Die wichtigsten Pädagogen
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Buchvorschau
Die wichtigsten Pädagogen - Hildegard Stumpf
EINLEITUNG
Unter dem Titel »Die wichtigsten Pädagogen« werden den interessierten Leserinnen und Lesern bedeutende Pädagogen im Kontext ihrer Zeit vorgestellt. In prägnanten Porträts wird ein Einblick gewährt in Leben und Werk verschiedenster Persönlichkeiten, die sich in der Geschichte um Theorie und Praxis der Erziehung verdient gemacht haben.
Die Kriterien zur Auswahl der »wichtigsten Pädagogen« der Vergangenheit sind dabei bewusst weit gefasst: So werden namhafte Stifterinnen und Stifter von Leitideen der Erziehung sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Bedingungen und Ergebnisse pädagogischer Bemühungen zu analysieren suchen, betrachtet, aber auch Gründerinnen und Gründer beispielhafter Erziehungseinrichtungen und Bildungsorganisationen. Insofern wird auch die Vieldeutigkeit des Begriffs der Pädagogik und ihres Wirkungsbereiches herausgestellt: Pädagogik ist zum einen Theorie, Lehre von der Bildung des Menschen und reflektierendes und projektierendes Nachdenken über Erziehung. Zum anderen meint Pädagogik ebenso die Praxis des erzieherischen Handelns in den verschiedensten Bereichen wie Familie, Kindergarten, Schule, Betrieb und ist somit ein Sammelbegriff für alle Bemühungen, mit der die eine Generation der nachkommenden bei Reifungs-, Eingliederungs- und Bildungsprozessen helfen will.
Diese Bemühungen um die nachfolgende Generation hat es von jeher gegeben. Sie sind darin begründet, dass der neugeborene Mensch seine Anlagen noch nicht ausgebildet hat und deshalb zwar besonders lernfähig, aber auch erziehungsbedürftig und auf Begleitung durch Erwachsene angewiesen ist.
Eine ausgewiesene und eigenständige Reflexion dieser Begleitung setzte in unserem Kulturkreis allerdings erst mit der Renaissance ein. Zwar thematisieren bereits »klassische« Vertreter der Antike und des Mittelalters (Sokrates, Augustinus, Thomas v. Aquin u. a.) Fragen der Erziehung und des Lernens, aber ihre Erziehungslehren und Ideen sind noch stark geprägt von einer übergeordneten Philosophie, Theologie oder Kosmologie. Mit der Renaissance beginnt eine selbständige Diskussion in der Gesellschaft um erzieherische Fragen, deren Problemlagen und Perspektiven in unserer Gegenwart vielfach in veränderter Form und unter neuen Bedingungen aufgegriffen werden können (z. B. die Frage von Autorität und Strafe im Erziehungsprozess). Bis diese theoretischen Entwürfe den Rang einer Wissenschaft einnehmen durften, dauerte es noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1779 wurde der erste Lehrstuhl für Pädagogik an der Universität Halle eingerichtet, auch um die Lehrerbildung zu professionalisieren. Wenngleich diese Anstrengungen um ein universitäres Lehrerstudium im ersten Anlauf nicht von Dauer waren, so verdeutlichen sie doch die Entwicklung der Pädagogik zur wissenschaftlichen Kunstlehre, die sich den Fragen widmet, wie Menschen lernen und wie Lehren, Erziehen und Bilden als professionelle Tätigkeit praktisch gelingen kann.
Es bleibt zu betonen, dass der Blick auf die Geschichte immer von eigenen Konstrukten geleitet ist. Insofern unterliegen sowohl Auswahl als auch Darstellung der geschichtlichen Persönlichkeiten unserem subjektiven Moment. Auch sollte die Zuordnung der vorgestellten Personen zu den charakterisierten Epochen und ihren geistigen Hauptströmungen als methodisches Hilfsmittel verstanden werden, das einen Bezug der Persönlichkeiten zu den in der jeweiligen Zeit vorherrschenden Grundmotiven aufzeigen will, ohne dabei die Individualität und Dynamik einzelner Entwürfe zu verallgemeinern.
