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Reifezeit der Lust: Eine Ratgeberin für die Lust  auf ein fortgeschrittenes Liebesleben
Reifezeit der Lust: Eine Ratgeberin für die Lust  auf ein fortgeschrittenes Liebesleben
Reifezeit der Lust: Eine Ratgeberin für die Lust  auf ein fortgeschrittenes Liebesleben
eBook437 Seiten4 Stunden

Reifezeit der Lust: Eine Ratgeberin für die Lust auf ein fortgeschrittenes Liebesleben

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Über dieses E-Book

Mit dieser manchmal humorigen, manchmal
sehr ernsten Mischung aus Erklärungen, Ermunterungen
und praktischen Ratschlägen für Sexualität und Liebeslust
im Alter lädt die Autorin alle Geschlechter mit den verschiedenen
sexuellen Präferenzen dazu ein, neue Formen
sexueller Begegnungen zu entwickeln - jenseits von
Beschwerden, Erkrankungen und kollektiven
Bewertungen. So macht sie Hoffnung auf das Herausfinden
der ureigenen Liebeslust - besonders im Alter.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum28. Apr. 2020
ISBN9783347018921
Reifezeit der Lust: Eine Ratgeberin für die Lust  auf ein fortgeschrittenes Liebesleben

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    Buchvorschau

    Reifezeit der Lust - Christa Schulte

    Vorwort

    In meinem Verständnis von Sexualität geht es immer um Formen von Liebe, auch wenn es sich zuweilen mehr um eine lustvolle Begegnung als um eine tiefe Liebesbeziehung handelt.

    Und wenn wir Sex als expansivste Form gelebter Liebe begreifen und dabei nicht auf die bekannten Ausdrucksformen fixiert sind, können wir entsprechend der Theorie der Cherokee (Workshops in 2000-2006) auch sagen: Jede Zelle, die sich gerade teilt, explodiert in sexueller Energie und bringt neue Formen hervor.

    Sexuelle Energie ist also eine der positivsten Formen expandierender Lebensenergie.

    Das ist für Sie zu banal?

    Mitnichten!

    Wie im Kleinen (der Zelle), so im Großen (dem ganzen Körper), wie im Innen (der einzelnen Person), so im Außen (der Paarbeziehung, letztlich der Welt).

    Und jedes Beenden alter Lebensformen trägt schon neue Formen in sich. Wir brauchen sie nur zu entdecken und innerlich anzunehmen.

    Im Alter sehen manche Veränderungen kleinschrittiger aus. Na und?

    In der Geh-Meditation z. B. werden die Schritte klein gehalten, um sie bewusster zu tun und ihnen eine Bedeutung zu geben. Diese Chance birgt besonders das Alter mit seiner bewegungsbezogenen Verlangsamung, mit den gemachten Erfahrungen und einem Plus an Sinnorientierung. Und wenn es beim Sex auch um Beziehung und Bindung geht, ist das nur dauerhaft in der Welt der Langsamkeit möglich. In dieser Welt geht es weniger um das „Machen" und um Leistungen, sondern um das bewusste Sein, das Miteinandersein.

    Aber was macht genau das Alter mit der Liebeslust? In diesem Buch möchte ich sowohl realistische Grenzen aufzeigen als auch Mut machen, neue oder veränderte Formen der Liebeslust im Alter zu entwickeln. Genauso, wie viele ihre Esskultur verfeinern, so kann auch die Liebeslust kultiviert, verfeinert und vielfältiger gestaltet werden.

    Denn Sex ist nicht gleich Sex. Die sexuelle Energie wandelt sich genauso wie das Leben selbst. Sie kennt keinen Ruhestand. Sie ist allerdings abhängig von den äußeren Lebensbedingungen, der Schichtzugehörigkeit, der Gesundheit, der Kultur, die die Menschen prägt und geprägt hat, den kollektiven Werten und Einstellungen sowie den biografischen Prägungen und dem jeweiligen Lebensabschnitt. Und die dem jeweiligen Lebensabschnitt subjektiv angemessene Wandlung kann aktiv gestaltet werden.

