Sein interessantester Fall: Dr. Norden Bestseller 575 – Arztroman
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Über dieses E-Book
Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration.
Dr. Norden beugte sich zu der Kranken herab, die hohes Fieber hatte. »Jürgen, mein Jürgen«, stöhnte sie qualvoll, »komm wieder, mein Kind!« »Kein anderer Gedanke bewegt sie«, sagte eine Frauenstimme. »Sie kommt nicht darüber hinweg. Niemals.« Dr. Daniel Norden kannte die Tragödie, die Valerie Hermsdorfs Leben zerstörte. Er kannte auch Frau Linner, Valeries alte Tante, die ihn an das Krankenbett gerufen hatte. »Gestern ist sie wieder den ganzen Tag herumgelaufen«, sagte Frau Linner leise, nachdem Dr. Norden der Kranken eine Spritze gegeben hatte. »Pudelnass kam sie nach Hause. Ich habe schon geahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben würde. Sie hat ja überhaupt keine Widerstandskraft mehr. Zwei Jahre lang immer das Gleiche, jeden Tag zum Friedhof, jede Nacht diese Albträume. Lange kann ich das auch nicht mehr mitmachen, so leid sie mir tut.« Die Stärkste war Frau Linner auch nicht.
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Sein interessantester Fall - Patricia Vandenberg
Dr. Norden Bestseller
– 575 –
Sein interessantester Fall
Die Tragödie um Valerie Hermsdorf
Patricia Vandenberg
Dr. Norden beugte sich zu der Kranken herab, die hohes Fieber hatte. »Jürgen, mein Jürgen«, stöhnte sie qualvoll, »komm wieder, mein Kind!«
»Kein anderer Gedanke bewegt sie«, sagte eine Frauenstimme. »Sie kommt nicht darüber hinweg. Niemals.«
Dr. Daniel Norden kannte die Tragödie, die Valerie Hermsdorfs Leben zerstörte. Er kannte auch Frau Linner, Valeries alte Tante, die ihn an das Krankenbett gerufen hatte.
»Gestern ist sie wieder den ganzen Tag herumgelaufen«, sagte Frau Linner leise, nachdem Dr. Norden der Kranken eine Spritze gegeben hatte. »Pudelnass kam sie nach Hause. Ich habe schon geahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben würde. Sie hat ja überhaupt keine Widerstandskraft mehr. Zwei Jahre lang immer das Gleiche, jeden Tag zum Friedhof, jede Nacht diese Albträume. Lange kann ich das auch nicht mehr mitmachen, so leid sie mir tut.«
Die Stärkste war Frau Linner auch nicht. Sie hatte auch mitgelitten seit jenem Tag, als der kleine Jürgen Hermsdorf auf dem Schulweg tödlich verletzt wurde, Valeries über alles geliebtes Kind und ihr einziger Halt, da ihre Ehe sich in einer schweren Krise befand.
Auch Dr. Norden musste noch oft an jenen schrecklichen Tag denken, denn er wurde als Notarzt an die Unfallstelle gerufen. Er hatte den Fahrer des Unglückswagens kennengelernt, Adrian Wendlandt war sein Name. Er hatte auch bei diesem völlig verstörten Mann erste Hilfe leisten müssen.
»Ich konnte das Kind nicht sehen«, hatte er immer wieder gestammelt. »Es lief vor der Kreuzung hinter einem Auto hervor.«
Adrian Wendlandt wurde von jeder Schuld freigesprochen. Es gab genügend Zeugen, die gesehen hatten, dass der siebenjährige Jürgen Hermsdorf ihm direkt vor die Räder gefallen war, stolpernd in der Eile, mit der er die Straße überqueren wollte.
Doch an diesem Tag hatte das Drama seinen Anfang genommen, das nicht nur Valeries Leben völlig verändern sollte.
Dr. Daniel Norden war einer der wenigen, die das ganze Ausmaß dieser Tragödie kannte. Er hatte tiefes Mitgefühl mit der verzweifelten Mutter, aber er konnte auch Adrian Wendlandt sein Mitgefühl nicht versagen, denn auch für ihn hatte jener Tag unvorhersehbare Folgen gehabt.
