Über dieses E-Book
Helmut Held
Helmut Held wurde 1937 in Burg bei Magdeburg geboren. Von 1955 bis 1985 Pilotenausbildung. Später angehöriger der Kriminalpolizei. Wohnhaft in Möser, verheiratet, zwei erwachsende Kinder.
Ähnlich wie Schieler
Ähnliche E-Books
unlebbar Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSaarperlen: Veronika Harts erster Fall Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLeben, auf Sand gebaut Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFinstermoos 4 - Bedenke das Ende Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Wahrheit: SEX and CRIME Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSo oder so ist es Mord: Ein Schleswig-Holstein Krimi Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFährt ein Neandertaler mit dem Nachtzug nach Venedig Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGnadenlos: Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAus Liebe zu meinem Kind: Sophienlust 279 – Familienroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAbgeräumt oder niemand lügt für sich allein: Ein Hildesheim-Krimi Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNachwuchs unterm Regenbogen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Monster: KrimiSnack Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBühnenfieber: Sie nannten ihn HDM Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWas für ein Traum!: Der neue Dr. Laurin 47 – Arztroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGefühle können grausam sein – und so schön: Der kleine Fürst 248 – Adelsroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMordshexe Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLangeooger Zwielicht. Ostfrieslandkrimi Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSuperheldenherz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKomplizen: Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHilfeschrei Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStreit mit Alexa Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEs passiert nie etwas in Long Nickleby: Ein Lea-und-Maik-Krimi - Band 2 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWeckzeit: Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKatharsis. Drama einer Familie: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKein spritziges Ende: Sorpeseekrimi Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAus der Traum?: Dr. Norden 92 – Arztroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Rattenbande Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenNichts wie es war Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Thriller für Sie
Pretty Girls: Psychothriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie perfekte Frau (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Eins) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Der Idiot: Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenStefan Zweig: Sternstunden der Menschheit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Sandmann Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Lincoln Lawyer: Sein erster Fall Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie letzte Nacht: Thriller | Der neue Thriller 2023 der SPIEGEL-Bestsellerautorin um den Ermittler Will Trent Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEwiger Atem: Thriller | Die Vorgeschichte zum internationalen Bestseller »Die gute Tochter« Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Das Haus an der Küste: Roman. Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5James Bond 14 - Octopussy Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5KAI Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie gute Tochter: Thriller Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Weihnachten bei den Maigrets Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Tote in der Hochzeitstorte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKommissar Platow, Band 1: Sieben Schüsse im Stadtwald: Kriminalroman Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Verschwunden (ein Riley Paige Krimi—Band 1) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Gencode J - Geheimdienst-Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAufzeichnungen aus einem Totenhaus Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBerlin blutrot: 14 Autoren. 30 Tote. Eine Stadt. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBerlin Potsdamer Platz: Kriminalroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Perfekte Eindruck (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt—Band Dreizehn) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBeobachtet (Das Making of Riley Paige - Buch 1) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5James Bond 07 - Goldfinger Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Freaky Deaky Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFifth Avenue: Ein Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMaigrets Pfeife Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMaigret und die alte Dame Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Verwandte Kategorien
Rezensionen für Schieler
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Schieler - Helmut Held
Zwölf Jahre später
1
Es war zur Mittagszeit, als der Zug aus östlicher Richtung in den Bahnhof von Burg b. Magdeburg einfuhr. Die Passagiere, die ausstiegen, konnte man an einer Hand abzählen. Unter ihnen ein Mann Mitte dreißig. Sein Gepäck bestand aus einer Laptoptasche und einem mittelgroßen Trolley. Den setzte er ab und sah sich prüfend um. Falls er dachte, abgeholt zu werden, so war das ein Irrtum. Kein bekanntes Gesicht. Auch von den Reisenden, die am gegenüberliegenden Bahnsteig auf die Ankunft des Gegenzuges warteten, nahm niemand Notiz von ihm. Dem Mann schien das nur recht zu sein. Er lächelte und betrachtete neugierig seine Umgebung wie jemand, der zum ersten Mal hier war und sich informieren wollte. Doch so war es nicht. Der Mann war hier geboren und auch zur Schule gegangen. Nur mit dem Zug war er schon lange nicht mehr angereist. Das war früher anders gewesen. An den Wochenenden war er als Kind oft mit seinen Eltern zu Verwandten in den nächsten Ort gefahren.
Die überdachten Bahnsteige und auch das alte Bahnhofsgebäude sahen noch genauso aus wie damals. Natürlich waren die Gleisbetten erneuert und ein weiterer Schienenstrang gelegt. Aber den großen Rangierbahnhof gab es noch immer. Auf diesem standen die Waggons in langen Reihen wie eh und je. Der Mann hob den Trolley an und schritt leichtfüßig zur Treppe, über die man in die weiß geflieste Unterführung gelangte. Von dort führten eine Treppe in die Bahnhofshalle und eine weitere direkt auf den Vorplatz. Diese nutzte der Mann. Er blickte auf die Uhr, die in einem blau gestrichenen Gerüst eingearbeitet war. Viertel nach zwölf.
Der gepflasterte Vorplatz mit seiner Ausfahrt zur Stadt war rund und glich in seiner Form einer liegenden dickbäuchigen Flasche mit einem langen Hals. Der Mann lief bis zur Bordsteinkante, blieb stehen und sah sich die Vorderansicht des Bahnhofsgebäudes an. Auch hier kaum eine Veränderung. Lediglich die gelb abgesetzten Flächen und die Fensterrahmen zwischen den Backsteinfronten waren frisch gestrichen.
