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Roter Stern über Graz: 75 Tage sowjetische Besatzung 1945
Roter Stern über Graz: 75 Tage sowjetische Besatzung 1945
Roter Stern über Graz: 75 Tage sowjetische Besatzung 1945
eBook453 Seiten4 Stunden

Roter Stern über Graz: 75 Tage sowjetische Besatzung 1945

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Über dieses E-Book

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 befreiten Einheiten der 57. Armee der 3. Ukrainischen Front Graz. Graz wurde widerstandslos der Roten Armee übergeben und kam als letzte österreichische Landeshauptstadt unter alliierte Besatzung. Bis zum Zonentausch am 23./24. Juli 1945 war Graz sowjetisch besetzt, bevor die Briten die Verwaltung der gesamten Steiermark (zunächst noch bis auf das Ausseerland) übernahmen. Doch die kurze Phase der sowjetischen Besatzung hinterließ in der Bevölkerung tiefgreifende Spuren. Auf der Grundlage erstmals vertieft ausgewerteter Archivdokumente und eigens durchgeführter Oral-History-Interviews mit Personen, die als Kinder und Jugendliche diese dramatischen Nachkriegswochen erlebten, zeichnet Barbara Stelzl-Marx ein lebendiges Bild des Grazer Alltags unter dem Roten Stern.
SpracheDeutsch
HerausgeberMolden Verlag
Erscheinungsdatum24. März 2025
ISBN9783990408087
Roter Stern über Graz: 75 Tage sowjetische Besatzung 1945

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    Buchvorschau

    Roter Stern über Graz - Barbara Stelzl-Marx

    Barbara Stelzl-Marx

    Roter Stern über Graz

    75 Tage sowjetische Besatzung 1945

    Inhalt

    Vorwort

    Woche 1

    Mittwoch, 9. Mai 1945

    „Und heute früh zwei Uhr kamen die Russen"

    Donnerstag, 10. Mai 1945

    „Braungrüne Uniformen gestalten das Straßenleben"

    Freitag, 11. Mai 1945

    „Zwecks Aufrechterhaltung des normalen Lebens der Stadt"

    Samstag, 12. Mai 1945

    „Abends Klavierspielen mit Offizieren"

    Montag, 14. Mai 1945

    „Dringend durchzuführende Aufträge des Stadtkommandanten"

    Woche 2

    Mittwoch, 16. Mai 1945

    „Männer, die unser Vertrauen genießen"

    Freitag, 18. Mai 1945

    „Alle Stände vom Hauptplatz müssen verschwinden"

    Sonntag, 20. Mai 1945

    „Österreichs brennendste Probleme"

    Dienstag, 22. Mai 1945

    „Und damit hat es Erbsenpüree gegeben"

    Woche 3

    Samstag, 26. Mai 1945

    „Ein Mordsrespekt vor dieser Kommissarin"

    Woche 4

    Mittwoch, 30. Mai 1945

    „Dolmetscher für Russisch melden!"

    Donnerstag, 31. Mai 1945

    „Russische Soldaten schaffen die gesamten Werkzeuge weg"

    Freitag, 1. Juni 1945

    „Einquartierungen melden!"

    Samstag, 2. Juni 1945

    „Die russischen Soldaten sind schon sehr stark betrunken"

    Sonntag, 4. Juni 1945

    „Die Schule fängt an!"

    Woche 5

    Mittwoch, 6. Juni 1945

    „Aus Scham bisher keine Anzeige erstattet"

    Donnerstag, 7. Juni 1945

    „Auf die Uhren waren sie ganz narrisch"

    Samstag, 9. Juni 1945

    „Säuberung der Polizei! Säuberung im Gerichtswesen!"

    Dienstag, 12. Juni 1945

    „Der hat Angst gehabt, dass was vergiftet ist"

    Woche 6

    Mittwoch, 13. Juni 1945

    „Die meisten leben von der Hand in den Mund"

    Donnerstag, 15. Juni 1945

    „Geholt wurde ich meistens um Mitternacht zum Verhör"

    Woche 7

    Mittwoch 20. Juni 1945

    „Es gab ja kein anderes Medium außer Kino und Theater"

    Samstag, 23. Juni 1945

    „Tod dem Faschismus!"

    Montag, 25. Juni 1945

    „Die Bevölkerung bittet um Schutz und Hilfe"

    Woche 8

    Freitag, 29. Juni 1945

    „Die neue Zeitung soll reichhaltig und ausbaufähig sein"

    Samstag, 30. Juni 1945

    „Einfacher Mann sucht dringend Bettplatz"

    Montag, 2. Juli 1945

    „Fort mit dem nazistischen Namensschutt!"