    Für wen ist das Buch geschrieben?

    Im Wesentlichen beziehe ich mich auf alle Geschlechter, sogenannte Cis-Personen (also Menschen, bei denen körperliches und soziales Geschlecht übereinstimmen) und Transpersonen (Menschen, bei denen es – noch oder dauerhaft- different ist) und Menschen mit nicht-binären Identitäten (also Menschen, die sich nicht auf ein Geschlecht reduzieren wollen). Daher verwende ich auch das Trans-Sternchen (*) in den Endungen und wechsle ab und zu die Geschlechterbezeichnungen, auch damit der Text flüssig lesbar bleibt. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich als frauenliebende Frau eine entsprechende Sicht auf das Thema Sex im Alter habe. Daher geht es im Text vorrangig um die Sicht von Frauen oder weiblich identifizierten Personen, die Frauen oder Männer lieben. Gleichzeitig können die Informationen auch für Männer mit allen sexuellen Identitäten interessant sein, um sich im Kontakt mit dem (weiblichen) Liebesgegenüber besser verstehen zu können. Außerdem hoffe ich, dass alle Geschlechter die meisten Aussagen für sich übersetzen können, denn sonst müsste ich für die Alterssexualität jeder Identität und Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung ein eigenes Buch schreiben.

    Die meisten meiner Anregungen beziehen sich auf den derzeitigen Mainstream, nämlich Paare – meist heterosexuelle – mit ergänzenden Kapiteln für Lesben, Schwule, Transidente und für Solosex im Vergleich zu Paaren und zu Gruppensex. Polyamouröse Beziehungen, BDSM-Spiele für die immer größer werdende SM-Subkultur oder sexuelle Kreisrituale werden hier nicht explizit beschrieben, ebenso keine Form von Sexarbeit. Ausnahme ist die Sexualbegleitung in Altenheimen.

    Insgesamt lassen sich die Anregungen in diesem Buch auf die meisten Beziehungsformen übertragen und anwenden.

    Die Probleme um sexuelle Delinquenz lasse ich hier außen vor – im Bewusstsein, dass die Täter zu einem großen Teil alternde Männer sind. Ich habe aber aktuell keine Lust, mich näher damit zu beschäftigen, weil mir die (indirekte) Beschäftigung damit im Bereich der Psychotherapie „reicht".

    Da das Buch auch einige eher spröde, aber wichtige Informationen liefert, versuche ich diese durch ein paar scherzhafte Textfelder ( grau markiert) und ein paar kleine Beispiele (kursiv gedruckt) aufzulockern. Insbesondere die Witze sind eine Auswahl aus drei Erzählseminaren; meine Internetrecherchen konnten die Quellen leider nicht immer zurückverfolgen.

    Sie können das Buch längs- oder querlesen. Gehen Sie einfach Ihrer momentanen Neugierde nach.

    Mein Wunsch dabei: Ich möchte, dass Ihnen zumindest einige Beschreibungen „unter die Haut gehen" und vielleicht sogar Ihr Herz erreichen. Dann war es die Arbeit wert, dieses Buch geschrieben zu haben.

    Kapitel 1

    Grundsätzliches

    Wir bleiben das ganze Leben lang sexuelle Wesen, ob wir unser Wesen nun aktiv ausleben oder nicht. Daraus folgt: Sexuelle Lust gibt es in allen Altersstufen vom jugendlichen bis ins hohe und höchste Alter. Sie kann Liebe, Begehren, Genuss, Freude, Bestätigung, Stärkung, Abbau von Spannungen, emotionale Nähe und Bindung zum Ausdruck bringen. Und wenn Paare sich sexuell lieben, verbinden sie sich intim und tief miteinander – jedenfalls wenn die Ausdrucksformen für beide stimmig und erfüllend sind und beide sich diesem gemeinsam kreierten „Lustwesen" hingeben können. Voraussetzungen dafür sind Vertrauen, offene Kommunikation, Entspannung, erotische Wohlspannung und emotionale Nähe. Unter diesen Voraussetzungen sind Berührungen dabei nie nur körperliche, sondern tiefe Berührungen der Seelen.

