Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 3: Predigten 2005-2006
Von Wolfgang Nein
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Über dieses E-Book
Wolfgang Nein
Der Autor war in den siebziger Jahren Pastor in Cuxhaven. Von 1980 bis 2010 war er an der Markuskirche in Hamburg-Hoheluft tätig. Eines seiner Lebensthemen ist die Förderung interkultureller Begegnungen. In den siebziger Jahren sorgte er für die Beschulung von Gastarbeiterkindern in Cuxhaven. Dreißig Jahre lang leitete er ein von ihm gegründetes deutsch-argentinisches Jugendaustauschprogramm. Der Autor lebt als Ruheständler in Hamburg.
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Buchvorschau
Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 3 - Wolfgang Nein
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Liebe, ein Angebot an alle
9. Januar 2005
1. Sonntag nach Epiphanias
Johannes 1,15-18
Unser Leben als Dank
23. Januar 2005
Septuagesimae
3. Sonntag vor der Passionszeit
Lukas 17,7-10
Maria und Martha
6. Februar 2005
Estomihi
(Sonntag vor der Passionszeit)
Lukas 10,38-42
Wir sind Adam und Eva
13. Februar 2005
Invokavit
(1. Sonntag der Passionszeit)
1. Mose 3,1-9(20-24)
Innere Freiheit
24. März 2005
Gründonnerstag
Markus 14,17-26
Das Leben ist stärker
27. März 2005
Ostersonntag
Matthäus 28,1-10
Eine schöne Ostergeschichte
28. März 2005
Ostermontag
Lukas 24,36-45
Fest des Lebens
3. April 2005
Quasimodogeniti
(1. Sonntag nach Ostern)
25 Jahre in St. Markus
1. Korinther 15,12-20
Im Alter weise werden?
1. Mai 2005
Rogate
(6. Sonntag nach Ostern)
Goldene Konfirmation
Lukas 21,33
Zwei Wesensarten – zwei Abschiede
5. Mai 2005
Himmelfahrt
Apostelgeschichte 1,3-4(5-7)8-11
Zwischenzeit zur Neuorientierung
8. Mai 2005
Exaudi
(6. Sonntag nach Ostern)
60 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs
Johannes 7,37-39
Geistliche Energiezufuhr
15. Mai 2005
Pfingstsonntag
Apostelgeschichte 2,1-18
Völkerverständigung
16. Mai 2005
Pfingstmontag
1. Mose 11,1-9
Wenn der Geist leibhaftig wird
22. Mai 2005
Trinitatis
Dank an Ehrenamtliche
1. Mose 2,7
Einladen - Ablehnung respektieren
5. Juni 2005
2. Sonntag nach Trinitatis
Matthäus 22,1-14 (Paralleltext: Lukas 14,15-24)
Mut zum Abenteuer und zur Umkehr
12. Juni 2005
3. Sonntag nach Trinitatis
Uyole-Partnerschaftsgottesdienst
Lukas 15,11-32
Unser Stellvertreter
26. Juni 2005
5. Sonntag nach Trinitatis
Johannes 1,35-42
Israel, die Kirche und die Welt
31. Juli 2005
10. Sonntag nach Trinitatis
2. Mose 19,1-6
Ist der Mensch zur Besserung fähig?
7. August 2005
11. Sonntag nach Trinitatis
Matthäus 21,28-32
Kein Frieden ohne Unfrieden
16. Oktober 2005
21. Sonntag nach Trinitatis
Matthäus 10,34-39
Sanctus - Heilig bist du
23. Oktober 2005
22. Sonntag nach Trinitatis
Jesaja 6,1-3
Glaube, Hoffnung, Liebe
31. Oktober 2005
Reformationstag
1. Korinther 13,13
Hoffen und Handeln
13. November 2005
Volkstrauertag
1. Timotheus 2,1-4
Geduld
27. November 2005
1. Advent
Offenbarung 5,1-5(6-14)
Der Weg durchs Leben
31. Dezember 2005
Jahresschluss
2. Mose 12,20-22
Mit Mut und Vertrauen in ein neues Jahr
1. Januar 2006
Neujahr
Josua 1,1-9
Werbung für den christlichen Glauben?
