Der Stern von Jena: Peter Ducke und ich
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Über dieses E-Book
Sieben Jahre später trifft der Jena-Fan sein Idol. Eine herbe Enttäuschung – zum Glück nicht die letzte Begegnung. Christoph Dieckmann schildert die kurvige Laufbahn des ungewöhnlichsten Kickers der DDR. Zugleich erzählt er Fußball als deutsche Zeitgeschichte, vom Nachkrieg bis in die Gegenwart.
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Buchvorschau
Der Stern von Jena - Christoph Dieckmann
Das erste Fußballspiel meines Lebens sah ich 1965, im Alter von neun Jahren, in Dingelstedt am Huy. Mein Vater war Pfarrer. Unser Pfarrhaus, 1580 erbaut, umgab ein riesiger naturwüchsiger Garten. Sein Wald stieß an eine Mauer. Sie schied mein Kindheitsparadies von der Welt.
Eines Sonntags – die Eltern ruhten zwischen Mittag und Kaffeetrinken – durchdrang die dörfliche Stille ein fernes Geschrei. Es schwoll an und ab, Signalhörner mischten sich ein. Ich kletterte über die Mauer und lief in Richtung Lärm. Ich endete auf dem Sportplatz oben am Huywald und war sofort gebannt. Zwei bunt bedreßte Männerhorden kämpften um einen Ball. Ein Polizist in Schwarz versuchte den Streit zu schlichten. Wenn er in seine Trillerpfeife blies, stoppte das Getümmel, dann tobte es fort. Fünfhundert Dingelstedter umdrängten die Stätte. Sie brüllten, tuteten, schmähten die Gelben, befeuerten die Blauen. Ich erfuhr, hier spiele Traktor Dingelstedt gegen Traktor Ausleben. Die Masse war Einheitspartei, die Fremdlinge erfuhren keinerlei Sympathie. Mitleidig wählte ich ihre Seite. Als ihnen ein sogenanntes Tor gelang, wüteten etliche Erwachsene in Gossensprache. Ich jubelte, insgeheim.
Ausleben siegte 2:1. Die Geschlagenen trotteten hinunter ins Dorf. Gesenkten Hauptes schritten die Spieler durch das Spalier des Publikums. Ihre Schuhe schnalzten auf dem Kopfsteinpflaster wie alltags die Hufe der schweren Harzer Pferde. Dann verschwanden sie in Schmagolds Gaststätte. Daheim wurde ich schon vermißt. Das Kaffeetrinken war längst vorbei. Ich bekam noch ein Stück Bienenstich, doch mein sprudelnder Bericht wurde kaum verstanden. Ich rannte zu Vaters Schreibmaschine und hackte das übergroße Erlebnis ins Papier. Als könnte ich es vergessen!
Mein zweites Fußballspiel sah ich am 8. Mai 1965. Das hatte ich nicht vor, als ich zum Fernsehkukken Nachbar Krems besuchte. Wir besaßen nur ein Radio. Neidvoll lauschte ich, wenn Klassenkameraden von televisionären West-Genüssen schwärmten: von den Serien „Flipper, „Lassie
und „Fury, von „Rauchende Colts
und „Am Fuß der blauen Berge. Mitunter lud ich mich bittstellerisch ein. Das konnte mißlingen. Die schwerhörige Tante Schiefler, die oben im Pfarrhaus eine muffige Kemenate bewohnte, schätzte meine Gesellschaft während der so entsetzlichen wie unendlichen Volksmusikschau „Zum Blauen Bock
. Auch Onkel Krems schaute heute nicht, wie erhofft, „Spiel ohne Grenzen", den Städtewettkampf mit Camillo Felgen, sondern Osten: das Fußballpokalfinale SC Aufbau Magdeburg gegen SC Motor Jena.
Magdeburg war unsere Bezirksstadt. Jena, das klang wie Harem oder Samarkand, nach Orient und Tausendundeiner Nacht. Und diese Märchenmannschaft stürmte und traf, durch den unorientalisch benamten Helmut Müller. Der Reporter rief: Das ist die Führung für die Männer aus dem Paradies!
Welche Botschaft! Waren Jenas Spieler Engel, zumindest Pastorensöhne wie ich? Das Märchen endete rasch. Der Magdeburger Walter köpfte den Ausgleich. Onkel Krems brüllte lustvoll auf – und wenig später wieder, als der Schiedsrichter einen Elfmeter verhängte. Hirschmann lief an, Jenas weißbehoster Torwart Fritzsche flog in die falsche Ecke. Schlußpfiff. Onkel Krems griff in die Bierkiste, ließ die Bügelflasche ploppen, trank und las behaglich auf dem Harzbräu-Etikett den Vers:
Es grüne die Tanne,
es wachse das Erz,
Gott schenke uns allen
ein fröhliches Herz.