    Nach meiner langjährigen Erfahrung als Sexual-Beraterin und Paar- wie Einzeltherapeutin kann ich mittlerweile sagen: Die Alten entdecken die Liebeslust – auch in ihrer sexuellen Form. Sie haben oft nur keine Lust auf die tradierten Formen des „Liebe-Machens", sondern suchen nach Wegen, auch körperlich lustvoll in Liebe zu sein.

    Das hat sich inzwischen herumgesprochen und wird auch in Filmen wie z. B. „Wolke 9¹ oder „Wie beim ersten Mal² oder „Silber Sinnlich Sexy – und wie ich es werde³ für die älteren Jahre kreativ thematisiert. Auch das Buch „Silver Sex der alten Dame Ruth Westheimer (87)⁴ wurde endlich ins Deutsche übersetzt und von vielen aktuellen Werken ergänzt.

    In Fernsehfilmen haben sich z. B. Christiane Hörbiger oder die kürzlich gestorbene Iris Berben als Grandes Dames der Lebens- und Liebeslust im Alter erwiesen und taugen sicher für einige als Vorbilder. In den www.tipps-vom-experten.de ist sogar von einer neuen „sexuellen Revolution der „Generation 60 plus die Rede, die für den lebenslangen Wert der Sexualität steht.

    Um die sechzig herum zeigen sich zwar die ersten altersbedingten Körperveränderungen (wie das schüttere, graue Haar, die faltige Haut, Speckpölsterchen, hängender Po oder Bauch, eine Andeutung von Doppelkinn), doch die Lust auf Sex bleibt ungebrochen. Gerade die „Jungen Alten der heutigen Zeit sind oft noch „smart im Kopf und körperlich fitter als ihre Vorfahren. Auch die Erfahrung, erotisch unwiderstehlich zu sein, passiert aufgrund einer erotischen Ausstrahlung, die auch mit faltiger Haut noch möglich ist. Wahrscheinlich - so mutmaßt man mit 60plus - sind es die Achtzigjährigen, die keinen Sex mehr haben oder spätestens dann in einen Endzeitjammer verfallen. Dann aber sollte ein möglichst die Angehörigen und die Pflegeversicherungen nicht zu belastendes „sozialverträgliches Ableben" erfolgen. Mit achtzig taucht dann die Frage auf, wie man je glauben konnte, dass ein Leben ohne den Gedanken an Sex überhaupt möglich ist. Sind sie dann über 80, lächeln sie nicht selten verschmitzt darüber.

    Das Geheimnis lustvoller Sexualität ist gerade im Alter die aktive Pflege und die fantasievolle Kultivierung dieses Lebensbereiches, so dass selbst aus langjährigem, etwas langweiligem Grau wieder eine Vielfalt von Farben entstehen kann. Denn wenn wir nicht aktiv etwas aus dem Alter machen, macht es etwas mit uns … Und wenn jemand endlich den Job beendet hat, muss er das nicht auch gleich mit Sex und Lebensfreude tun. Die neue Aufgabe heißt, statt Verluste von Rollen, Funktionen, Machtpotenzialen und Kontakten zu bejammern: neue Prioritäten setzen – eventuell solche, die mehr mit Lebenslust zu tun haben?

    Auf einer Postkarte las ich den Kurztext:

    „Keine Angst vor dem Alter!

    Sie können noch ganz viel Unvernünftiges tun – nur langsamer."

    Als Hintergrund ein altes Paar, das die Köpfe so zusammensteckt, als ob sie etwas aushecken würden.

    Kirsten von Sydow⁵ bescheinigt dabei den Alten „eine größere Varianz im sexuellen Verhalten und Erleben die nicht mit biologischen Faktoren erklärt werden kann". D. h. die bunte Vielfalt ist bei vielen längst da, und grau ist nur das Haar auf dem Kopf.

    Auch in der Gerontologie werden der Alterssexualität wichtige psychische Funktionen zugeschrieben wie Kommunikation von Nähe und Zuneigung, Bestätigung von Beziehung und eigener Identität sowie Aktivierung des eigenen Belohnungssystems im Hirn und damit der Zufriedenheit mit dem Leben. Außerdem fördert sexuelle Aktivität auch das allgemeine Aktivitätsniveau und wirkt einem geistigen wie körperlichen Abbau entgegen.

