Über dieses E-Book
In seinem Experiment gegen das Koma-Trinken vermittelt er seinen Schülern praktische Erfahrung im Umgang mit Alkohol. Nur was man am eigenen Leib erfährt, erfährt man nachhaltig. Wen wundert es, wenn nicht nur sein Experiment in harscher Kritik steht. Ihm selbst wird ebenso übel mitgespielt.
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Buchvorschau
Der den Teufel weckt - Maxi Hill
Vorwort
Der Alkoholkonsum von Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren verändert. Während die Zahl der Alkohol Trinkenden leicht rückläufig ist, hat sich das Rauschtrinken besorgniserregend verdoppelt. Zu den häufigen Folgeproblemen bei Gesundheit und Entwicklung zählt der Anstieg von Gewalttaten unter Alkoholeinfluss.
Die Landesregierung Brandenburg legte im Jahre 2007 ein vielgliedriges Präventionsprogramm auf, das Lehrern und Eltern für die ihnen anvertraute Jugendliche erfolgreiche und nachhaltige Wege für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol zu zeigen ermöglicht.
Einen Baustein bildet das Projekt »Lieber schlau als blau« der Salus Klinik Lindow von Doktor Johannes Lindenmeyer.
Der mutige Ansatz liegt hierbei in der Selbsterfahrung der Jugendlichen unter autorisierter Anleitung und Kontrolle.
»Nur was man am eigenen Leib erfährt, erfährt man nachhaltig.« So sagt es der Protagonist in diesem Buch – ein junger Lehrer, der den praktischen Wert der Maßnahme den wirkungslosen Abstinenzpredigten vorzieht. Nicht zuletzt, weil wir in einem Kulturkreis mit gestörter Trinkkultur leben. Alkohol ist allgegenwärtig, aus unserer Kultur nicht wegzudenken. Zugleich aber gibt es keine Normen und Regeln, die jungen Leuten im normalen Leben vermittelt werden. Dieses Projekt schließt die Lücke, ist aber sehr umstritten. Ja es löst bisweilen so heftige Kontroversen aus, dass mutigen Akteuren die Kraft abhandenkommt. Erschreckend die Lobby derer, die auf strikte Verbote plädieren und die Jugend somit aus der mitteleuropäischen Kultur herausheben möchten.
Wie dem jungen Lehrer Jan Stein in diesem Buch muss es im realen Leben mehr als einhundert geschulten Lehrkräften ergangen sein, wenn sie bisher noch nicht den Mut hatten, das ihnen vermittelte Wissen mit Leben zu erfüllen.
Ich wünsche diesem unkonventionellen Weg vertrauensvolle Akteure, gut informierte Eltern und aufgeschlossene Schüler.
Maxi Hill
Jan Stein
Die reinste Form des Wahnsinns ist, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich was ändert. (Albert Einstein)
Kaum zu glauben, dass er das Chaos in seinem Kopf noch beherrschen könnte. Er trinkt nur selten. Heute ist ein besonderer Tag. Das Fernsehen hat den Beitrag über sein Trinkexperiment ausgestrahlt und Sellinger vom Ministerium sagte: Das musste gefeiert werden. Das Chaos in seinem Kopf gibt ihm zu denken. Schlimmer ist, seine Schüler haben ihn gesehen, mitten im Spektakel. Einmal im Jahr feiert die Stadt ein Kneipenfest – aufwendig geplant - mit Bus-Shuttles von Kneipe zu Kneipe. Kein Problem – Aber genau dagegen hatte er vor der Klasse gewettert und heute war er dabei … Morgen bekommt er die Quittung. Morgen muss sein Kopf klar sein für das, was er vorhat und was ihm viel wichtiger ist, als alles andere.
Er ist kein Sterngucker, kein Kind von Traurigkeit. Er ist zweiunddreißig, ledig und Lehrer für Sport und Mathematik. Zum Glück an einem Gymnasium, wo die Disziplin noch nicht in den Ausbruchsversuchen Pubertierender versinkt.
