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Following You - Bis du nicht mehr fliehen kannst
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eBook369 Seiten4 StundenFollowing You

Following You - Bis du nicht mehr fliehen kannst

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Über dieses E-Book

"Es gibt Ereignisse im Leben, die Narben auf der Seele hinterlassen, welche so tief sind, dass man sie nicht mehr zu verbergen vermag."Der spannend-romantische zweite Band der Following You Reihe.ER: Dein Leben liegt in Trümmern. Es ist meine Schuld. Der Sturm, den ich entfesselt habe, holt uns beide ein. Wir können nicht vor ihm fliehen. Wir müssen kämpfen, selbst, wenn es unseren Tod bedeutet.Komm, meine Prinzessin, nimm meine Hand und entdecke mit mir zusammen deine Dunkelheit.Traust du dich?SIE: Ich stehe in den Scherben meines Lebens und meiner Selbst. Wer muss ich sein, damit ich überleben kann? Ich werde mich nicht unterkriegen lassen. Eine Königin steht auf und zieht ihr Schwert.
SpracheDeutsch
HerausgeberKampenwand Verlag
Erscheinungsdatum15. Jan. 2021
ISBN9783985221882
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    Buchvorschau

    Following You - Bis du nicht mehr fliehen kannst - Mika D. Mon

    1

    Sie

    Mein Hals wird von einem brennenden Kloß zugeschnürt, der mich zu ersticken droht, als ich an Seth denke. Sein markantes Gesicht mit den dunklen Schatten unter den braunen Augen taucht in meinem Geist auf. Ich kneife meine Lider zusammen und versuche es zu verdrängen. Ich weiß, dass ich froh sein sollte, zurück zu sein, und irgendwie bin ich es auch. Dennoch fühle ich mich innerlich verletzlich und roh. Wie eine offene Wunde.

    Es ist fremdartig und vertraut zugleich, auf unser Haus zuzugehen. Wie in einem Traum. Mein Vater hat einen regelrechten Betonbunker für uns erschaffen und sogar Personenschützer eingestellt. Ich kam mir vor wie eine Gefangene in meinem eigenen Heim. Und doch waren all seine Vorsichtsmaßnahmen nicht genug – seine Ängste, dass uns etwas zustoßen könnte, haben sich aller Vorsorge zum Trotz bewahrheitet.

    Ich bin entführt worden, damit mein Vater erpresst werden konnte. Weil sein Pharmaunternehmen ein Medikament entwickelt hat, welches demenzkranken Patienten helfen würde. Natürlich machen einige Unternehmen sehr viel Geld mit den Krankheiten der Menschen und sind nicht erfreut, wenn ihre teuren, aber minderwertigen Produkte von einem günstigeren und effektiveren Präparat verdrängt werden. Es war mir klar, dass diese Firmen sich wehren würden. Aber ich dachte, dass sie es über Anwälte und teure Deals machen würden. So wie ich es von einer hochentwickelten Gesellschaft im 21. Jahrhundert erwartet hätte.

    Es war naiv von mir, das zu glauben. Wenn es um Gier, Neid und Geld geht, kehren die Menschen zurück zu ihren animalischsten Vorgehensweisen und versuchen wenn nötig, ihr Territorium mit Gewalt zu verteidigen. Selbst wenn das bedeutet, einem unschuldigen Mädchen Körperteile abzuschneiden, sie zu schänden und sogar zu ermorden.

    Und um sich selbst nicht die Finger schmutzig zu machen, heuern die schicken Männer in Anzügen und glänzenden Lackschuhen Organisationen an, welche die Drecksarbeit für sie erledigen.

    Auftragsmörder.

    Männer ohne Gewissen.

    Männer, die ihr Geld mit Grausamkeiten und Blut verdienen.

    Männer wie Seth.