    Auch bleibt die Fähigkeit zu sinnlicher, körperlicher Kommunikation länger erhalten als etwa die Fähigkeit zu sprachlicher Kommunikation. Dazu kommt, dass jetzt zur allgemeinen Geschlechtsreife die lebenslang erworbene sexuelle Reife und die persönliche Reife ein gutes Gegengewicht gegen alte sexuelle Normen, Regeln und Verbote darstellen können.

    Wichtig bei der weiteren Beschäftigung mit Sex in all seinen (Alters-)Variationen ist die Beachtung seiner vier Hauptdimensionen:

    • Die Beziehungsdimension:

    Schaffen von Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, von gegenseitigem Vertrauen, Verbundenheit und Bestätigung der Beziehung

    • Die Lustdimension:

    das sinnliche Erleben von Erotik, Erregung und Orgasmen, den körperlich intensivsten Ausdruck von Liebe und Hingabe

    • Die Identitätsdimension:

    Selbstbestätigung, Wahrnehmung der erwachsenen sexuellen Identität

    • Die reproduktive Dimension: das Zeugen von Kindern bzw. Verhütung von Schwangerschaft

    Mit dieser Reihenfolge ist auch schon die Priorisierung im Alter benannt: Die Beziehungsdimension ist die vorrangige, die Lustdimension kommt danach, die Identitätsdimension verliert ihre aktuelle Wichtigkeit und die reproduktive Dimension kommt außer bei Männern mit sehr viel jüngeren Frauen nicht mehr infrage.

    Ist Sex in jungen Jahren wirklich glücklicher, liebevoller und entspannter ist als der Sex der Großeltern? Häufig ist er schneller, wilder, abenteuerlicher, aufregender, rauschhafter und sportlicher. Die Notwendigkeit der Akzeptanz körperlicher Einschränkungen ist für gesunde und äußerlich attraktive Junge noch ein seltenes Thema.

    Fazit: Jede sexuelle Energie (ob als Gedanke, Gefühl oder als Handlung) ist gelebte Lebensenergie. Sie ist ein Ausdruck der Hingabe an das Leben selbst. Sex wird also in unserem Leben immer eine Rolle spielen, auch wenn er manchmal eher indirekt gelebt wird: z. B. gilt der Paartanz als der „vertikale Ausdruck für ein „horizontales Bedürfnis.

    Allerdings verändert sich der Körper und mit ihm der Sex sowie die Gedanken rund um den Sex im Laufe des Lebens, so dass Sex im Alter oft ganz anders ist als früher vorgestellt. Vielleicht ist es weniger der „HeißspornSex" der Sturm-und–Drang-Zeit, der die ganze Person durcheinanderwirbelt, sondern mehr der stille, tiefe Sex, der unter die Haut geht und seine Tiefe aus der Reife der Persönlichkeiten bezieht.

    Auch muss es nicht mehr der angepasste Sex sein, für dessen Zustandekommen vorschnell Kompromisse gemacht werden, Rücksichtnahme wichtiger wird als Selbstausdruck und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche bis zur Unkenntlichkeit zurückgestellt werden - oder umgekehrt: bei dem ein Teil eines Paares viel zu oft die Verantwortung übernimmt oder ständig meint, die Initiative ergreifen zu müssen. Statt solche Gewohnheiten im Alter einfach fortzuführen, können weise Alte auch solche Normen und Regeln wie alten Ballast hinter sich werfen und sich lieber mit der lächelnden Unsicherheit eines Neubeginns begegnen.

