Der Schein betrügt: Südtirolkrimi Band 4
Von Ralph Neubauer
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Über dieses E-Book
Alles steht miteinander in Verbindung. Diese Zusammenhänge sind für die Ermittler schwer zu durchschauen, zumal auch ein Mord nahe der Königsallee in Düsseldorf damit zu tun hat. Es geht um den internationalen Kunsthandel und seine Auswüchse. Fälschungen, Betrug, schmutziges Geld, das in den legalen Wirtschaftskreislauf eingebracht wird. Fabio Fameo, Tommaso Caruso und Francesca Giardi sind im Pustertal unterwegs. Eine interessante Schlossherrin aus diesem Tal hilft.
Dieser Krimi führt die Leser in die Städte Bruneck, Brixen und Meran.
Ralph Neubauer
Ralph Neubauer, 1960 in Düsseldorf geboren, lebt seit 1987 in Haan im Rheinland. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Vor seiner Pensionierung war er vier Jahre bei Amtsgerichten und 36 Jahre im Justizministerium in Düsseldorf in verschiedenen Positionen tätig. Seit 2010 schreibt er für den Athesia-Tappeiner Verlag die erfolgreiche Reihe Südtirolkrimi, mit der er sich an Geschichte, Tradition, Brauchtum, Lebens- und Denkweise in Südtirol herantastet.
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Buchvorschau
Der Schein betrügt - Ralph Neubauer
(Meran im Herbst –
eine alte Villa in Obermais)
Der alte Mann hatte ein schwaches Herz. Vielleicht blieb es stehen, weil er sich zu sehr aufgeregt hatte. Vielleicht war es auch die Angst. Möglicherweise war er aber auch an dem Knebel erstickt, den sie ihm in den Mund geschoben hatten.
Als sie gefunden hatten, wonach sie suchten, stellten sie fest, dass sich der alte Mann nicht mehr bewegte.
»Der ist tot«, sagte der Anführer. Er zeigte dabei keine Gefühlsregung. Sein Kumpan zuckte nur mit der Schulter. Sie hatten so viele Tote in ihrem Leben gesehen, dass ein solcher Anblick sie nicht mehr zu berühren vermochte.
»Mach die Fesseln los und nimm ihm den Knebel raus. Lass es so aussehen, als ob er im Sessel eingeschlafen wäre.«
Sie hatten dem alten Mann die Hände und die Beine gefesselt und ihn in diesen Sessel gesetzt. Als er laut lamentierte, hatten sie ihm einen Knebel in den Mund gedrückt. Irgendein altes Handtuch, das herumlag. Dabei waren sie nicht zimperlich vorgegangen. Dann hatten sie begonnen, die Wohnung zu durchsuchen.
Als der Mann eine Woche später gefunden wurde, weil sich die Nachbarin darüber gewundert hatte, dass der Briefkasten tagelang nicht geleert wurde, konnte niemand mehr die Abschürfungen an den Händen erkennen. Das Handtuch lag auf dem Boden. Achtlos dort hingeworfen. Es wurde daher nicht weiter beachtet. Die Wohnung wirkte auch nicht unordentlich. Die Eindringlinge waren behutsam vorgegangen. Jede Schublade, jede Schranktür nur sanft geöffnet, alles sorgsam durchsucht, nichts durchwühlt.
Der alte Mann hatte keine Verwandten. Seine wenigen Freunde waren selbst alt und nicht alle schafften den Weg zur Beerdigung. Die kleine Trauergemeinde ging davon aus, dass der Verstorbene einfach eingeschlafen war. Das Alter hatte er gehabt. Nur einer unter den Trauergästen sah das anders. Der Alte hatte Paul Lorenz als seinen Erben eingesetzt. Und Paul Lorenz wusste, dass etwas da gewesen sein musste, was jetzt fehlte. Aber sicher war er sich dessen nicht. Denn er hatte es nie gesehen. Der Alte hatte ihm nur davon erzählt.
Der Alte war ein Experte für die Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts gewesen. Und er hatte seit drei Jahren an einem Werk gearbeitet, das sich mit der Geschichte der alpenländischen Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts befasste. Er hatte es unbedingt noch fertigstellen wollen. Für die Nachwelt. Sein gesammeltes Wissen um eine besondere Epoche, mit ganz besonderen Entdeckungen, die er gemacht hatte. Ein Werk, das die Kunstwelt bereichern sollte. Ein Werk, das die Fachwelt dringend brauchen konnte. Aber in der alten Villa, die Paul Lorenz gründlich durchsucht hatte, war davon nichts zu finden. Dass der Alte die Arbeit an diesem Werk nur vorgetäuscht haben sollte, wollte dem Erben nicht in den Sinn.