    Seth, der von meinem Vater engagiert war, mich zu beschützen. Seth, der ein doppeltes Spiel gespielt hat, um sich in eine feindliche Organisation einzuschleichen. Der mich bewacht, entführt und befreit hat. Der mich von Anfang an fasziniert hat. Seth, der vor einigen Sekunden davongefahren ist und mich ohne Vorwarnung, ohne meine Meinung zu hören oder meine Gefühle zu beachten, nun zurück in die Welt wirft, aus der er mich vor einigen Tagen entführt hatte.

    Ich steige die Treppen zur Haustür nach oben und drücke den Klingelknopf, da ich meine Handtasche mit meinem Schlüssel, meinem Handy und meinem Geldbeutel nicht wiederbekommen habe.

    Es dauert nicht lange, bis ich Schritte und Gemurmel höre. Ich schaue in die Überwachungskamera neben dem Eingang und winke müde, da ich mir denken kann, dass mein Vater, Dimitri oder wer auch immer die Tür öffnen wird, zunächst überprüft, wer dieser nächtliche Besucher sein mag.

    Plötzlich wird die Tür aufgerissen und mein Vater steht vor mir. Seine Haare sind grauer als vor ein paar Wochen, sein Gesicht dünner und voller Furchen und Falten. Er sieht müde und abgekämpft aus, doch in dem Moment, als mein Blick seinen trifft, fangen seine trüben Augen an zu leben.

    »Viktoria«, haucht er und schließt mich fest in seine Arme.

    »Papa!« Ich drücke mich an ihn und vergrabe mein Gesicht an seiner Brust. Es tut gut, seine Wärme und seine Liebe zu spüren. Erst in seiner Umarmung fühle ich mich wirklich Zuhause. Nicht dieser Betonklotz, in dem wir wohnen.

    »Gott, ich bin so froh, dass du lebst. Mein Schatz, geht es dir gut?« Er zieht mich noch einmal eng gegen sich, ehe er mich von sich drückt und mich von oben bis unten begutachtet. Er umfasst mein Kinn und dreht meinen Kopf, um meine Blessuren zu sehen. Dass ich von Samuel zusammengeschlagen worden bin, hat mein Vater am Telefon live miterlebt.

    »Es ist alles okay, Papa.« Ich versuche, ihn zu beruhigen, indem ich ein Lächeln auf meine Lippen kämpfe. »Ich lebe und ich bin wieder hier.«

    Die rauen Hände meines Vaters streichen verzweifelt über mein Gesicht und meine Schultern, ehe er mich wieder an sich zieht. An seiner zitternden Brust kann ich vermuten, dass er weint. Ich lege meine Arme um ihn und halte ihn fest, dabei blicke ich über seine Schulter hinweg in den Hausflur.

    Dimitri und Ansgar, die beiden Personenschützer, die mein Vater angeheuert hat, stehen einige Schritte hinter uns und sehen aus, als wäre ihnen soeben ein gigantischer Stein vom Herzen gefallen. Sie haben ihre strammen Körperhaltungen abgeworfen und lassen die Schultern erleichtert sinken. Um Dimitris Mundwinkel spielt ein leichtes Lächeln, als ich ihn anblicke.

    Neben den beiden Bodyguards befinden sich noch mehr Personen im Flur. Eine große, schlanke Frau Ende fünfzig in schickem Hosenanzug und ein etwas jüngerer Mann in Jeans und Jackett. Beide sehen autoritär aus, doch auch in ihren Gesichtern spiegelt sich Erleichterung.

    »Herr König, würden Sie bitte mit Ihrer Tochter in das Haus kommen und die Tür schließen?«, meldet sich die Dame zu Wort.

    »Ja, ja. Natürlich.« Mein Vater löst sich nur zögerlich und widerwillig von mir. Er greift nach meiner Hand und hält sie fest, während er mich mit sich nach drinnen zieht.

