Politik im Spiel: Die andere Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
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Über dieses E-Book
Das ist nicht neu. Dieses Buch verfolgt die "andere", die politisch gefärbte Geschichte der Nationalmannschaft. Zu den Stationen zählen der Missbrauch der Elf in der NS-Zeit, das "Wunder von Bern", der politisch gelungene Auftritt im WM-Finale 1966, das "Sommermärchen" 2006 und sein Revival 2024 sowie aktuell der Versuch rechter Kreise, die Nationalmannschaft als "undeutsch" zu diffamieren – gerade weil sie die gesellschaftliche Realität des Landes spiegelt.
Bernd-M. Beyer
Bernd Beyer, Jahrgang 1950, arbeitete zunächst als Tageszeitungsredakteur, danach studierte er Politik und Volkswirtschaft. Von 1981 bis 2015 war er als verantwortlicher Lektor im Verlag Die Werkstatt mit Schwerpunkt Fußballgeschichte tätig. Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. Bernd-M. Beyer schreibt auch für den Die Werkstatt Blog. Alle Artikel findet ihr hier: Zum Blog
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Buchvorschau
Politik im Spiel - Bernd-M. Beyer
Dietrich Schulze-Marmeling | Bernd-M. Beyer
Politik im Spiel
Dietrich Schulze-Marmeling | Bernd-M. Beyer
Politik im Spiel
Die andere Geschichte
der deutschen
Fußball-Nationalmannschaft
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1. Auflage 2025
© edition einwurf GmbH, Rastede
Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:
ISBN 978-3-89684-725-6 (Print)
ISBN 978-3-89684-726-3 (Epub)
Satz und Gestaltung:
Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen
Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH
Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.
www.edition-einwurf.de
Inhalt
Vorwort
1908 BIS 1920
„English sports" und deutsches Spiel
EXKURS Drei Pioniere der „Ur-Länderspiele"
1920 BIS 1933
Von „deutschem Volksgemeinschaftsgeist und „fremder Mentalität
EXKURS Ermordet, vertrieben: zwei jüdische Nationalspieler
1933 BIS 1945
Der deutsche Sonderweg: Die Nationalelf über alles
EXKURS Nationalspieler im braunen Dress: Rudolf Gramlich und manch anderer
1945 BIS 1958
Wir sind so frei …
EXKURS „7-8-9-10-Klasse" – die DDR-Nationalmannschaft
1958 BIS 1973
Das Wagnis von mehr Demokratie
EXKURS Ein Wiedersehen, das nicht stattfinden durfte
1973 BIS 1988
Am Anfang war die Prämie
EXKURS Der DFB-Boss und der Nazi
1988 BIS 1998
Der Kanzler in der Kabine: Die Politik wird fußballerisiert
EXKURS „Für Deutschlands Ehre Die Nationalmannschaft und die politische Rechte
1998 BIS 2018
Zeitenwende beim DFB und der „Fall Özil"
EXKURS Hybride Identitäten – die Fans der Nationalmannschaft
2018 BIS 2024
Die Mannschaft unterm Regenbogen
EPILOG
Berti Kohl und Angela Löw?
Eine politische Geschichte der Bundestrainer
Literatur (Auswahl)
Personenregister
Die Autoren
Bildquellen
Vorwort
Seit im Mai 2018 İlkay Gündoğan und Mesut Özil auf einem Foto gemeinsam mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Erdoğan posierten, sind die politischen Debatten um die Fußball-Nationalmannschaft hitziger geworden. Özils zorniger Rücktritt, der unselige Auftritt der Mannschaft bei der WM in Katar, die Nominierung Gündoğans zum Kapitän oder ein über die sozialen Medien gestreutes Gebet des Moslems Antonio Rüdiger – das alles sorgte für gewaltige Aufreger in den Medien und vor allem im Netz. Schließlich wurde vor der Europameisterschaft 2024 sogar die Trikotfarbe zum Politikum: Durften deutsche Fußballjungs wirklich in solch einem tuntigen Pink-Lila die gastgebende Nation vertreten?
Dass die Nationalmannschaft politische Zuschreibungen und Diskussionen erfährt, dass bei ihren Auftritten also „Politik im Spiel" ist und es nicht nur um Sport geht, ist jedoch keineswegs ein neues Phänomen, sondern begleitet die Auswahl von Beginn an. Das vorliegende Buch greift daher weit zurück in die Pionierzeit des Fußballs und arbeitet sich chronologisch in die Gegenwart vor, wobei einzelne Aspekte zeitlich übergreifend in Exkursen behandelt werden. Weitgehend ausgespart bleibt die Frauen-Nationalmannschaft, deren Geschichte erst 1982 begann. Schon dieser späte Zeitpunkt demonstriert ihre besondere Problemlage, nämlich die Konfrontation mit sexistischen Vorurteilen. Davon abgesehen gestalten sich die gesellschaftlichen Debatten um sie weit weniger akzentuiert und kontinuierlich als bei ihren männlichen Kollegen.