Als der Pfarrer den Sarg einsegnete, fing es an zu regnen. Es war kühl.
(Im Februar des darauffolgenden Jahres
in einem Schloss im Pustertal)
Die ersten intensiven Sonnenstrahlen des Jahres wärmten zwar noch nicht, gaben dem »Fürstenzimmer« mit seinen alten Wandfresken und der dunklen Deckenverkleidung aus Zirbelholz aber genau den Effekt, den Victoria so schätzte. Der Februar war auf Schloss Kehl immer ein Erlebnis. Die Bauherren des Schlosses hatten bei der Architektur der Gebäude sehr darauf geachtet, dass die Fenster immer genügend Sonne hineinließen. Victoria freute sich jedes Mal aufs Neue, wenn nach dem Ende der dunklen Jahreszeit Schloss Kehl mit Sonnenenergie fast magisch aufgeladen wurde. So hatte sie es schon als Kind empfunden, als sie im Innenhof herumgetollt war, in den vielen Räumen des Schlosses mit ihren Freunden Fangen gespielt hatte, in den Kellern und Speichern auf Entdeckungsreise gegangen war. Schloss Kehl hatte ihrer Familie von Anbeginn an gehört. Das Geschlecht derer von Emeri hatte einen verzweigten Stammbaum, der weit zurück in die österreichisch-ungarische Zeit reichte. Victorias Familie hatte Wurzeln in fast allen Völkern, die das k.u.k. Reich eingeschlossen hatte. Da gab es den ungarischen Zweig der Familie, den slowakischen, den kroatischen. Es gab Siebenbürger Sachsen, die heute zu Rumänien gehörten, es gab einige jüdische Zweige der Familie aus dem alten Galizien und dem Königreich Böhmen. Fast alle von ihnen fanden sich auf den Wandfresken von Schloss Kehl wieder. Der ganze Stammbaum war dargestellt, soweit er erforscht und belegt werden konnte. Mehrere vorangegangene Generationen hatten daran gearbeitet, doch mit ihr würde er enden, denn sie war die Letzte ihres Geschlechts. Ihre Eltern hatten nur ein Kind bekommen. Und da sie nicht vorhatte, das Geschlecht nur deshalb weiterzuführen, damit es nicht ausstarb, würde das Fresko an der Stelle gleich neben der prächtigen Tür zum »Fürstenzimmer« enden. Daran musste sie immer denken, wenn sie es betrat.
Heute, als sich die ersten Sonnenstrahlen des noch jungen Februars – durch die bunten Glasscherben des Hauptfensters gebrochen – ihren Weg durch das Zimmer bahnten und genau den Flecken des Wandfreskos ausleuchteten, wo einst sie eingearbeitet werden würde, spürte sie einen kleinen Schmerz. Zum Glück war sie nicht allein. Sie hatte Besuch von ihrem alten Freund, Paul Lorenz.
»Victoria, schau dir bitte diese Tagebucheintragung an.« Er deutete auf eine bestimmte Stelle. Victoria las. Sie schaute den ihr gut vertrauten Freund nachdenklich an.
»Und eine Woche später wird er tot aufgefunden. Und es gibt keine Unterlagen mehr. Nichts, gar nichts. Ich habe die ganze Villa durchsucht. Da ist nichts. Wenn er nicht noch irgendwo ein geheimes Versteck hatte, dann sind alle seine Arbeiten verschwunden.«
Victoria nickte: »Oder in fremden Händen.«
»Ja! Oder in fremden Händen.«
Victoria schaute ihren Freund Paul sorgenvoll an: »Und was hast du vor?«
»Ich werde diesen Mann suchen, von dem die Tagebucheintragung berichtet.«
Victoria hatte ein schlechtes Gefühl. Die Sache war merkwürdig. Der alte Kunstexperte, den sie natürlich auch gekannt hatte, hatte in dieser Tagebucheintragung von einem seltsamen Besuch berichtet. Ihm seien zwei Bilder zur Begutachtung vorgelegt worden – Bilder von Franz Egener, die, wenn sie echt waren, ein Vermögen darstellten.