15. Januar 2006
2. Sonntag nach Epiphanias
1. Korinther 2,1-10
Missionarische Herausforderung
19. Januar 2006
Andacht vor Ausschuss des Kirchlichen Entwicklungsdienstes
Lukas 14,13-24
Vertröstung aufs Jenseits?
5. Februar 2006
Letzter Sonntag nach Epiphanias
Offenbarung 1,9-18
„Du sollst nicht angeben!"
12. Februar 2006
Septuagesimae
(3. Sonntag vor der Passionszeit)
Jeremia 9,22-23
Gegengift als Heilmittel
2. April 2006
Judika
(5. Sonntag der Passionszeit)
4. Mose 21,4-9
Mitleiden und Helfen
9. April 2006
Palmsonntag
(6. Sonntag der Passionszeit)
Jesaja 50,4-9
Wir waren es ihm wert
13. April 2006
Gründonnerstag
1. Korinther 10,16-17
Gestorben, aber nicht tot
16. April 2006
Ostersonntag
1. Samuel 2,1-2.6-8a
Er lebt, weil er liebte
17. April 2006
Ostermontag
1. Korinther 15,50-58
Wohin nach der Auferstehung?
25. Mai 2006
Himmelfahrt
Lukas 24,50-52
Von Herzen wollen, was wir sollen
28. Mai 2006
Exaudi
(6. Sonntag nach Ostern)
Jeremia 31,31-34
Der Mensch: tierisch, geistig, geistlich
4. Juni 2006
Pfingstsonntag
1. Korinther 2,12-16
Geist und Kirche
5. Juni 2006
Pfingstmontag
Epheser 4,11-15
Ist soziale Ungleichheit akzeptabel?
18. Juni 2006
1. Sonntag nach Trinitatis
Partnerschaft St. Markus – Uyole, Tansania
Lukas 16,19-31
Kirche auf Ihrem Lebensweg
25. Juni 2006
2. Sonntag nach Trinitatis
Goldene Konfirmation
Matthäus 11,28
Enthüllendes und wärmendes Licht
2. Juli 2006
3. Sonntag nach Trinitatis
1. Johannes 1,5-2,6
Tun, was dem anderen guttut
30. Juli 2006
7. Sonntag nach Trinitatis
Philipper 2,1-4
Frei in Liebe und Verantwortung
6. August 2006
8. Sonntag nach Trinitatis
1. Korinther 6,9-14.18-20
Religion ist nicht nur Privatsache
13. August 2006
9. Sonntag nach Trinitatis
Jeremia 1,4-10
„In Gottes Hand geborgen"
27. August 2006
11. Sonntag nach Trinitatis
Tauferinnerung
Warum glauben?
17. September 2006
14. Sonntag nach Trinitatis
1. Thessalonicher 1,2-10
Sich sorgen im rechten Maß
24. September 2006
15. Sonntag nach Trinitatis
Matthäus 6,25-34
Dank dem Geheimnis des Seins
1. Oktober 2006
Erntedankfest
Familiengottesdienst
Abschied vom Küster
Matthäus 14,13-21
Pflänzchen der Hoffnung hegen
19. November 2006
Volkstrauertag
Micha 4,3
Leitbilder unserer Sehnsucht
10. Dezember 2006
2. Advent
Jesaja 35,3-10
Freispruch zur Bewährung
31. Dezember 2006
Jahresschluss
Johannes 8,31-36
Bibelstellen
Vorwort
Christliche Predigten sind seit zweitausend Jahren der immer neue Versuch, über das Leben und den Menschen Hilfreiches zu sagen. Sie greifen dabei zurück auf das, was sich in Menschen in und um Israel in den tausend Jahren bis zum ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung an Lebenserfahrungen zu Lebensweisheiten und Glaubensüberzeugungen verdichtet hat.
Warum Hilfreiches? Sind wir denn der Hilfe bedürftig? Wenn wir allen falschen Stolz ablegen, können wir wohl sagen: „Ja." Wir sind nicht nur als Neugeborene und Kleinkinder und Heranwachsende hilfsbedürftig, bis wir zu eigenständiger Lebensführung fähig sind. Wir bleiben auch im weiteren Verlauf unseres Lebens in vielfältiger Weise auf materiellen, menschlichen und geistigen Beistand angewiesen. Und nicht zuletzt auch auf geistlichen Beistand!