Vor dem Gebäude acht Taxis, deren Fahrer auf Kundschaft warteten. Einige standen in der Nähe ihrer Fahrzeuge und unterhielten sich. Andere saßen hinter dem Lenkrad und lasen Zeitung. Ein junger Bursche lehnte mit einer Bratwurst in der Hand am Tresen des kleinen Imbissstandes. Der war neu. Den gab es früher nicht.
Der Blick des Mannes schweifte hinüber zu dem gegenüberliegenden, gepflegt aussehenden Park. Noch am Überlegen, ob er zu Fuß geht, oder …, als ihm die Entscheidung mehr oder weniger abgenommen wurde.
„Guten Tag, ich nehme an, Sie sind fremd hier. Wo soll es denn hingehen?"
Einer der Taxifahrer hatte in ihm einen potenziellen Kunden erkannt und war näher gekommen. Der Mann verkniff ein Lachen. Stattdessen nickte er und nannte die Adresse.
„Na ja, weit ist das nicht."
„Wenn es Ihnen nicht …"
„Nein, nein. So war das nicht gemeint. Wie Sie sehen, ist die Konkurrenz groß. Ich bin froh, einen Kunden zu kriegen und jeder Cent zählt."
Während der Wagen durch die Stadt rollte, versuchte der Fahrer herauszubekommen, wer sein Fahrgast war, von wo er kam und zu wem er wollte. Doch der reagierte überhaupt nicht. „Auch gut, ich wollte Sie nur unterhalten", brummelte der Fahrer mürrisch. Nun bequemte sich der Mann, doch zu sprechen.
„Unterhalten? Sie sind nur neugierig. Anstatt Fragen zu stellen, sollten Sie lieber den kürzesten Weg zum Ziel nehmen. Der Fahrer sah seinen Passagier überrascht an. Der verzog keine Miene und ohne den Blick von der Straße zu nehmen, sagte er: „An der Oberstraße sind wir jetzt das zweite Mal vorbeigefahren.
„Das, das …"
„Hören Sie auf zu stottern und halten Sie an." Das Taxi hielt. Der Mann bezahlte wortlos den auf dem Display abzulesenden Betrag und stieg grußlos aus. Er schulterte seine Laptoptasche, zog den Griff seines Trolleys heraus und ging den Koffer hinter sich herziehend geradeaus weiter. Zu Fuß war er diesen Weg schon lange nicht mehr gegangen. Bisher war er immer mit seinem Auto gekommen. Diesmal war das nicht möglich. Vor gut drei Monaten war er seinen Führerschein losgeworden. Er hatte es damals, wie so oft, sehr eilig und war in eine Radarfalle gerast. Es war nicht das erste Mal. Die Höhe des Bußgeldes und seine Punktesammlung in Flensburg konnte er noch verkraften, wenn auch schwer. Die Dauer des Entzuges jedoch traf ihn hart. Mit der Straßenbahn oder gar mit dem Fahrrad zu fahren, fand er nicht so gut. Doch was blieb ihm über. Da sein alter Opel schon seit Jahren nur mit Hängen und Würgen durch den TÜV kam, nahm er den Entzug der Papiere zum Anlass, sich von ihm zu trennen. Eine Neuanschaffung hatte er aus finanziellen Gründen immer wieder verschoben.
Die Scheidung war nicht billig, dazu der Unterhalt für seine sechzehnjährige Tochter. Und schließlich die neuen Möbel. Seine Ehemalige hatte nahezu alles, was in der gemeinsamen Wohnung stand, mitgenommen. Als er eines Abends nach Hause kam, starrten ihn die leeren Wände an. Miststück hatte er gedacht und es dabei belassen. Da es nicht in seiner Absicht lag, sich gleich wieder auf eine feste Bindung einzulassen, war er in eine kleine, preiswertere Wohnung gezogen. Aber auch die musste eingerichtet werden. Und nun stand der Kauf eines neuen, wenn auch gebrauchten Autos an. In drei Tagen lief seine Sperre ab. Bis dahin musste er etwas Preiswertes finden.
Er sah nach oben. Kein Wölkchen am Himmel. Die Sonne stand bald im Zenit. Der Sommer versprach heiß zu werden. Die augenblickliche Temperatur bestimmt um die dreißig Grad. Der Mann wischte die ersten Schweißperlen von seiner Stirn und bog in die mit Ahorn bewachsende Magdeburger Promenade ein. Nur noch knapp achtzig Meter. Das Ehepaar Berger hatte dort in den achtziger Jahren ein kleines Haus gebaut. Seit zehn Jahren lebte die Mutter allein. Sein Vater hatte den Kampf gegen den Krebs, der seine Bauchspeicheldrüse zerfraß, verloren. Vor der Gartenpforte setzte er den Trolley ab und atmete tief durch. Was seine alte Dame wohl sagen wird, wenn sie hört, ihr Einziger bleibt auf unbestimmte Zeit? Sie wird sich freuen, das ist sicher. Aber warum er blieb? Was sollte er sagen? Die Wahrheit? Unmöglich! Das konnte er ihr nicht antun. Sie ist nicht mehr die Jüngste und auch mit der Gesundheit stand es nicht zum Besten. Er musste behutsam sein.