Franz Egener hatte in den Jahren 1844 bis 1914 gelebt und galt als einer der wichtigsten Alpenmaler. Kaum einem vor oder nach ihm war es gelungen, das Licht der Alpen so brillant einzufangen. Er war zudem bekannt für die einfühlsame Darstellung des bäuerlichen Lebens seiner Zeit. Gesichert war die Existenz von rund 400 Bildern. Aber da gab es auch Unsicherheiten. Egener war nicht sehr genau mit seinem Werkverzeichnis gewesen. Man sagte ihm außerdem eine Neigung zum Leben auf großem Fuß nach: Um diesen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren, hatte er es nicht so genau genommen, wenn es darum ging, ein Werk, das in seinem Besitz war, aber von einem anderen Maler stammte, leicht zu überarbeiten, um es als eigenes Original zu verkaufen. Darüber hinaus wusste man von ihm, dass er sich öfter am Bergwerk am Rettenbach und in der Erzhütte im Ahrntal aufgehalten hatte. Der Legende nach angelockt durch eine Liebschaft. Es gab sogar eine ungesicherte Überlieferung, dass er dort gemalt haben sollte, wenn auch Bilder zum Thema Bergbau eigentlich nicht zu seiner Bilderwelt gehörten. In seinen Landschaftsbildern, für die er berühmt war, spielte das Licht eine große Rolle. Und im Bergbau gab es kein Licht. Jedenfalls kein natürliches. Es wäre also eine Sensation, fände man solche Bilder aus der Welt des Bergbaus von Egener. Damit ließe sich ein Vermögen verdienen. Denn Egeners Bilder wurden mittlerweile in einer Preisregion gehandelt, die fast jede Vorstellung sprengte.
Der Tagebucheintragung zufolge waren dem alten Kunstexperten zwei Bilder Egeners mit Motiven aus dem Bergbau zur Begutachtung vorgelegt worden. Der Eintrag gab jedoch keine Auskunft über das Ergebnis seiner Überprüfung. Lediglich der Anbieter wurde beschrieben. Ein Mann osteuropäischer Herkunft, der sich Oleg nannte.
Victoria fasste ihren Freund an den Schultern, justierte ihn damit so, dass er ihrem Blick nicht ausweichen konnte: »Pass auf dich auf. Der Markt ist in Bewegung. Das weißt du. Und viel Geld ist unterwegs, um es in Kunst zu bunkern. Deshalb explodieren die Preise auch. Und wenn dieser Oleg zu der Sorte Mensch gehört, die derzeit gehäuft unterwegs ist, dann ist das für dich gefährlich. Es kann natürlich Zufall sein, dass unser alter Freund genau eine Woche, nachdem dieser Oleg bei ihm war, verstorben ist. Vielleicht aber auch nicht.«
Paul Lorenz nickte und machte ein besorgtes Gesicht: »Er ist allerdings nicht eine Woche danach gestorben, da ist er lediglich tot aufgefunden worden. Gestorben ist er schon früher.«
Victoria wurde sich des Umstands bewusst, dass der Todeszeitpunkt damit in noch größere Nähe zum Zusammentreffen mit Oleg rückte: »Dann musst du erst recht auf dich aufpassen. Ist es nicht besser, wenn wir die Polizei einschalten?«
»Nein. Keine Polizei. Zuerst gehe ich der Sache nach. Ich bin schließlich als Erbe eingesetzt und ich fühle mich persönlich für sein Vermächtnis verantwortlich. Das bin ich ihm schuldig.«
Null
(Pustertal, 2. Juniwoche: Tag
1 – Montag – Vormittag)
»Hören Sie mich?« Der Rettungssanitäter klopfte dem Verletzten leicht auf die Wangen. Der öffnete die Augen, dämmerte aber sofort wieder weg. »Sie müssen jetzt wach bleiben!« Der Sanitäter sprach laut und deutlich zu dem Mann, während der Notarzt dem Verletzten eine Infusion legte. Der Mann hatte viel Blut verloren. Sein Blutdruck war niedrig: 80 zu 50. Der Puls war hoch: 120. Hände, Arme und Beine waren kalt. Seine Atmung war flach. Er wirkte abwesend. Er reagierte verlangsamt auf die Ansprache des Rettungssanitäters. Das ließ auf einen hohen Blutverlust schließen. Wie viel Blut er verloren hatte, konnten die Männer nur schwer einschätzen. Der Holzboden hatte möglicherweise einiges davon aufgesogen. Bei solchen Verletzungen drohten Ohnmacht und Kreislaufkollaps. Die Trage wurde hereingebracht. Sie hatten das Bein des Verwundeten in einer speziellen Schiene gelagert, sodass es auf Spannung gehalten wurde. Die Helfer des Weißen Kreuzes kannten sich damit aus. Knochenbrüche bei Skifahrern waren eine ihrer Spezialitäten. Aber dieser Mann hier war kein Skifahrer. Seine Verletzungen waren allerdings mindestens so schwer wie nach einem dramatischen Sturz bei der Abfahrt. Nur, dass er sich in seinem Haus verletzt hatte. Im Juni!