Literatur:
Böhm, W.: Geschichte der Pädagogik. Von Platon bis zur Gegenwart. München 2004
Weimer, H.: Geschichte der Pädagogik. Von J. Jacobi völlig neu bearbeitet. Berlin/New York 1992 (19. Auflage)
RENAISSANCE, HUMANISMUS UND REFORMATION
Der Begriff »Renaissance« lässt sich übersetzen mit »Wiedergeburt«. Bezeichnet wird damit die geschichtliche Epoche, deren Höhepunkt etwa um 1500 gesehen wird. Von Italien ausgehend kam es zu einer Wiedergeburt griechischer Ideen und Ideale. Es kam somit zu einer leidenschaftlichen Abkehr von den starren hierarchischen Strukturen des Mittelalters. Statt Standesbewusstsein wurden Individualität und Lebensbejahung des Menschen ins Bewusstsein gerückt. Der massive Wandel der Gesellschaftsstrukturen betraf die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur begannen beispielsweise, sich selbst zu thematisieren in Form von Porträts, Selbstbiographien, Liedern, Briefen und Essays.
Der damals neu erwachende Forschergeist machte die Renaissance auch zum Zeitalter der Entdeckungen. So kam es 1450 zur Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg und um 1500 zu den Reisen in fremde Kontinente durch Christoph Kolumbus.
Gesellschaftspolitische Veränderungen bestanden in der zunehmenden Schwächung des Feudalstaates, dem Zusammenbruch des Rittertums und einer wachsenden Macht für Bürger (z. B. Händler in der Stadt) und Fürsten. Die Veränderungen waren aber auch mit Konflikten verbunden, als die Bauern gegen Abgaben und das Lehnswesen protestierten (Bauernkriege). Ebenso fällt die Entstehung des Nationalbegriffs in diese Zeit, da sich die politischen Gebiete stark voneinander abgrenzten, Nationengrenzen festlegten und erstmals nationale Schriftsprachen begannen, sich flächendeckend durchzusetzen.
Die Grundgedanken der Renaissance hatten auch Auswirkungen auf den Bereich der Religion. Das Christentum verlor an staatsprägender Kraft. Die Wissenschaften lösten sich allmählich aus dem kirchlichen Weltbild, und die mittelalterliche Orientierung auf das Jenseits hin wich einer Betonung der Diesseitigkeit des Menschen in all seinen Lebensvollzügen. Damit ging das Bestreben einher, sowohl die wirtschaftliche Produktion als auch das Ideal des allseitig und umfassend gebildeten Menschen zu stärken. Aufgrund des wachsenden Interesses an Bildung entstanden humanistische Gelehrtenschulen, die sich von den alten, kirchlich fixierten Bildungseinrichtungen abgrenzten. Griechisch und Latein wurden zum Bildungsziel erhoben. Dom- und Klosterschulen verloren folglich an Bedeutung. Die Vormachtstellung der Kirche wurde insbesondere durch die Reformation in Frage gestellt. Während im Mittelalter das Leben der Menschen in allen Bereichen durch die Kirche bestimmt wurde und dieser gehorsam untergeordnet war, lehnten die Reformatoren das Papsttum bzw. die hierarchische Kirchenstruktur ab. Die Aufgabe der Kirche wurde nunmehr darin gesehen, das Evangelium zu verkünden, weshalb zur Durchführung des Gottesdienstes in der Sprache des Volkes statt in Latein aufgerufen wurde.
In den folgenden Porträts wird die Bedeutung dieser geistigen Veränderungen am Leben und Werk bedeutender Persönlichkeiten konkretisiert: Die Ideen des Erasmus von Rotterdam und Michel de Montaignes als Vertreter des Humanismus, von Martin Luther als großem Reformator und von Philipp Melanchthon als Reformator und Humanist werden in dem jeweiligen geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet und auf ihre pädagogischen Implikationen hin befragt.
Literatur:
Mörke, O.: Die Reformation. Voraussetzung und Durchsetzung (Enzyklopädie deutscher Geschichte; Bd.74). München 2005
Aston, M.: Die Renaissance. Kunst, Kultur und Geschichte. Düsseldorf 2003
ERASMUS VON ROTTERDAM
(1466 oder 1469–1536)
Desiderius Erasmus ist als einer der berühmtesten Humanisten der Renaissance im nördlich der Alpen liegenden Teil des deutschen Reiches und als Verfasser philosophischer, theologischer, rhetorischer und pädagogischer Schriften in die Bildungsgeschichte eingegangen. Er stand für eine freiere und kritische Aneignung der christlichen und antiken Überlieferung in Kirche, Erziehung, Universität und öffentlichem Leben.