„Geistlich" meint all das, was mit den Grundfragen unserer Existenz zu tun hat. Wir sind ungefragt in diese Existenz hineingesetzt worden, in einen Kosmos von unüberschaubaren Dimensionen mit unbegreifbaren Vorgängen und Erscheinungen, voller Schönheiten und Schrecklichkeiten. Wir sind mit einer begrenzten Lebenszeit ausgestattet, in der wir im besten Fall für die Dauer einiger Jahrzehnte mit Bewusstsein erfahren, bedenken und erfühlen können, was um uns herum und in uns geschieht. Wir sind mit einem Leib ausgestattet, der uns Wohlbefinden und höchste Glücksmomente vermitteln, uns aber auch Schmerzen bis zur Unerträglichkeit zumuten kann.
Das alles bewegt uns in unseren Hirnen und Herzen, erfüllt uns mit Staunen, mit Freude und Schrecken und bedrängenden Fragen. So ist es Menschen von Anfang an ergangen. Einige haben aufgeschrieben, was sie erlebt und gedacht und empfunden haben und zu welchen Schlussfolgerungen sie gekommen sind. Vieles davon ist uns im Buch der Bücher, der Bibel, überliefert.
Die Bibel ist kein einfaches Buch. Aber sie ist, in rechter Weise gelesen, eine Schatzkiste voller guter Worte.
Der uns vorliegende biblische Text ist in einem Zeitraum von etwa tausend Jahren aus mündlicher und schriftlicher Überlieferung entstanden. Viele Generationen haben an der Entstehung mitgewirkt. Vielen Aussagen ist das Zeit- und Kulturbedingte unmittelbar abzuspüren. Auch das Allzumenschliche ist oftmals nicht zu übersehen. Manche biblischen Texte sind mit Vorsicht zu gebrauchen. Sie sind allesamt interpretationsbedürftig. Diese Aufgabe gehört zur Predigt.
Die biblischen Texte sind in weiten Teilen aus sehr konfliktiven Situationen heraus entstanden. Es ist legitim, sogar geboten, die Bibeltexte selektiv zu lesen. Manches dürfen wir nicht einfach nachsprechen. Wir könnten sonst großen Schaden anrichten, wie in der Kirchengeschichte nicht selten geschehen.
Durch alles Allzumenschliche hindurch vermitteln die Texte aber doch das, was über unseren Alltag hinweist: Das Staunen über die Wunder der Schöpfung, die Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, den offenen Blick auch auf die Problemseiten des Lebens und des Menschen und die liebevolle Einstellung zu allem Geschöpflichen, zum schwachen Geschöpf Mensch insbesondere.
Aufgabe der Predigt ist es, das Hilfreiche der biblischen Texte so weiterzugeben, dass es uns für unser Leben hier und heute dient.
Wolfgang Nein, Juli 2016
Die Liebe, ein Angebot an alle
9. Januar 2005
1. Sonntag nach Epiphanias
Johannes 1,15-18
Sie können hier auf dem Fußboden in der Kirche noch ein paar Reste von Stroh wahrnehmen, Stroh aus dem Stall von Bethlehem. Die mazedonisch-orthodoxen Christen haben hier am Donnerstag ihr Weihnachtsfest gefeiert und am Freitag den ersten Weihnachtstag und gestern den zweiten Weihnachtstag. Die orthodoxen Christen haben ihre eigene Tradition und ihre eigenen Rituale.
Sie feiern Weihnachten am 6. Januar, dem Dreikönigstag, dem Tag der Erscheinung des Herrn oder Epiphanias.
Ist es nicht ein sehr schönes Zeichen, dass Menschen aus einem anderen Land in unserer Kirche dem christlichen Glauben auf ihre besondere Art Ausdruck verleihen?! Das ist doch ein Zeichen dafür, dass uns der christliche Glaube weltweit über die nationalen und kulturellen Grenzen hinweg verbindet. In Israel, in Bethlehem, hat es angefangen. Von da aus hat sich der christliche Glaube über den ganzen Erdball verbreitet. Das kommt symbolisch auch in den sog. Heiligen Drei Königen zum Ausdruck. Die kommen auch von weither, von weit jenseits der Grenzen Israels, aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Religion, und machen sich auf den Weg nach Bethlehem. Man hat in den drei Königen, den drei Weisen, Sterndeuter waren es eigentlich, Vertreter des afrikanischen, europäischen und asiatischen Kontinents gesehen.