Als der Kreislauf des Verletzten wieder einigermaßen stabil war, hoben die Männer den Verletzten mit gekonnten Griffen in die enge Schale der Trage und zurrten ihn fest. Er stöhnte. Hatte Schmerzen. Der Hubschrauberpilot ließ den Motor an. Die Rotorblätter begannen sich langsam zu drehen, als die Trage hinten in den Rumpf eingeschoben wurde. Pelikan 1 hob ab und flog Richtung Krankenhaus Bozen. In der engen Kabine war es ohrenbetäubend laut. Der Notarzt meldete über Funk ins Krankenhaus: »Schwere und offene Frakturen am rechten Bein. Hoher Blutverlust. Möglicherweise Schädeltrauma. Ankunft in zehn Minuten.«
Eins
(Tag 1 – Montag – Nachmittag)
Lena war noch nicht lange in der Bozner Chirurgie. Sie hatte sich gefreut, als sie erfahren hatte, dass ihr nach dem bestandenen Examen als »Operationstechnische Assistentin« ein weiteres Auslandsjahr genehmigt worden war. Sie war während ihrer Ausbildung bereits in Mexiko gewesen und hatte dort an vielen Operationen teilgenommen. Als »Instrumentierende«, so nannte man diese Spezialisten, war sie nahe am Operationsgeschehen. Sie war dafür verantwortlich, dass im Operationssaal alle notwendigen Geräte vorhanden waren. Sie begleitete die Operation aktiv; ihre Tätigkeit erinnerte an jene der Techniker in der Boxengasse bei einem Formel-1-Rennen. Wenn der Operateur etwas brauchte, musste sie es zur Hand haben, bevor er explizit danach verlangte. Sie kannte sich daher mit Verletzungsmustern und den notwendigen Operationen gut aus. Aber das, was sie heute gesehen hatte, war auch für sie neu.
*
Lena reinigte die Zangen, die Sägen und all die anderen Geräte, die sie verwendet hatten. Der Chirurg zog seinen mit Blutspritzern verunreinigten Kasack aus und warf ihn in den Wäschekorb. Lena beobachtete, wie er sein Gesicht im Spiegel betrachtete. Auch wenn Operateure, Instrumentierende, Narkoseärzte und Assistenten eines OP-Teams viel ertragen konnten, sah Lena, dass sich bestimmte Eindrücke und Erlebnisse am OP-Tisch deutlich in die Gesichter der Beteiligten eingruben.
Seit zehn Jahren arbeitete der Chirurg, zu dessen Schicht sie eingeteilt worden war, an diesem Krankenhaus. Zehn Jahre Notfallchirurgie. Das waren zehn Jahre gebrochene Knochen, zerfetztes Gewebe, Schockzustände, Wiederbelebungsversuche, Blut, Schmerz und die damit verbundenen Gerüche.
Der Operateur war gerne Chirurg. Das wusste Lena. Sie hatten darüber gesprochen. Selbst in der Notfallchirurgie, wenn nicht alles nach Plan lief, konnte er Chaos und auch Schmerzensschreie ausblenden, sich ganz auf das Notwendige konzentrieren.
Er stand am Tisch, Lena als die Instrumentierende neben ihm. Seine Kommandos kamen ruhig und leise. Lena reichte, was verlangt wurde, räumte gebrauchte Instrumente sofort weg. Ihre Kollegin, die OP-Schwester, arbeitete routiniert, der Anästhesist überwachte den Kreislauf, gab leise Informationen nach vorne. Der erfahrene Chirurg schnitt, sägte, klemmte, nähte.
Und wenn sie dann in der Umkleide waren, fiel die Anstrengung von ihnen ab. Auch von Lena. Normalerweise dachte keiner nach der Schicht an die Menschen, die sie wieder zusammengeflickt hatten.
Heute war es anders. Die Knochen, die der Doktor soeben mit viel Mühe wieder sortiert und mit einer langen Metallplatte verschraubt hatte, waren in einer Art gebrochen, wie sie es noch nicht gesehen hatte. Skiunfälle waren anders. Verletzungen bei Autounfällen waren schon vergleichbar. Aber der Verletzte war in seinem Atelier gefunden worden. Auch wenn jemand ganz böse stürzte, konnte er sich solche Verletzungen nicht zuziehen. »Dem Mann hat jemand das Bein gebrochen.« Da waren sie sich sicher.
