1974: Die WM der Genies
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Über dieses E-Book
Was für ein Freudentaumel, als Franz Beckenbauer 1974 den Pokal gen Himmel reckt! Der verdiente 2:1-Sieg gegen die Niederländer war der krönende Abschluss einer Fußball-WM in Deutschland, die Geschichte geschrieben hat. Rund 50 Jahre danach erweckt das Expertenduo Dahlkamp/Schulze-Marmeling das historische Fußballfieber zu neuem Leben. Sie erzählen von Spielerlegenden wie Johan Cruyff oder Berti Vogts und lassen ihre ganz persönlichen Fußballhighlights Revue passieren. Dabei nehmen sie auch politische und gesellschaftliche Ereignisse in den Blick, die die Deutschen abseits der Stadien in Atem hielten.
- Fußball-Weltmeisterschaft der Superlative: Die WM 1974 in Deutschland
- Ein Highlight der WM-Geschichte: Von strahlenden Siegern und überragenden Fußball-Legenden
- Die 70er Jahre abseits des grünen Rasens: Von Glamrock bis Guillaume-Affäre
- In bester Erzähltradition von "71/72", Bernd Beyers erfolgreichem "Fußballbuch des Jahres"
- Ein Geschenk für Fußballfans, WM-Nostalgiker und Geschichtsinteressierte
Die ganze Geschichte der Fußball-WM 74: Ein Turnier in aufregenden Zeiten
Nicht nur in den Stadien ging es 1974 hoch her. Neben dem Terror der RAF und dem Rücktritt Willy Brandts prägten Aufbruchstimmung und neue musikalische Trends die bundesdeutsche Gesellschaft. Mit großartiger Erzählkunst verknüpfen die Autoren WM-Historie, politische Geschehnisse und Kulturgeschichte zu einer stimmigen Rückschau auf ganz besondere Zeiten. Herausgekommen ist ein WM-Buch, das nicht nur die Herzen eingefleischter Fußball-Fans höherschlagen lässt!
Dietrich Schulze-Marmeling
Dietrich Schulze-Marmeling, geboren am 8. Dezember 1956 in Kamen/Westfalen, gehört zu den profiliertesten und produktivsten Fußballautoren- und historikern in Deutschland. Schulze-Marmelings erstes Fußballbuch erschien 1992 und trug den Titel „Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports.“ Christoph Biermann schwärmte damals in der „tageszeitung“: „Manchmal schlägt man ein Buch auf und fragt sich nach einer durchlesenen Nacht, warum es das nicht schon vorher gegeben hat. (...) Dieses Buch schafft nämlich den Durchbruch. Es ist der erste ernsthafte Versuch einer Fußballgeschichte in Deutschland, die auch die politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen des Spiels einbezieht. (...) Ein brillanter Steilpass aus defensiver Sprachlosigkeit und vagen Mittelfeldgeraune.“ Es folgten u.a. Bücher über Borussia Dortmund und den FC Bayern München, denen der Charakter von „Standardwerken“ attestiert wurde. Ebenso erging es seinen Veröffentlichungen „Das goldene Buch der Fußballweltmeisterschaft“ und „Das goldene Buch des deutschen Fußballs“ (mit Hardy Grüne), die beide in mehreren Auflagen erschienen sind. Auch zur Geschichte großer internationaler Vereine hat Schulze-Marmeling erfolgreiche Bücher vorgelegt, so zum FC Barcelona, zu Manchester United, Celtic Glasgow und zuletzt zum FC Liverpool („Reds“). Für seine bislang wertvollste Veröffentlichung erachtet der Autor indes „Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball“, die mit dazu beitrug, dass die Geschichte des deutschen Fußballs „umgeschrieben“ wurde. Der Literaturkritiker Helmut Böttiger urteilte in der „Zeit“: „Eine absolut herausragende Veröffentlichung. Hier liegt der Idealfall vor: Fußball als Kulturgeschichte.“ Für das Buch „Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“ wurde Schulze-Marmeling mit dem Preis für das Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und lebt in Altenberge bei Münster. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt auch für den Die Werkstatt Blog. Alle Artikel findet ihr hier: Zum Blog
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Rezensionen für 1974
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Buchvorschau
1974 - Dietrich Schulze-Marmeling
PROLOG
AM ANFANG WAR DIE PRÄMIE
Beinahe wäre die Operation Titelgewinn für die DFB-Elf schon vorbei gewesen, bevor sie überhaupt begann. Spieler und DFB-Führung haben sich zerstritten. Zum neuen Selbstbewusstsein der Profis gehört auch, an den Geldern zu partizipieren, die Vereine oder Verbände dank der Künste ihrer Spieler einstreichen können. Vorbei die Zeit, in der die Gehälter der Bundesligaspieler auf 1.200 DM gedeckelt waren. Die Grenze ist, auch als Folge von Bestechungsskandalen, vor zwei Jahren aufgehoben worden; seither fordern die Spieler Gehälter auf internationalem Niveau. Auch bei einer Weltmeisterschaft.