Sein Schritt stockt. Eine Gruppe junger Leute zieht mit Gejohle vorbei. Einer läuft zu einem Baum, bückt sich und ruft die anderen heran. Jetzt kann er nicht weitergehen. Es könnten Schüler von ihm dabei sein. Dieses Alter hat ein feines Gespür für die Schwächen der Lehrer. Die Bank bei der großen Platane kommt ihm gelegen.
Er stützt seinen Kopf in beide Hände. Eine kurze Nacht. Zum Glück kann er ausschlafen.
Nach einigem Hin und Her trollt sich die Gruppe lautstark davon.
Er spürt, wie die Welt sich unter seinen Füßen dreht. Hat er tatsächlich ein, zwei Bier zu viel …? Er ist untertrainiert!
Karim sagte, er muss Vorbild sein, wenn er will, dass man ihm vertraut. Und wie er das will. Dafür hat er weiß Gott genug erdulden müssen. Kämpfen. Niederlagen einstecken. Verluste verkraften. Sellinger ist überzeugt: Nach diesem Fernsehbeitrag kommt die Akzeptanz für das Trink-Experiment. Mag sein. Es gibt einen Verlust bei der Sache, und den wird er nicht akzeptieren. Karim. Nur eine Arglist reichte aus. Karim will nichts mehr von ihm wissen; er wird sie nicht bedrängen.
Wankend setzt er seinen Weg fort. Das Hochhaus mit seiner kleinen Wohnung hebt sich ab vom Sternenhimmel. Noch drei Minuten, dann kann er sich ausstrecken. Schlafen. Nur noch schlafen.
Morgen wird er mutig sein und Karim anrufen … Nein, er wird zu ihr gehen … mit Blumen.
Am Baum links vom Weg stoppt sein Schritt. Jemand liegt an den Stamm gelehnt. Sturzbetrunken. Er hadert mit sich. Dann tritt er näher und sieht ein jammervolles Geschöpf, über und über vom eigenen Erbrochenen bedeckt.
Ein ähnlich würdeloses Bild hatte er bei der Vorbereitung zu seinem Experiment seinen Schülern gezeigt. Zur Abschreckung. Ein Foto nur. Nichts Reales. Ein hilfloses Mädchen auf einer Bank. Vollgekotzt. Schamlos entblößt.
Wenn einer so besoffen daliegt ist es eigentlich schon zu spät, hat er damals gedacht. Zu den Schülern hat er gesagt:
»Möchte jemand von euch einmal dieses Bild abgeben? «
»Abgeben nicht. Angucken schon«, erheiterte Pattrick Lörmann die Runde.
Pattrick! Diesem Jungen hätte es gut getan, sich am Experiment zu beteiligen. Sein Absturz zur Klassenfahrt in Peenemünde war beinahe folgerichtig; diese Erfahrung hat sich in seinen Lehrerstolz geritzt. Leider hatten Pattricks Eltern keine Chance, ihren Fehler zu erkennen.
In ziemlicher Dunkelheit beugt sich Jan zu dem leblosen Etwas. Die Kotze stinkt nach süßem Fusel. Im Halbdunkel das entstellte Gesicht von Nina Joswig.
Lange kann er keinen vernünftigen Gedanken fassen. Nur eines geht ihm durch den Kopf. Wie konnte er sich in Nina so irren?
Was da vor ihm liegt ist der vollgekotzte Beweis: Nina Joswig hat ihm die ganze Zeit etwas vorgemacht. Was jetzt vor ihm liegt, ist Teufelswerk. Hatte es nicht viele deiner Kollegen genauso prophezeit?
Wer sich auf Teufel komm raus betrinken will, der wird es nach diesem Experiment erst recht tun ...
Trotz Nebel im Kopf wird ihm klar, was Sellinger meinte. Der Weg des Mutes kennt zwei Ziele: Thron oder Schafott.