Wir haben vorhin die Epistellesung gehört: Auch die Heiden, heißt es da - und damit sind die Nichtjuden gemeint, auch die Nichtjuden gehören zum Leib Christi. Auch ihnen gilt das Evangelium von Jesus Christus.
Wenn wir uns einmal fragen, was durch Jesus Christus anders geworden ist, was durch ihn Neues gekommen ist, dann ist die eine wichtige Aussage diese: dass der eine Gott der Gott aller Menschen ist - so, wie es im Alten Testament in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck gebracht ist: „Gott schuf den Menschen." Entsprechend sind wir alle Geschöpfe des einen Schöpfers. So gilt auch nach dem zweiten Schöpfungsansatz, nach der Sintflut, der mit Noah geschlossene und mit dem Regenbogen besiegelte Bund Gottes allen Menschen.
Es hat dann aber in Israel eine Verengung gegeben. Die Abrahamsgeschichten - und dann die Mosegeschichten - schildern, wie sich Gott ein Volk besonders auserwählte und zu seinem Volk machte. Die anderen Völker waren demgegenüber Heiden.
Diese Engführung wird im Neuen Testament wieder aufgehoben. Durch Jesus Christus wird erneut deutlich, dass alle Menschen in gleicher Weise Gottes geliebte Kinder sind. Die Bildung der christlichen Kirche führte allerdings zu einer neuen Engführung. Heiden sind aus dieser Sicht die Nichtchristen. Dass dies eine unglückliche Kategorisierung ist, wird uns vielleicht dann besonders deutlich, wenn wir selbst z. B. aus der Sicht mancher Muslime als Ungläubige bezeichnet werden.
Juden, Christen, Muslime und auch die Menschen anderer Religionen haben zwar alle ihre eigene Art, ihre eigenen Traditionen, ihre eigenen Riten, ihr eigenes theologisches Verständnis, ihr eigenes Weltbild und Menschenbild und Gottesbild.
Für unseren christlichen Glauben ist aber etwas ganz besonders wichtig, was allen Menschen gemeinsam ist, nämlich: die Sehnsucht nach Liebe.
Das verbindende Element im Judentum ist die Tora - oder wie Luther auf Deutsch sagt: das Gesetz. Dieser Begriff „Gesetz" sagt sicherlich nicht alles aus, was Tora bedeutet. Aber er bezeichnet doch Wesentliches. Die unter uns vor allem bekannten zehn Gebote sind von ganz grundlegender Bedeutung für unser Leben und Zusammenleben. Das rechtliche Regelwerk im Alten Testament, das ja die heilige Schrift des Judentums ist, geht aber weit über die zehn Gebote hinaus. Es gibt eine Vielzahl von Vorschriften - 613 sollen es genau sein, darunter auch Reinlichkeitsvorschriften z. B., die zu beachten für einen Juden zentraler Bestandteil seines religiösen Verständnisses und seiner Lebensführung ist.
Dieses umfassende Regelwerk, die Tora, hat sicherlich wesentlich dazu beigetragen, dass die Juden als Religionsgemeinschaft und Volk durch die Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag trotz der Zerstreuung in viele Länder und trotz der vielen Anfeindungen und Verfolgungen und massenhaften Vernichtung weiterhin Bestand haben. Die Juden sind durch die als sehr verbindlich geltende Tora aber eine relativ geschlossene, exklusive Religions- und Volksgemeinschaft.
Das Evangelium von Jesus Christus hat die Grenzen dieser Religions- und Volksgemeinschaft überschritten und hat - wieder - jeden Menschen zum geliebten Kind Gottes gemacht, unabhängig davon, ob er oder sie sich an das umfangreiche Regelwerk hält. Wie weit Christen die Liebe Gottes zum Menschen als Leitfaden für ihre praktische Lebensführung genommen und sie als Nächstenliebe praktiziert haben und praktizieren, ist eine andere Sache und ein Thema für sich. Es geht an dieser Stelle um das Besondere des Evangeliums, um Jesus Christus selbst.