Sepp Maier: „Wir hätten die Prämie vorher mit dem DFB aushandeln sollen. Aber als wir ins Trainingslager gingen, waren wir sicher, dass uns die Herren nicht hängen lassen. Da haben sie uns die gleiche Prämie wie in Mexiko 1970 angeboten, 30.000 Mark. Das klingt vielleicht nach einer Menge Geld. Aber wenn man bedenkt, dass man sechs Wochen weg ist von daheim und damit auch von allen anderen Prämien, allen Nebengeschäften, dann ist das nicht mehr viel. Außerdem lasen wir Zeitung. Da stand, dass die Italiener für den Titel 120.000 Mark kassieren würden."
Berti Vogts: „Der DFB hatte sich zunächst gar nicht zu Prämien geäußert. Nun ging es immer näher zum ersten Spiel, da hat der Mannschaftsrat, zu dem ich mit Günter Netzer und Paul Breitner gehörte, diskutiert. Der DFB hat uns ein Angebot gemacht, das war zum Lachen. Dann hat der Franz Beckenbauer nach Rücksprache mit uns mit Neuberger (Anm. d. A.: gemeint ist Hermann Neuberger, Vizepräsident des DFB und WM-Organisationschef) ein Gespräch geführt. Das Angebot war 30.000 DM. In der Gruppe hieß es dann: Das kann doch nicht wahr sein. Wir haben mit der Mannschaft gesprochen, da waren die Jungen, also Breitner und Bonhof, die haben gesagt, das müssen schon so 50.000 oder 60.000 sein. Das war damals unheimlich viel Geld. Es gab damals ja nicht die Sponsorengelder wie heute. Die sind ja viel höher als die Prämien, die der DFB offiziell ausschüttet. Wir hatten damals Sponsorengelder von 10.000 oder 12.000 DM. Als Vertreter der Liga war noch der Präsident von Borussia Mönchengladbach bei den Verhandlungen dabei, Dr. Beyer, der hat uns auch noch einige böse Worte gesagt."
Dem Bundestrainer, Helmut Schön, sei das alles peinlich gewesen, erinnert sich Vogts weiter: „Er mochte das nicht. Er wusste natürlich, dass das Zeitalter des Geldes angebrochen war. Aber er wusste nichts über die Summen. Da war Bayern München natürlich weit voraus; wir in Gladbach haben für die Meisterschaft 15.000 bekommen. Für uns war es merkwürdig, wenn die Bayern jetzt bei 50.000 sagten: zu wenig, zu wenig. Da waren die Bayern-Spieler schon in anderen Regionen angekommen, insbesondere Uli Hoeneß und Paul Breitner, die da den Franz unter Druck gesetzt haben."
Die Spieler fordern schließlich im Falle eines Titelgewinns 100.000 DM, bieten als Kompromiss 75.000 an. Die Stimmung ist gereizt, eine Einigung scheint unmöglich. Um dem DFB-Argument der Nichterfüllbarkeit ihrer Forderungen zu begegnen, regt Breitner an, den offiziellen Ausrüster Adidas mit ins Boot zu nehmen. Für den Sportartikelhersteller laufen die Spieler schließlich von morgens bis abends Reklame. Bei der WM 1970 gab es von Adidas 10.000 DM „Schuhgeld. Nun soll es das Doppelte sein. Und wenn nicht? „Dann überpinseln wir die weißen Werbestreifen mit schwarzer Farbe
, kolportiert das Boulevardblatt Bild. Aber Adidas winkt ab. Schließlich habe man mit dem DFB einen Ausstattervertrag unterzeichnet, der dem Verband 175.000 DM garantiere. Im Falle eines WM-Sieges würden daraus sogar 220.000. Eine mögliche Zusatzprämie sei deshalb allein Sache des Verbands.
Entschiedenster Gegenspieler der Mannschaft ist DFB-Delegationsleiter Heinz Deckert, dem die neumodische Einstellung der Spieler überhaupt nicht passt. Deckert, als Spielausschussvorsitzender für die Nationalelf zuständig, ist erzkonservativ wie manch andere seiner Kollegen im DFB-Vorstand, inklusive dessen Präsident Hermann Gösmann, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied. Während der Nazizeit hatte Gösmann als Vorsitzender des VfL Osnabrück im Vereinsblatt die „großgeschichtliche Tat der „Heimführung unserer österreichischen und sudetendeutschen Brüder ins großdeutsche Reich
gepriesen. Vom Einmarsch in Frankreich berichtet er fasziniert: „Ganz Deutschland steht in Ergriffenheit vor dem Führer."