Was blieb ihm übrig, als den steinigen Weg zu gehen, der die Schüler selbst erfahren lässt was passiert, wenn man Alkohol trinkt. Die wenigsten hatten eine Ahnung, welch Teufelszeug in ihren Drinks steckt.
Die kühle Nachtluft streicht um seine Stirn, macht ihn munterer. Mit einem Male ist er stocknüchtern: Wenn Ninas Absturz bekannt wird, kommt genau der Ärger auf ihn zu, auf den Vera Hensel spekuliert; Vera mit ihrem Unfehlbarkeitssyndrom.
Wenn es zwei Frauen gibt, die den größtmöglichen Abstand halten sollten, dann Karim und Vera. Zu spät. Karim ist für ihn wieder unerreichbar. Sie gibt ihm dieses Gefühl. Und er hat entschieden, ihren Willen vorerst zu respektieren.
Er muss jetzt alles klug arrangieren: Hilfe für Nina anzufordern bedeutet, die Soko Suff auf den Plan zu rufen. Das ruiniert sein Ansehen endgültig. Lässt er Nina einfach ihren Rausch ausschlafen, bleibt immer noch Zeit für Erziehung … Ab Montag. Aber die Nächte sind empfindlich kalt, und Nina könnte noch einmal erbrechen und an ihrem Erbrochenen ersticken …
Der Park ist dunkel und ruhig. Kein Kneipenlärm. Kein Disco-Licht. Kein übermütiges Lachen. Nichts. Ist dieses Stück Welt nicht friedlich und still?
Vielleicht hätte er auch heute so gedacht, wäre nicht Karim eines Tages so aufgebracht gewesen. Ein Vorfall wurde im Kollegium kaum zur Kenntnis genommen. Man hatte in diesem Park zwei junge Asiaten übel zusammengeschlagen.
Jan drückt mit der Rückhand an die Halsader des Mädchens. Irgendwie aus Gewohnheit. Vielleicht aus Selbstbetrug. Freilich lebt sie, aber ansprechbar ist sie nicht. Er weiß nicht, wo Nina wohnt. Sie geht in die Neun A.
Ein Lufthauch lässt die Blätter über den Köpfen zittern. Sonst bleibt alles still, eine Stille, die mutlos macht.
Soviel Jan auch nachdenkt, er kann das Bild nicht ausstehen, auch wenn die Dunkelheit es verklärt. Aus dieser Dunkelheit löst sich seine Stimme, die Ninas Vater zu überzeugen versucht hat, seinem Trinkexperiment zuzustimmen:
Nun Herr Joswig, ich kann nur hoffen, dass man Sie niemals in die Rettungsstelle bittet, wo Ihre Tochter liegt. Vielleicht mit bleibenden Schäden. Vielleicht erfroren oder unterkühlt. Vielleicht in ihrem hilflosen Zustand von gewissenlosen Männern missbraucht …
In der Klinik
Am hellen Sonntag erwacht ein Mädchen im Klinikum in einem fremden Hemd, beäugt von fremden Gesichtern. Es hat nicht geschlafen. Es war nicht ohnmächtig. Es war zu. Völlig zu. Das wird ihm jetzt klar, und ihm dämmert es auch, warum sich das Innere nach außen kehren möchte. Alles kann sich nach außen kehren, nur nicht die Seele.
Die behält es bedeckt. Die geht keinen etwas an.
Dem Mädchen ist kotzelend. Eine Krankenschwester steht neben dem Bett. Das herbe Gesicht spiegelt weder Sorge noch Strenge. Abscheu vielleicht. Oder Kälte?
Die Frau fragt etwas, doch das Mädchen antwortet nicht. Es schließt die Augen und dreht sich zur Wand.
Schwester Beate muss gar nicht fragen. Sie weiß alles über das halbe Kind, das jetzt weniger erbärmlich aussieht als noch in der Nacht.
Nina Joswig. Noch nicht einmal sechzehn Jahre alt. Schülerin am Heine-Gymnasium.