Zwei
(Tag 1 – Montag – früher Abend)
Elisabeth wollte mit Fabio heute Abend ins Theater. Sie hatten Karten für »Der Tiger, das Kreuz und der Antichrist«, ein modernes Stück, das schon vor seiner Premiere für Aufregung gesorgt hatte. Im vorwiegend katholischen Südtirol waren Anspielungen auf christliche Riten und Gebräuche heikel.
Elisabeth hatte die Karten bestellt, bevor die Entrüstungswelle durch den Blätterwald gerauscht war. Jetzt war sie neugierig darauf, worüber sich die Südtiroler so aufregten. Das fand sie noch spannender, als das Stück selbst. Von dem hatte sie nur gelesen, dass es in Deutschland auf vielen Bühnen aufgeführt worden war – ohne dass es Proteste gegeben hatte.
Elisabeth und Fabio waren seit zwei Wochen von ihrer Hochzeitsreise zurück. Drei Wochen waren sie unterwegs gewesen. Länger hatte Elisabeth ihren Mitarbeiterinnen den Betrieb ihrer Apotheke nicht zumuten wollen. Es war eine herrliche Zeit gewesen. Ihre Hochzeitsreise hatten Elisabeth und Fabio ihren Freunden Anna und Tommaso nachgemacht. Die waren vor mehr als 25 Jahren mit einem kleinen Koffer in den Bus zum Gardasee gestiegen und hatten dort in einer einfachen Pension ihre Flitterwochen verbracht. Kurz entschlossen hatten Elisabeth und Fabio im Frühjahr zwei kleine Koffer in Fabios neu erworbenes, aber an Jahren altes Auto gepackt und waren mit der flotten, innen aber sehr engen Lancia Fulvia aufs Geratewohl losgefahren. Zunächst Richtung Gardasee.
Fabio hatte die Reise auch sehr gut gefallen. Aber nachdem sie zurück im Alltag waren, hatte es nicht lange gedauert und er war unruhig geworden. »Die Questura Bozen ist schon ziemlich klein«, hatte er zum Beispiel gesagt, als sie beim Abendbrot zusammensaßen. Elisabeth ahnte, was in Fabio vorging. Er hing in Gedanken immer noch den vermeintlich spannenderen Fällen nach, die er in Rom bearbeiten konnte, bevor man ihn nach Bozen versetzt hatte.
»Du kannst aber nicht sagen, dass du hier langweilige Fälle hattest«, hielt Elisabeth ihm entgegen. Fabio hatte seit dem Sommer des vergangenen Jahres drei dicke Mordfälle aufklären müssen. Schwierige Fälle, verzwickte Verstrickungen. Einmal war er dabei sogar in Lebensgefahr geraten.
»Und mir gefällt es, dass es hier übersichtlicher zugeht, als in den Großstädten dieser Welt.« Sie hatte ihn genau beobachtet, während sie sprach. Ihre Ehe war schnell, sehr schnell geschlossen worden. Im Frühsommer des vergangenen Jahres hatten sie sich kennen gelernt, im Herbst schon geheiratet. Sie zweifelte nicht daran, dass er der Richtige war. Aber würde er sich hier auf Dauer zu Hause fühlen?
Fabio wechselte das Thema. Und Elisabeth erkannte langsam, was es bedeuten konnte, mit einem Polizisten verheiratet zu sein, der seinen Beruf als Berufung verstand.
Elisabeth hatte daher beschlossen, ihm das Leben in Südtirol näher zu bringen. Das Kulturleben, die sehr gute Küche, die ihr Fabio erst in Ansätzen kennen gelernt hatte. Kurz: Sie wollte ihm die schönen Seiten des Lebens zeigen. Und deshalb hatte sie auch die Premierekarten bestellt.