Wahrscheinlich in Rotterdam geboren, trat Erasmus nach dem frühen Tod seiner Eltern in das Augustinerkloster zu Steyn (bei Gouda) ein, wodurch er die damaligen Möglichkeiten wahrnehmen konnte, sich in Jugendjahren zu bilden und späterhin Bildung zu verbreiten. 1492 erhielt er die Priesterweihe. Nach seinen Theologiestudien an den Pariser Universitäten unterrichtete Erasmus als Privatlehrer und gelangte als kirchenkritischer Schriftsteller 1499 erstmals nach England, später auch nach Italien. Während seines zweiten England-aufenthaltes traf er mit den Humanisten und Theologen John Colet (1467–1519) und Thomas Morus (1478–1535) zusammen, wodurch seine intellektuellen, christlich-humanistischen Reformbestrebungen mit neuen Orientierungen in Berührung kamen. Erasmus beginnt 1510, das Neue Testament aus dem Griechischen ins Lateinische zu übersetzen. Dabei arbeitete er erstmals mit den Mitteln kritischer Philologie. Die erste Ausgabe erscheint sechs Jahre später in Basel. Im selben Jahr gibt er Thomas Morusens Text Utopia heraus. Vermutlich hatte Erasmus auch inhaltlich Anteil an der phantasievollen Erfindung der Insel »Nusquama« (»Nirgendwo«), einem Gemeinwesen, in dem kein Privateigentum zugelassen ist, einer Tugend-Republik, in der Erziehung und Bildung allen Kindern beiderlei Geschlechts zuteil wird. Gelehrsamkeit dient nicht professionellen Erfordernissen, sondern als moralische Hilfsquelle. In der Darstellung Utopias verbindet sich die anschauliche Beschreibung reformierter Institutionen mit der Schilderung des moralisch reformierten Menschen.
Erasmusens lateinische Ausgabe des Neuen Testaments wird später Luthers Grundlage für dessen deutsche Übersetzung von 1521 sein. Doch bereits durch die Bibelübersetzung des Erasmus verliert die sogenannte Vulgata-Übersetzung aus dem 5. Jahrhundert ihre von der Kirche seit Jahrhunderten verteidigte sakrale Unantastbarkeit; denn Erasmusens Textfassung ist nun den gesellschaftlichen Bildungsschichten zugänglich.
In seiner Studienanleitungsschrift De ratione studii von 1512, die darüber Auskunft gibt, wie ein Studium aufgebaut sein sollte, legte Erasmus erstmals sein pädagogisches Konzept dar. Er betont darin die Freiheit des Schülers, dem, seiner Individualität geschuldet, Respekt gebührt, sowie das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen den Schülern. In verschiedenen Briefen äußert sich Erasmus über den Unterricht in den klassischen Sprachen. Kunstfertiges Reden in schönen Wissenschaften entspricht seinem Ideal von geistiger Unabhängigkeit und Gelehrsamkeit. Erasmus verfasst auch Schriften über die weibliche Erziehung und veröffentlicht mit den Vertrauten Gesprächen (1517) ein Schulbuch, das bis ins 18. Jahrhundert hinein an Gymnasien verwendet wurde. Zudem misst er der Erziehung im frühen Kindesalter mit seiner Schrift Über die Notwendigkeit einer frühzeitigen allgemeinen Charakter- und Geistesbildung der Kinder (1519) Bedeutung bei. Den Zweck der Erziehung definiert Erasmus als das Gestalten des Menschen – womit er zunächst das einzelne Individuum meint – zur Form durch Vernunft: »Was geboren wird, ist sozusagen ganz wie rohe Materie: Erziehung zieht Form darüber.« So wendet Erasmus die aristotelische Lehre der Naturphilosophie von Materie und Form für das Verständnis vom Werden des Menschen an. Im aristotelischen Modell der paideia (Erziehung) gab es einerseits das Rohmaterial menschlicher Gefühle und intellektueller sowie anderer Dispositionen und andererseits das telos (Ziel) des gebildeten, tugendhaften Mannes. Nach humanistischer Auffassung der beginnenden Neuzeit wurde ein Mensch nicht als vollkommener Mensch geboren, sondern nur als das Potenzial zu werden, was er ist. Darüber hinaus vertrat die humanistische Kultur die Zuversicht einer moralischen Besserung der Gesellschaft durch Erziehungsreformen. Folglich definiert Erasmus Tugend als mit der Vernunft übereinstimmende Gewohnheit des Gemüts. Selbstkontrolle und Beherrschtheit, das heißt die Sublimierung menschlicher Natur, sind somit jene zivilisierten Verhaltensweisen, die ein Bürger im gesellschaftlichen Raum an den Tag legen muss, um an öffentlichen Geschäftsformen und Praktiken teilnehmen zu können. Erasmus zufolge sind sie Ausdruck innerer ethischer Qualitäten der Seele. Für das 16. Jahrhundert ungewöhnlich direkt formuliert die Pädagogik des Erasmus die Wechselwirkung von individueller Entfaltung und Disziplin.