    »Unsere Kollegen haben den schwarzen Maserati bereits gesichtet und die Verfolgung aufgenommen«, verkündet die Frau und hält ihr Smartphone in die Höhe. »Frau König«, wendet sie sich an mich, »ich bin Kriminalkommissarin Lübke. Meine Aufgabe und die meines Kollegen Kommissar Freibach ist es, schwere und organisierte Kriminalität zu verfolgen.«

    Sie schüttelt meine freie Hand kräftig und redet sofort weiter auf mich ein. Irgendwas über Entführung, verschiedene kriminelle Organisationen und die Dringlichkeit, dass ich ihr alles erzähle. Der Schwall ihrer Worte überfordert mich derart, dass ich nicht in der Lage bin zu antworten.

    Die Information, dass der Maserati, in dem sich Seth befindet, von der Polizei verfolgt wird, frisst alle Kapazitäten in meinem Gehirn auf. In mir wütet der Drang, sie abzuhalten. Zu behaupten, dass der schwarze Wagen der Falsche ist. Dass das nicht derjenige ist, den sie suchen. Doch meine Zunge liegt wie ein Stein in meinem Mund. Schwer und unbeweglich.

    Als ich keine Antwort gebe, sondern nur schweigend und apathisch mit meinem Vater ins Wohnzimmer gehe, fängt Frau Lübke wieder an, auf mich einzureden.

    »Frau König, Ihre Erfahrungen in den letzten Tagen sind der Schlüssel zu …«

    Sie wird unterbrochen, als sich Dimitri räuspert. Irritiert hält sie inne und sieht ihn an.

    »Die Mafia wird morgen auch noch bestehen, Frau Lübke«, sagt er nur, woraufhin sie mit dem Kiefer mahlt, aber schweigt. Stattdessen wendet sie sich ab, holt ihr Mobiltelefon hervor und kontaktiert den Rettungsdienst, während sie den Raum verlässt.

    Kurz überlege ich, sie davon abzuhalten und bin der festen Überzeugung, dass ich keinen Arzt brauche – doch vermutlich würde sie sich ohnehin nicht aufhalten lassen.

    Ich lasse mich zusammen mit meinem Vater auf das Sofa sinken und lehne mich an ihn, während er einen Arm um mich legt.

    »Es tut mir so leid, meine kleine Prinzessin, dass es soweit gekommen ist. Dass du das alles durchmachen musstest, nur weil ich dieses Medikament unbedingt auf den Markt bringen wollte. Ich wusste, wie gefährlich es ist, wie groß die Unternehmen sind, mit denen ich deswegen in Konflikt geraten würde. Ich dachte, ich könnte uns beschützen, aber letztendlich habe ich versagt.« Die Stimme meines Vaters bricht und er umfasst meine Hand mit seiner.

    »Nein, Papa!«, erwidere ich energisch. »Du darfst dir keine Vorwürfe machen. Du hast alles in deiner Macht stehende getan und alles versucht, um uns zu schützen. Dimitri und Ansgar sind fantastische Personenschützer. Außerdem hast du noch mehr gemacht. Mich noch von anderen bewachen lassen! Dass das alles passiert ist, war nicht deine Schuld!«

    In Wahrheit war es Seth, der mich entführt und dieser Situation ausgeliefert hat. Hätte er nicht dieses doppelte Spiel gespielt und mich einfach nur beschützt, so wie mein Vater es beauftragt hatte, wäre mir nie etwas zugestoßen. Immerhin war er es gewesen, der mich entführt und diesen Los Caídos ausgesetzt hatte. Einer Mafia-Gruppierung, die von den Feinden meines Vaters beauftragt worden war, ihn mit meinem Leben zu erpressen, um das Medikament nicht auf den Markt zu bringen. Doch obwohl ich versuche mir Seth als schuldigen einzureden, gelingt es mir nicht, mich selbst davon zu überzeugen. Vielleicht, weil ich ihm tief in meinem Inneren nicht als Schuldigen sehen will.

    »Das Wichtigste ist, dass ich wieder hier bin und dass es mir gut geht!«

    »Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, mein Schatz«, antwortet mein Vater.