Das Stück war eher langweilig, fand Elisabeth. Der Stückeschreiber war Ire und hatte in diesem Stück alles Mögliche aufgearbeitet. Vordergründig ging es um das irische Schicksal, die wechselvolle Geschichte voller Unterdrückung, Gewalt, aber auch erlebter Armut. Hintergründig hatte der Autor seine eigenen Probleme mit der väterlichen Autorität und seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Katholizismus aufgearbeitet. Man konnte auch meinen, er wollte den Zuschauern seines Stückes zumuten, alles zu durchleben, was in seiner von Alkoholexzessen beeinflussten Gefühlswelt passiert war. Elisabeth fand, dass es dazu nicht nötig gewesen wäre, einen Hundekadaver an ein Kreuz zu binden und die Schauspieler dabei agieren zu lassen wie römische Legionäre bei der Kreuzigung Jesu. Allein schon die dargestellten Parallelen der Gefühlslage des irischen Volkes zu der Gefühlslage der Südtiroler mit Blick auf Fremdbestimmung und Unterdrückung hätten die Auswahl des Stückes für das Meraner Theater sinnhaft erscheinen lassen können – ganz ohne unnötige Überspitzung. Aber die teils hart an den Rand der Geschmacklosigkeit reichenden Szenen führten dazu, dass manche Theatergäste unter lautem Protest ihre Sitzplätze in den ersten Reihen schon während der laufenden Aufführung verließen. Das war das eigentlich Interessante an diesem Stück. Die Inszenierung des Publikums. Es reagierte. Es spendete nicht Applaus. Es protestierte.
Schon vor Beginn der Aufführung, als das Premierenpublikum gerade eintraf, hatte sich ein bekannter Stadtpolitiker vor dem Theater postiert. Er saß hinter einem kleinen Klapptisch und hielt »Bürgersprechstunden« ab. Auf einer großen Schiefertafel stand mit Kreide geschrieben, dass er aus Protest gegen die Aufführung dieses Stückes auf normale Kleidung verzichte. Stattdessen werde er in Lumpen gehüllt arbeiten, als augenfälliges Zeichen seines Widerstandes gegen diesen Affront.
Jedenfalls sollte diese Aktion und auch die anschließende tägliche Berichterstattung über das »Skandalstück« dafür sorgen, dass das Theater immer ausverkauft war. Sei es, dass die Menschen sich aufregen wollten, sei es, dass die Menschen sich amüsieren wollten. Und irgendwie lief das wohl auf dasselbe hinaus.
In der Pause hatten Fabio und Elisabeth ihren Spaß daran, sich die aufgeregt diskutierenden Theatergäste anzuschauen. Fabio hatte an der voll belagerten Bar erfolgreich zwei Gläser mit Sekt erstanden. Sie hatten gerade den ersten Schluck genossen, als Fabio eine ihm bekannte Stimme vernahm.
»Ah, so trifft man sich wieder!«
Fabio drehte sich um und blickte in das Gesicht seines Chefs. Silvano Pallua war von untersetzter Statur. Seit neuestem trug er sein spärliches Haupthaar kurz, was ihn etwas flotter wirken ließ. Als Fabio ihn vor gut einem Jahr kennen gelernt hatte, hatte er das wenige Haar noch von rechts nach links quer über den breiten Mittelscheitel gekämmt. Es war, als bemühe er sich seit neuestem um ein flotteres Aussehen. Er strahlte jedoch von jeher Dynamik und Durchsetzungsfreude aus. Wenn er redete, wirkte er mit seinen Gesten und seiner Mimik nicht wie ein Mann über 60, sondern wesentlich jünger.
Silvano Pallua wandte sich jetzt Elisabeth zu. »Oh, ich nehme an, dass Sie die Frau Gemahlin sind?« Er reichte Elisabeth die Hand. »Es ist mir eine Freude, Sie endlich einmal kennenzulernen. Ihr Gatte hat mir zwar von der Hochzeit berichtet«, er ließ Elisabeths Hand wieder los und wandte sich Fabio zu, »aber er hat mir bisher verschwiegen, was für eine wunderschöne Frau er geheiratet hat.« Dabei lächelte er.
Fabios Verhältnis zum Vicequestore war über die Zeit zwar fast kollegial geworden, aber er konnte seinen Chef immer noch nicht richtig einschätzen. Der Vice hatte Fabio wiederholt gezeigt, dass er »den Laden im Griff« hatte, wie er sich gerne ausdrückte. Und er hatte ihm immer wieder angeboten, ihn in das Netzwerk einzuführen, dessen er sich bediente. Etwas Konkretes war daraus aber nicht geworden. Nachdem mächtige Kreise aus Rom versucht hatten, den Vice etwas unsanft von seinem Sessel zu stoßen, im Ergebnis damit aber gescheitert waren, hatte sich ihr Verhältnis etwas gebessert. Es schien Fabio, als ahne der Vice eine bestimmte Entwicklung voraus, die ihm, Fabio, später noch einiges an Ungemach bereiten könnte. Aber er drückte sich nicht klar aus. Er beobachtete. Manchmal war es Fabio, als nehme der Chef ihn wochenlang kaum wahr. Und dann tauchte er plötzlich in seinem Büro auf und ließ durchblicken, dass er über alles im Bilde war, ließ sich unterrichten, gab den einen oder anderen Hinweis und verschwand wieder. Dieser Chef war und blieb geheimnisvoll.