„Ich glaubt’s nicht. Marc du und das mitten in der Woche?" Seine Mutter, eine kleine leicht rundliche Frau mit weißem Haar, stand an der Hausecke. In der Hand hielt sie eine kleine Hacke, mit der sie das Unkraut in einem Blumenbeet bekämpft hatte. Sie warf das Werkzeug zu Boden, streifte die Gartenhandschuhe ab und eilte, sich die Hände an der Schürze abwischend, auf ihren Sohn zu. Der breitete die Arme aus, hob die kleine Frau in die Höhe und wirbelte sie einmal um seine Achse.
„Lass mich runter, du Verrückter. Lass mich bloß runter." Er tat es. Die Frau beugte sich über die Gartentür, sah nach links und rechts und dann auf den Rollenkoffer.
„Wo hast du dein Auto gelassen?"
Da war sie, die erste unangenehme Frage. Die abzublocken war noch kein Problem. „Muttchen, du weißt, wie alt der Karren ist. Der Verkauf war lange überfällig. Habe zwar nur zweitausend bekommen, aber besser als verschrotten. Ich will mir hier einen anderen Wagen kaufen. Mit etwas Glück kriege ich ihn billiger als in Berlin. Deshalb bin ich mit dem Zug gekommen."
Die alte Dame sah ihren Sohn aufmerksam an. „Normalerweise gibt man beim Kauf eines Neuen das alte Auto in Zahlung. Wäre das nicht günstiger?" In ihrer Stimme klang Misstrauen. Er hatte es geahnt, seine Mutter hinters Licht zu führen, würde alles andere als leicht sein. Ihm wurde klar, schon sein Erscheinen zu dieser ungewöhnlichen Zeit musste ihren Argwohn erregt haben.
„Aber liebste Mutti, nicht für meinen alten Opel. Da war ein junger Kerl aus der Nachbarschaft. Der bot mir hundertfünfzig Euro mehr, als ich sie bei einem Händler bekommen hätte. Der will den Wagen für ein Chaosrennen umbauen. Mir soll’s egal sein."
Die Mutter fasste ihren Sprössling an das Kinn, schüttelte es leicht und fragte: „Stimmt das auch?"
Marc vermied es, ihrem Blick zu begegnen. Er nickte und sagte, von sich ablenkend: „Hast du schon mal auf das Thermometer geguckt? Bei dieser Hitze zur Mittagszeit im Garten zu werkeln. Das ist doch …"
„Nun halte mal die Luft an und behandle mich nicht wie ein kleines Kind. Ich weiß schon, was ich tue. War nur kurz draußen, dazu im Schatten und wollte gerade wieder reingehen. Das Essen ist fertig. Für dich wird es auch noch reichen." Sie drehte sich um und ging ins Haus. Marc folgte ihr, froh den bohrenden Fragen seiner Mutter erst einmal entgangen zu sein.
Nach dem Mittagsessen, es gab eines seiner Leibgerichte, weiße Bohnen, war er in sein altes Zimmer gegangen. Das war noch genau so eingerichtet wie damals. Jetzt diente es als Gästezimmer. Er räumte seine paar Habseligkeiten in den Schrank und warf sich auf die breite Liege. Schon nach kurzer Zeit war er eingeschlafen und erst nach Stunden wieder wach geworden. Vielleicht hatte ihn der Kaffeegeruch geweckt, oder das Zufallen einer Tür. Seine Mutter wusste, wie sie mit ihm umgehen musste.
Am späten Nachmittag saßen beide auf der von einer Markise überspannten Terrasse. Die alte Frau goss Kaffee ein und musterte ihren Sohn mit forschendem Blick. Der tat, als merke er es nicht. „Wie lange willst du mich noch auf die Folter spannen. Auch wenn im Fernsehen dein Gesicht unkenntlich gemacht wurde. Eine Mutter kann man nicht täuschen."
Also doch. Seine Vermutung bestätigte sich. Diese verflixten Reporter.
„Marc, dass man dich rausgeschmissen hat, das war mir klar, als du vor der Tür standest. Wissen will ich, ob sie dich vor Gericht stellen. Wenn ja, rechnest du mit einer Verurteilung? Ihr Sohn nahm einen großen Schluck aus seiner Tasse, setzte sie langsam ab und sah seine Mutter an. „Liebste Mutts, ich kann dir weder die eine noch die andere Frage beantworten. Ich weiß es nicht. Nur so viel: Ich bin nicht entlassen. Noch nicht. Und über eine Anklage hat der Staatsanwalt bisher nicht entschieden. Vorerst hat man mich aus der Schusslinie genommen. Deshalb bin ich hier und werde auf unbestimmte Zeit bleiben. Es sei denn, du willst mich nicht in deinem Haus haben.
Bei seinen letzten Worten verzog sich sein Gesicht zu einem spitzbübischen Schmunzeln. Seine Mutter ging überhaupt nicht darauf ein. Stattdessen sagte sie: „Als ich dich im Fernsehen erkannte, glaubte ich zu ersticken. War ich froh, dass sie deinen Namen nicht genannt haben. Die Nachbarschaft hätte mir die Bude eingerannt. Bitte beantworte mir eine Frage. Hast du den Kerl absichtlich …?"
„Natürlich nicht. Was denkst du von mir."
„Aber wieso denken sie, dass du …"
„Mutter bitte. Darüber will ich nicht sprechen. Nicht jetzt. Also hör auf zu fragen."
Die alte Frau stöhnte. „Also gut, ich werde nicht mehr fragen. Kann ich mich wenigstens nach deiner Geschiedenen und deiner Tochter erkundigen?"