    Es dauert nicht lange, bis der Krankenwagen ankommt und mich die Sanitäter noch vor Ort inspizieren. Wie erwartet stellen sie nichts Bedenkliches fest, was meinen Vater sehr erleichtert. Dennoch werden einige Fotos von meinen Wunden zu Dokumentationszwecken gemacht.

    Gleichzeitig kommt eine Polizeipsychologin an, die, wie sich herausstellt, die letzten Tage auch meinen Vater betreut hat. Sie zieht sich mit mir in die Küche zurück und versucht dort weitaus feinfühliger als Frau Lübke mit mir zu sprechen.

    Aber selbst mit der sensiblen Psychologin möchte ich nicht reden. Die Erlebnisse sind noch zu nah und ich habe Angst, Seth und die anderen mit meinen Aussagen in Gefahr zu bringen. Ich weiß, dass es hier um mehr geht als um meine Entführung. Um die Bekämpfung von organisiertem Verbrechen. Im Moment bin ich jedoch noch nicht in der Lage, meine Erfahrungen zu schildern. Die Taubheit in meinem Inneren ist zu erdrückend und der Gedanke, dass Seth in diesem Moment vor der Polizei flieht, vielleicht sogar schon geschnappt wurde, kreist unentwegt durch meinen Kopf.

    Was, wenn sie ihn erwischen und er für immer eingesperrt wird? Er hat Glück, dass ihm die deutsche Justiz droht und nicht zum Beispiel die amerikanische, denn dort hätte er ein ganz anderes Strafmaß zu erwarten. Ich versuche, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er im schlimmsten Fall Lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung erhalten würde. Vielleicht wäre das ja auch gar nicht so verkehrt. Immerhin ist er ein Mörder.

    Kaum habe ich es geschafft, mich mit diesem Gedanken halbwegs zu beruhigen, spielen sich Horrorszenarien vor meinem inneren Auge ab, wie er auf der Flucht vor der Polizei verunglückt oder geschnappt und erschossen wird, weil er sich nicht ergibt. Als Kind habe ich meine lebhafte Fantasie geliebt, doch in diesem Moment verfluche ich sie.

    Ich fange vor der Psychologin an zu schluchzen, doch auch diesmal kommen keine Tränen. Ich stehe auf und laufe auf und ab, um mich abzulenken.

    »Alles gut, Frau König. Sie haben vermutlich schlimme Dinge erlebt. Es ist vollkommen natürlich und in Ordnung, jetzt die Gefühle herauszulassen«, sagt die Psychologin ruhig. »Versuchen Sie nur tief ein- und auszuatmen.«

    Ich weiß, dass ich kurz vorm Hyperventilieren bin. Aber in mir wütet ein Orkan aus verschiedensten Gefühlen. Angst, Enttäuschung, Erleichterung, Panik, Sorge und gleichzeitig hämmern die beiden Hälften meines gebrochenen Herzens gegen meine Brust. Ich kann den Sturm in mir nicht herauslassen. Ihn nicht zeigen. Niemand würde verstehen, wieso ich mir solche Gedanken wegen meines Entführers mache.

    Aber ich weiß, dass Seth nicht freiwillig Auftragsmörder geworden ist. Grimm sagte mir bereits, dass er dazu gezwungen wird, und soweit ich das mitbekommen habe, wird er von der Organisation, für die er arbeitet, erpresst. Irgendwelche Schulden, die sein Vater ihm nach seinem Selbstmord hinterlassen hat, die er jetzt abarbeiten muss.

    Während ich in der Küche auf und ablaufe, versuche ich erneut, die Gedanken an ihn loszuwerden.

    Wie soll ich meiner Familie und meinen Freunden jemals die Wahrheit sagen? Wie kann ich Seth, Grimm und Ace beschützen, ohne andere Menschen zu gefährden?

    Als ich mich einigermaßen beruhigt habe, setze ich mich wieder hin und sehe die Psychologin an. Diese lächelt freundlich und verständnisvoll.

