Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 18: Predigten 1972-1974
Von Wolfgang Nein
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Über dieses E-Book
die vom Staunen über dieses geheimnisvolle Dasein
erfüllt sind,
die dankbar sind für die Gabe des Lebens,
die die ambivalenten täglichen Erfahrungen
mit Freude zum einen
und Erschrecken zum anderen wahrnehmen
und sich in den vielen Ungereimtheiten des Lebens
um ein sinnerfülltes Leben bemühen.
Die existentiellen Herausforderungen werden bleiben. Kirche hat darum eine bleibende Aufgabe. Die Bibel ist eine Schatzkiste voller guter Worte, die erfüllt sind von einem guten Geist. Das Wertvolle so weiterzugeben, dass es Menschen zur Lebenshilfe wird, dazu können Predigten beitragen. Möge es immer wieder gelingen.
Die hier abgedruckten Predigten sind Teil einer achtzehnbändigen Predigtreihe, die alle vom Autor in den Jahren 1972 bis 2012 gehaltenen Predigten umfasst.
Wolfgang Nein
Der Autor war in den siebziger Jahren Pastor in Cuxhaven. Von 1980 bis 2010 war er an der Markuskirche in Hamburg-Hoheluft tätig. Eines seiner Lebensthemen ist die Förderung interkultureller Begegnungen. In den siebziger Jahren sorgte er für die Beschulung von Gastarbeiterkindern in Cuxhaven. Dreißig Jahre lang leitete er ein von ihm gegründetes deutsch-argentinisches Jugendaustauschprogramm. Der Autor lebt als Ruheständler in Hamburg.
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Buchvorschau
Das Ja zum Leben und zum Menschen, Band 18 - Wolfgang Nein
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Strafe Gottes – Zeichen seiner Liebe?
22. Oktober 1972
21. Sonntag nach Trinitatis
Hebräer 12,4-11
Geschichte theologisch interpretieren?
12. November 1972
Drittletzter Sonntag nach Kirchenjahres
St. Abundus, Groden
Daniel 5,1-30
Hoffnung statt Resignation und Gewissheit
17. Dezember 1972
3. Advent
Offenbarung 3,7-13
Wunderberichte – Ausdruck vorhandenen Glaubens
14. Januar 1973
2. Sonntag nach Epiphanias
Johannes 2,1-11
Mit Gottvertrauen tun, was uns möglich ist
28. Januar 1973
4. Sonntag nach Epiphanias
Matthäus 8,23-27
Jesus, der Sohn Gottes?!
11. Februar 1973
Letzter Sonntag nach Epiphanias
Matthäus 17,1-9
„Als ob wir genau wüssten"
18. März 1973
Reminiszere
(2. Sonntag in der Passionszeit)
Matthäus 15,21-28
Freude trotz des Leids?
13. Mai 1973
Jubilate
(3. Sonntag nach Ostern)
Johannes 16,16-23a
Den Zuständen in der Welt liebevoll trotzen
24. Juni 1973
1. Sonntag nach Trinitatis
Johannistag
Jesaja 40,6-8
Die Hoffnung nicht aufgeben
22. Juli 1973
5. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 5,1-11
Das Leben auch mit seinen Belastungen annehmen
16. September 1973
13. Sonntag nach Trinitatis
Markus 7,31-37
Mitmenschlichkeit nicht vom Dank abhängig machen
30. September 1973
15. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 17,11-16
Sich das Leben immer neu schenken lassen
7. Oktober 1973
16. Sonntag nach Trinitatis
Lukas 7,11-16
Gesetz nicht für sich und gegen den anderen missbrauchen
14. Oktober 1973
17. Sonntag nach Trinitatis
St. Abundus, Groden
Lukas 14,1-6
Sich leiten lassen vom Heil hinter dem Heillosen
11. November 1973
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
Matthäus 24,15-28
Die Pflicht des Stärkeren
9. Dezember 1973
2. Advent
Römer 15,4-13
Freiheit der Liebe gegen Knechtschaft des Gesetzes
30. Dezember 1973
1. Sonntag nach Weihnachten
Emmauskirche
Galater 4,1-7
Nicht jeder Bibeltext enthält eine frohe Botschaft
3. Februar 1974
Letzter Sonntag nach Epiphanias
2. Petrus 1,16-21
Geltungsdrang kann „Nächstenliebe" trüben
24. Februar 1974
Estomihi
(Sonntag vor der Passionszeit)
1. Korinther 13
Kann uns stellvertretendes Leiden helfen?