Meins blutete. Ich sah die traurigen Männer aus dem Paradies. Sie sanken hin. Die Magdeburger stemmten den FDGB-Pokal, ein bronzenes Ballarbeiter-Denkmal, jubelnd gen Himmel. Perfekt!, rief Onkel Krems. Jetzt kotzt Jena ab!
Dieser Siegersatz trieb mich für immer zu den Opfern. Ich glaubte, es wäre es den Männern aus dem Paradies ein Trost, wenn sie mich fortan auf ihrer Seite hätten. An diesem 8. Mai 1965, dem 20. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, begann für mich eine lebenslange Liebeshaft. Für‘s erste belehrte mich der Atlas, wo Jena lag. Vom Nachspiel erfuhr ich viel später. Etliche Jenaer hatten wütend diskutiert. Das 1:1 sei Abseits gewesen, der Elfmeter unberechtigt. Schiedsrichter Riedels ultimatives Bubenstück war sein letzter Pfiff. Er beendete die Partie bereits nach 82 Minuten. Das enthüllte der Zeiss-Chronist Udo Gräfe in „Jenas Fußball-Journal. Geschichte und Statistik" (2001). Das Finale war acht Minuten zu kurz. Warum?
Wegen der Friedensfahrt. Es drohte Verlängerung. Nach meiner Erinnerung füllte das Pokalendspiel die Zeit zwischen dem Etappenstart „Rund um Berlin und der Zielankunft im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. In der „Neuen Fußballwoche
(„Fuwo) schrieb Günter Simon von einem „zeitlich frühen Beginn vor Eröffnung der XVIII. Friedensfahrt
, so daß die Radsport-Zeremonie wohl auf das Fußballspiel folgte. In jedem Fall sollte es ohne Extrazeit enden.
Ein Jenaer erstritt eine persönliche Verlängerung. Die „Fuwo meldete: „Peter Ducke schädigte durch sein Verhalten in grober Weise das Ansehen der sozialistischen Sportbewegung. Obwohl in diesem Endspiel mehrfach dramatische Höhepunkte auftraten, kann dies in keiner Weise ein Verhalten rechtfertigen, das in grober Disziplinlosigkeit zu Beleidigungen und Unsportlichkeiten führte, wie dies nach diesem Endspiel durch den Sportfreund Ducke der Fall war.
Der Unhold hatte der Gewerkschaftsführung mitgeteilt: EUREN SCHWEINEPOKAL KÖNNT IHR BEHALTEN! Für dieses Angebot wurde Peter Ducke zehn Wochen gesperrt.
Noch ist er mir nicht besonders aufgefallen, geschweige denn mein Stern. Das ändert sich mit meinem ersten Länderspiel. Am 9. Oktober 1965 laufe ich durchs halbe Dorf, zum Fußballfan Onkel Rittmüller, dem Sohn der alten Küsterin und Vater meines Klassenkameraden Ulli. Die DDR spielt in Budapest gegen die hochfavorisierten Ungarn. Aus der „Volksstimme" weiß ich, daß der Sieger zur Weltmeisterschaft nach England reisen darf. Wobei den Magyaren bereits ein Unentschieden reicht.
Ich sehe mich noch auf Rittmüllers Bauerncouch. Der Reporter, den ein orkanisches Tosen umbraust, ruft mehrfach das Wort Hexenkessel. 80 000 Magyaren wollen ihre Mannschaft siegen sehen. Einer nicht: der Budapester Károly Sós, seit 1961 Nationaltrainer der DDR. Seine Schützlinge sind unsere Jungen. Sie heißen Horst Weigang, Otto Fräßdorf, Manfred Walter, Manfred Geisler, Waldemar Mühlbächer, Herbert Pankau, Henning Frenzel, Jürgen Nöldner, Dieter Erler. Der ist Mittelfeldregisseur und unser Kapitän. Im Sturm wirbeln die Jenaer Gebrüder Roland und Peter. Vorerst freilich tun sie nicht dergleichen, sondern die feurigen Szardas-Kikker, die Söhne der Pußta machen das Treiben verrückt. Ihasz, Sipos, Bene und der elegante Dr. Fenyvesi – diese Männer haben Paprika im Blut, wie Farkas und Rákosi auf den Flügeln, und in der Mitte feiert Flórián Albert, der Ferencvaros-Wunderkicker, sein 50. Länderspiel. Gleich nach dem Anpfiff knallt er haarscharf vorbei! Dann hält Weigang bravourös. Dann Tor, nein, aberkannt! Wieder Reflex von Weigang! Latte! Doch da, da, in der 31. Minute: Mühlbächer,