■ ■ ■
Der öffentliche Fokus, der auf das Männer-Nationalteam gerichtet ist, hängt eng mit dessen Rolle als Repräsentanten Deutschlands zusammen. Dies galt schon in den Kindertagen des Spiels, als Fußball im Deutschen Reich noch eine Randsportart war. Seinerzeit und hierzulande war es ein völlig neuer Gedanke, dass eine repräsentative Mannschaft Fußball-Deutschland in Länderspielen vertreten und sich dabei mit anderen Nationen messen sollte. Und dieser Gedanke war durchaus umstritten; insbesondere das deutsch-nationale Lager hielt nichts davon. In die Schlagzeilen gelangte dieser Diskurs allerdings nicht, dafür war das Spiel noch zu nebensächlich.
Als Fußball nach dem Ersten Weltkrieg zum Massen- und Zuschauersport avancierte, erhielt der Aspekt einer Repräsentanz eine wachsende Bedeutung. Siege oder Niederlagen in wichtigen Länderspielen waren fortan auch politisch konnotiert. Der viel zitierte WM-Gewinn von 1954 war dafür beileibe kein Einzelfall. In der Bundesrepublik gab und gibt es keine andere Instanz oder Persönlichkeit, die über politische Strömungen, soziale Schichten und kulturelle Schranken hinweg eine solch breite Zuschreibung als Aushängeschild des Landes erfährt wie die Fußball-Nationalmannschaft. Für nicht wenige Deutsche ist sie auf internationaler Bühne der wichtigste Vertreter.
Das ist nicht ganz unbegründet. Dank der weltweiten Bedeutung des Fußballs prägt die nationale Auswahl das Bild, das Deutschland international abgibt, in gewissem Umfang mit. Im Guten wie im Schlechten. Der atmosphärisch gelungene Auftritt von Fritz Walter und Co in Moskau 1955, während der Hochphase des Kalten Krieges also, relativierte im Nachhinein ein wenig die Selbstgefälligkeit des DFB-Präsidenten Peco Bauwens, der den WM-Gewinn ein Jahr zuvor in völkischer Tradition als „Repräsentanz besten Deutschtums überhöht hatte. Die Fairness, mit der Uwe Seelers Mannen im Finale 1966 das ungerechte „Wembley-Tor
akzeptierten, wurde gerade im Land des vormaligen Weltkriegsgegners als „sportsman-like" anerkannt. Die kreative Leichtigkeit der EM-Sieger von 1972 unterstrich, parallel zur Brandt’schen Ostpolitik, eine neue Wahrnehmung der Deutschen im Ausland – so wie die arroganten Auftritte von Schumacher, Breitner und Co. bei der WM zehn Jahre später dieses Bild wieder arg beschädigten. Und die empathische Zurückhaltung, die Jogi Löws Team beim 7:1-Triumph über die brasilianischen Gastgeber im WM-Halbfinale 2014 zeigte, nahm diesem Kantersieg zumindest politisch den Stachel einer Demütigung.
Bei den Turnieren 2006 und 2024 im eigenen Land bemühte sich der DFB, die deutschen Gastgeber als tolerant und weltoffen zu präsentieren. Die meisten internationalen Beobachter nahmen es tatsächlich so wahr, auch wenn dieses Bild nicht ganz den Realitäten entsprach. Als internationale Visitenkarte Deutschlands hat die Nationalelf jedenfalls ihre Bedeutung.
■ ■ ■
Stärker als um die Wirkung im Ausland geht es in diesem Buch allerdings um die Wahrnehmung, die die Nationalmannschaft im eigenen Land erfährt. Dass die Sympathien für die Elf sportlichen Konjunkturen folgen, dass beispielsweise nach gelungenen WM-Auftritten die Identifikation der Fans mit ihrem Team höher ist als nach schlappen Niederlagen, ist selbstverständlich. Unabhängig davon existiert jedoch eine zweite Perspektive, die auf die DFB-Auswahl als Repräsentantin der Nation gerichtet ist. Das Verhältnis zur Nationalelf wird stark dadurch geprägt, inwieweit sie auch jenseits sportlicher Leistungen dem jeweils erwünschten Bild von Deutschland entspricht.