12. April 1974
Karfreitag
Andacht im Krankenhaus
Jesaja 53,4-5
Das Göttliche in Christus und dem Mitmenschen wahrnehmen
21. April 1974
Quasimodogeniti
(1. Sonntag nach Ostern)
1. Johannes 5,1-5
Alltägliches Leben als Gottesdienst
26. Mai 1974
Exaudi
(6. Sonntag nach Ostern)
1. Petrus 4,7-11
Das Leben und den Menschen liebevoll annehmen!
9. Juni 1974
Trinitatis
Römer 11,33-36
Von Gott können wir uns nicht emanzipieren
30. Juni 1974
3. Sonntag nach Trinitatis
1. Petrus 5,5c-11
Es ist nicht gleichgültig, wie wir leben
17. November 1974
Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres
Volkstrauertag
2. Thessalonicher 1,3-10
Gott wertschätzen wird uns guttun
8. Dezember 1974
2. Advent
Maleachi 3,1-3b.19-22
Adventszeit – Vorfreude mit Ernst
15. Dezember 1974
3. Advent
Lukas 3,1-9
Freude der Kinder und Sehnsucht der Erwachsenen
24. Dezember 1974
Heiligabend
Lukas 2,1-20
Die Botschaft zu Weihnachten in Worten und Bildern
26. Dezember 1974
2. Weihnachtstag
Johannes 8,12-16
Bibelstellen
Vorwort
Diese Predigtreihe ist quasi im Rückwärtsgang entstanden. Band 18 ist der letzte in der Reihe, beginnt aber mit der ersten Predigt, die ich – 1972 – in der Öffentlichkeit gehalten habe. Der erste Band ist ohne Nummerierung, denn eine Reihe war bei seinem Erscheinen noch gar nicht geplant. Die ursprüngliche Idee war, ein paar Predigten als Buch im Familienkreis zu Weihnachten zu verschenken.
Aus dem ursprünglichen Gedanken entwickelte sich aus verschiedenen Überlegungen und Gegebenheiten heraus schließlich dieses Predigtprojekt. Grundlegend war die Möglichkeit, Bücher als books on demand bei Bod, Norderstedt, unkompliziert und überaus preisgünstig veröffentlichen zu können.
Für Predigten gibt es eigentlichen keinen Markt. Kirchenintern werden Predigten zwar oft als besonders wichtiges Element der kirchlichen Arbeit bezeichnet. Sehr verbreitet ist aber auch das Empfinden, dass es sich bei Predigten um eine „institutionelle Belanglosigkeit" handele.
Wenn ein Verlag überhaupt Predigten veröffentlicht, dann solche von historischen und prominenten Autoren. Im Übrigen sind im Internet jede Menge Predigten frei zugänglich.
Für mich persönlich sind Predigten immer ein wichtiger Teil meiner beruflichen Tätigkeit gewesen, da sie sich für mein Verständnis mit den grundlegenden Fragen des Lebens beschäftigen und dies in Verbindung mit dem, was die biblischen Generationen erlebt, gedacht und geglaubt haben. Schon als Schüler habe ich im Gottesdienst stets mit Spannung auf die Predigt gewartet.
Als ich schließlich selbst zu predigen hatte, forderte mich die Aufgabe dazu heraus, mir eine eigene Theologie zurechtzulegen, die ich vor mir selbst und den Gottesdienstbesuchern gegenüber glaubwürdig würde vertreten können. Außerdem war mein Bedürfnis, meine Überlegungen so darzubieten und mich so auszudrücken, dass auch Menschen damit etwas würden anfangen können, die in Kirche und Theologie ungeübt sind und mit einer gewissen Skepsis am Gottesdienst teilnehmen. Es sollten sich aber auch Kircheninterne mit der Predigt wohlfühlen können.