    »Alles gut, Frau König. Jetzt sind Sie in Sicherheit.«

    Sicherheit? Ich weiß, dass dieses Wort ab jetzt nur noch eine Illusion ist. Das, was mir die letzten Tage zugestoßen ist, war nur ein Vorbote dessen, was geschehen wird. Seth hat Luis Angelo umgebracht, um mich zu beschützen. Er hat einer Mafia-Organisation nicht nur ans Bein gepisst, sondern einen regelrechten Krieg vom Zaun gebrochen.

    Selbst wenn diese Mafiosi davon absehen, mich und meine Familie mit in diesen Krieg hineinzuziehen, sind es zumindest die Pharma-Konzerne, die ihr Ziel noch nicht erreicht haben. So oder so – es ist längst noch nicht vorbei.

    2

    Er

    Wenn man zu lange in den Schatten gelebt hat, schmerzt es, wieder in das Licht zu blicken.


    Ich war mir bereits sicher gewesen, dass das Haus der Königs von der Polizei überwacht wird, und habe daher absichtlich in einiger Entfernung gehalten, um Kiki aus dem Auto zu lassen. Leider haben mich die Drecksbullen dennoch entdeckt und jetzt auf ihrem Radar. In dem Moment, in dem das Blaulicht hinter mir angeht und die Sirenen ertönen, ist der schwarze Maserati Segen und Fluch zugleich.

    Ich bin schneller als die Polizeiwagen von der Stange, aber ich bin auch auffällig wie ein bunter Hund. In Frankfurt fahren zwar so einige Protzkarren herum, nichtsdestotrotz sind sie die Minderheit. Während die Sirenen hinter mir jaulen, trete ich das Gaspedal gewaltsam durch. Die Reifen quietschen und der Wagen schießt nach vorne, während ich in den Sitz gepresst werde. Meine Fingerknöchel treten weiß hervor, als ich das Lenkrad fest umfasse.

    »Fuck«, zische ich und schaue über den Rückspiegel nach hinten. Die blinkenden Lichter der Polizeiwagen blenden mich und ich kneife die Augen leicht zusammen.

    Zum Glück kenne ich einige Schleichwege. Sie werden den Bullen nicht gefallen und Ace noch viel weniger.

    »Sorry, Ace«, murmle ich und reiße das Lenkrad herum, während ich die Handbremse anziehe. Mit quietschenden Reifen drifte ich um eine scharfe Kurve und nehme so eine private Durchfahrt. Mit mörderischer Geschwindigkeit rase ich über den schmalen Weg und ignoriere dabei, dass die Reifen den Schotter hochschleudern und ich eine Mülltonne über den Haufen fahre, die scheppernd umkippt und ihren Inhalt verteilt. Am Ende der Durchfahrt biege ich wieder auf eine öffentliche Straße ab, bekomme die Kurve nicht ganz und schlittere in einen anderen Wagen hinein.

    Er hupt, bremst, die Reifen quietschen, ich sehe Qualm hinter mir aufsteigen und höre lautes Krachen, als der Hintermann ihm auffährt. Ein erneuter Blick in den Rückspiegel verrät mir, dass es einer der Bullen durch meine Abkürzung geschafft hat. Die anderen stecken irgendwo hinter dem Unfall fest.

    »Hartnäckige Zecke«, knurre ich und trete erneut das Gaspedal durch. »Ich hasse Autofahren.«

    Mein Abstand zur Polizei erhöht sich sprunghaft, als die Pferdestärken des Wagens mir einen Schub nach vorne geben. Vor mir leuchtet eine rote Ampel im Dunkel der Nacht und einige Autos vor mir fahren über die Kreuzung. Keine Zeit, zimperlich zu sein. Mit Vollgas rase ich auf die Kreuzung zu und kann nur hoffen, dass die Leute aufgrund der lauten Polizeisirenen vorsichtig fahren.