Für die Nazis war die Angelegenheit ziemlich klar: Die Nationalmannschaft sollte die großdeutsche Volksgemeinschaft abbilden, in all ihrer arischen Reinheit und Gesinnung. Weshalb neben Juden auch nicht-jüdische Spieler ausgeschlossen blieben, die gegen das völkisch geprägte Amateurideal verstoßen hatten, wie die Stürmerstars „König Richard Hofmann oder „Ossi
Rohr. Nachdem die Volksgemeinschaft gewaltsam um Österreich erweitert worden war, wurde Reichstrainer Herberger jenseits aller sportlicher Logik angewiesen, seine Nationalelf streng paritätisch aus „Altdeutschen und „Ostmarkern
zu besetzen – um die völkische Einheit auch im Fußball zu demonstrieren.
Das Misstrauen gegen Profifußballer überdauerte die Nazi-Zeit, und Kicker, die notgedrungen im Ausland ihr Geld verdienten, galten in der Bundesrepublik vielfach als raffgierige Vaterlandsverräter. Noch bis weit in die 1970er Jahre und in die Amtszeit von DFB-Boss Hermann Neuberger hinein war ihre Berufung für Länderspiele keine Selbstverständlichkeit. Mit ähnlichen, aus heutiger Sicht kuriosen, in damaliger Zeit jedoch reaktionär geprägten Vorurteilen hatten Spieler zu kämpfen, die nicht dem braven, angepassten, strammdeutschen Ideal entsprachen. Lange Haare auf dem Schädel von Nationalspielern provozierten eine Lawine wütender Briefe an Bundestrainer Helmut Schön, vergleichbar mit heutigen Hass-Posts im Internet. Dass diese Jungs beim Abspielen der Nationalhymne stumm blieben oder gar Kaugummi kauten, kam erschwerend hinzu.
Mag es sich dabei (auch) um einen Generationenkonflikt gehandelt haben, so änderte sich dies, als mit Erwin Kostedde 1974 erstmals ein schwarzer Nationalspieler für Deutschland auflief, und 25 Jahre später mit Mustafa Dogan der erste Spieler mit türkischen Wurzeln. Vorbehalte und Hetze gegen sie und ihre Nachfolger griffen auf die völkische Blickweise des Nationalsozialismus’ zurück: Die Nationalelf hatte eine (fiktive) rassisch reine Volksgemeinschaft abzubilden, in der Nicht-Weiße und Menschen mit Migrationsgeschichte keinen Platz haben. Mit dem Erstarken rechtsradikaler Stimmungen und Parteien wurden diese Stimmen lauter. Nicht alle mögen so weit gehen wie AfD-Politiker, die dem DFB-Team jegliche Legitimation absprechen, Deutschland zu repräsentieren, und die jede Niederlage als Bestätigung ihres Rassismus’ sehen. Doch der Konflikt um Rüdigers Gebetsvideo zeigte, welchen Vorurteilen sich jene Nationalspieler weiterhin ausgesetzt sehen, die nicht der „biodeutschen Norm entsprechen. Nicht von ungefähr stehen gerade sie auch unter besonderer Beobachtung, wenn es um das Mitsingen der Nationalhymne geht, das den Spielern 1984 im Zuge von Helmut Kohls „geistig-moralischer Wende
verordnet worden war: Singen sie tatsächlich mit? Oder tun sie nur so?? Oder kennen sie gar den deutschen Text nicht???
„Es ist offenbar kein Zufall", schrieb 2024 die Frankfurter Allgemeine Zeitung, „dass gerade rund um den Fußball eine Homogenität des Volkes beschworen wird". Doch jenseits völkischer Phantastereien gilt: Die deutsche Nationalmannschaft spiegelt in ihrer heutigen Zusammensetzung die gesellschaftliche Realität in Deutschland, in all ihrer Vielfalt und Diversität. Nichts anderes wäre mit sportlichen Grundsätzen vereinbar. Fairness und Toleranz gebieten es, niemanden aus rassistischen oder religiösen Gründen von der sportlichen Teilhabe auszuschließen. Eine Nationalelf, in der keine Spieler mit familiärer Migrationsgeschichte stünden, wäre heutzutage nicht wirklich eine deutsche.
■ ■ ■
Das vorliegende Buch bildet in gewisser Weise die Essenz jener Tätigkeit, bei der sich die beiden Autoren in den vergangenen 30 Jahren forschend und schreibend mit der Geschichte des deutschen Fußballs auseinandergesetzt haben. Dabei ging es immer auch um die gesellschaftlichen Implikationen des Spiels, die in den Untersuchungen und Publikationen des 20. Jahrhunderts noch kaum Beachtung gefunden hatten. Beide Autoren verstanden sich als Teil eines größeren Kreises von Publizist:innen, Fans und Wissenschaftler:innen, die in diesem Sinne das Spiel neu entdeckten und seine gesellschaftliche Relevanz entschlüsselten. Ohne ihre Arbeit wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
Nicole Selmer und Hardy Grüne danken wir herzlich für ihre Gastbeiträge zu diesem Buch. Großer Dank gebührt ebenso unserem Lektor Christoph Schottes sowie dem Team der neuen edition einwurf, das die Idee zu diesem Buch engagiert aufgegriffen hat.