Auch Deckert hatte während der NS-Zeit für eine Weile den braunen Horden der SA angehört. Im Entnazifizierungsverfahren nach Kriegsende gab er an, der SA nur „zur Tarnung beigetreten zu sein. Immerhin konnte er glaubhaft machen, dass die Nazis ihn als „politisch unzuverlässig
eingestuft hatten. Wirklich verfolgt oder verurteilt haben sie ihn allerdings nicht, auch seinen Beamtenposten in der Stadtverwaltung ließen sie ihm. Deckert war als gläubiger Katholik wohl tatsächlich kein Nationalsozialist. Seine Selbsteinschätzung, die er im Entnazifizierungsverfahren ablieferte, wirkt allerdings grotesk überzogen: „Ich bin der Überzeugung, dass es wohl kaum einen Menschen gibt, der im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten schärfer und aggressiver gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen hat als ich."
Nach dem Krieg trat Deckert der CSU bei und machte in seiner Heimatstadt Schweinfurt Karriere: Beruflich stieg er zum Stadtkämmerer auf, als Sportfunktionär zum Vorsitzenden des FC Schweinfurt 05. Beim DFB war er als stellvertretender Spielausschussvorsitzender schon bei der WM 1954 für die Nationalelf zuständig und betreute sie auch im legendären Trainingslager von Spiez. Dort sah er Fritz Walters Mannen „durch das disziplinierte Auftreten (…) unsere Heimat würdig vertreten, wie er in einem Bericht für eine Schweinfurter Vereinszeitung schrieb. Natürlich feierte er darin auch das Wunder von Bern, wies aber noch auf eine „zweite Sensation
hin: „Die vielen Tausende von deutschen Zuschauern, die sich vor Begeisterung schier überschlugen, zeigten den Schweizern nach Spielende, was Disziplin heißt."
Eine Disziplin, die er 20 Jahre später bei der neuen Spielergeneration um Beckenbauer und Netzer schmerzlich vermisst. Als „Lagerleiter" (so der Spiegel) hat er für den Frust seiner kasernierten Spieler kein Verständnis, und ihre Geldforderungen hält er schlicht für „Erpressung und „einen willkommenen Anlass, sich ordentlich aufzuplustern
, wie Sepp Maier kommentiert. Uli Hoeneß sagte später in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über Funktionäre wie Deckert: „Die lebten noch in einer Welt, wo elf Freunde möglichst umsonst Fußball spielen. Sie begriffen nicht, dass sie es mit einer Generation zu tun hatten, die professioneller geworden war und sich nicht mehr alles aufoktroyieren ließ."
Bild schlägt Alarm: „Krach ums Geld in Malente! DFB wollte alle rausschmeißen. Damit versuchten die Funktionäre die WM-Prämien zu drücken. Hermann Neuberger bestätigt gegenüber dem Boulevardblatt: „Ja, wir haben den Spielern freigestellt, wieder nach Hause zu fahren.
Für den autoritären Knochen, dessen Führungsstil das Wirtschaftsmagazin Capital als „Diktatur und lückenlose Überwachung seiner Mitarbeiter beschreibt, sind „Spieler zu ersetzen, Funktionäre nicht
. Aussperrung also schon vor einem Streik? Möglich, aber maßlos überzogen.
Bild malt sich schon hämisch aus, wen Helmut Schön dann noch aufstellen könnte: Herbert Hein in der Verteidigung, Wolfgang Seel im Mittelfeld und Klaus Wunder als Mittelstürmer. Auch die Spieler überlegen, welche Kollegen der Verband wohl noch auf die Schnelle nach Malente holen könnte. Sepp Maier: „Aber außer von Werder Bremen hätten sonst keine guten Spieler nachnominiert werden können, da die meisten Klubs auf Freundschaftsreisen waren, in Amerika und in Asien. Der DFB war also auf uns angewiesen. Berti Vogts: „Es hieß: Okay, dann werden einige Spieler abreisen müssen, die nicht spielen wollen, wenn es keine höheren Prämien gibt. Dann kommen eben die übrigen Spieler aus dem 40er-Kader. Aber von denen waren viele schon im Urlaub, einige verletzt, deshalb haben wir uns ausgerechnet: Damit kann man uns nicht erpressen.
Tatsächlich sind die Prämienforderungen der Spieler keineswegs überzogen, sie liegen im Trend der Zeit und entsprechen auch in der Rückschau der historischen Entwicklung: Für die Weltmeister von 1954 gab es 2.500 DM plus Fernseher und Motorroller, 1990 bereits 125.000 DM und 2014 schließlich 300.000 Euro, umgerechnet also fast 600.000 DM. Für einen Titelgewinn 2022 in Katar wurden sogar 400.000 Euro ausgelobt. Der Kicker zeigt für die Nationalspieler Verständnis: „Die 22 von Malente, allen voran Beckenbauer, haben in einer kritischen Phase klaren Kopf behalten und das getan, was im Geschäftsleben üblich ist."
Als im Team über die Prämienforderung und die sich daraus möglicherweise ergebenden Konsequenzen abgestimmt wird, ist „die eine Hälfte fürs Nachhausefahren, falls die Prämie nicht gezahlt werden würde, die andere wollte trotzdem an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Denen genügte das Dabeisein. So erzählt es Sepp Maier. Im Vorfeld der Abstimmung hat Deutschlands Nummer eins dafür gesorgt, dass seine beiden Vertreter, Wolfgang Kleff und Norbert Nigbur, für die Prämie stimmen. Maier: „Wenn alle drei Torhüter ausfallen würden, das hätte der Verband nie ausgleichen können.