„Ja, kannst du. Ihr Sohn lachte, fasste über den Tisch, ergriff beide Hände der Mutter und umschloss sie mit den seinen. „Hab dich lieb Mutts.
„Papperlapapp, hör auf, mir Süßes ums Maul zu schmieren. Was ist mit Sandra und Anica?"
„Deine ehemalige Schwiegertochter hat sich einen Neuen geangelt. Ein gewisser Wilhelm Sorge, sie ist bei ihm eingezogen. Und Anica geht aufs Gymnasium. Wie sie mir erzählte, kommt sie gut zurecht. Ansonsten, du weißt, wie junge Mädchen sind. Sie wollen unter Gleichaltrigen sein. Da spielt ihr alter Vater eine untergeordnete Rolle."
„Was heißt hier alter Vater. Du bist gerade mal siebenunddreißig. Besucht sie dich wenigstens?"
„Ja, natürlich. Alle zwei bis drei Wochen steht sie Sonntagvormittag vor der Tür. Dann koche ich etwas, oder gehe mit ihr essen. Vor vierzehn Tagen hat sie mir versprochen, in den Ferien auch zu dir zu kommen."
„Hoffentlich vergisst sie es nicht. Betrübt schüttelt die alte Frau den Kopf. „Ich vermisse sie sehr.
Die folgenden Tage verliefen hektisch. Zwar hatte Marc Berger hinsichtlich einer Automarke keine besonderen Vorlieben, aber was Aussehen, Leistung und Preis anbetrafen, sehr wohl. Der Wagen sollte beeindrucken, superschnell sein und möglichst wenig kosten. Wenn er dem jeweiligen Händler seine Wünsche vermittelte, sah dieser ihn an, als hätte er es mit einem Kranken zu tun. Berger nahm es den Leuten nicht übel. Seine Vorstellungen waren extrem. Er hätte als Verkäufer nicht anders geguckt. So aber zuckte er mit den Schultern, machte auf dem Absatz kehrt und lief zum nächsten Autohaus. Von denen gab es genügend. Doch das Glück war ihm nicht hold. In der nachfolgenden Woche klapperte er die kleineren Gebrauchtwagenhändler ab. Und siehe da, am Freitag fand er einen Sportwagen, äußerlich im Topzustand, mal gerade vier Jahre alt. Mit seinen vielen PS und dem hohen Spritverbrauch war er dem Vorbesitzer zu teuer geworden. Alles Weitere war Verhandlungssache. Der Geschäftsmann war froh, so schnell einen Interessenten für den ungewöhnlichen Wagen gefunden zu haben und blieb im Preis moderat. Da inzwischen auch sein Führerschein per Post gekommen war, konnte er auf der Autobahn mal richtig Gas geben. Zudem war ein weiterer Brief eingegangen, mit der Nachricht, dass sein Zwangsurlaub beendet ist. Marc Berger war erleichtert.
***
2
Zu der Zeit, als Berger sich mit seinem neuen Auto vertraut machte, bekam die Studentin Lydia Seeger Besuch von ihrer besten Freundin. Als Franzi Lindner sich in dem kleinen separaten Zimmer umsah, ahnte sie, was Lydia beabsichtigte. Eine diesbezügliche Frage bestätigte ihre Vermutung und brachte sie vollends in Rage.
„Du kennst den Kerl seit etwa vier Wochen. Jetzt willst du mit ihm das Wochenende verbringen, ohne mir zu sagen, wer er ist", begann sie laut zu schimpfen.
„Na und?, erwiderte Lydia. „Wo ist das Problem? Wie oft bist du schon mit einem ins Bett gegangen, den du gerade kennengelernt hast. Der Mann ist in Ordnung. Bisher hat er nicht einmal versucht mich zu küssen, geschweige mehr zu verlangen. Du bist nur neidisch.
„Und warum verheimlichst du ihn?"
„Er will nicht ins Gerede kommen. Nur darum soll ich unsere Beziehung für mich behalten. Das kann ich auch verstehen. Wenn seine Frau davon erfährt. Das wäre … dazu seine gesellschaftliche Stellung."
„Was heißt hier gesellschaftliche Stellung? Ich denke, er lebt getrennt von ihr. Da kann es ihm doch egal sein …" Franzi ließ nicht locker.
„Eben nicht. Noch ist er nicht geschieden. Die Abfindung würde bestimmt sehr hoch ausfallen, wenn publik wird, er hat schon jetzt eine Neue."
Franzi lachte laut auf. „Von wegen Neue. Er hat sein Ding noch nicht mal in dich rein gesteckt. Es sei, du hast mich belogen. Aber das glaube ich nicht. Und genau das ist es, was mich stutzig macht. Der Kerl ist doch abartig. Du bist ein Rasseweib. Jeder normale Mann würde versuchen, dich so schnell wie möglich zu vernaschen und nicht wochenlang einen auf ehrbar machen. Nee, nee, das will mir nicht in den Schädel."
Lydia schoss das Blut in den Kopf, als sie einen scheuen Blick in den großen Spiegel über ihrem kleinen Frisiertisch warf. „Ja, ja, sieh dich nur an, fuhr die Freundin fort, „groß, schlank, lange Beine, die kein Ende nehmen wollen, schwarzhaarig und ein paar Titten, auf denen man Nüsse knacken könnte. Und das alles ohne Silikon!
„Franzi! Du bist ordinär. Lass das."