Dietrich Schulze-Marmeling
Bernd-M. Beyer
1908 BIS 1920
„English sports" und deutsches Spiel
Eines der frühesten Länderspiele führte die Nationalelf im März 1912 nach Zwolle. In einem denkwürdigen 5:5 gegen die Niederlande schossen die beiden bis heute einzigen Nationalspieler jüdischen Glaubens alle deutschen Tore: Julius Hirsch (sitzend zweiter von rechts) vier, Gottfried Fuchs (sitzend dritter von rechts) eins.
Die politische Geschichte der deutschen Nationalmannschaft begann bereits viele Jahre bevor der Deutsche Fußball-Bund gegründet und das erste offizielle Länderspiel angepfiffen wurde. Vor 1900, dem Gründungsjahr des DFB, gab es im Reichsgebiet mehrere regionale Verbände, von denen einige schon in ihrem Namen nationale Bedeutung reklamierten, so etwa der „Deutsche Fußball- und Cricket-Bund von 1891 oder der „Verband Deutscher Ballspielvereine
von 1897. Sie alle konzentrierten sich darauf – teils in eifersüchtiger Konkurrenz untereinander –, innerhalb des Deutschen Reiches Strukturen für den Spielbetrieb zu schaffen. Die Rivalitäten waren auch politisch unterlegt: Anglophile Kosmopoliten auf der einen Seite, auf der anderen deutsch-nationale Kräfte, die Wert darauf legten, aus dem „english sport" einen deutschen zu machen. Internationale Spiele, für die es in Deutschland keine Vorbilder gab, wurden zunächst von keinem dieser Verbände angestrebt. Sie waren die Domäne eines Mannes, der mit Verbandsarbeit wenig am Hut hatte: Walther Bensemann.
Politisch umstritten: die ersten internationalen Spiele
Der Fußballpionier aus jüdischer Familie hatte als Gymnasiast in Karlsruhe 1893 den ersten süddeutschen Verein gegründet und anschließend in mehrjähriger Missionsarbeit den Grundstein dafür gelegt, dass der Süden rasch zu einer Hochburg des deutschen Fußballs wurde; beispielsweise wirkte er an den Vereinsgründungen dreier späterer Deutscher Meister mit: Karlsruher FV, Eintracht Frankfurt und FC Bayern München. Dass er mit den Verbandsstrukturen nicht recht klarkam, hatte zwei Gründe: Zum einen zeichnete ihn ein forscher Tatendrang aus, der sich von komplizierten Entscheidungsstrukturen nicht zügeln lassen wollte. Zum anderen verfolgte er mit dem Initiieren internationaler Spiele eine klare politische Vision: Grenzüberschreitende Begegnungen sollten zur politischen Verständigung zwischen den Nationen beitragen.
Das galt gerade auch für verfeindete Nationen wie die damaligen „Erbfeinde Deutschland und Frankreich. In einem „Aufruf an die Herren Capitaine aller Fußballclubs in Deutschland
begründete der 21-jährige Student Bensemann 1894 sein Werben für solch eine Fußball-Begegnung: „Nur ein Dummkopf, der keine Idee von der furchtbaren Tragweite eines Weltkrieges in der heutigen Kulturepoche hat, kann wünschen, dass Frankreich und Deutschland wieder zu den Waffen greifen. […] Jeder Mann von Gefühl und Verstand sollte sich freuen, wenn Franzosen und Deutsche sich zum ersten Mal auf friedlichem Boden träfen und den alten Nationalhass vergessen würden. Ähnlich argumentierte Bensemann 1910 in einem Beitrag für das DFB-Jahrbuch: „Nicht nur die Kabinette, auch die Nationen sind für die Kriege verantwortlich. Wird erst das gegenseitige Verständnis besser, die gegenseitige Achtung tiefer, dann wird auch der kleine Lederball im Rate der Völker als Friedenssymbol vorschweben.