Jesus Christus hat die Bedeutung der Tora, des Gesetzes, zwar anerkannt, aber doch relativiert. Das Gesetz ist zwar wichtig, die zehn Gebote sind wichtig und viele andere Vorschriften sind wichtig. Aber über allem steht als das Allerwichtigste die Liebe. Sie verbindet alle Menschen untereinander als eine uns allen gemeinsame Sehnsucht.
Das Evangelium von Jesus Christus sagt uns, dass wir geliebte Kinder Gottes sind. Wir dürfen uns als geliebte Kinder des göttlichen Schöpfers verstehen. Das ist ein Zuspruch. Wenn wir diesen Zuspruch ernst nehmen, kann er in uns die vielen guten Kräfte freisetzen, die in uns angelegt sind. Dann werden Gesetze und Regeln und Vorschriften zweitrangig. Sie haben dann wirklich nur noch eine dienende Funktion und sind nicht mehr konstitutiv, nicht mehr grundlegend für uns als Religionsgemeinschaft und für unser Verhältnis zu Gott und für unsere Beziehungen untereinander. Augustinus soll gesagt haben: „Liebe und tue, was du willst."
Mose hat das Gesetz gegeben und Jesus Christus hat die Liebe darübergestellt. So dürfen wir Johannes verstehen.
Dass der Mensch auf das Gesetz angewiesen ist, dass er Regeln braucht, um nicht im Chaos zu versinken, ist zwar wahr. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Das Gesetz macht den Menschen weder gut noch besser. Unübersehbar und unleugbar ist vielmehr der Tatbestand, dass der Mensch trotz des Gesetzes geradezu unverbesserlich ist. Darum gehört zur ganzen Wahrheit die Einsicht, dass der Mensch auf Gnade angewiesen ist. Der Mensch ist auf Vergebung angewiesen. Diese wird dem Menschen im Neuen Testament durch Jesus Christus im Namen Gottes zugesprochen.
Diese liebende Vergebung kann jeder annehmen; jeder kann sie für sich nutzbar machen. Der Nutzen ist die innere Stärkung, die Stärkung des Ichs, die innere Verwandlung. Wer sich geliebt weiß, in dem werden innere Kräfte wach. Gute Kräfte entfalten sich und treten nach außen und können - und sollten - auch das Umfeld zum Guten verändern.
Es ist freilich gar nicht immer so leicht, sich lieben zu lassen. Sich selbst als geliebtes Wesen verstehen zu können, ist schon ein Akt des Glaubens. Auch die mit der Liebe verbundene Vergebung anzunehmen, ist nicht leicht. Denn sie setzt ein ehrliches, selbstkritisches Verhältnis voraus. Leichter ist es, andere kritisch zu sehen. Aber andere mit liebevollen Augen und liebevollem Herzen zu betrachten, ist oftmals ganz besonders schwierig. Auch das ist ein Akt des Glaubens. Aber darin sind wir uns als Menschen alle gleich: dass wir auf Liebe und Vergebung angewiesen sind, dass wir uns damit zwar schwertun, aber dass wir uns alle danach sehnen.
Darauf nimmt die frohe Botschaft des Neuen Testaments Bezug. Sie spricht uns die Liebe und Vergebung Gottes zu. Sie gilt allen Menschen und verbindet uns zu einer großen Familie. Wer will, kann seine persönliche Annahme der Liebe Gottes zeichenhaft zum Ausdruck bringen, indem er sich taufen lässt. Er gehört dann im engeren Sinne zur Kirche. Die Taufe ist aber nicht konstitutiv für die Liebe Gottes zum Menschen. Sie begründet nicht die Liebe Gottes, sondern bringt sie nur rituell zum Ausdruck. Der Mensch nimmt in der Taufe, zeichenhaft gesprochen, die ihm liebevoll entgegengestreckte Hand Gottes an.
Indem sich der Mensch taufen lässt, antwortet er auf den liebevollen Zuspruch Gottes und bekennt sich ausdrücklich und öffentlich dazu, dass er sich als von Gott geliebtes Wesen verstehen möchte und dass er aus dieser Liebe heraus sein Leben gestalten möchte. In diesem Sinne handeln Eltern stellvertretend, wenn sie ihr kleines Kind taufen lassen.