Lydia, deren Gesicht die Farbe einer tiefroten Tomate angenommen hatte, zog schnell ein lockersitzendes T-Shirt über den nackten Oberkörper. Sie war gerade aus der Dusche gekommen, als ihre Freundin an die Tür klopfte. Da sich beide beim Ankleiden oft gegenseitig berieten und sogar Kleidungsstücke austauschten, ließ sie Franzi ein, obwohl sie erst im Slip war.
„Was heißt hier: Lass das! Es ist doch so. Nach dem Fummel, der hier liegt, Franzi deutete auf ein sehr kurzes Kleidchen, das auf dem Bett lag, „hast du dich bereits entschieden.
„Na und? Was geht’s dich an? Er hat mich in sein Ferienhaus eingeladen. Und wenn du’s genau wissen willst, da wird das passieren, was dich an dem Mann so stört."
Franzi prustete los. „Ich werde dir sagen, was mich stört. Diese verdammte Geheimniskrämerei. Wo ist denn dieses Ferienhaus? Weißt du das überhaupt?"
„An einem See, er hat ein Grundstück dort."
„Ach ja? Ist ja toll. Und an welchem See? Ich wette, du weißt es nicht." Franzi stellte sich breitbeinig, die Fäuste in die Hüften gestützt, vor die Freundin und musterte sie mit herausforderndem Blick.
Lydia schwieg, senkte die Lider und sah nach unten. Sie wirkte wie ein verängstigtes Mäuschen, das vergebens das Eingangsloch zu seinem schützenden Bau suchte.
„Hab’s mir doch gedacht. Franzi lachte kurz, um hinzuzufügen: „Du weißt es nicht. War nicht anders zu erwarten. Da rate ich dir, das geplante Wochenende sausen zu lassen. Ich meine es nur gut.
Keine Antwort. Lydias Blickrichtung veränderte sich nicht.
„Also nein. Dann mach ich dir einen Vorschlag. Wir gehen gemeinsam zu eurem Treff und du stellst mir den Typ vor. Männer kann ich besser einschätzen als du. Habe da so meine Erfahrungen."
Als sei das ihr Stichwort, sah Lydia die Freundin scharf an. Ihre Ängstlichkeit war wie weggeblasen. „Von wegen Erfahrungen …, sagte sie. „Nein, daraus wird nichts. Ich hab ihm versprochen, unsere Beziehung für mich zu behalten. Und wage es ja nicht, mich zu verfolgen. Dann sind wir die längste Zeit Freundinnen gewesen.
Jetzt glich Lydia einer Wildkatze, die bereit war, ihr Revier, ihre Beute mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie kannte Franzi und ihre Vorlieben; hatte sie sich doch oft Männer geschnappt, die auch für Lydia interessant gewesen wären.
Franzi begriff, sie war zu weit gegangen. Dabei hat sie gar keine arglistigen Gedanken gehabt. Im Gegenteil, sie hatte Angst, die Freundin, gutgläubig, wie sie war, könnte in die Hände eines Perversen fallen. Doch sie hatte es falsch angefangen. So entschloss sie sich zu einem letzten Versuch. Sollte der nicht gelingen, würde sie sich an ihre Fersen heften. Lydias Drohung, die Freundschaft zu beenden, nahm sie nicht ernst. Zum anderen würde sie schon aufpassen, dass sie von den beiden nicht gesehen wird.
„Verdammt, du bist meine Freundin, begann sie, „kannst du nicht verstehen, dass ich mir Sorgen mache? Wenn du mir nicht seinen Namen nennst, dann wenigsten den Beruf und wo er arbeitet. Ich verspreche dir, dich dann nicht mehr zu löchern.
Lydia sah Franzi misstrauisch an. Ihre Gesichtszüge entspannten. Die Freundin schien es tatsächlich gut mit ihr zu meinen. Franzi sah das und bekam Oberwasser.
„Ja wirklich, versprochen", versuchte sie, die anscheinend unschlüssig gewordene Freundin nun doch noch zum Reden zu bewegen. Ihre Bemühungen wären sicherlich von Erfolg gekrönt, wenn Lydia die Fragen hätte beantworten können. Doch sie konnte es nicht. Nichts, rein gar nichts wusste sie von dem Mann. Das wurde ihr in diesem Augenblick bewusst. Was er bisher von sich erzählt hatte, war nicht greifbar. Damit war nichts anzufangen. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Das war im Mai vor knapp vier Wochen.:
Lydia betrat einen der örtlichen Baumärkte, um ein Geburtstagsgeschenk für ihren Vater, einen passionierten Heimwerker, zu kaufen. Sie ging in die Werkzeugabteilung und betrachtete die aufgereihten Akkuschrauber. Eines dieser Geräte sollte es sein. Doch welches? Viel Geld besaß sie als Studentin nicht, aber Plunder sollte es auch nicht sein. Sie sah ratlos von einem Schrauber zum anderen, verglich die Preise, die von fast geschenkt bis zu richtig teuer reichten.
„Na, junge Frau, kann ich helfen? Lydia, in der Überzeugung, es mit einem der Verkäufer zu tun zu haben, versuchte auszuweichen. Mit Sicherheit würde der ihr das teuerste Gerät empfehlen. Doch dafür hatte sie nicht das Geld, was sie natürlich nicht sagen wollte. Der Mann schien ihre Gedanken erraten zu haben. Ein kurzes Auflachen. „Keine Sorge. Ich bin auch nur Kunde. Aber mit Werkzeugen kenne ich mich aus. Brauchen Sie den Akkuschrauber selbst, oder …?