Da draußen im Gang saß die halbe Nacht ein Kerl, der nicht eher gehen wollte, bis er erfahren hat, wie es um sie steht.
Erst als die Mutter des Mädchens kam, war er zu bewegen.
Hilflos stand die Frau herum, rang mit den Händen und wusste nicht, was man von ihr erwartete. Entgiftung. Das traf sie schwer. Schwerer noch trafen Mutters Tränen das blassblaue Kind.
»Dass du uns so etwas antust! Was sag ich bloß Papa. Nun siehst du es selber. Er hatte doch recht mit dem Experiment…« Sie zog ein Zellstoff aus der Tasche und wischte ziellos in ihrem Gesicht herum, »…ist der Teufel erst geweckt …!«
Das Mädchen weint seitdem und redet noch immer nicht.
»Es musste so kommen«, hat die Frau gesagt und ist von einem Bein auf das andere getreten, wie die Irren auf den Gängen der Anstalt.
Nichts muss so kommen, denkt Beate und spricht gedämpft auf Nina ein. Der schmale Körper hebt und senkt sich, aber er gibt keinen Laut frei.
Beate kennt andere Typen, die es den Schwestern schwer machen, sobald sie wieder ein bisschen Orientierung spüren. Manche werden aggressiv und randalieren herum. Einmal kam ein Dreizehnjähriger mit zwei Promille im Blut. Aber er stand senkrecht – nicht sicher, aber doch auf eigenen Füßen. Ein Dreizehnjähriger!
Andere kommen in fast komatösem Zustand, wo alle Schutzreflexe fehlen, wo die Atmung gefährlich langsam geht, bisweilen aussetzt. Die meisten sind unterkühlt, wie dieses Mädchen auch. Es brauchte eine Infusion; der Blutzucker war drastisch abgesunken. Und es brauchte neben der Windel, in die es sich komplett entleert hat, auch sehr viel Flüssigkeit.
Der Mann sagte, das Mädchen habe sich schon im Park übergeben. Komplett, wie es ihm schien.
Dieses Mädchen randaliert nicht, es keift nicht und lässt auch sonst alles geschehen. Dieses halbe Kind spürt eine Scham in sich, die nichts anderes erträgt als die weiße Wand neben ihrem Bett.
Besuch wäre Gift. Kein Besuch ist es auch. Die Mutter hatte verstanden, dass ihre Worte nicht hilfreich waren. Der Vater sei gottlob nicht in der Stadt. Der würde nicht lange fackeln, sagte die Mutter.
Seit einer Stunde sitzt schon wieder dieser Kerl draußen im Gang. Er gibt vor, Nina gefunden zu haben und endlich Auskunft zu erwarten.
Nina Joswig
Sie hat es sich nicht so schwer vorgestellt: Liebe. Aber sie hätte es wissen können. Sie ist kein Kind mehr. Sie weiß, was Liebe ist.
Sie hat nur keine Erfahrung, wie es ist mit dem Nachgeben … mit der Bewunderung … mit dem Vertrauen?
Durch ihr müdes Bewusstsein zieht die Stimme ihrer Mutter: »Wir helfen dir, aber du musst es wollen. « Vorher hatte Vater gepredigt: »Du bist jetzt selbst dafür verantwortlich, was du tust. «
Also hätte sie sich anders entscheiden müssen? Anders heißt gegen Pattrick und das wiederum bedeutet, sich für einen Verlust zu entscheiden.
Über eine solche Geschichte hatten sie im Deutschunterricht mit Frau Hensel geredet. Aber hier und jetzt geht es nicht um eine Romanfigur, hier geht es um sie und ihre Liebe.
Als Pattrick im neuen Schuljahr an diese Schule kam, war er ihr sofort aufgefallen. Jeder bewunderte ihn. Wenn sie mit dem Fahrrad zur Skatbahn fuhr, stand er schon da - sein Sturzhelm auf die Sitzbank gebunden, dunkle Brille und Gel im Haar. Mit Augen zu Schlitzen verengt, schickte er weiße Kringel aus Zigarettenqualm in die Luft und grinste so süß, dass die Haut an ihren Armen fror.