    Der Genuss von Sex ist außerdem unabhängig davon, ob wir mit dem Fahrrad oder dem Rollator unterwegs sind. Hierbei geht es nämlich um Gefühls- und weniger um Fortbewegungen. Und wie die Gefühlsbewegungen ausgedrückt werden, wird mit zunehmendem Alter bei Frauen wie Männern immer unterschiedlicher, so dass auch die Aussagekraft von Durchschnittswerten immer geringer wird. Dabei hat sich herausgestellt, dass sowieso prinzipiell alle (Körper-)Formen und Wahrnehmungen erotisierbar sind – wenn wir ihnen eine entsprechende Bedeutung geben. Das dann ausgelöste Begehren kann sowohl zum störenden Gefühl als auch zum energiegeladenen Lebenselixier werden – je nach der Bedeutung, die wir ihm geben.

    Manche stoßen dieses Lebenselixier allerdings in den Rumpelkeller unwichtig gewordener Dinge. Sie leben freiwillig oder aus Mangel an Gelegenheit sexuelle Abstinenz und vermissen sexuelle Aktivität nicht besonders

    – im Gegensatz zu denen, die frustriert sind über ihre „Sexout-Beziehungen".

    Auch diese Entscheidung verdient Respekt. Allerdings braucht eine Person schon viel Energie, um alle sexuellen Gedanken, Wünsche und Handlungen zu sublimieren (etwa in geistige Aktivitäten oder soziales Engagement umzuwandeln), zu verdrängen (also z. B. nur noch den Träumen zu überlassen) oder auf andere zu projizieren (z. B. in der attraktiven Nachbarin zu sehen): All das sind Aktivierungen innerer Kräfte, die dann an anderer Stelle fehlen. Gerade das Verdrängen und Projizieren sind Abwehrformen, die die Alten zwar vordergründig „pflegeleichter und „gemütlicher machen, aber auch müder, störrischer oder depressiver.

    Ausnahme sind die selbstbewusst und gerne „Asexuellen", deren Liebe und Leidenschaft so sehr in die Kunst, ins soziale oder politische Engagement oder die Arbeit geht, dass hier ihre Liebeslust ihren Lebe-Ort findet, so dass sie ehrlich nichts vermissen.

    Dennoch halten sich nicht nur bei Alten, sondern gerade bei jungen Menschen die Mythen und Vorurteile, auf die ich in Kapitel 2 eingehen werde. Das Fatale dabei: Selbst die Tabuisierung von „Alterssex" zu erwähnen, ist schon wieder tabuisiert.

    Damit möchte ich in dieser Ideen- und Ratgeberin schwungvoll aufräumen.

    Daher meine acht Grundthesen:

    • Sexualität ist eine Form der Lebensenergie jedes Menschen, unabhängig vom Alter, vom Geschlecht, der sexuellen Orientierung, des sozialen Standes und der Normen und Werte der Kultur und des Zeitgeistes.

    • Für Sex ist es nie zu spät, aber im Alter ändern sich die Bedürfnisse, die Formen und die Sprache der Liebeslust.

    • Die meisten sexuellen Varianten werden nicht durch das Alter an sich, sondern durch generations- und kulturbedingte Faktoren sowie durch Dynamiken der Beziehung bestimmt.

    • Alle Körperformen (auch die altersbedingten Veränderungen) sind erotisierbar, wenn sie eine lustfördernde Bedeutung bekommen.

    • Qualität wird wichtiger als Quantität, und bewusste Langsamkeit wird wichtiger als Schnelligkeit.

    • Im Alter geht es beim Sex weniger um das „Machen" und „Leisten als vielmehr um das „in Liebe Sein.

    • Sex und Denken ist ein Gegensatzpaar, das nicht im gleichen Zeitfenster erscheinen kann.

    • Die Zeit für den besten Sex ist das Alter. Die eigene Sterblichkeit kann dabei zu einer weisen Beraterin werden.

    Mit der Qualität des Liebeslebens ist Folgendes gemeint: die Intensität, die Bezogenheit, die Tiefe, die Weite und die Freiheit von äußeren Normen. Wenn das Liebesleben so gelebt wird, ist auch die gesamte Beziehung geprägt durch folgende Charakteristika:

    • Zärtlichkeit,

    • Sinnlichkeit

    • Gelassenheit,

    • Humor,

    • Vertrauen,

    • Geborgenheit

    • körperliche Nähe,

    • das Gefühl von Verbundenheit und

    • gegenseitige Bestätigung.