    Ich verfehle nur knapp ein anderes Auto, welches sich noch schnell über die Ampel schummeln wollte und nicht mit einem voranrasenden Maserati gerechnet hatte. Ich weiche ihm aus, meine Hinterräder rutschen kurz weg, doch die Elektronik des Wagens korrigiert das Manöver, sodass die Reifen schnell wieder Grip auf der Straße finden.

    Die kleine Unachtsamkeit hat jedoch ausgereicht, damit der Polizeiwagen aufholt. Auch von anderen Seiten höre ich wieder Sirenen. Ich weiß, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Sie werden versuchen, mir alle Wege abzuschneiden und wenn nötig Straßensperren errichten. Wenn ich Pech habe, schicken sie sogar einen Hubschrauber, der mich im Auge behält und meine Positionen durchgibt.

    Ich muss diese Verfolgungsjagd schnell beenden. Wir haben schon viel zu lange GTA gespielt und ich habe verdammt noch mal keine Lust, bei einem Autounfall draufzugehen oder im Knast zu landen.

    Die Kippe zwischen meinen Lippen ist inzwischen heruntergebrannt, aber ich hatte noch keine Zeit, die Überreste loszuwerden. Daher belasse ich sie vorerst dort und knete den immer heißer werdenden Filter überlegend mit meinen Schneidezähnen. Irgendwann spucke ich sie einfach auf den Boden des Wagens und trete mit dem freien Fuß drauf. Wie soll ich die Polizei nur loswerden?

    Ich rase unter einer Brücke entlang und sehe direkt vor mir, wie zwei weitere Streifenwagen mit Blaulicht auf meine Straße einbiegen.

    Meine einzige Chance ist es, irgendwo hinzufahren, wo so viele Autos sind, dass ich nahezu darin untergehe. Ein Parkhaus zum Beispiel. Das Problem ist, dass dort mit Sicherheit Kameras sind und ich eventuell in der Falle sitze. Dennoch sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit.

    Ich schnappe mein Handy, welches in der Mittelkonsole hin- und hergeschleudert wird, wähle Ace’ Kontakt und klemme es mir zwischen Schulter und Ohr, damit ich beide Hände zum Lenken frei habe.

    »Wieso fährst du mit über hundert durch die Stadt?!«, meldet sich Ace kurz nach dem ersten Freizeichen aufgebracht.

    »Du kannst das sehen?«

    »Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert, Seth! Was tust du, verflucht?!«

    »Hol mich beim Parkhaus Alte Oper ab! Warte direkt an der Ausfahrt!«, knurre ich ins Telefon und lege auf.

    In diesem Moment versuchen die Polizeiwagen vor mir, mich auszubremsen. Ich sehe ihre Rücklichter aufleuchten und weiß, dass ich in der Falle sitze, wenn ich jetzt darauf eingehe. Die Polizisten werden sich darauf konzentrieren, vor allem die anderen Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden. Sie werden also keine waghalsigen Manöver wagen. Ich allerdings schon.

    Während sie bremsen, gebe ich noch einmal Vollgas und krache mit Wucht von hinten in die Wagen hinein. Die Beamten sind zäh und verlieren nicht die Kontrolle, wie ich es erwartet hatte. Ich muss ausholen und ein anderes Auto rammen, um mir Platz zu machen. Das Metall kreischt, als es aufeinandertrifft. Es hört sich an wie ein Unfall und fühlt sich auch so an. Gut, es ist ja auch einer. Ein Ruck geht durch meinen gesamten Körper. Dann trete ich das Gaspedal erneut durch und schaffe es an dem Wagen vorbei.

    Ich muss mich beeilen und gleichzeitig hoffen, dass Ace schnell genug ist. Oder dass er überhaupt kommt und seinen Kragen riskiert.