Literatur:
Erasmus, D.: Ausgewählte Schriften. Hrsg. v. W. Welzig, 8 Bde., lat. u. dt. Darmstadt 1967–1980
Augustijn, C.: Erasmus von Rotterdam. Leben – Werk – Wirkung. München 1986
Baker-Smith, D.: More’s Utopia. London/New York 1991
Faludy, G.: Erasmus von Rotterdam. Frankfurt/M. 1973
MARTIN LUTHER
(1483–1546)
»Ich bin ein Bauernsohn; der Urgroßvater, mein Großvater, der Vater sind richtige Bauern gewesen. Ich hätte eigentlich ein Vorsteher, ein Schultheiß und was sie sonst noch im Dorf haben, irgendein oberster Knecht über die andern werden müssen. Danach ist mein Vater nach Mansfeld gezogen und dort ein Berghäuser geworden. Dorther bin ich. Daß ich aber ein Baccalaureus und Magister wurde, dann (…) Mönch wurde, (…) dann trotzdem dem Papst in die Haare geriet, (…) daß ich eine entlaufene Nonne zum Weibe nahm – wer hat das in den Sternen gelesen?«
Diese Zusammenfassung seines dramatischen Lebenslaufes schildert Martin Luther in einer seiner Tischreden. Martin Luther, heute vorrangig in seiner Bedeutung als Initiator der Reformation bekannt, hat auch das erzieherische Denken seiner Zeit sowie die Entwicklungen im Schulwesen mitbestimmt und geprägt.
Luther wurde am 10.11.1483 in Eisleben geboren und einen Tag später auf den Namen des Tagesheiligen, Martin, getauft. Seine Familie siedelte 1484 nach Mansfeld über, wo sein Vater, Hans Luder, in dem aufblühenden Kupferbergbau sein Einkommen bestritt. Luther besuchte zunächst die städtische Lateinschule und anschließend, mit knapp vierzehn Jahren, die bekannte Domschule in Magdeburg. Nach einer weiteren Station, der Pfarrschule St. Georg in Eisenach, nahm er 1501 in Erfurt das Studium an der artistischen Fakultät auf. Bereits eineinhalb Jahre später legte er den Baccalaureus der Philosophie ab und war damit verpflichtet, bei der Betreuung von Studienanfängern mitzuwirken. Nach bestandener Magisterprüfung 1505 wechselte er an die juristische Fakultät und erhoffte sich mit diesem Schritt, den Grundstein zu seiner weiteren beruflichen Karriere zu legen. Diese Pläne zerbrachen jedoch, denn am 2.7.1505 geriet Luther bei Stotternheim in ein heftiges Gewitter und gelobte in seiner Todesangst – ein in der Nähe einschlagender Blitz erschreckte ihn zutiefst – für den Fall seiner Rettung, Mönch zu werden. Bereits zwei Wochen später trat er gegen den Willen seines Vaters in den Orden der Erfurter Augustinereremiten ein. 1507 erhielt er die Priesterweihe, begann, vom Orden beauftragt, das Studium der Theologie und hielt erste Lehrveranstaltungen. Nach dem Wechsel nach Wittenberg, wo er eine Professur für Moralphilosophie übernahm, promovierte Martin Luther 1512 zum Doktor der Theologie. Neben seinen Verpflichtungen für den Orden und als Universitätslehrer beschäftigte er sich intensiv mit der Bibel. Mehr und mehr quälte ihn dabei die Suche nach einem gerechten Gott.
Seine theologischen Studien des Römerbriefes führten ihn schließlich zu der Erkenntnis, dass der Mensch nie dem fordernden Willen Gottes zu entsprechen vermag und sich deshalb vor Gott nur als Sünder bekennen kann. Nicht die Vergebung der Sünden durch die Kirche, sondern allein die freie und bedingungslos geschenkte Gnade Gottes bewirke seiner Auffassung nach das Heil des Menschen (Rechtfertigung). Diese reformatorische Erkenntnis, dass der Gerechte nur aus Glauben leben wird (vgl. Römerbrief Kap. 1, 17), stand im Verständnis Luthers im Gegensatz zu einem Missbrauch der Buß- und Beichtpraxis, wie er sich in der mittelalterlichen Kirche eingeschlichen hatte: Durch die Zahlung einer Geldsumme bot die Kirche Gläubigen die