Mit dem Remis ist noch immer keine Entscheidung gefallen und die Diskussion geht weiter. Ab und an kommt Helmut Schöns Assistent Jupp Derwall herein, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Maier: „Jedes Mal, wenn er zu uns kam, hat ausgerechnet Paul Breitner geredet." Was noch Folgen für das Verhältnis zwischen Schön und Breitner zeitigen wird, doch dazu später.
Dank einer Intervention von Hermann Neuberger, der nicht weniger konservativ ist als Kollege Deckert, aber in finanziellen Dingen deutlich smarter, einigt man sich nach 15 Stunden. Berti Vogts: „Es gab dann eine Summe von 60.000, und wenn die Stadien alle ausverkauft sind – sie waren nicht alle ausverkauft –, dann können wir später noch einmal sprechen. Vor dem Finale in München gab es noch ein Gespräch, da hat der DFB 10 oder 15 draufgetan, dazu kam ein VW, jeder Spieler hat einen VW bekommen, in Schwarz-Grün, den Farben des DFB."
★
Auch bei den Niederländern wird heftig über Geld gestritten. Und auch ihre Teilnahme gerät wenige Tage vor dem Anpfiff des Turniers in Gefahr. Der Amateurismus des Koninklijke Nederlandse Voetbal Bonds (KNVB) hat in der Nationalelf, der Elftal, seinen letzten Hort. Während bei den großen Klubs Ajax und Feyenoord längst der Professionalismus eingezogen ist, behandelt der Verband seine Nationalspieler unverändert wie Unmündige, die man nicht angemessen entlohnen muss.
Lange Zeit kassierten die Spieler nur lächerliche 200 Gulden pro Einsatz und waren nicht einmal gegen die Folgen von Verletzungen versichert. Superstar Johan Cruyff und sein Schwiegervater und Berater Cor Coster schimpfen die Verbandsoberen „Amateure", die die Verantwortung dafür trügen, dass die Fußball-Weltmeisterschaft seit 1938 ohne die Niederlande stattfindet.
Der KNVB hat mit Adidas einen Trikotdeal abgeschlossen, von dem die Spieler erst erfahren, als sie das Kleidungsstück in die Hand gedrückt bekommen. Die Spieler, insbesondere Johan Cruyff, der bei Puma unter Vertrag steht, fühlen sich übergangen. Cruyff: „Sie dachten, sie müssten nicht mit uns reden, das Trikot würde ihnen gehören. Aber der Kopf, der oben herausschaut, gehört immer noch mir."
Bei der WM wird Cruyff nicht wie seine Kollegen mit den berühmten drei Streifen auf dem Trikot auflaufen, sondern nur mit zwei.
Am 10. Juni 1974, zwei Tage vor der Abreise ins Mannschaftsquartier, erklärt Cruyff dem KNVB, dass die Mannschaft daheim bleiben würde, wenn die Prämien nicht deutlich erhöht werden. Das Angebot des Verbands sei lächerlich. Hastig sagt der Verband jedem Spieler rückwirkend Boni von bis zu 65.000 Gulden zu.
Die Generation Beckenbauer/Cruyff registriert den Unterschied zwischen Idealismus und Betrug, zwischen Ehre und Ausbeutung, zwischen Ehrlichkeit und Scheinheiligkeit. Als Cruyff in Verhandlungen von seinem Gegenüber belehrt wird, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, antwortet er in der ihm eigenen Schlagfertigkeit: Wenn Geld nicht wichtig sei, dann könne er ihm ja sein gesamtes Geld geben!
Allein mit Parolen, die an Pflicht und Ehre appellieren, ist diese Generation nicht mehr zu packen. Es ist die erste Generation, die sich von dumpfen nationalen Ehrbegriffen löst – in Deutschland wie in den Niederlanden.
Am 16 September 1965 feiert der erst seit wenigen Tagen 20-jährige Franz Beckenbauer sein Debüt im Nationaltrikot. Beckenbauer steht für eine Revolution auf dem Rasen: Der „letzte Mann ist nun ein Spielgestalter, als „freier Mann, der wie ein General das Spiel lenkt
, beschreibt der Journalist Thomas Hüetlin das Spiel des „Kaisers. Beckenbauer: „Ich wollte Einfluss nehmen auf das gesamte Spiel, abwehren, aufbauen, Tore schießen.
Die DFB-Funktionäre hätten den Hochbegabten um ein Haar verschmäht. Am 20. Oktober 1963 war der 18-jährige Beckenbauer Vater eines unehelichen Kindes geworden, weshalb ihn die Verbandsfunktionäre wegen seines „unmoralischen Lebenswandels" zur Persona non grata erklärten. Beckenbauer wurde aus dem Kader für ein Spiel der DFB-Jugendauswahl gestrichen, aber Dettmar Cramer, verantwortlich für den DFB-Nachwuchs, und Noch-Bundestrainer Sepp Herberger legten erfolgreich Einspruch ein.