„Für meinen Vater, ein Geschenk zum Fünfzigsten", antwortete sie leise.
„Na da werden wir schon was finden." Lydia blickte auf, sah in das Gesicht des ihr unbekannten Mannes und erstarrte. Sekundenlang konnte sie den Blick nicht abwenden. Was war denn das? Ein Kribbeln lief ihr über den Rücken. Eine Empfindung, die sie bisher so nicht kannte. Und das beim ersten Anblick. Woran lag das? War es die Stimme, der Tonfall, sein Aussehen oder die Augen? Sie fand keine Erklärung, war wie in Trance. So muss sich ein Beutetier fühlen, wenn es von einer zum Angriff aufgerichteten Schlange fixiert wird. Das Blut in ihren Schläfen begann zu pulsieren, ihre Wangen brannten. Mein Zustand steht mir im Gesicht geschrieben, durchfuhr es sie. Was soll der bloß denken? Verwirrt und aufgewühlt wandte sie sich ab, nahm schnell einen verpackten Akkuschrauber und tat, als würde sie die Beschreibung lesen. Sie zuckte zusammen, als der Mann ihr das Paket aus der Hand nahm.
„Viel zu teuer. Er legte es zurück, griff nach einem anderen Gerät und sagte: „Für den normalen Heimwerker reicht das aus und es kostet nicht einmal die Hälfte.
Er trat an das nächste Regal und entnahm ein kleines Kästchen mit durchsichtigem Deckel. „Hier ein Bitsortiment, bester Stahl! Zugegeben, nicht ganz billig, aber dafür besonders haltbar. Daran wird Ihr Vater seine Freude haben."
Lydia fand langsam ihre Fassung wieder. Das Klopfen in den Schläfen hörte auf und die Wangen brannten auch nicht mehr. „Sind Sie sicher?", fragte sie. Dabei vermied sie es, in die Augen des Fremden zu sehen. Stattdessen haftete ihr Blick starr auf das empfohlene Werkzeug.
Wieder ließ der Mann ein leises, melodisches Lachen erklingen. „Ganz sicher."
„Na gut. Ich verlass mich auf Sie. Lydia legte die Waren in den Einkaufswagen. Ein kaum Hörbares: „Vielen Dank
murmelnd, versuchte sie, schnellstmöglich an dem Mann vorbeizukommen. Nur weg, dachte sie. Irgendwie war er ihr unheimlich. Dabei fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Und genau das verstand sie nicht. Wie konnte sie nur solche widersprüchlichen Gefühle empfinden. Mit gesenktem Kopf schob sie ihren Wagen eiligst in Richtung Kasse. Als sie aus den Augenwinkeln einen Schatten neben sich bemerkte, wusste sie, es gab kein Entkommen. Er war es.
„Was wollen Sie von mir?"
„Sie kennenlernen. Was sonst? Schockiert verschlug es ihr die Sprache, wenn auch nur für einen Moment. „Ich habe einen Freund, also geben Sie sich keine Mühe.
„Haben Sie nicht", antwortete der Mann ungerührt.
Diese mit Festigkeit vorgebrachte Erwiderung verunsicherte Lydia erneut. Sie beschleunigte ihre Schritte, doch der Mann blieb neben ihr. „Woher wollen Sie das wissen?, fragte sie schließlich. „Ist doch ganz einfach. Für den Kauf eines Akkuschraubers hätten sie den Freund mitgenommen. Das haben Sie nicht, also existiert er nicht.
Diese Logik verblüffte Lydia. Sie war simpel, aber richtig. Vor dem Gang zum Baumarkt hatte sie noch überlegt, wen sie als Berater mitnehmen könnte und dabei gedacht, warum habe ich keinen Freund?
„Ein Vorschlag zur Güte, fuhr der Mann fort, „dort ist eine Imbissecke. Ich lade Sie zu einer Tasse Kaffee ein. Sie gefallen mir. Geben Sie mir eine Chance. Bitte.
Lydia sah den Fremden an. Was sollte sie machen? Bisher hatte noch kein Mann so mit ihr gesprochen. Überdies sah er unbestreitbar gut aus. Auch seine Größe passte zu ihr. Sein Alter? Um die dreißig. Seine Outfit? Ja, Geschmack hat er.
„Nun, was ist schöne Frau? Einverstanden?"
Lydia lächelte belustigt. „Sie Schmeichler. Klappt das bei allen Frauen? Der Mann ließ ein jugendlich helles Lachen erklingen. „Nein, nicht bei allen, aber bei den meisten.
Lydia verzog das Gesicht.
„Halt, rennen Sie jetzt nicht weg, es war ein Scherz. Der Fremde fasste an den Einkaufswagen. „Ehrlich
, sagte er, „es war nur ein Spaß. In Wirklichkeit bin ich sehr gehemmt. „Sie und gehemmt. Da möchte ich nicht wissen, wie Sie sind, wenn Sie die Hemmungen abgelegt haben.
Ein kurzes Aufblitzen in seinen Augen. Der Mann murmelte etwas Unverständliches.
Lydia wurde für Sekundenbruchteile von dem beklemmenden Gefühl befallen, das sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte. Doch es verschwand so schnell, wie es gekommen war. „Na gut, sagte sie, „aber nur eine Tasse. Ich muss nach Haus, habe noch Studienaufgaben zu erledigen.