Sport als Mittel der Völkerversöhnung – was sich heute als üblicher Bestandteil sportpolitischer Sonntagsreden liest, war seinerzeit durchaus umstritten. Mit seinen Ansichten vertrat Bensemann meist eine Minderheitenmeinung, als junger Pionier in der Kaiserzeit ebenso wie als Leitartikler des Kicker in den Jahren der Weimarer Republik. Seinem Konzept eines friedlichen sportlichen Wettstreits, eines Sports als „das einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen (so Bensemann) stand die Auffassung entgegen, Sport habe der „Ertüchtigung
und „Wehrhaftmachung des eigenen Volkes zu dienen. Internationale Begegnungen, sofern sie überhaupt gewollt waren, dienten demzufolge weniger dem Kennenlernen und einander Verstehen, sondern der Demonstration nationaler Tugenden und Stärken, nach Möglichkeit Überlegenheit. Zwei Jahre nach Bensemanns „Friedenssymbol
-Beitrag wurde im DFB-Jahrbuch die Gegenposition formuliert: „Wenn man sich beklagt, daß der deutsche Gedanke in der Welt noch nicht den Raum einnimmt, der ihm gebührt, so braucht man sich nur zu einer umfassenden Förderung des Sports entschließen, und Deutschland wird ein ehrgeiziges, willensstarkes Geschlecht hervorbringen, dem nichts verhaßter ist als laues Abwarten und müdes Zusehen, wenn andere die Welt unter sich teilen."
Fast eine Premiere bei Olympia
Dieser grundsätzliche Disput entzündete sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts an den Olympischen Spielen, die vom Baron de Coubertin als völkerverbindendes Sportfest konzipiert waren, von konservativen deutschen Kreisen aber, so die Sporthistorikerin Christiane Eisenberg, „als ‚Humbug‘ erkannt und „seine Internationalität als Ausdruck von ‚Vaterlandslosigkeit‘ mißverstanden
wurden. Folgerichtig gab es im Deutschen Reich vor der olympischen Premiere 1896 starke Bestrebungen, dem Ereignis demonstrativ fernzubleiben. Als es gegen den heftigen Widerstand der seinerzeit dominanten Deutschen Turnerschaft gelang, eine Art nationales olympisches Komitee ins Leben zu rufen, schloss sich Walther Bensemann der Initiative an und kümmerte sich um die Entsendung einer Fußballmannschaft sowie die Finanzierung ihrer Reise. Zusammen mit Berliner Vereinen stellte er eine elfköpfige Auswahl zusammen, mit ihm selbst als „captain" sowie seinem Jugendfreund Ivo Schricker als Mittelläufer. Dieses Team, die erste Urform einer deutschen Nationalmannschaft, existierte allerdings nur auf dem Papier, denn ein olympisches Fußballturnier kam in Athen aus Kostengründen nicht zustande.
An zwei weiteren Pioniertaten Bensemanns waren eher regionale Auswahlteams beteiligt: Im Oktober 1893 fädelte er die erste grenzüberschreitende Begegnung der deutschen Fußballgeschichte ein, indem er ein prominentes schweizerisches Team nach Karlsruhe holte. Und im Dezember 1898 gelang es ihm nach jahrelangen Bemühungen, mit einer von ihm zusammengestellten Auswahl zwei Begegnungen in Paris zu bestreiten. Auch dort gab er selbst den Kapitän, der wertvollere Spieler bei den beiden Siegen war aber wohl wiederum Ivo Schricker auf der wichtigen Position des Mittelläufers. Die Reise zum „Erzfeind" im Zeichen des friedlichen Miteinanders war eine erstaunliche Leistung, fand jedoch seinerzeit außerhalb der noch sehr überschaubaren Fußballszene keine Beachtung.
Die Ur-Länderspiele
Nicht weniger umstritten blieben die von Bensemann geplanten Begegnungen gegen eine englische Auswahl. Dem jungen Mann war es gelungen, die ehrwürdige englische Football Association davon zu überzeugen, erstmals in ihrer Geschichte ein Auswahlteam auf den Kontinent zu schicken. Die deutschen Regionalverbände – der DFB existierte noch nicht – waren allerdings alles andere als begeistert. Sie fürchteten, sicherlich zu Recht, eine hohe Niederlage gegen die Lehrmeister von der Insel. Und darin sahen sie weniger einen Lernprozess als eine nationale Blamage. Energischster Gegenspieler Bensemanns wurde Friedrich Wilhelm Nohe, der Vorsitzende des Verbandes Süddeutscher Fußballvereine und spätere DFB-Bundesvorsitzende. Er sorgte dafür, dass Bensemann, der eigentliche Vater der süddeutschen Fußballbewegung, aus dem Verband ausgeschlossen wurde, und drohte jedem Spieler, der gegen England antreten würde, die gleiche Sanktion an.
Unterstützt wurden die Pläne nur durch den Verband Berliner Ballspielvereine, an dessen Spitze der fortschrittlich gesonnene Fritz „Ette Boxhammer stand. Ihm leuchtete Bensemanns Intention ein, in dem Gastspiel „eine Sache (zu sehen), die uns mehr als ein Fortschritt an der ethischen Culturarbeit der Völker, denn als ein sportlicher Fortschritt anmutet
.