Über sein Nationalmannschaftsdebüt am 16. September 1965 in Stockholm und seinen Vorgänger Fritz Walter, Kapitän der deutschen Nationalelf beim „Wunder von Bern 1954, schreibt Beckenbauer später: „Ich merkte, dass wir doch ziemlich verschiedene Charaktere sind. Vielleicht ähnelte unsere Spielweise, unsere Technik einander; aber er besaß doch etwas von dem Mannschaftsgeist von 1954; er glaubte an Kameradschaft und Nationalehre. Für mich ist eine Fußballmannschaft eine Interessengemeinschaft. Titel sind dazu da, dass sie gewonnen werden. Das ist für mich nicht nur ein sportliches Ziel, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Und über das Kabinenritual seiner älteren Kollegen im DFB-Dress: „War ich nun im Stockholmer Rasunda-Stadion, oder befand ich mich in einem Theater? Sollte anschießend Fußball gespielt werden, meinetwegen für Deutschland und den Botschafter, für Uwe und Schimmi, auch für Schön und Cramer, vor allem aber für mich, oder sollte ein Theater aufgeführt werden?"
Günter Netzer und Paul Breitner legen später nach. „Vergesst doch das ganze Getue mit den elf Freunden auf dem Fußballplatz, das ist doch Kokolores," höhnt Netzer und erklärt der Bild am Sonntag: „Kameradschaft – im Profi-Fußball gibt es die nicht mehr. Paul Breitner wird nicht weniger deutlich: „‚Elf Freunde müsst ihr sein…‘ – ein Hirngespinst, vollkommener Blödsinn. Das ist ein Satz, der zu keiner Zeit seine Berechtigung hatte. Dieser Satz ist schlichtweg eine Lüge!
Auf dem Platz spiele nun mal jeder für sich, auch in der Nationalmannschaft. Konsequenterweise sieht man beim Turnier keinen einzigen Spieler mitsingen, wenn vor dem Anpfiff die Nationalhymne intoniert wird. Man schaut gelangweilt bis gequält in die Gegend. Breitner schimpft sogar: „Diese Hymne vor den Länderspielen stört mich in der Konzentration!" Auch würde er sogar seinen Hintern vermarkten, wenn dies nötig wäre.
Die betont individualistische und hedonistische Haltung der Profis passt zur politischen Landschaft der Bundesrepublik, wo die erste Euphorie der sozialliberalen Reformpolitik einer gewissen Ernüchterung gewichen ist und statt des Visionärs Willy Brandt nun der „Macher" Helmut Schmidt regiert (den Fußball sowieso nicht interessierte). Aber in den Medien und bei den Zuschauern kommt diese Haltung nicht gut an.
Während in Deutschland Spieler wie Beckenbauer, Breitner, Hoeneß oder Netzer diesen Wandel personifizieren, ist es im Nachbarland vor allem Johan Cruyff. „Die Niederländer sind dann am besten, wenn sie System mit kreativem Individualismus kombinieren. Johan Cruyff ist der bedeutendste Repräsentant dieser Kombination. Er prägte das Land nach dem Krieg. Er war der Einzige, der die Sechzigerjahre wirklich verstand", schreibt Hubert Smeets, ehemaliger Chefredakteur der Wochenzeitschrift De Groene Amsterdamer. Arie Haan, Cruyffs Mitspieler bei Ajax und in der Elftal, ist dem „König noch viele Jahre später dankbar: „Unsere Generation hat ‚Cruyffie‘, dem perfektesten Profi, alles zu verdanken. Er hat nicht nur den holländischen Fußball revolutioniert, sondern auch die Funktionärsmentalität verändert. Wir ernten heute täglich, was er durchsetzte.
★
Sucht man bei der WM 1974 nach einem roten Faden neben dem Spielfeld, dann findet man den Generationskonflikt. Die Autoren wurden stark von den Siebzigern geprägt – weniger von ΄68. Sie nahmen an diesem Konflikt aktiv teil und waren in diesem hochgradig parteiisch. Nicht nur den Fußball betreffend, sondern auch die Politik und die Musik. Nicht nur am Fußball, sondern auch politisch und musikalisch interessiert, betrachteten sie die WM in einem größeren Kontext. Right or wrong – our generation! Die WM 1974 nimmt einen besonderen Stellenwert in ihrem Leben ein. Natürlich auch wegen des Fußballs, der gespielt wurde: „Totaalvoetbal bzw. „totaler Fußball
, vor allem gespielt von den Niederländern, aber mit Abstrichen auch von den Deutschen.
Wir beginnen unsere Erzählung mit dem Jahr 1973, als noch um die Qualifikation zur Endrunde gerungen wird.