Sie war kurz vor der Kasse, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und eine vertraute Stimme sagte: „Nanu Lydia, du im Baumarkt. Was willst denn du mit einem Akkuschrauber? Sven Borchert, ein Kommilitone stand neben ihr. Lydia zuckte mit den Schultern. „Geschenk für meinen Vater. Und, was willst du hier?
„Nur ’n Fahrradschlauch. Sophie hat Panne. Ehe ich ihr den Schlauch flicke, kaufe ich doch lieber einen neuen. Macht weniger Arbeit."
„Sophie?"
„Ach ja, die kennst du nicht. Eine Hiesige. Tolles Mädchen." Sven verzog das Gesicht.
„Ich dachte deine Freundin heißt Kathrina? Der junge Student rieb sich das Kinn. „Ja weißt du …
Er hielt kurz inne, ein verkniffenes Lächeln. „Was soll’s, wir haben uns getrennt. Die war zickig."
„Du meinst, sie hat nicht so mitgemacht, wie du wolltest."
„Quatsch. Wir haben uns nicht verstanden." Der junge Mann verzog das Gesicht.
„Nun spiel nicht den Beleidigten. Lydia gab Sven einen kleinen Knuff gegen den Oberarm. Der lächelte versöhnt, was kein Wunder war. Lydia gefiel ihm ausgesprochen gut. Nur zu gern hätte er sie zu seiner Freundin gemacht. Aber als er zu Beginn ihrer Studienzeit mit ihr anzubändeln versuchte, bekam er eine Abfuhr. Verstehen konnte er das gar nicht. Er war ein junger, gut aussehender, intelligenter Bursche und die Mädchen schauten ihm nach. Warum also nicht auch Lydia. Als er einen zweiten Versuch unternahm, wurde sie sauer und war von dem Zeitpunkt an ausgesprochen unnahbar. „Wir können gute Freunde sein aber mehr nicht
, hatte sie zu ihm gesagt. Eingebildete Ziege war sein Urteil. Doch was blieb ihm übrig. Er musste sich damit abfinden. Seitdem tröstete er sich mit anderen hübschen Bienen, die nicht so verklemmt waren wie Lydia.
„Schon gut, sagte er, „ich weiß, du meinst es nicht so. Aber wechseln wir doch mal das Thema. Sprechen wir nicht mehr von mir, sondern von dir. Wer war denn der Typ neben dir, der es so eilig hatte zu verschwinden, als ich kam?
Lydia zuckte zusammen und drehte sich schnell um. Tatsächlich, der Typ, wie er von Sven bezeichnet wurde, war nicht mehr zu sehen. Was hatte das zu bedeuten? Sofort spielten ihre Gefühle Karussell. Einerseits war sie erleichtert, anderseits enttäuscht und schließlich wütend. Was dachte sich der Kerl, sie hier einfach stehen zu lassen, als wäre sie ein Mauerblümchen. Sie sah sich suchend um. Der Baumarkt war gut besucht. Es war ein Tag der Angebote. Viele Kunden schoben ihren leeren Wagen durch die Gänge, blieben hier oder da stehen, verglichen die Preise mit denen auf den Werbeprospekten. Andere Kunden hatten bereits das Gesuchte gefunden und standen mit gefülltem Einkaufswagen in langer Reihe an einer der nur zwei geöffneten Kassen. Den Fremden konnte sie nirgends entdecken.
Lydia biss sich auf die Lippe. Sven brauchte nicht zu sehen, wie es in ihr aussah. Sich betont gleichgültig gebend sagte sie: „Keine Ahnung, wer das war. Hat mich beim Kauf beraten und mir zu dem Akkuschrauber noch ein paar Erklärungen gegeben. Habe ich sowieso nicht verstanden. Muss er wohl gemerkt haben."
„Also kein Verehrer?, fragte Sven ungläubig. Lydia warf ihm einen prüfenden Blick zu. Das klang nach Eifersucht. Der spinnt wohl! Habe ich dem nicht oft genug klar gemacht, dass er bei mir nicht landen kann. Sie tippte den jungen Mann mit dem Zeigefinger vor die Brust. „Du hast gehört, was ich gesagt habe. Selbst wenn es anders wäre. Dich würde es nichts angehen. Das musst du doch langsam begriffen haben.
„Ja, ja, schon gut. Ich muss jetzt sowieso los." Sven drehte ab und reihte sich in die Schlange der Wartenden an der nächstliegenden Kasse ein. Lydia schob ihren Wagen in einen der Gänge zwischen den Warenträgern und tat, als würde sie etwas suchen. In Wirklichkeit wollte sie nicht noch einmal mit Sven zusammentreffen. Sie glaubte, er könnte am Eingang auf sie warten, wenn er sie kurz hinter sich stehen sah.
Zum anderen war sie innerlich aufgewühlt und musste erst einmal zur Ruhe kommen. Zwar wollte sie es sich nicht eingestehen aber sie war maßlos enttäuscht. Der Fremde hatte in ihr eine Saite zum Klingen gebracht, deren Melodie sie nicht kannte, die sie aber nur zu gern hören würde. Für sie unverständlich, so für einen Mann zu empfinden, den sie das erste Mal gesehen hatte. Immer wieder lief die Begegnung vor ihrem inneren Auge ab. Ihre Gedanken schlugen Purzelbäume. Wieso haut er einfach ab? Erst baggert er mich an und dann … Frustriert und mit vor Zorn hochrotem Kopf lief sie von einem Warenträger zum nächsten. Sie nahm hier und da einen Gegenstand zur Hand, betrachtete ihn, ohne zu wissen, was sie ansah.