Sie war zufrieden, wenn er sie nicht übersah. Ein paar Worte. Ohne Bedeutung. Ein Blick, wenn er tollkühn die Halfpipe nahm. Breites Lachen, wenn er sein Handgelenk am Gashebel verdrehte, bis der Motor aufheulte.
Im Unterricht hielt er sich zurück, schalt die Fleißigen als Streber und jene als Weicheier, die sich an Mädchen hielten. Dabei war er ihr selbst sehr nah gekommen. Es prickelte auf der Haut, wenn er sein Gesicht von hinten über ihre Schulter schob. Von diesen Momenten an gab es immer einen Grund, dass sie sich zu ihm traute. Er lachte nur, wenn sie nichts anderes wusste, als über Mathe zu reden.
»Voll analog. Aber ich mach jetzt ´n Abgang. Kein Bock, hier rumzustressen.«
Klar war sie enttäuscht, aber dann sah sie das ganz besondere Funkeln in seinem Blick, als er versprach:
»Irgendwann ziehen wir beide unser Ding durch. «
Sie hat ihn nicht daran erinnert, weil er sie Kirsche nannte. Kirsche. Das erste Mal beim Karneval.
An diesem Tag hatte er getrunken. Er sagte, zum Karneval gehöre es dazu. Aber später einmal leugnete er zuerst, dann brüstete er sich damit vor anderen, und ihr sank der Mut, wieder von seinem Motorrad abzusteigen. Sie hätte es wissen müssen. Spätestens in Peenemünde.
In all den Monaten zuvor war sie oft genug mit sich selbst uneinig. Zu viele Mädchen himmeln Pattrick an. Er nennt sie alle Ische oder Brumme. Nur sie nennt er Kirsche und grinst dabei. Er sagt es zu Rille, und zu Kaktus, und manchmal auch zu Janetta, was bei der die Zornesröte in die Augäpfel treibt.
Einmal hatte sie Janetta sagen hören: »Lass dich mit der Ische eindosen, aber blümelt nicht vor unseren Augen rum. «
Auf einmal ist ihr klar, dass sie keinem anderen Mädchen ihr Gefühl gegönnt hat, sobald sie Pattrick in die Augen schaute. Bis gestern dachte sie: Ein starker, zufriedener Typ. Ein selbstsicherer Junge. Jetzt weiß sie nicht mehr, was richtig ist.
Noch niemals hatten sie Gedanken an die Liebe so stark berührt. Sie hatte so ihre Wünsche an das Leben. Vorstellungen, die im Nichts endeten, weil Erfahrung fehlte. Und dann sein erster Kuss. Ihr war, als habe der Augenblick des Lebens gut für sie entschieden. Als sei dieser Junge nur für sie geboren worden.
Gestern auf seiner Geburtstagsfeier wollte er es endlich tun, irgendwo im Hinterhof der Disco. Ihr fehlte der Mut. Sie hatte sich das erste Mal mit einem Jungen romantischer vorgestellt. Er meinte, nach drei Jägermeistern sei es leichter …
Wie fremdgesteuert gleitet eine Hand über die Stelle, wo er sie berührt hat. Die Wangen sind schlaff, schlaffer als ihr Geist, der zu ahnen beginnt, was bald folgen wird.
Wenn sie sich einem einzigen Menschen anvertraut, ist sie Pattrick los. Für immer. Mehr noch – und das drückt viel stärker gegen ihr Herz – wer Pattrick zum Feind hat, der hat es schwer in der Clique.
Ob er wirklich achtzehn geworden ist? Warum hinkt er zwei Jahre hinterher?