1973
1. Januar 1973
Großbritannien tritt der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bei – wie auch die Republik Irland und Dänemark. Aus diesem Anlass organisiert die britische Regierung des konservativen Premiers Edward Heath eine Reihe von Veranstaltungen, die den Menschen die nicht besonders populäre Gemeinschaft schmackhaft machen sollen: Konzerte, Kunstausstellungen, aber auch ein Fußballspiel zwischen einem Team, das aus Briten sowie jeweils einem Spieler aus den anderen beiden EWG-Zugängen besteht und sich mit einer Auswahl der sechs alten Mitgliedstaaten misst.
Im Team der „Neuzugänge" sind drei Weltmeister von 1966 dabei: Alan Ball, Bobby Charlton und Bobby Moore. Im Tor steht der für Tottenham Hotspur spielende Nordire Pat Jennings, im Sturm ist der Schotte Colin Stein vom FC Coventry unterwegs. Dänemark stellt den Gladbacher Henning Jensen, Irland John Giles, der für Leeds United spielt. Betreut wird das Team vom englischen Weltmeistertrainer Sir Alf Ramsey.
Im von Bundestrainer Helmut Schön betreuten Alt-EWG-Team stehen Italiens Keeper Dino Zoff, der französische Libero Marius Trésor, drei Niederländer vom amtierenden europäischen Champion Ajax Amsterdam, die Verteidiger Ruud Krol und Willem Suurbier sowie Mittelfeldmotor Johan Neeskens, und sechs Deutsche: Franz Beckenbauer und Gerd Müller (FC Bayern), Günter Netzer, Herbert Wimmer und Berti Vogts (Borussia Mönchengladbach) sowie Jürgen Grabowski (Eintracht Frankfurt). Das Alt-EWG-Mitglied Luxemburg wird nicht berücksichtigt.
Das Team der Neumitglieder gewinnt durch Tore von Stein und Jensen mit 2:0.
Die beteiligten Spieler bewerten die politische Bedeutung des Spiels unterschiedlich. Den Nordiren Jennings interessiert der EWG-Beitritt nicht, während sein südirischer Kollege John Giles der Auffassung ist, dass ein kleines Land wie die Republik „enge Handelsbeziehungen zu Europa benötige. Alan Ball vom FC Arsenal bewegt lediglich die Frage, „ob jetzt der Sommerurlaub mit meiner Familie billiger
sein werde. Politisch korrekt und brav äußert sich Franz Beckenbauer: Die EWG sei „entscheidend für eine bessere Zusammenarbeit und ein friedliches Zusammenleben in Europa. Sieben der Spieler des „Sechser
-Teams stehen eineinhalb Jahre später im WM-Finale.
Das Interesse am Spiel ist ähnlich gering wie das an der EWG: An einem bitterkalten Januartag kommen nur 36.500 ins Londoner Wembleystadion.
★
Pünktlich zum Jahresbeginn 1973 stellt der Kicker seinen Lesern in mehreren Folgen ein Szenario vor, in dem es um die Frage geht: Was wäre, wenn zur WM einer der vier Eckpfeiler Maier, Müller, Beckenbauer oder Netzer ausfallen würde? Die Fachzeitschrift glaubt, dass ein Ausfall Netzers den Europameister am empfindlichsten treffen würde. Zwar räumt der Kicker ein, dass Overath Netzer bei einem Ausfall ersetzen könne, hegt aber Zweifel, ob der in der Nationalelf wenig überzeugende Kölner aus Netzers Schatten treten kann. Vage wird spekuliert, Overath könne „seine Moral wiederfinden". Weiter rät der Kicker: „Vielleicht müsste er vergessen, dass er der Overath ist, (…) einfach das Trikot mit der Nummer 10 anziehen, nicht an Netzer denken (…) und drauf losspielen wie zu Beginn seiner Karriere. Die Rückkehr müsste ein neuer Anfang sein." Trotzdem, ein Ausfall Netzers wäre demnach vor allem deshalb am schmerzhaftesten, weil zu Overath zu diesem Zeitpunkt wenig Vertrauen herrscht. Für den Fall, dass Franz Beckenbauer, Sepp Maier oder Gerd Müller ausfallen würden, glauben die vom Kicker befragten Bundesliga-Trainer an adäquaten Ersatz: Jupp Heynckes für Müller, Bernd Cullmann für Beckenbauer und Norbert Nigbur für Maier. Wenngleich sie einräumen, dass dann auch eine Systemänderung notwendig sein könnte.
14. Januar 1973
In Bonn demonstrieren 15.000 Menschen gegen den Vietnamkrieg. Die Veranstalter sprechen von bis zu doppelt so vielen Teilnehmern. Sie fordern u. a. die Einstellung der Bombardierungen, den Abzug der amerikanischen Truppen und Frieden für das Land. Organisiert wird dieser „Marsch durch Bonn" von den Vietnamkomitees im gesamten Bundesgebiet.
15. Januar 1973
Die ARD entschließt sich nach langem Zögern, den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" auszustrahlen, der die Situation und das Leben homosexueller Männer in der Bundesrepublik Anfang der Siebziger darstellt.