Ich selbst bin von Haus aus nicht kirchlich sozialisiert, war aber stets erfüllt vom Interesse an den Grundfragen des Lebens. Mit Eintritt in den Ruhestand hat mein Interesse an der Predigt nicht nachgelassen. Ich gehe oft in Gottesdienste und höre mir an, was die Kollegen und Kolleginnen predigen.
Was und wie habe ich selbst gepredigt? Die Antwort auf diese Frage zu finden, war für mich ein weiteres Motiv, meine eigenen Predigten einmal geordnet – in Buchform – zusammenzustellen. Da ich alle Predigten aufbewahrt habe, kann ich nun selbst alles nachlesen und mir meine Gedanken über die Inhalte und die Formen machen. Dabei kann ich feststellen, dass ich im Großen und Ganzen den zu Anfang eingeschlagenen Weg ziemlich gradlinig weitergegangen bin.
Anfangs hatte ich bezüglich der Veröffentlichung der Predigten noch gewisse Schamgefühle. Aber nun sage ich mir im Sinne des Apostels Paulus: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht."
Die christliche Botschaft ist recht verstanden eine ganz wunderbare. Sie ist in ihrer Schönheit und Menschlichkeit wahrhaft göttlich und geradezu unglaublich. Sie kann allen, die vom Staunen über dieses geheimnisvolle Dasein erfüllt sind, die dankbar sind für die Gabe des Lebens und die die ambivalenten täglichen Erfahrungen mit Freude zum einen und Erschrecken zum anderen wahrnehmen und sich in den vielen Ungereimtheiten des Lebens um ein sinnerfülltes Leben bemühen, Orientierung geben und eine wertvolle Lebenshilfe sein.
Die existentiellen Herausforderungen werden bleiben. Kirche hat darum eine bleibende Aufgabe. Die Bibel ist eine Schatzkiste voller guter Worte, die erfüllt sind von einem guten Geist. Das Wertvolle so weiterzugeben, dass es Menschen zur Lebenshilfe wird, dazu können Predigten beitragen. Möge es immer wieder gelingen.
Wolfgang Nein, Juli 2019
Strafe Gottes – Zeichen seiner Liebe?
22. Oktober 1972
21. Sonntag nach Trinitatis
Hebräer 12,4-11
Der Predigttext zum heutigen Sonntag handelt von der Strafe Gottes. Der Abschnitt steht im 12. Kapitel des Hebräerbriefes. Der Autor fordert an dieser Stelle dazu auf, die Strafe Gottes als ein Zeichen der göttlichen Liebe zu verstehen.
Was empfinden Sie, wenn Sie diesen Text hören oder lesen? Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie sich über einige Stellen in diesem Text ärgern, zum Beispiel über den wie selbstverständlich angeführten Vergleich mit dem Vater, der seinen Sohn bestraft? Zunächst mögen sich die Frauen unter Ihnen daran stoßen, dass der Vater hier als Erzieher hingestellt wird, wo es doch meist vor allem Sie, die Mütter, es sind, die mit der Erziehung der Kinder zu tun haben. In dieser Frage müssen wir einfach bedenken, dass dem Verfasser des Textes eine ganz andere gesellschaftliche Ordnung vor Augen stand, als er den Brief schrieb, eine Ordnung nämlich, in der die Stellung des Vaters in der Erziehung überragend war.
In einem anderen Punkt hat unser Ärger schon etwas mehr Berechtigung, nämlich was das Strafen oder – wie es im Text noch provozierender heißt –, „die Züchtigung" anbetrifft.
