einen Kopf kleiner als die beiden anderen Musiker, trat aber sehr resolut auf.
»Laut Ablaufplan fange ich an«, murmelte Keno und ging zu dem Platz am Fuß der Dünen, wo die Musiker ihre Instrumente abgelegt hatten. Es war ein reines unplugged Konzert ohne Verstärker, eher so etwas wie ein erweitertes Lagerfeuersingen. Auch Jannik ging weg, wobei er so tat, als ob er einen Handyanruf bekommen hätte. Oder es traf wirklich zu, obwohl Antje keinen Klingelton vernehmen konnte. Aber natürlich konnte er sein Gerät auch auf Vibrationsalarm gestellt haben. Merle wandte sich nun an die Kommissare, wobei sie ein charmantes Lächeln aufsetzte: »Tut mir echt leid, dass ihr diesen Zoff mitkriegen musstet. Die beiden Typen wollen immer auftrumpfen und beweisen, welcher von ihnen der Tollste ist, aber eigentlich sind sie ganz okay. Lasst euch die Stimmung nicht verderben und genießt einfach den Abend.«
»Das werden wir tun«, versicherte Antje, obwohl ihre gute Laune schon verflogen war. Sie fuhr fort: »Silke Meester hielt das gemeinnützige Konzert am Strand für eine sehr gute Idee; wir finden das auch.«
»Ihr kennt also die Bürgermeisterin mit Namen? Dann seid ihr wahrscheinlich Einheimische«, stellte die junge Frau fest.
»Ja, wir stehen wie Silke Meester gewissermaßen im Dienst der Insel. – Das ist Kommissar Witte, ich bin Kommissarin Fedder. Wir sind von der Polizei Juist.«
»Bul …, äh, Polizisten?«, stieß die Musikerin erstaunt hervor. Dann fügte sie hinzu: »Sind Sie wegen Lennart gekommen?«
Merle wechselte vom lockeren Du zum formalen Sie, aber das war jetzt unwesentlich.
Wer ist Lennart?, dachte Antje. Sie versuchte, sich ihre Unwissenheit nicht anmerken zu lassen, und fragte: »Wie kommen Sie darauf? – Wir sind nämlich privat hier, darum tragen wir Zivil.«
Merle wiegelte ab: »Ach, vergessen Sie, was ich gerade gesagt habe. Das war nur so ein blöder Spruch von mir. Ich bin wohl auch etwas nervös vor meinem Auftritt. Also, drücken Sie mir die Daumen – und ich wünsche Ihnen viel Spaß.«
Sie wandte sich von den Kommissaren ab und brachte ihren Gitarrenkoffer zum Lagerplatz. Sie hatte auch eine große Umhängetasche dabei, die sie dort ebenfalls abstellte. Am 20. August ging die Sonne auf Juist um kurz vor 21