Das Volk der Bayern bekommt das Werk von Rosa von Praunheim allerdings nicht zu sehen, denn der Bayerische Rundfunk (BR) klinkt sich aus dem ARD-Verbund aus und zeigt stattdessen einen Rennfahrerfilm. Schon 1971 wird der Streifen während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin präsentiert, 1972 läuft der Film im Rahmen der Documenta in Kassel.
16. Januar 1973
Erstmals wird um den europäischen Supercup gespielt. In Hinund Rückspiel misst sich der Europapokalsieger der Landesmeister mit dem Europapokalsieger der Pokalsieger. Die Initiative zu diesem neuen Wettbewerb kommt aus den Niederlanden, wo Anton Witkamp, Reporter des De Telegraph, wissen will, wer Europas wahrer Champion ist: Ajax Amsterdam oder die Glasgow Rangers?
Witkamp und Ajax-Boss Jaap van Praag tragen der UEFA ihre Idee vor, die aber eine Schirmherrschaft ablehnt. Denn gerade erst hat der Verband die Rangers wegen Ausschreitungen ihrer Fans mit einer einjährigen Europapokalsperre belegt. So beschließen die beiden Vereine, das Kräftemessen in eigener Regie zu veranstalten – aus Anlass des 100. Geburtstags des Glasgower Protestantenklubs.
Am 16. Januar 1973 empfangen die Rangers Ajax im Ibrox Park. Vor 58.000 Zuschauern gewinnen die Gäste durch Tore von Johnny Rep, Johan Cruyff und Arie Haan mit 3:1. Anschließend berichtet Ajax-Experte Otto Stubbe in der Bild: „Ich sah die Holländer nie so hochklassig, so zwingend spielen, wie in der ersten Halbzeit des Super-Europa-Cup-Finales in Glasgow gegen die Rangers. Wehrlos standen die Schotten dem stetigen Positionswechsel der Holländer gegenüber. Da waren die Angriffsspitzen Keizer oder Cruyff plötzlich in die Mitte gewechselt, und auf dem Flügel attackierten die Außenverteidiger Suurbier und Krol. Immer alles in Bewegung bei Ajax. Bayern München ist zu beneiden und zu bedauern. Zu beneiden deshalb, weil der Welt-Cup-Sieger dem Deutschen Meister das Münchener Olympia-Stadion füllen wird. Zu bedauern deshalb, weil Ajax eine Nummer zu groß ist für die Bayern."
Zum Rückspiel am 24. Januar in Amsterdam kommen nur gut 26.000 in das kleine Ajax-Stadion De Meer. In der vom Westdeutschen Hans-Joachim Weyland geleiteten Partie gehen die Schotten zweimal in Führung, aber Arie Haan und Gerrie Mühren können jeweils ausgleichen. In der 79. Minute gelingt Cruyff die 3:2-Führung für Ajax, bei der es bis zum Schlusspfiff bleibt.
Eine Saison später übernimmt die UEFA offiziell die Verantwortung für den Supercup und erkennt Ajax als ersten Sieger nachträglich an.
27. Januar 1973
Die USA, Nordvietnam und Südvietnam unterzeichnen den Vertrag von Paris. Mit diesem werden jegliche Kriegshandlungen in Vietnam eingestellt und der Rückzug der US-Truppen eingeleitet. Damit erfüllt sich Paul Breitners „größter Wunsch: „Eine Niederlage der Amerikaner in Vietnam.
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Nur wenige Monate nach der Geiselnahme während der Olympischen Spiele in München plant die palästinensische Terrororganisation „Schwarzer September" einen Überfall auf ein Transitlager jüdischer Auswanderer in Schönau (Österreich). Die Operation scheitert jedoch bereits im Stadium der Vorbereitung. Zwei Terror-Teams, die Anfang 1973 getrennt nach Wien reisen, werden verhaftet.
Österreich wird als Ziel auserkoren, weil es als Transitland für die jüdische Emigration aus dem Ostblock nach Israel fungiert. 1968 hatte die systematische Auswanderung sowjetischer Juden begonnen. Zuvor hatte die UdSSR die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen.
Die Terroristen wollen mit ihrer Aktion „die Befreiung der in Israel inhaftierten Palästinenser erwirken und der Weltöffentlichkeit die Mitwirkung der Sowjets „bei der zionistischen Immigration aufzeigen
. Man habe ein österreichisches Ziel gewählt, weil das Land „sowjetischen Juden die Einwanderung nach Israel erleichtert".
Wie beim Attentat von München 1972 kann sich der „Schwarze September" auch in Österreich auf die Unterstützung einheimischer Rechtsextremisten verlassen. So wirken zwei Mitglieder der vom Österreicher Norbert Burger gegründeten Nationaldemokratischen Partei (NDP) bei der Vorbereitung der Aktion mit.