Strafen ist doch heute eine höchst umstrittene Sache. Geprügelt wurde früher häufig, wenn das liebe Kind nicht spurte – und zwar nicht nur von den Eltern, sondern auch von den Lehrern. Diejenigen unter Ihnen, die meine Eltern und Großeltern sein könnten, Sie denken vielleicht manchmal noch mit einem leisen Seufzer an die gute alte Zeit, wo man unerzogenen Kindern noch mit einer ordentlichen Tracht Prügel drohen und sie manchmal sogar zur Raison bringen konnte. Aber im Allgemeinen steht man heute doch der Strafe – und vor allem der körperlichen Strafe – sehr skeptisch gegenüber. Das ist auch gut so.
Freilich, überall geht es nicht ganz ohne Strafe ab. Stellen Sie sich vor, die Gerichte wollten plötzlich darauf verzichten, Strafen zu verhängen! So weit haben es die moderne Psychologie und Pädagogik und was sonst für Wissenschaften mit diesem Problem zu tun haben, noch nicht gebracht.
Das ist also das andere, das manchen an diesem Text ärgern mag: Die Selbstverständlichkeit, mit der hier Strafe als Mittel der Erziehung hingestellt wird. Nun will der Text aber doch auf Folgendes hinaus: dass nämlich die Strafe Gottes ein Zeichen der göttlichen Liebe sei.
Wenn wir nun wieder an die Erziehung im Elternhaus denken, mögen wir an diesem Gedanken wohl etwas Sympathisches finden. Denn wenn die Mutter das Kind einmal straft, dann soll es diese Strafe nicht als Zeichen des Hasses, sondern als Zeichen der Liebe verstehen. Welcher Mutter tut es nicht selbst im Herzen weh, wenn sie zum Beispiel die Tochter bestraft, weil sie partout nicht beim Abwaschen helfen will und dafür abends mit traurigem Gesicht in der Ecke sitzt, weil sie den Krimi nicht sehen darf?
Kinder müssen erzogen werden. Wenn Eltern dann zum Mittel der Strafe greifen, mag das vielleicht nicht immer den neuesten Erkenntnissen der Erziehungswissenschaften gerecht werden, aber man wird den Eltern auch keinen bösen Willen unterstellen können. Wir müssen davon ausgehen, dass die Eltern tatsächlich gerade das Beste des Kindes im Auge haben. Motiv der elterlichen Strafe ist nicht Rache, sondern der Wille, das Kind in seiner Entwicklung zu fördern.
Auch im deutschen Strafrecht – das sei hier nebenbei erwähnt – ist man heute weitgehend vom Motiv der Vergeltung abgerückt. Wenn das Gericht heute eine Strafe verhängt, dann soll diese Strafe immer auch mit als ein Mittel dazu verstanden werden, den Bestraften zur Besserung seines zukünftigen Lebenswandels anzuhalten. Wie weit die gerichtlich verhängten Strafen diesem Ziel tatsächlich dienen und dienen können, das zu erörtern, ist hier nicht die richtige Stelle.
Wir haben nunmehr schon ein gutes Körnchen in unserem Text gefunden. Vielleicht finden wir noch ein weiteres. Da steht: „Alle Züchtigung aber dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein." Dem können wir wohl unbesehen zustimmen. Denn die Strafe fügt uns zunächst einen Schmerz zu, sei er körperlicher oder seelischer Natur.
Der Text geht dann einen Schritt weiter, auch den können wir wohl noch mit vollziehen, wenn es da heißt: „Aber danach wird sie (nämlich die Traurigkeit) geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit." Was soll das anderes bedeuten – jetzt wieder auf der Ebene der elterlichen Erziehung gesprochen –, als dass das Kind durch die Strafe – vereinfacht gesagt – zwischen Gut und Böse unterscheiden lernt, sodass das schmerzliche Ereignis nützliche Erkenntnisse einbringt.
Freilich, automatisch lässt sich ein Mensch nicht eines Besseren belehren. So, wie der eine Spruch sagt: „Not lehrt nicht nur Beten, sondern auch Fluchen", so kann auch eine Strafe, statt zur besseren Einsicht zu führen, bei dem einen Aggressionen verstärken, bei dem anderen in Resignation enden. Die Skepsis gegenüber der Strafe als Mittel der Erziehung rührt ja weitgehend gerade von dieser Befürchtung her, dass die Strafen letztlich mehr unerwünschte als erfreuliche Wirkungen haben.