Jetzt traf man sich zufällig im Meraner Theater, beim Besuch des derzeitigen »Skandalstücks«.
»Amüsant, finden Sie nicht auch?« Die Frage vom Vice war an Elisabeth und Fabio gerichtet.
»Sie meinen das Stück?« Fabio wollte irgendetwas Belangloses zum Stück sagen und suchte nach einem passenden Einstieg. Small Talk war nicht seine Stärke. Er überlegte immer zu lange, bis ihm etwas einfiel. Und das war dann selten passend.
»Ach was!«, meinte der Vice, »Das Stück ist doch total langweilig, in sich vollkommen verquast, aus Frust geboren, wobei der Alkohol Geburtshelfer war. Nein! Ich meine die Leute! Das ist doch amüsant. All diese aufgeregten Leute. Wie sie alle diskutieren! Und dann unser Moralapostel vom Dienst in seiner Kutte vor dem Theater. Der nutzt die Gunst der Stunde. Wegen seiner dilettantischen Politik kommt der kaum noch in die Zeitung. Aber mit der Kutte und der lauthals vorgetragenen moralinsauren Geschichte steht der jetzt täglich in den Zeitungen.«
Der Vice machte dabei ein neutrales Gesicht, aber seine Augen blinkten amüsiert. Sie weiteten sich, als sein Blick auf eine Dame fiel, die auf die kleine Gruppe zusteuerte, zwei Sektgläser in den Händen. Sie blickte Fabio und Elisabeth neugierig an. Der Vice nahm ihr ein Glas aus der Hand.
»Ich möchte Ihnen Gräfin Victoria von Emeri vorstellen.« Und zu ihr gewandt: »Das sind mein bester Commissario, Fabio Fameo, und seine Gattin. Wir unterhalten uns gerade über die Aufregung, die dieses Stück in unser sonst so ruhiges Land bringt.«
Die Gräfin begrüßte Fabio und Elisabeth mit einem Lächeln. Sie war klein und zierlich. Fabio schätzte ihr Alter auf Mitte Vierzig. Sie strahlte Eleganz und Lebensfreude aus. Der Duft, den sie verströmte, ließ auf ein teures Parfüm schließen. Auch ihre Garderobe ließ den Schluss zu, dass sie bestimmt nicht auf Schnäppchenjagd gehen musste. Ein seidig schimmerndes Sakko mit dreiviertellangen Ärmeln, das nur mit einem Taillenknopf genau über der schlanken Mitte geschlossen war, dominierte. Hose und Top waren schwarz und wirkten auf teure Weise schlicht. Auch die aus feinem schwarzem Leder gefertigten niedrigen Slipper, die für sich genommen so manche Schuhliebhaberin entzückt hätten, vermochten es nicht, dem aufwändig gearbeiteten Sakko die Präsenz zu nehmen. Ihr Kopf war von dunkelblondem Haar umrahmt, das ihr fast bis auf die Schultern fiel. Die Haare waren modisch frisiert. Sie hatte ein fein gezeichnetes Gesicht mit hohen Wangenknochen, aus dem ihre graublauen Augen munter, interessiert und wissend die Umwelt musterten. Ihre Hände waren sehr gepflegt. Die Nägel waren dezent manikürt. Es fiel auf, dass sie keinen Schmuck trug. Nicht einen Ring. Nicht einen Armreif. Keine Kette. Sie wirkte einfach, natürlich und doch sehr interessant.
Der Vice jedenfalls schien es zu genießen, dass er sich in der Begleitung einer solchen Aufsehen erregenden Frau befand. Fabio hatte von der Sekretärin des Vices hier und da Andeutungen vernommen, dass der Vice in Sachen Frauen kein Kostverächter war. Sie hatte ihm aber weder etwas Konkretes verraten, noch hatte er selbst irgendetwas in dieser Richtung wahrgenommen. Eigentlich war es ihm auch völlig egal. Aber jetzt erwachte Fabios Neugier. War des Vices Begleiterin seine Freundin? Oder nur eine Bekannte? Jedenfalls war sie eine beeindruckende Erscheinung. »Hätte ich dem Mann jetzt nicht zugetraut«, dachte er.
Der Vice musterte ihn. Amüsiert.