3. Februar 1973
Die Zuschauer der ZDF-Sendung „Das aktuelle Sportstudio erleben am Abend Revolutionäres: Zum ersten Mal führt dort mit Carmen Thomas eine Frau durch die Sendung. Als sie zum zweiten Mal das „Sportstudio
moderiert, rät Carmen Thomas den Zuschauern: „Sie brauchen heute nicht zu gucken, weil eine große deutsche Zeitung schon weiß, wie ich heute sein werde." Gemeint ist die Bild am Sonntag, die schon vor Ausstrahlung der Sendung zu kaufen ist und einen Verriss der Moderation enthält.
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Geschichte wird gemacht, es geht voran. Dies bekommt auch die Frankfurter Diskothek Number One zu spüren, als sie zur „Wahl der Miss-Teenager-Beine einlädt. Mit Schweinshaxen bewaffnet stürmen rund 50 Schülerinnen, Auszubildende, Studentinnen den Schuppen. Motto der Aktion: „Ihr verkauft hier unser Knie wie der Bauer ein Stück Vieh!
14. Februar 1973
Die deutsche Nationalmannschaft verliert in München gegen Argentinien mit 2:3. Die Schön-Elf liegt sogar 0:3 zurück, ehe Heynckes und Cullmann verkürzen können. Dass Gerd Müller, Hoeneß und Netzer fehlen, ist spürbar, aber nicht der hauptsächliche Grund für die Pleite. Die Mannschaft agiert ohne Kraft, ohne Ideen, urteilt Karl-Heinz Heimann im Kicker. Auch von Überheblichkeit ist die Rede. Das 2:3 von München ist die erste Heimniederlage einer deutschen Nationalelf seit acht Jahren.
19. Februar 1973
Die neue Ostpolitik Willy Brandts befeuert auch einen längeren Disput zwischen deutschen und polnischen Wissenschaftlern über die Nationalität von Kopernikus. Jetzt wird festgelegt, dass der Astronom ab sofort als Pole anzusehen ist.
28. Februar 1973
Die Kommerzialisierung der Fußball-Bundesliga erhält ein Gesicht: Eintracht Braunschweig stellt als erster deutscher Profiverein die Trikots der Spieler für werbende Zwecke zur Verfügung. Sie werben für den vom Vereinsmäzen Günter Mast produzierten Kräuterlikör Jägermeister. Hierfür wird auch das Vereinslogo geändert. Aus dem Löwen im Wappen wird dem Jägermeister-Symbol ein täuschend ähnlicher Hirschkopf mit den Initialen E und B für Eintracht Braunschweig. Der DFB wird überrumpelt und kann nur noch durchsetzen, dass das Logo nicht wie beantragt 18, sondern nur 14 Zentimeter im Durchmesser betragen darf. Ende 1973 wird der DFB die Trikotwerbung bis in die unterste Amateurklasse freigeben, woraufhin der FC Bayern mit adidas, der Hamburger SV mit Campari, Fortuna Düsseldorf mit allkauf und der MSV Duisburg mit Brian Scott Trikotwerbeverträge abschließen.
1. März 1973
Die englische Band Pink Floyd veröffentlicht ihr achtes Album. Titel: „The Dark Side of the Moon". Im Vergleich zu den bisherigen Alben der Gruppe wirkt die Neuerscheinung ein wenig kommerziell. Die von Roger Waters geschriebenen Texte widmen sich dem Druck des Alltagslebens sowie den Reaktionen auf diesen: Entfremdung, Verdrängung und Schizophrenie. Dabei wird Waters wohl vom Schicksal des Gründungsmitglieds Syd Barrett animiert. Der kreative Kopf der Band musste sie 1968 aufgrund psychischer Probleme verlassen. Außerdem geht es um den Verlust von Utopien, anonyme Machtstrukturen, die Macht des Geldes und den Wahnsinn des Krieges. Musikalisch beeindrucken vor allem das Gitarrenspiel von David Gilmour sowie die Inputs zweier Gäste: der Sängerin Clare Torry und des Saxophonisten Dick Parry.
Das Konzeptalbum avanciert zu einem Meilenstein der Rockund Popgeschichte und zu einem der weltweit meistverkauften Musikalben. „The Dark Side of the Moon hält sich über 700 Wochen in den Billboard Charts. Bis heute wurden über 50 Millionen Exemplare von dem Album verkauft. In der Bundesrepublik muss sich Pink Floyd allerdings Wim Thoelke und James Last geschlagen geben. Deren Alben „Wim Thoelke präsentiert 3x9
bzw. „Non Stop Dancing" sind 1973 noch erfolgreicher.
Bemerkenswert ist auch das von Storm Thorgerson gestaltete Cover der Platte. Es fehlen ein Bild und der Name der Band. Stattdessen zeigt das Cover vor schwarzem Hintergrund die Brechung eines zunächst weißen Lichtstrahls, der sich dann an einem Prisma in die Spektralfarben auffächert.
7. März 1973
Im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister empfängt Titelverteidiger Ajax Amsterdam Bundesliga-Tabellenführer Bayern München. Eine Halbzeit lang gelingt es den Gästen im Amsterdamer Olympiastadion, Cruyff & Co. durch eine geschickte Drosselung des Tempos in Schach zu halten. Zur Pause steht es