Tatsächlich reiste im November 1899 eine FA-Auswahl nach Berlin, die von zwei Vizepräsidenten des Verbandes begleitet wurde. Ihr stand, nun mit Ivo Schricker als Kapitän, eine Elf gegenüber, die sich aus den damaligen Hochburgen Süddeutschland und Berlin zusammensetzte und insofern zwar nicht repräsentativ, aber doch prominent besetzt war. Zwei Spiele fanden in Berlin, eines in Karlsruhe statt; dazwischen gab es eine Partie in Prag gegen eine erweiterte Mannschaft des DFC Prag. Es setzte hohe, teils zweistellige Niederlagen, dennoch gaben die Begegnungen der jungen deutschen Fußballszene einen gewaltigen Auftrieb, denn die meisten Zuschauer erlebten durch den Auftritt der Engländer zum ersten Mal, welches große Potenzial in dieser Sportart steckte. Für sie war es, wie die Zeitschrift Spiel und Sport schrieb, „ein Ereignis, wie es in der Fußballgeschichte noch nicht vorgekommen ist".
Im September 1901 kam es zu Rückspielen, diesmal reiste eine deutsche Auswahl auf die Insel, nun angeführt von Ivo Schricker. Sie kickte in London gegen die legendären Gentleman-Amateure der Corinthians und in Manchester gegen eine Profiauswahl, verlor haushoch und feierte das ganze Unternehmen im Zeichen der Völkerverständigung. Bensemann erhielt als erster Deutscher die goldene Ehrennadel der FA „in recognition of his merits for the sauce of international sporting". Damit endete die Vorgeschichte der deutschen Nationalmannschaft; es sollten noch sieben Jahre vergehen, bevor sie zu ihrem ersten offiziellen Länderspiel antrat.
Nationalisten und Militaristen versus Kosmopoliten
Am 27. Januar 1900 tagte in der Leipziger Gaststätte „Mariengarten der 1. Allgemeine Deutschen Fußballtag. Die Anwesenden beschlossen mit 64 zu 22 Stimmen die Gründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Zu den vehementesten Befürwortern der Gründung gehörten die Gebrüder Gus und Fred Manning. Die Mannings waren Söhne eines aus Frankfurt/M. stammenden jüdischen Kaufmanns, aber in England aufgewachsen und anglophil gestimmt. (Gus Manning ging 1905 aus beruflichen Gründen in die USA und wurde 1948 als erster US-Amerikaner in das FIFA-Exekutivkomitee gewählt.) Die Namensgebung „Deutscher Fußball-Bund
erfolgte auf Vorschlag von Walther Bensemann.
Die Männer der ersten Stunde waren ein buntes Völkchen. Erster Präsident wurde Professor Ferdinand Hueppe, Delegierter des DFC Prag. Der Wissenschaftler mit dem Fachgebiet Hygiene, Schüler des Bakteriologen Robert Koch, hatte 1897 ein Werk mit dem Titel „Zur Rassenhygiene und Sozialhygiene der Griechen im Alterthum und in der Gegenwart veröffentlicht, in dem er Vergleiche zwischen dem (von ihm bevorzugten) „arisch-hellenischen
Menschen mit dem niederen „semitischen Typ „jüdischer Krieger
zog. 1898 veröffentlichte Hueppe einen Aufsatz mit dem Titel „Volksgesundung, in dem er die Befürchtung äußerte, dass „Edelvölker
wie die Deutschen eine „Beute minderwertiger Völker werden könnten. „Rassemischung in unserem Volke
könnte die „hohen Charaktereigenschaften des vorherrschenden arischen Teils unseres Volkes beeinträchtigen. Der Trierer Sporthistoriker Thomas Schnitzler bezeichnet Hueppe als „ideologischen Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassenlehre
.
1905 trat der DFB dem Zentralausschuss zur Förderung der Jugend- und Volksspiele (ZA) bei. Der Fußballhistoriker Hardy Grüne: „Mit dem Beitritt zum ZA bezog der DFB erstmals klar eine anti-sozialdemokratische Position und betrieb damit eine Art Ausgrenzungspolitik – wenngleich er satzungsgemäß für alle Schichten offen blieb. Unter anderem betonte der ZA die Bedeutung des Sports für das Militär. Die deutsche Fußballszene wurde im Zuge ihrer Konsolidierung konservativer und nationalistischer. Hardy Grüne: „Die liberalen, idealistischen und kosmopolitischen Pioniere der ersten Stunde – Walther Bensemann als Beispiel – waren ausgeschieden und ersetzt worden durch nationale und konservative ‚deutsche Männer‘, die auf Vaterland und Kaiser nichts kommen ließen.