Bis gestern hätte sie ein Ende nicht für möglich gehalten. Nicht in ihrem Herzen. Was ist das für ein Freund, der sofort eine Andere knutscht, wenn er nicht bekommt, was er will. Ausgerechnet Janetta! Sie weiß, dass sich Janetta seit einiger Zeit diversen Jungen hingibt. Womöglich haben sie es dann miteinander getan, als sie heulend weggelaufen ist.
Sie hatte sich eine fröhliche Art zu feiern gewünscht, aber Pattrick war nicht zu überzeugen, dass es auch ohne Alkohol schön wäre. Sein Lachen war gemein. Jetzt sieht sie die Bilder vor sich und sie hört seine höhnischen Worte und die von Janetta. Warum musste sie auch von dem Trinkexperiment anfangen. Warum grinste Janetta? Sie hat doch selbst den Test absolviert. Sie hat sogar zu Herrn Stein gesagt, dass sie endlich begriffen hat.
War das noch derselbe Tag, auf den sie sich so gefreut hatte? War das noch derselbe Freund, den sie so gerne geküsst hat. Auf einmal küsste er Janetta! Und wie er sie küsste!
Ihre Augen füllen sich mit Feuchtigkeit. Klare, salzige Feuchte, die der Welt ihre Konturen nimmt. Alles verschwimmt, nur die Erinnerung an diesen Schmerz verschwimmt nicht so schnell.
Fünf verschiedene Drinks. Das war sein Geburtstagswunsch, und alle johlten laut: Binge-drinking! Ihr war so elend zumute und sie glaubte doch nur, es sei die Enttäuschung, die immer klarer, immer schmerzhafter auf sie zurollte. Pattrick und Janetta? Janetta die Brumme. Genau weiß sie nicht, ob das Wort gut oder schlecht ist. Auf Janetta passt es. Flapsige Sprache. Bunte Strähnen im wirren Haar. Piercings an Brauen, Zunge und Nabel. Janetta brummt.
Ob es das ist, was Pattrick gefällt?
Das Weinen bringt Erleichterung. Warum hat sie auf Herrn Stein gehört? Und dann fällt ihr ein, dass sie gar nicht auf ihn gehört hat, und dass sie deshalb hier liegt …
Zwei Einheiten, das war ihr persönliches Maximum nach dem Experiment. Nicht fünf. Und womöglich waren die drei Jägermeister doppelte, so genau kennt sie sich nicht aus.
Sie schiebt ihren Kopf, in dem sich alles dreht, auf den Ellenbogen. An der Wand verschwommen sein Bild. Sie weiß, dass sie ihm nur schwer verzeihen kann, aber sie muss ihn wiederhaben. Nur wie? Kann man sich für die Liebe an Unmögliches gewöhnen?
Was wäre jetzt, wenn sie mit ihm gegangen wäre?
Vielleicht wäre alles gar nicht so schlimm gewesen. Vielleicht läge sie nun für immer in seinem Arm ... Vielleicht hat Karim Üljaz recht: Manchmal haben die Jungen plötzlich genug von einem Mädchen, wenn sie es einmal hatten … Aber Frau Üljaz ist eine Türkin ...
Die Stunden bei Tage strecken sich. Was kommt jetzt noch? Was bedeutet Entgiftung?
Der Schatten steht wieder hinter ihr.
»Ich bin Schwester Beate. Kann es sein, dass der Mann, der dich im Park gefunden hat, dein Lehrer ist? «
Sie antwortet nicht. Ihr Körper hebt sich ruckartig, das Gesicht wühlt sich in die Kissen. Das Weinen wird stärker. Warum passieren ihr jetzt so peinliche Dinge. Sie schnellt in die Höhe. Vom äußeren Rand einer Zentrifuge fällt sie zurück auf das fremde Bett.
»Welcher Lehrer? «
»Stein heißt er und sitzt draußen im Gang. «
Verdammte Scheiße. Warum Herr Stein. Warum konnte man sie nicht liegen lassen, bis sie verreckt wäre … Immer noch besser als diese Blamage.