Und so hatte sich alles abgespielt:
Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien. Immer begleitete Valerie ihren Sohn, bis die Hauptstraße überquert war. An diesem Morgen hatte sie wieder einmal eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann gehabt. Sie wollte es so gern vermeiden, dass der kleine Jürgen dies mitbekam, aber Karlheinz Hermsdorf ließ jede Rücksicht fallen.
»Der Junge ist groß genug, er kann allein zur Schule gehen«, hatte er gesagt. »Ich muss mit dir sprechen, Valerie, sofort. In zwei Stunden muss ich am Flugplatz sein.«
Das sagte er so ganz nebenbei. Vorher war nicht die Rede davon gewesen, dass er eine Reise antreten wollte.
Jürgen hatte das glücklicherweise nicht gehört, denn er versorgte seinen kleinen Hund, wie jeden Tag, bevor er zur Schule ging. Auch um diesen Hund hatte es Streit zwischen seinen Eltern gegeben, denn sein Vater wollte ihn nicht haben.
Jürgen spürte wohl, dass sich seine Eltern nicht verstanden, und immer zärtlicher hing er an seiner Mutter. Um des Kindes willen aber wollte Valerie ihre Ehe um jeden Preis retten.
Und so schickte sie Jürgen an diesem Tag allein zur Schule, mit vielen besorgten Ermahnungen, nur richtig aufzupassen. Dafür musste sie von ihrem Mann dann hören, dass ihm diese »Affenliebe« auf die Nerven gehe. Und dann sagte er noch Schlimmeres.
»Es kommen jetzt sieben Wochen Ferien. Du wirst mit Jürgen zu Tante Anna fahren. Wir fliegen zu Außenaufnahmen nach Marokko.«
Karlheinz Hermsdorf war Kameramann, aber Valerie wusste indessen schon sehr gut, dass er ein Verhältnis mit einem Starlet hatte. Und er leugnete es auch nicht mehr.
»Ruth wird natürlich dabeisein«, sagte er kalt. »Du kannst die Scheidung einreichen.«
»Ich denke nicht daran«, erwiderte Valerie.
»Dann reiche ich sie ein. Du kannst Jürgen behalten. Der ist dir doch sowieso wichtiger als ich.«
Immer fand er etwas zu seiner Rechtfertigung. Tatsache war, dass er nie besonders treu gewesen war. Valerie war Tänzerin gewesen, als sie sich kennenlernten. Man sagte ihr eine große Karriere voraus, und sie hatte auch schon die ersten Erfolge gehabt, als Karlheinz ihr einen Heiratsantrag machte.
Dann aber, vier Monate nach der Hochzeit, hatte sie einen Unfall und brach sich den Knöchel. Mit der Karriere war es vorbei, und in der Ehe gab es schon die ersten Schwierigkeiten. Aber das Kind war unterwegs, und außerdem bekam Valerie eine beträchtliche Versicherungssumme ausgezahlt. Dafür lohnte es sich für den berechnenden Karlheinz, noch eine Zeit auszuharren. Als er dann aber die Scheidung anstrebte, machte Valerie Schwierigkeiten.
An jenem schrecklichen Morgen aber kam sie zu der Erkenntnis, dass Jürgens Weiterentwicklung nicht damit gedient sein konnte, weiter auf der Ehe zu beharren, und gerade hatte sie das ausgesprochen, als die Nachricht kam, dass Jürgen tödlich verunglückt war. Sie bekam einen Nervenzusammenbruch und musste sofort in eine Klinik gebracht werden. Ihr Zustand war lebensbedrohend. Karlheinz spielte nun den gebrochenen Vater und den besorgten Ehemann. Er verzichtete auf die Reise nach Marokko, die gar keine Berufliche sein sollte, sondern ein Urlaub mit Ruth. Karlheinz Hermsdorf sah jetzt eine andere Chance, die er sich nicht entgehen lassen wollte, denn Adrian Wendlandt war ein schwerreicher Mann.
*
Für Adrian Wendlandt hatte jener Tag fröhlich begonnen. Er hatte mit seinem knapp fünfjährigen Sohn Sascha gespielt, während seine Frau Mona die letzten Vorbereitungen für die Urlaubsreise in den Süden traf, die sie zu ihrem Ferienhaus an der Riviera führen sollte.