»Kann er meine Gedanken lesen?«
Der Vice räusperte sich: »Lassen Sie uns einen Schluck nehmen. Die Pause ist gleich vorbei. Dann müssen wir wieder rein, in den Kunsttempel, um uns den Rest des Stücks einzuverleiben.« Er hob leicht sein Glas und alle tranken. Dann kam auch schon das Signal, das die Theatergäste wieder auf ihre Sitze befahl. Der Vice und seine Gräfin verschwanden Richtung Logenplätze, freundlich grüßend. Zunächst Fabio und Elisabeth, dann, auf ihrem Weg zur Loge, viele weitere Theatergäste.
»Die beiden scheinen viele Leute zu kennen«. Fabio nickte zustimmend: »Scheint so zu sein. Der Vice ist ja auch schon lange hier. Und er hat mir immer erzählt, dass er gut verdrahtet ist. Aber seine Begleiterin ist ja vielleicht ein Kaliber. Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Ob sie etwas miteinander haben?«
Elisabeth schaute ihren Fabio verwundert an: »Na klar. Hast du das denn nicht gesehen?«
Das zweite Signal nötigte sie, schleunigst zu ihren Plätzen zu gehen.
Drei
(Tag 1 – Montag – abends im Pustertal)
Matthias Althuber, genannt Hiasl, saß zusammen mit Hubert, seinem Sohn, über der Abendsuppe:
»Ich kann es nicht fassen!«, stieß Hiasl hervor.
Hubert nickte: »Das ist alles sehr sonderbar. So, wie du sagst, dass er zugerichtet war, kann er nicht einfach gestürzt sein.«
»Niemals ist der gestürzt. Der ist doch fit. Und du hättest das Blut sehen sollen! Alles war voll damit. »Jemand hat ihn übel zugerichtet.«
Hubert nickte erneut und fragte:»Aber wer? Und warum?«
Die beiden schwiegen.
Hiasls Sohn dachte laut nach: »Da oben ist es einsam. Zeugen wird es kaum geben. Warum macht einer so was? Raub? Ist etwas gestohlen worden?«, fragte er.
Hiasl schüttelte den Kopf: »Ich weiß nicht. Sah nicht danach aus. Ich meine – es war nichts durchwühlt. Er hat nur da gelegen, mitten in seinem eigenen Blut, und hat schrecklich ausgesehen, mit dem Bein.«
»Wenn es kein Raub war, dann muss es einen anderen Grund geben, warum er so zugerichtet worden ist. Vielleicht sollten wir es der Polizei melden?«, setzte Hubert seine Überlegungen fort.
Hiasl nickte langsam: »Aber als ich ihn fand, hat er mich angesehen und gesagt: ›Keine Polizei. Keine Polizei!‹. Dann ist er ohnmächtig geworden.«
»Meinst du, er hat Angst vor der Polizei?«
Hiasl nickte langsam: »Hörte sich so an.«
»Und was machst du jetzt?«
Hiasl schaute zu seinem Sohn: »Weißt du noch, wie dich die Carabinieri damals am Wickel hatten?«
Hubert musste lachen: »Klar weiß ich das noch. Und wenn Tommaso damals nicht gewesen wäre, hätte das böse für mich enden können.«
»Ich werde Tommaso davon erzählen. Der wird wissen, was hier zu tun ist«, beendete der Vater das Gespräch.
Vier
(Tag 1 – Montag – Abend / Nacht)
Das Stück war aus und die Schauspieler bekamen ihren Applaus. Sie hatten ihn verdient. Das Stück eher nicht. Einige Pfiffe hatte es auch gegeben.
Im Foyer trafen Elisabeth und Fabio erneut auf den Vice und seine aparte Begleitung.
»Mein lieber Fabio, sollen wir den Abend bei einem guten Glas Wein ausklingen lassen? Was meinen Sie?« Dabei hatte er sich Elisabeth zugewandt. »Ich hätte Lust auf einen Blauburgunder. Wie sieht es mit Ihnen aus?«
Er wartete nicht auf eine Antwort. Es war, als habe er bereits beschlossen, dass sie den Abend gemeinsam zum Abschluss bringen sollten. »Ich dachte da an den Ansitz Kränzel. Der liegt ohnehin auf Ihrem Weg. Ich rufe rasch an, dass man uns nicht vor der Nase zumacht.« Mit diesen Worten ließ er seine Gräfin mit Elisabeth und Fabio stehen, um – von ihnen abgewandt – den eben angekündigten Anruf zu tätigen.