    Diese Qualitäten werden in diesem Buch mehrfach in unterschiedlichen Facetten wiederholt, weil sie mir so wichtig sind.

    Wann fängt denn Alter an?

    Wikipedia als bekanntestes Internetlexikon definiert es ab dem 65. Lebensjahr und unterscheidet zwischen „jungen Alten, „alten Alten und „Hochbetagten".

    Altersbedingte Veränderungen der Sexualität beginnen bereits um das 40. Lebensjahr. Die meisten Frauen erleben im darauffolgenden Lebensjahrzehnt hormonelle Veränderungen, die die Wechseljahre⁶ einleiten. Bei einigen Männern tritt in dieser Zeit ein als Midlife Crisis oder Andropause bezeichneter Einschnitt in der psychosozialen Altersentwicklung auf, der auf psychischen Veränderungen, geänderten Lebensumständen und der Erfüllung von Reproduktionsaufgaben basiert. Viele fangen spätestens dann an mit Fitnesstraining, gesunder Ernährung und einer Schublade voll Nahrungsergänzungsmitteln gegen Alterungsprozesse. Die spezielle Befürchtung dabei: „Zeit und Leidenschaft verrinnen gemeinsam"⁷. Fakt ist allerdings, dass bei Männern das Testosteron⁸ schon ab dem 20. Lebensjahr im Sinkflug begriffen ist und die Potenz schleichend reduziert.

    In psychologischer Hinsicht spricht man von Alterssexualität meist als von der Zeit nach den klimakterischen und Midlife-Veränderungen⁹. Radebold¹⁰ spricht zwischen 60 und 65 Jahren vom „höheren Lebensalter, zwischen 65 und 75 Jahren von den „jungen Alten und ab 75 Jahren von den „alten Alten".

    Aber heutzutage stelle ich immer wieder fest, dass Frauen wie Männer sich oft selbst 7-10 Jahre jünger einschätzen und zu den offiziellen Gruppen nicht dazugehören wollen. Es gefällt mir, wenn Vanessa del Rae¹¹ zwischen biologischem (die zählbaren Lebensjahre), sozialem (die den Alten zugeschriebenen Rollen und Eigenschaften) und gefühltem (die subjektive Selbstwahrnehmung) Alter unterscheidet und von keiner selbstverständlichen Übereinstimmung ausgeht. Auch die Grenzen zwischen den verschiedenen Altersgruppen können als fließend angesehen werden.

    Und – wo ordnen Sie selbst sich ein?

    Ein Spaziergänger trifft eine sehr faltige, runzelige Frau mit vielen grauen Strähnen im Haar auf einer Parkbank. Sie schaut glücklich und verträumt in die Weite.

    „Entschuldigen Sie, spricht er die Frau an, „Sie sehen so zufrieden und glücklich aus. Was ist das Geheimnis Ihres Älterwerdens?

    Die Frau antwortet: „Jeden Tag 60 bis 80 Zigaretten, mindestens eine Flasche Whisky, keinen Sport und jede Menge junger Liebhaber … und das mein ganzes Leben lang!"

    „Unglaublich!, staunt der Mann, „und darf ich Sie fragen, wie alt Sie jetzt sind?

    „Neununddreißig …"

    Was ist denn guter, anstrebenswerter Sex?

    Guter Sex ist die körperlich-seelische Art des lustvollen Austausches, die für beide stimmig ist und für beide Befriedigung und nachhaltige Erfüllung bringt.

    Dabei kommt es nicht auf Stellungen, Bewegungen und Erregungen an, sondern um Berührung aus der inneren Berührtheit, um Hingabe, Spannkraft, freudvolles Tun, entspanntes Lassen und um liebevolle Begegnung. Was das konkret bedeutet, entscheiden Sie selbst – in Verbindung mit Ihrem Liebesgegenüber.