Zum ersten Mal in ihrem Leben möchte sie sterben. Nicht richtig zwar, nur um zu sehen, ob Pattrick um sie trauert. Die Furcht vor ihrem Vater, die Scham vor ihrem Lehrer, verdrängt sie.
Sie ahnt nicht, dass ihr Mathelehrer Jan Stein schon in der Nacht Stunden auf dem Gang der Notfallstation zugebracht hat. Jetzt sitzt er wieder da und grübelt, was falsch gelaufen ist.
Die Sache mit Vera Hensel
Die Krankenschwester sagt, pro Jahr werden fünfzehn bis zwanzig Jugendliche in diesem Zustand in der Notaufnahme eingeliefert. Am schlimmsten ist die Zeit um Himmelfahrt und zu den Osterfeuern. Auffällig ist, dass in letzter Zeit zunehmend Mädchen behandelt werden müssen.
»Das liegt daran, dass die Jungen robuster sind«, erwidert Jan Stein.
Bei sich denkt er: Nina ist alles andere als robust. Kein Kollege hätte Nina so etwas zugetraut.
Er lehrt gern am Heine-Gymnasium. Zwar sind die Kollegen dickfelliger als in seiner Kleinstadt-Schule und bisweilen hört er merkwürdige Grundsätze: Ein Gymnasium setzt die Prioritäten nicht auf Erziehung. Wer sein Kind hierher gibt, hofft auf hohe Bildung?
Geschwafel. Junge Erfolge wachsen auf dem Dung alter Denkfehler!
Er geht seinen Weg unbeirrt – trotz Rückschlag.
Was haben all die Erlasse gebracht, mit denen die große Politik ihr Gewissen reinwäscht? Besteuerung von Alkopops. Ausschankverbote. Preisschrauben. Die leichten Drinks waren es, die junge Zungen an hartes Zeug gewöhnten. Was nutzen öffentliche Verbote, wenn in den Wohnzimmern vorgeglüht wird. Er wirft seinen Kopf zurück.
Meine Methode ist besser geeignet als tausend Verbote und hundert Gesetze, auch wenn viele sie verteufeln. Erfahrung ist der beste Lehrmeister. Kontrollierte Erfahrung. Gerade für Heranwachsende.
Sellinger sieht klar: Flatrate-Saufen, 50-Cent-Partys und all diese Erfindungen! Je mehr die Jugend davon hört, desto spannender wird es. Allein das Wort Komasaufen erzeugt den Reiz, einmal auszuprobieren wie es ist, total besoffen zu sein ...
Jan Stein fühlt sich angekommen in seinem Beruf. Nicht lange zuvor war noch ein Zweifel in ihm. Die Anforderungen an einem Gymnasium sind hoch. Inzwischen weiß er es besser. An dieser Schule kocht man auch nur mit Wasser. Jeder lehrt nach seinem Gutdünken. Es gibt keine offenen Scharmützel. Nein. Aber es gibt diese gewisse Hackordnung, die jeden an seinen Platz befiehlt, der die Rangfolge missachtet. Nicht selten erwischt einen der Stoß des Nebenmannes, weil man ihm zu nahe kommt.
Zugegeben. Irgendwie war er Vera Hensel zu nahe gekommen? Aber womit genau, bleibt diffus.
Schon in der Nacht des endlosen Wartens in diesem Gang der Nothilfestation war Jan Stein zu keinem Ergebnis gekommen. Keinem, das mit Nina Joswig zusammen geht – aber sehr viel, was mit ihm selbst zu tun hat.
►Als er damals an diese Schule kam, fiel sie ihm sofort auf. Vera Hensel. Jeder im Kollegium wusste, was unter ihrem Examen stand: Mit Auszeichnung.
Nicht nur der Abstand zwischen ihrem und seinem Examen flößte ihm Respekt ein. Vera war für ihn ein Sinnbild des Schönen. Er brauchte sie nur zu sehen, schon war er gefangen von ihrer Helligkeit. Nicht das Haar allein, auch ihr Kopf war