    Es wäre dem Drecksack durchaus zuzutrauen, dass er seine edlen Flossen aus der Geschichte raushalten will. Ich habe ihm bereits genug Ärger eingebrockt. Auf die Polizei direkt am Rockzipfel kann er sicher verzichten. Ich brauche einen Plan B, falls er nicht auftaucht. Letztendlich bleibt mir nur die Flucht zu Fuß. So oder so muss ich den Wagen im Parkhaus loswerden. Dann verlasse ich das Haus zu Fuß. Irgendwie. Wird schon klappen.

    Mit diesem völlig unausgereiften Plan steuere ich das Parkhaus an. Ich bemühe mich, die Polizei an meinen Fersen abzuschütteln oder wenigstens etwas Abstand zwischen uns zu bringen. Im Parkhaus brauche ich definitiv Zeit, um ungesehen davonzukommen.

    Ich versuche mein Glück in Seitengassen und mit Schleichwegen, aber meine Verfolger sind hartnäckig. Als wir uns bereits ganz in der Nähe des Parkhauses befinden, bleibt mir nur noch eine Verzweiflungstat. Ich biege erneut, mit quietschenden Reifen, in eine private Durchfahrt von einem Hotel ab und ignoriere einfach die heruntergelassene Schranke. Die rot-weiß gestreifte Stange bricht mit einem lauten Krachen und landet hinter mir auf der Straße. Ich brettere durch den Privatparkplatz und durchbreche auch die Schranke bei der Ausfahrt ohne Rücksicht auf Verluste.

    Das Heulen der Sirenen ist leiser geworden und ein Blick in den Rückspiegel bestätigt meine Vermutung: Die Polizei ist mir nicht gefolgt und fährt den Umweg außen herum.

    Auf dem Weg zur Alten Oper kann ich meinen Vorsprung noch etwas ausbauen. Als ich in die enge Spur zum Parkhaus einbiege, sind die Sirenen weiter entfernt. Möglicherweise haben sie nicht mal gesehen, dass ich hierhin abgebogen bin, und suchen mich draußen. Ich nehme mir sogar die Zeit, einen Zettel an der Schranke zu ziehen, um keinen Alarm oder so etwas auszulösen, und fahre dann nach unten, suche mir den kürzesten Weg zur Ausfahrt und atme erleichtert auf, als ich Ace’ Mercedes AMG direkt bei der Schranke warten sehe.

    Ich mache mir nicht die Mühe einzuparken, sondern halte mitten auf der Fahrbahn an und steige aus. Auch die Tür des Mercedes öffnet sich und ein völlig fassungsloser Ace kommt aus dem Wagen. Mit einer ringbesetzten Hand fährt er sich durch sein braunes Haar und sein Mund klappt auf.

    »Mein Maserati«, jammert er entsetzt.

    »Bisschen Schwund ist immer«, murmle ich, spucke genervt auf den Boden und werfe keinen Blick mehr auf den Maserati zurück. Es ist mir klar, dass die Luxuskarre vollkommen zerschrammt, zerkratzt und zerbeult sein muss. Für mich sind Autos jedoch nur Gebrauchsgegenstände und dieser hier hat mir gute Dienste als Fluchtwagen geleistet. Ace sieht das allerdings etwas anders. Für ihn sind Autos wie Babys. Manchmal nennt er sie sogar so.

    Ich steige in den Mercedes ein.

    »Lass uns abhauen.«

    3

    Er

    Ace labert mich voll, während ich aus dem Beifahrerfenster starre. Erst meckert er darüber, wie ich so unvernünftig sein kann, dann beschwert er sich, dass die Überwachungskameras uns aufgezeichnet haben und er jetzt ein neues Auto kaufen muss.

    »Es ist dir aber schon klar, dass mein Maserati mehr wert war als alle Schulden, die dein Vater jemals hatte?«

    Ich stoße die Luft genervt aus. »Schreibs auf meine Rechnung.«

    »Deine Ruhe möchte ich mal haben. Hast keine Kohle, um dir mal vernünftige Klamotten zu kaufen, aber fährst mein Auto zu Schrott.«

    »Was hast du

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