    ¹ von Regisseur Andreas Dresen

    ² von Regisseur David Frankel (2012)

    ³ del Rae 2012

    ⁴ 2014, erstmals in den USA in 2005 erschienen

    ⁵ zit. n. Hartmann et al. 2013

    ⁶ auch Klimakterium genannt

    ⁷ Bäuerlein 2016

    ⁸ männliches Sexualhormon

    ⁹ Wikipedia 2019

    ¹⁰ 1992

    ¹¹ 2014

    Kapitel 2

    Mythen und Realitäten

    Mythen sind ja subjektive oder kollektive Überzeugungen, die das eigene (Sexual-)Leben beeinflussen, aber nicht unbedingt der Realität entsprechen. Sie helfen, uns zu orientieren und Prozesse zu verstehen. Sie sind Ausdruck von Kultur und Zeitgeist. Gerade die sexuellen Mythen sind oft allerdings auch hemmend und behindernd. Auch wenn sie intellektuell durchschaut und kritisiert werden, halten sie sich so hartnäckig wie eine Zecke, die sich einmal im Bein festgebissen hat. Und verstärkt wird ihre Wirkung auch noch durch viele Liebesromane, Filme oder erzählte Geschichten. Hier also die Beschreibung einiger aktueller Mythen.

    Sex im Alter ist „igitt", wenn viele heutige Erwachsene sich ihre Eltern bei ihrer eigenen Zeugung oder ihre Großeltern beim Sexakt vorstellen. Das Gleiche gilt, wenn Kinder oder Jugendliche sich ihre Eltern beim Sex vorstellen. Eine solche Abwehr hängt damit zusammen, dass Sex wie automatisch gekoppelt wird an jugendliche, fitte und gesunde Körper, an Liebe, Abenteuerlust oder die angebliche Leichtigkeit eines Sexvergnügens für nur eine Nacht. Dieses jugendliche Körperbild als kollektive Norm für den Zugang zu Flirt, Erotik und Sexualität schiebt alles über 55 auf das Trockendock der Asexualität. Und da Junge definieren, was Sex ist, werden z. B. der Austausch bereits kleiner Zärtlichkeiten unter Alten als normabweichendes Verhalten definiert.

    Schon die Adjektive, mit denen allgemein eine neue Liebe beschrieben wird, machen klar, in welcher Lebensphase diese verortet wird:

    Solch eine Liebe wird als „frisch und „zart und „knospend oder einfach „jung bezeichnet. Nun sind aber immer weniger Menschen in diesem Land frisch und knospend und jung. Die Hälfte der Deutschen ist jetzt schon über 45 – mit steigender Tendenz. Und die Lebenserwartung steigt jedes Jahr um drei Monate.

    Und auch dieses zweifelhafte Kompliment: „Für Dein Alter siehst Du noch ziemlich gut aus! bedeutet nicht etwa eine Ausnahmeerlaubnis (wer sollte auch die Macht haben, sie zu geben?), sondern suggeriert, dass Alter, Schönheit und sexuelle Attraktivität ja eigentlich doch nicht zusammengehören. Im Gegenteil: Die körperlichen und geistigen Alterungsprozesse (der als gegeben angenommene „Altersabbau der Ü60-Generation) werden wie eine Krankheit angesehen. Sie geben dem Körper zwar noch eine „Restlaufzeit bis zum Tod, sie lassen aber „wie naturgegeben die sexuelle Lust und ihre Realisierbarkeit schrumpfen bis auf plötzliche kleine Geilheiten Demenzkranker z. B. bei pflegerischen Berührungen, die es aber zum Erhalt menschlicher Würde einzudämmen gilt.

    Das ist ein kollektiver Denkfehler in Verbindung mit jugendlicher Arroganz, der sich trotz anderer Forschungsergebnisse (s. Kapitel 3) zumindest aktuell noch hält. Ob dies in 20 Jahren noch so ist? Hoffentlich nicht!

    Patient: „Herr Doktor, nach dem Sex habe ich immer ein Pfeifen im Ohr."

    Doktor: „Na, was erwarten Sie denn in Ihrem Alter - standing ovations?"