Auch in seiner Ehe hatte es manche Differenzen gegeben, aber Mona liebte den Luxus, den ihr Mann ihr bieten konnte, und sie war zu diplomatisch, um es zu offenen Auseinandersetzungen kommen zu lassen. Seinen Sohn liebte Adrian Wendlandt abgöttisch, und er sorgte dafür, dass der Junge keine Minute unbeaufsichtigt blieb.
So wurde es für ihn als Vater zu einer echten Katastrophe, dass ausgerechnet er einen so schweren Unfall mit einem kleinen Jungen haben musste, obgleich ihn bewiesenermaßen nicht die geringste Schuld traf.
Es war festgestellt worden, dass er Jürgen nicht hatte sehen können, aber er wurde den Anblick des toten Kindes nicht los.
Mona, die sich bis zur Verhandlung noch beherrschte, schalt ihn dann einen Narren, weil er sich ganz zurückzog und jede freie Minute nur noch Sascha widmete. Sie verbrachte dann den Sommer allein an der Riviera, und sie lernte dort einen Mann kennen, der ihr ebenso viel bieten konnte wie Adrian. Sie hatte nicht die geringsten Hemmungen, sich von ihm scheiden zu lassen. Auch Karlheinz Hermsdorf hatte keine Hemmungen, Adrian Wendlandt unter Druck zu setzen, obwohl er eine beträchtliche Summe von diesem erhalten hatte. Adrian Wendlandt fühlte sich schuldig am Tod des Kindes, obwohl ihn keine traf.
Valerie erfuhr nichts davon, dass Karlheinz Adrian Wendlandt damit unter Druck gesetzt hatte, dass seine Frau nun an einem unheilbaren Nervenleiden erkrankt sei und er für ihre Behandlung die Kosten nicht aufbringen könne.
Für Valerie blieb Adrian der Schuldige am Tod ihres Sohnes. Niemand konnte sie zu einer anderen Ansicht bringen, auch Dr. Norden nicht, den es tief erschütterte, wie sehr auch Adrian Wendlandt litt.
*
Fee Norden, die an allem teilnahm, was ihren Mann bewegte, erfuhr von ihm, dass Valerie erneut schwer erkrankt war.
»Ich habe sie vorige Woche gesehen und gehofft, dass sie nun endlich wieder zurückfindet ins Leben«, sagte Fee nachdenklich.
Etwa eine Viertelstunde entfernt von ihnen wohnte Valerie in einem kleinen Haus, das dem verstorbenen Bruder von Frau Linner gehört hatte. Es lag dicht am Wald, und Fee kam öfter dort vorbei, wenn sie mit ihren Kindern spazieren ging.
Im Wald sah man Hasen und Rehe, und dafür interessierte sich der kleine Danny brennend, während Felix, noch ein Baby, sich gern im Kinderwagen spazieren fahren ließ.
Fee, selbst eine zärtliche Mutter, konnte den Schmerz einer anderen Mutter wohl verstehen, die ihr einziges Kind verloren hatte und dazu auch noch von dem Mann im Stich gelassen wurde.
Sie wusste, dass Karlheinz Hermsdorf wieder geheiratet hatte, nicht jene Ruth, sondern eine ältere, sehr vermögende Fabrikantenwitwe. Er übte auch seinen Beruf nicht mehr aus, sondern ließ es sich mit dem Geld seiner Frau gut gehen und war ständig auf Reisen.
Diesem Mann brauchte Valerie gewiss nicht nachzutrauern, aber wer konnte schon das Leid um den Verlust ihres Kindes lindern?
Valerie lebte genauso zurückgezogen wie Adrian Wendlandt, aber er hatte seinen geliebten kleinen Sohn. Valerie hatte nichts behalten, was das Leben doch noch lebenswert für sie gemacht hätte.
»Wenn sie doch wenigstens begreifen würde, dass Wendlandt schuldlos ist«, sagte Daniel Norden. »Das wäre wohl auch für ihn ein Trost.«
Nie wieder seit jenem Tag hatte Adrian Wendlandt selbst ein Auto gesteuert. Er hatte einen Privatchauffeur eingestellt, der ihn und auch Sascha fuhr, der nun seit einem Jahr die Schule besuchte. Er musste auch Sascha täglich zur Schule bringen und wieder abholen.
Daniel Norden wusste auch das, denn wenn Sascha etwas fehlte, wurde er gerufen, obgleich er immer eine recht weite