War es wirklich nur seine Erscheinung, die sie so maßlos erregte? Wütend auf sich selbst suchte sie eine Erklärung und glaubte sie gefunden zu haben. Es war weniger die Anziehungskraft des Fremden, die ihre Enttäuschung und ihren Zorn hervorgerufen hatte als vielmehr ihre verletzte Eitelkeit wegen seines unerwarteten Verschwindens. Ach Scheiß drauf, Männer! Lydia beruhigte sich und ging zur Kasse. Doch noch in der Reihe, in der sie nur langsam vorwärtskam, war der Fremde wieder in ihrem Kopf. Erneut sah sie sich suchend um. Um sie herum nur männliche Kunden, von denen einige sie interessiert musterten und sofort versuchten, mit ihr in Blickkontakt zu kommen. Na, das hat noch gefehlt. Nur schnell weg. Lydia erreichte die Kassiererin. Sie zahlte und strebte mit schnellen Schritten dem Ausgang zu.
„Denken Sie an den Kaffee, junge Frau. Sie haben zugestimmt. Jetzt bestehe ich auch darauf. Ein freudiger Schreck fuhr Lydia durch alle Glieder. Er war da. Wieso hatte sie ihn bisher nicht entdeckt? Breit grinsend stand er neben ihr. Lydias Herz machte Freudensprünge. Doch das brauchte der Mann nicht zu wissen. „Wo kommen Sie denn her? An Sie habe ich schon gar nicht mehr gedacht
, sagte sie mit versucht spöttischem Ton.
„Als Ihr Bekannter auf Sie zukam, wollte ich nicht stören. Ich glaubte, meine Anwesenheit würde ihn ärgern."
Ein leises prustendes Lachen war Lydias Antwort. Menschenkenntnis hat der Kerl auch.
„I wo, sagte sie, „der hat eine Freundin, manchmal sogar mehrere. Ich bin gar nicht sein Typ.
Der Fremde schwieg, sah sie nur durchdringend an. Lydia glaubte, sich wie von Röntgenstrahlen durchleuchtet. Sie sah zur Seite und tat, als würde sie sich für das Kuchensortiment des Backshops interessieren. Doch sie war unsicher und wieder von jenem beängstigenden Gefühl befallen, das sie empfand, als sie ihn zum ersten Mal ansah. Was tat sie hier? Hatte sie es nötig, sich von diesem Menschen analysieren zu lassen?
„Ich weiß nicht … Die Studienaufgaben sind wichtig. Also meine Zeit …", versuchte Lydia erneut, sich dem Bannkreis des Fremden zu entziehen.
„Diese Ausrede lasse ich nicht gelten. Wenn Sie es wirklich so eilig hätten, wären Sie viel früher durch die Kasse gekommen. Stattdessen sind Sie ja noch durch den halben Baumarkt spaziert. „Haben Sie mich gesehen?
Lydia war überrascht.
„Hin und wieder schon. Der Mann lächelte, fasste ihren Einkaufswagen und schob ihn kurzerhand zu dem letzten Tisch an der hinteren Wand. Mit einer galanten Verbeugung zog er ihr den Stuhl sitzgerecht, sodass sie den gesamten Eingangsbereich und den vorderen Teil des Baumarktes übersehen konnte. Er selbst rückte den gegenüberstehenden Stuhl ein wenig ab und sagte leise: „Moment
, dabei wies mit einem Finger zum Tresen des Backshops. Sie nickte, während er die paar Schritte tat und seine Bestellung bei der Verkäuferin aufgab. Die Zeit nutzte Lydia, um aus ihrer Umhängetasche einen kleinen Spiegel und den Lippenstift zu kramen. Nach einem Rundblick, ob sie auch nicht von anderen Gästen beobachtet wird und einen Blick zu dem Fremden, der ihr den Rücken kehrte, zog sie schnell ihre Lippen nach. Im Spiegel begutachtete sie das Ergebnis. Der Fremde kam mit einem kleinen Tablett. Auf diesem standen zwei Kaffeekännchen mit Tassen, Sahne und Zucker sowie zwei Teller mit Schwarzwälder Torte und Schlagsahne. Na so was, ein Süßer ist er auch. Zum Glück sieht man’s seiner Figur nicht an. Lydia lächelt in sich hinein.
„Ich hoffe, ich habe Ihren Geschmack getroffen. Wieder dieses breite Lächeln, das sie abermals verunsicherte. Warum nur war das so? Doch statt darüber nachzudenken, antwortete sie leise: „Haben Sie. Ich muss mich gewaltig zusammenreißen, um mir das zu verkneifen. Meine Linie …
„Vollkommen unnötig. Ihr Taillenumfang beträgt kaum mehr als sechzig Zentimeter. „Hören Sie bloß auf! So eine Traumfigur habe ich nun wirklich nicht.
Lydia wurde bis über beide Ohren rot.
„Doch, sagte er, „die haben Sie. Nun lassen Sie uns aber die Torte genießen.
Mit gesenktem Blick verzehrte Lydia ihr Stück trank dazwischen einen Schluck Kaffee und versuchte zu erraten, welchem Beruf ihr Gegenüber nachging. Einfacher Arbeiter? Nein, dafür