Jesus selbst lässt sich durch Johannes taufen. Johannes wehrt sich zunächst gegen das Taufbegehren Jesu, weil er meint, Jesus habe die Vergebung - als Sündloser - nicht nötig. Jesus besteht aber auf der Taufe. Durch die Schilderung der Taufe Jesu machen uns die Evangelien deutlich, dass Jesus in besonderer Weise der Sohn Gottes ist. „Du bist mein lieber Sohn. An dir habe ich Wohlgefallen." Diese liebevolle Zusage dürfen wir dann aber auf jeden neugeborenen Menschen beziehen. Das haben wir durch Jesus Christus gelernt, durch sein Leben, sein Leiden und Sterben und Auferstehen. Wenn wir das anzunehmen und zu leben in der Lage sind, dann ist es um uns selbst und um unsere Gesellschaft ganz gewiss um ein Vielfaches besser bestellt.
Die Taufe Jesu ist auch ein Anlass für die Feier des Epiphanienfestes am 6. Januar, dem Weihnachtsfest der orthodoxen Christen. In den unterschiedlichen Traditionen wird der Beginn des Wirkens Jesu in dieser Welt unterschiedlich beschrieben. Beim Evangelisten Lukas beginnt es im Stall von Bethlehem, und es sind die Hirten, die als erste zur Anbetung kommen. Bei Matthäus beginnt die irdische Geschichte Jesu auch im Städtchen Bethlehem; in seiner Schilderung kommen aber nicht die Hirten, sondern die Weisen aus dem Morgenland, um dem Gotteskind zu huldigen. Bei Markus beginnt das Wirken Jesu mit seiner Taufe als Erwachsener. So ist es auch bei Johannes, der zudem noch unterstreicht, dass dem irdischen Wirken Jesu ein göttlicher Plan vorausgeht. Im Plan Gottes war Jesus, so Johannes, schon präexistent.
Wie unterschiedlich die Traditionen im Einzelnen auch sein mögen - für uns ist die gemeinsame zentrale inhaltliche Aussage wichtig: Gottes Liebe zu allen Menschen. Diesen Zuspruch darf jeder Mensch für sich annehmen. Wo immer Menschen diesen Zuspruch dann auch als Anspruch verstehen und ihn zum Leitfaden der eigenen Lebensführung machen, da beginnt das Reich Gottes unter uns konkrete Gestalt anzunehmen.
Unser Leben als Dank
23. Januar 2005
Septuagesimae
3. Sonntag vor der Passionszeit
Lukas 17,7-10
Wenn jemand allmonatlich ein gutes Gehalt auf sein Konto überwiesen bekommt und der Betreffende bei allem, was er an Arbeit tut, dick herausstreicht, was er wieder alles getan hat, wie fleißig er war usw., dann müsste man dem Betreffenden wohl sagen: „Hör mal zu. Das ist doch deine Pflicht und Schuldigkeit, dass du ordentlich arbeitest. Dafür bekommst du doch schließlich dein monatliches gutes Gehalt aufs Konto."
In diesem Sinne müssen wir wohl die Worte Jesu in unserem Predigttext verstehen. Die Frage ist allerdings, warum Jesus gerade seine Jünger in diesem Sinne anspricht. Bekommen sie denn ein gutes Gehalt - und wofür? Sind sie denn etwas Bestimmtes zu tun schuldig? Und brüsten sie sich denn mit dem, was sie tun? Aus dem Zusammenhang unseres Textes lässt sich diesbezüglich nichts Konkretes erschließen.
Vielleicht gibt Jesus hier eine Empfehlung zur Einstellung gegenüber dem Leben schlechthin. Vielleicht will er seinen Jüngern - und uns - sagen: Betrachtet euer Leben als einen Arbeitsauftrag Gottes. Und betrachtet alles, was ihr im Leben empfangt, als euren reichlichen Lohn, angefangen von der Tatsache, dass ihr überhaupt das Leben empfangen habt, über die vielerlei Begabungen, mit denen ihr ausgestattet seid und über die Fürsorge und Hilfe, die euch von Eltern, Lehrern und vielen anderen Menschen zuteil wird, bis hin zu der Tatsache, dass täglich die Sonne aufgeht, die Natur blüht und euch überhaupt dieser ganze schöne Erdball als Lebensraum zur Verfügung steht.