Auch passte sich der Fußball dem Militär an. Schon 1903 wurde Fußball von Teilen der Militärverwaltung offiziell eingeführt, wenig später auch als Teil der Offiziersausbildung. 1907 nahm der DFB folgenden Passus in seine Statuten auf: „Der Zweck des Bundes ist die Einwirkung auf die öffentliche Meinung, um das Verständnis für den Wert körperlicher Übungen, besonders bei Schulbehörden und Militärkreisen zu wecken und zu heben."
Damit einher ging eine „fast zwanghaft betriebene ‚Germanisierung‘ der Fußballsprache, schreibt der Historiker Rudolf Oswald. „Klubs, deren Namen an die Vermittler der Sportart erinnerten, gerieten in das Visier völkischer Puristen. Regel- und Taktikbegriffe, die auf die englische Herkunft der Mannschaftssportart hindeuteten, wurden durch – oftmals gekünstelt anmutende – deutschsprachige Äquivalente ersetzt. Termini schließlich, welche die Dramatik des Spiels wiedergaben, wurden militarisiert: Aus der ‚Britannia‘ wurde die ‚Borussia‘, aus dem ‚free kick‘ der „Freistoß‘, aus dem ‚heißen match‘ die ‚Schlacht‘.
Die Annäherung zwischen Fußball und Militär ging noch weiter. Am 13. November 1911 nahm das DFB-Präsidium in Person des Präsidenten Gottfried Hinze und des 2. Vorsitzenden Hans Hofmann an der Gründung des Jungdeutschlandbundes (JDB) teil. Der JDB war auf Initiative des preußischen Kriegsministeriums entstanden, das einen bedenklichen Rückgang der militärischen Brauchbarkeit der Heranwachsenden diagnostiziert hatte. Ziel des JDB war die Schaffung einer kriegsverwendungsfähigen Jugend. Der JDB-Vorsitzende Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz forderte die Schaffung „eines „starken und frommen Geschlechts, (…) das erfüllt ist von vaterländischem Geist, das treu zu Kaiser und Reich steht, (…) um Deutschland siegreich durch die Stürme zu tragen, die ihm nicht erspart bleiben werden."
Im DFB-Präsidium war die Beteiligung von Hinze und Hofmann stark umstritten. Die beiden Funktionäre hatten ohne Rücksprache mit den restlichen Präsidiumsmitgliedern gehandelt. Reue ließen sie nicht erkennen: „Es ist eine Pflicht für uns, eine Bewegung zu unterstützen, die in ihrem Wesen das gleiche Ziel enthält wie der DFB, der durch die Pflege des Fußballspiels in der frischen Luft die Gesundheit unseres Volkes und damit die Wehrkraft im besten Sinne des Wortes heben will."
Die ersten Länderspiele: Im Konzert der Großen noch zu klein
Inzwischen war die Länderspielgeschichte des DFB offiziell eingeläutet worden. Am 5. April 1908 lief im Stadion Landhof in Basel eine deutsche Mannschaft auf, der vier Süddeutsche, drei Westdeutsche, zwei Mitteldeutsche, ein Norddeutscher und ein Berliner angehörten, die sich untereinander kaum kannten und niemals zuvor miteinander gespielt hatten. Die elf Akteure repräsentierten elf verschiedene Vereine aus neun Städten. Vor rund 4.000 Zuschauern gewannen die Schweizer Gastgeber mit 5:3. „Der Entschluss des DFB, von jetzt an internationalen Spielverkehr zu pflegen, ist eine sensationelle Maßnahme von Männern, die die gegenwärtigen Verhältnisse klar erkannt haben", lobte Walther Bensemann. Er war eigens aus seiner englischen Wahlheimat Liverpool angereist, um der Länderspielpremiere einen angemessenen (teils aus eigener Tasche bezahlten) würdigen Rahmen zu geben.
Nur 15 Tage später bestritt die Nationalelf ihr erstes Heimspiel. Auf dem Viktoriaplatz in Berlin-Mariendorf unterlag man der englischen Amateurnationalmannschaft mit 1:5. Gerade einmal 7.000 sahen zu – doch das war zu diesem Zeitpunkt Rekord für ein Fußballspiel in Deutschland.
Ihren ersten sportdiplomatischen Erfolg verbuchten DFB und Nationalmannschaft 1910, als der Kronprinz die Auslobung eines „Wanderpreises für ständige Wettkämpfe mit einem anderen Land ankündigte. Der DFB wählte hierfür Frankreich. Doch die Verhandlungen mit dem „Erbfeind
platzten, als in England ein Konkurrenzverband zur FA gegründet wurde, der um Aufnahme in die FIFA nachsuchte. Während der DFB diesem Ansinnen ablehnend gegenüberstand, unterstützten es die Franzosen, woraufhin der DFB die Verhandlungen abbrach. Erst 1931 sollten sich Frankreich und Deutschland erstmals auf dem grünen Rasen miteinander messen.