Nun haben wir dem Text also einige gute Seiten abgewonnen, wenn wir auch gewisse Einschränkungen machen mussten. Wir könnten jetzt befriedigt den Schlusspunkt setzen, hätten wir bisher nicht eines völlig außer Acht gelassen, nämlich, dass unser Text nicht von der Strafe der Eltern oder des Lehrers oder sonstiger Mitmenschen spricht, sondern von der Strafe Gottes handelt. Hier tauchen die wahren Schwierigkeiten erst auf.
Dem Autor des Hebräerbriefes geht es in unserem Text darum zu zeigen, wie die Strafe Gottes zu verstehen ist: nämlich als ein Zeichen der göttlichen Liebe. Er will den Menschen, die er hier anspricht und die es in Sachen christlicher Glaube an Standhaftigkeit zu wünschen übrig ließen, sagen: Ihr, die ihr von Verfolgungen bedroht seid, ihr werdet demnächst dem Tod ins Auge sehen müssen. Werdet dann nicht schwach! Lasst euch nicht abschrecken und verzagt nicht! Die Strafe Gottes, die mit der Verfolgung kommt, wird zwar schmerzlich sein, aber sie wird euch letztlich dem Himmelreich näherbringen.
Hier wird kein Zweifel daran laut, dass eine Strafe Gottes im Verzuge ist. Es geht nur um das rechte Verständnis der göttlichen Strafe. Aber wie steht es mit uns? Für uns liegt hier doch ein ganz grundsätzliches Problem. Ich meine nicht nur, dass uns allein der Begriff Gott schon schwer zu schaffen macht. Nein, der Gedanke, dass es so etwas wie „Strafe Gottes" geben soll, hat doch etwas Befremdliches für uns an sich. Oder geht Ihnen das nicht so? Wir kennen diesen Gedanken, aber er stößt eher auf Abneigung als auf Verständnis.
Als ich die Predigt vorbereitete, habe ich mich etwas umgehört zum Thema „Strafe Gottes. Da sagte mir eine Frau: „Manchmal trifft es einen hart. Da verliert man plötzlich seinen Ehemann durch einen Unfall, man sitzt allein da mit seinen Kindern, und dann fragt man sich: Womit habe ich das verdient? Ich bin doch auch nicht schlechter als die anderen. Es gibt doch genug Leute, denen man Schlechtes nachsagen könnte, und denen geht es gut und immer besser. Wieso gerade ich? Womit habe ich das Unglück verdient? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?
Und dann sagte sie: „Strafe Gottes – wenn es so etwas gäbe, dann müsste das ja ein schlimmer Gott sein, der einem solche Ungerechtigkeiten zufügen kann."
Diese Frau hat in vielleicht ganz typischer Weise reagiert. Vielleicht würden Sie jetzt Ähnliches sagen, wenn wir in einer Diskussionsrunde zusammensäßen, statt dass Sie der Predigt nur zuhören. „Womit habe ich das verdient?" Wenn wir so reagieren, geraten wir in eine Sackgasse, dann hat die Vorstellung von einer Strafe Gottes nichts Sympathisches mehr an sich, und dann sind wir wohl nicht bereit, diese Vorstellung noch aufrechtzuerhalten.
Denn treiben wir das hinter dieser Reaktion stehende Verständnis von der Strafe Gottes einmal auf die Spitze und denken wir an die durch Contergan geschädigten Kinder! Womit haben diese Kinder das schwere Schicksal verdient? Sie haben sich doch noch gar nicht schuldig machen können! Das Unglück war über sie schon hereingebrochen, bevor sie überhaupt geboren waren. Es würde geradezu makaber klingen, hier davon zu reden, dass die Strafe ein Zeichen göttlicher Liebe sei.
Nein, so kommen wir nicht weiter. Wenn die Vorstellung von der Strafe Gottes noch eine Berechtigung haben und uns etwas