Wenn ihr dann, nachdem ihr großgezogen und ausgebildet worden seid, selbst tätig werdet, dann gebt das nicht gönnerhaft als eure großartige Leistung aus, sondern betrachtet euer eigenes Tun als eure Schuldigkeit, ein wenig von dem zurückzugeben, was ihr so reichlich empfangen habt und täglich neu empfangt.
In diesem Sinne können die Worte Jesu eine große Hilfe sein, bezogen nämlich auf unsere Einstellung zum Leben und die Einschätzung unseres eigenen Tuns. Er empfiehlt uns, unser Leben als Dank zu verstehen.
Was er wohl nicht gemeint haben kann, ist, dass wir anderen den Dank für das vorenthalten, was sie tun und leisten. In diesem Sinn könnten wir seine Worte leicht missverstehen. Wir sollen unseren Dank schon zum Ausdruck bringen für das, was andere Menschen tun. Es wäre nicht in Ordnung, wenn wir die Leistungen anderer hinnehmen würden, als wären sie das Selbstverständlichste auf der Welt. Auch wenn der andere etwas für seine Arbeit als Lohn bekommt, ist es trotzdem gut und wichtig, sich bei ihm zu bedanken. Die Leistung eines anderen Menschen sollen wir genauso wenig als selbstverständlich, sondern vielmehr genauso dankbar annehmen, wie alles, was wir im Leben und durch das Leben an Gutem empfangen.
Aber wenn sich der andere seiner Leistung brüstet und den Dank vielleicht sogar einfordert und den Eindruck erweckt, er hätte eigentlich noch mehr verdient, weil er doch mehr und besser arbeite als andere, dann mag uns der Dank vielleicht im Halse stecken bleiben und wir würden gern im Sinne Jesu sagen: „Hör zu, du hast doch nur deine Schuldigkeit getan."
Es könnte dann das Aufrechnen der Leistungen beginnen. Das wäre ein ganz schwieriges Unterfangen. Die Lohnstruktur für die in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Berufen erbrachten Leitungen kann wohl niemals gerecht sein. Dass der eine ein paar hundert Euro monatlich aufs Konto überwiesen bekommt, der andere ein paar tausend und der dritte eine Million, das hat oftmals - in dem unterschiedlichen Maße - weder mit der tatsächlich erbrachten Arbeitsleistung noch mit der Leistungsbereitschaft zu tun. Das kann mit der Marktlage zu tun haben, der Arbeitsmarktlage, das kann mit dem übernommenen Vermögen, mit einer Erbschaft, zu tun haben, das kann mit Glück und Pech zusammenhängen. In gewissem Maß kann es natürlich auch mit unterschiedlichen Fähigkeiten, unterschiedlichem Arbeitseinsatz und unterschiedlicher Leistungsbereitschaft zu tun haben. Aber aus einer bestimmten Sicht könnte das Aufrechnen dennoch als unangemessen erscheinen, wenn wir nämlich die Leistung und die Voraussetzungen der Leistung einmal ganz grundsätzlich betrachten.
Und das ist es, was Jesus in unserem Predigtabschnitt tut und was er auch im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg macht. Da ist allen Arbeitern im Vorwege der gleiche Lohn zugesagt. Hinterher wollen aber die, die länger gearbeitet haben, doch mehr Lohn als die anderen. Das ist nach den Spielregeln unserer kapitalistischen Marktwirtschaft und auch rein menschlich betrachtet zwar nachvollziehbar. Aber ganz grundsätzlich betrachtet, könnten wir auch Folgendes sagen: Jeder hat das Leben geschenkt bekommen. Und dafür können wir gar nicht genug dankbar sein. Um den Dank dafür zum Ausdruck zu bringen, sollte sich jeder maximal engagieren - den ihm gegebenen Gaben und Möglichkeiten entsprechend, die ja auch letztlich jedem geschenkt worden sind.
Wenn der eine z. B. Arbeit hat, dann sollte ihn das zu um so größerer Dankbarkeit bewegen. Denn das haben wir doch inzwischen begriffen: dass es ein großes Geschenk ist, Arbeit zu haben. Das ist mitnichten