Die Verbindungen zur FA dagegen wurden vorerst weiter gepflegt. Am 14. November 1911 empfing die Nationalmannschaft auf dem Berlin-Mariendorfer Union-Platz erneut ein englisches Auswahlteam – und dieses Mal ausschließlich Profis. 10.000 Zuschauer waren Zeuge eines überraschenden 2:2. Dieses Unentschieden gegen das Fußball-Mutterland stellte die bis dato größte Sensation in der deutschen Fußballgeschichte dar. Selbst die lange Zeit zurückhaltende Tagespresse räumte dem Fußball erstmals breite Beachtung ein, und auch konservative Kreise kamen nun nicht mehr umhin, zuzugeben, dass Fußball auf dem besten Wege war, „gesellschaftsfähig" zu werden.
Mit den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm nahm die Nationalelf erstmals an einem großen Turnier teil. Im Vorfeld hatte sich die Elf ein viel beachtetes Remis gegen die Niederlande erarbeitet. 18.000 sahen die Begegnung in Zwolle. Das erste offizielle Länderspiel lag zwar noch keine drei Jahre zurück, trotzdem wurde der Auswahl bereits eine „Botschafter-Rolle attestiert. Zumindest im Ausland, denn in Zwolle wurden die deutschen Spieler von den niederländischen Zuschauern mit langanhaltendem Beifall und „Deutschland
-Rufen begrüßt.
In Stockholm musste die Nationalelf allerdings realisieren, dass sie mit den etablierten Teams noch nicht mithalten konnte. Im Auftaktspiel gegen Österreich kassierte sie eine 1:5-Schlappe. Dass man zwei Tage später gegen Russland einen 16:0-Rekordsieg erzielte, war nur noch von statistischem Wert. Die russische Auswahl bestand vornehmlich aus fußballerisch ungeübten Leichtathleten, zudem hatten beide Teams am Abend zuvor gemeinsam gefeiert, was den Russen auf dem Spielfeld offensichtlich mehr zu schaffen machte. Herausragend an jenem 1. Juli 1912 war freilich Karlsruhes Gottfried Fuchs, der gleich zehn der 16 Tore markierte. Dass die deutsche Auswahl in Wahrheit nicht zu den europäischen Spitzenteams zählte, bewies sie zwei Tage später, als sie im Spiel um den Einzug ins „kleine Finale" gegen Ungarn eine 1:3-Niederlage bezog.
Auch im Freundschaftsspiel gegen England unterlag die DFB-Elf im März 1913 deutlich mit 0:3. Auf dem Berliner Victoria-Platz sahen rund 17.000 der Begegnung zu, das bedeutete Zuschauerrekord für ein Länderspiel vor dem Ersten Weltkrieg.
Auf in den Krieg
1913 erschien im „Fußball-Jahrbuch des DFB unter der Überschrift „Von völkischer Arbeit des Sports im deutschen Land
ein Beitrag, der den Krieg verherrlichte und dem Pazifismus und Internationalismus eine klare Absage erteilte: „Waffenklirrend schreitet die Zeit einher, zerschlägt mit stählerner Faust, was morsch und alt geworden, und düngt das Land zu neuer Saat mit Blut und Bein. (…) Entwicklung, Leben – das zeigt Mutter Natur überall – heißt Kämpfen! (…) Und doch rufen die Toren auch in unserem Land: Krieg dem Kriege! Es wäre gefährlich, wenn ihr Werben im Volke Erfolg finden sollte. Verzichten wir jemals auf den ehernen Schiedsspruch der Waffen, dann gehen wir folgerichtig zugrunde. Oder lehren die jüngsten Geschehnisse nicht, was entmannten Völkern droht, dass noch immer das Recht der Stärkeren gilt, das ewige, weil Leben gebärende?"
Der preußische Kriegsminister von Falkenhayn charakterisierte die erzieherischen Werte des Fußballspiels ganz in diesem Sinne: „Neben der Ausbildung von Kraft und Gewandtheit beim einzelnen Spieler schätze ich bei diesem Sport als besonderen Vorzug die Erziehung zur selbstlosen Opferwilligkeit des Einzelnen und zur Zurückstellung des persönlichen Ehrgeizes im Interesse des gemeinschaftlichen Erfolges und ebenso die Unterwerfung unter die Anordnungen des Parteiführers, des Schiedsrichters, der Vereinsleitung und in größeren Verhältnissen des Bundesvorstandes. Das sind disziplinfördernde Eigenschaften, deren eifrige Weiterpflege von ihrer Seite dem