    Wenn alte Menschen allerdings erst einmal unsicher und frustriert sind, weil die alte Art, Sexualität zu leben, nicht mehr möglich ist, hören sie oft: „Schauen Sie doch einmal in den Spiegel!" Als ob sie mit dem Erwerb gegerbter Haut, Speckröllchen, Hängebusen oder schütterer Haare schon den Zustand altersbedingter Asexualität mit erworben und sich bei derart „natürlichen Abbauprozessen schließlich nicht zu beklagen hätten. Alles andere wäre einfach absurd und krank. Und wer will sich schon als unwürdiger Lustgreis oder als perverse Nymphomanin sehen? Dann besser „Frauenversteher oder Vorleserin im Altersheim nebenan.

    Besonders wirkt sich das Asexualitäts-Stigma auf Frauen aus, die im Bild vieler Junger zur Nicht-Frau werden und diese Zuweisungen nicht selten selbst verinnerlicht haben. Andererseits machen die alten Frauen mit aktiver Sexualität vielen Männern Angst, weil sie aufgrund der Abkopplung der Lust von der Fruchtbarkeit kraftvoller und selbstbewusster für sich eintreten können.

    Aber sowohl Frauen als auch Männer haben es schwer, ihre sexuelle „Natur" (was immer sie darunter verstehen) zu würdigen, wenn sie die Natur unserer Erde gleichzeitig mit Füßen treten.

    Ein weiterer kollektiver Mythos ist die „Frisch-Fleisch-Falle"¹². Das bedeutet, die sexuelle Erfüllung an der Lebensart und den Körpern von Teens und Twens zu orientieren, die am besten die Körper der begehrten Pin-Ups haben und somit den männlichen und indirekt auch vielen weiblichen Ansprüchen gerecht werden. Die Falle: Gerade wegen ihrer Perfektheit in der Umsetzung männlicher Entwürfe werden sie nur als Fetische, aber nicht als lebendige Frauen betrachtet, also nicht wirklich geachtet.

    Zwei einsame ältere Männer vertreiben sich die Zeit mit ausgiebigen Chats. Noch scheuen sie ein Treffen, sind aber beglückt über all die schönen Worte. Beide glauben fest, der andere sei eine 23jährige sexy Blondine.

    Natürlich gibt es auch die lebendigen jungen Frauen und Männer, die schnelle Kontakte machen können, allerdings häufig lieber unverbindlich leben, wenig differenzierte sexuelle Aufklärung haben und ihr Selbstwertgefühl von den „likes" der veröffentlichten Selfies abhängig machen. Statt der körperlich fühlbaren, greifbaren Kontakte machen sie die minütliche Erfahrung, dass allein schon das Wischen auf dem Smartphone für eine Dopamin Ausschüttung im Hirn, also für eine Aktivierung des Belohnungssystems sorgt. Da muss ein Liebesgegenüber schon starke Reize bieten, um die Aufmerksamkeit von Smartphone oder Tablet auf sich selbst zu lenken.

    Gleichzeitig können sie sich darauf verlassen, dass Dopamin als Hormon der Begierde vor dem Orgasmus enorm ansteigt, um dann im Orgasmus plötzlich abzufallen und einem erhöhten Prolaktinspiegel Platz zu machen, der Sattheit und ein Gefühl der Belohnung macht.

    Das Gegenteil ist dann die „Greisen-Falle"¹³, in der die Rollen als hilflose oder neidisch-pessimistische Alte mit passivem Selbsthass zelebriert werden. So wird zuweilen die Identitätskrise nach Berentung negativ „gelöst" und die Verantwortung für die Sorge um sich anderen überlassen. Aber die verbitterten Gesichter zeigen oft an, dass dies wohl kein geschickter Trick ist, um andere für sich arbeiten zu lassen, sondern eine Vermeidung von innerem Wachstum. Dazu gehört auch eine resignative Sex-Vermeidung, statt sich mit den Ängsten und notwendig gewordenen neuen Formen auseinanderzusetzen. Entsprechend dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tritt dann auch genau die sexuelle Lustlosigkeit ein, die jemand in der eigenen passiven Hilflosigkeit befürchtet hat.

    Der hartnäckigste Mythos für alle Altersstufen ist jedoch: Wenn zwei sich lieben, haben sie

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