    Woche 9

    Mittwoch, 4. Juli 1945

    „Wir haben immer drei Stempel gebraucht"

    Freitag, 6. Juli 1945

    „Man war jahrelang das Gesindel, das ausländische"

    Montag, 9. Juli 1945

    „Für die Abhilfe eines Notstandes"

    Dienstag, 10. Juli 1945

    „Die Russen waren bei Weitem besser als die Engländer"

    Woche 10

    Sonntag, 15. Juli 1945

    „Ausgesprochen faschistisches Gift"

    „Dienstag, 17. Juli 1945

    „‚Parikmacher‘ heißt auf Russisch ‚Friseur‘"

    Woche 11

    Montag, 23. Juli 1945

    „Und dann sind sie weg"

    Anhang

    Anmerkungen

    Abkürzungsverzeichnis

    Quellenverzeichnis

    Archive

    Bildquellen

    Oral-History-Interviews

    Literaturverzeichnis

    Personenregister

    Über die Autorin

    Impressum

    Vorwort

    „Wer wird uns besetzen? Russen glaube ich nicht, vermerkt Hanns Hermann Gießauf noch am 8. Mai 1945 in seinem Tagebuch. Am nächsten Tag fügt der Grazer hinzu: „Und heute früh zwei Uhr kamen die Russen. In endlosen Kolonnen von Wagen, Autos und gummibereiften Kanonen.¹ Diese Nacht, als Einheiten der 57. Armee der 3. Ukrainischen Front die steirische Landeshauptstadt vom NS-Regime befreiten und ohne Widerstand unter ihre Kontrolle brachten, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte von Graz. Die einstige „Stadt der Volkserhebung kommt für insgesamt elf Wochen unter sowjetische Besatzung, zum Schrecken eines Großteils der Bevölkerung, die mit den Briten gerechnet hatte. Einheiten der 8. „British Army übernehmen erst im Zuge des Zonentausches am 23./24. Juli 1945 die Verwaltung der gesamten Steiermark. Doch diese kurze Phase hinterließ tiefgreifende Spuren: 75 Tage Roter Stern über Graz.

    Der vorliegende Band ist vor dem Hintergrund des Gedenkjahres anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges entstanden. Auf der Grundlage erstmals vertiefend ausgewerteter Archivdokumente, Zeitungsartikel und eigens durchgeführter Interviews mit 80 Personen, die als Kinder und Jugendliche diese dramatischen Nachkriegswochen erlebten, widmet er sich dem Grazer Alltag in diesem kompakten Zeitraum. Die tageweise Anordnung der einzelnen Kapitel, denen jeweils ein Typoskript einer Polizeimeldung vorangestellt ist, liefert ein Kalendarium sozialer, infrastruktureller, politischer, kultureller sowie persönlicher Herausforderungen und Veränderungen. Sie spiegeln den Ausnahmezustand wider, in dem sich alle Menschen während dieser ersten Nachkriegswochen befanden.

    Als erzählerisches Sachbuch konzipiert, zieht sich die Perspektive von Johanna Herzog, der Dolmetscherin des sowjetischen Stadtkommandanten, als roter Faden durch den gesamten Text. Sie soll als Identifikationsfigur einen möglichst unmittelbaren, lebendigen und vielschichtigen Einblick in den Alltag unter dem Roten Stern erlauben, gleichsam aus einer Sicht „von unten". Zitierte O-Töne von Interviewpartnerinnen und

    -partnern

    , die sich mit einem zeitlichen Abstand von beinahe acht Jahrzehnten zurückerinnern, Zeitungsartikel und Ego-Dokumente untermauern diesen Zugang. Zur stärkeren Sichtbarmachung der Historizität und Authentizität wird bei zeitgenössischen Dokumenten daher auch einheitlich die alte Schreibweise herangezogen.

    Während die Person von „Frau Herzog", wie sie in den entsprechenden Unterlagen genannt wird, durch Archivquellen belegt ist, konnten – zumindest bisher – keine weiteren Informationen über sie in Erfahrung gebracht werden. So wird man als Leserin beziehungsweise Leser gleichsam in ein anderes, ein weitestgehend fiktives Leben an dieser Schnittstelle zwischen österreichischen Behörden und der Roten Armee hineinkatapultiert, das Raum für eigene Assoziationen lässt. Sollten weitere Angaben zu dieser Dolmetscherin des sowjetischen Stadtkommandanten von Graz ans Tageslicht kommen, wäre ich für einen Hinweis sehr verbunden.

    ***

    Für das Zustandekommen dieses Buches gilt es, mehrfach Dank zu sagen: Zunächst Michael A. Grossmann, dem Abteilungsleiter des Kulturamtes der Stadt Graz, der mich zu dieser Mikrostudie über Graz unter dem Roten Stern inspirierte und sie von Anfang an unterstützte. Das daraus resultierende mehrjährige Forschungsprojekt und die nun vorliegende Publikation wurden vom Kulturamt der Stadt Graz unter dem politischen Referenten Stadtrat Günter Riegler, vom Amt der Bürgermeisterin der Stadt Graz unter Bürgermeisterin Elke Kahr, der Abteilung Wissenschaft und Forschung des Landes Steiermark unter Landesrätin Barbara Eibinger-Miedl, dem Büro von Altlandeshauptmann Christopher Drexler sowie dem Zukunftsfonds der Republik Österreich unter Generalsekretärin Anita Dumfahrt sowie Kuratoriumsvorsitzendem Herwig Hösele gefördert.

    Matthias Opis, Geschäftsführer und Leiter der Verlagsgruppe Styria, nahm die Publikation nicht nur in den Molden Verlag auf, sondern ermutigte mich dazu, diese als erzählerisches Sachbuch zu verfassen. Arnold Klaffenböck danke ich für sein genaues wie umsichtiges Lektorat, Laura Hein und Roman Jahn von Roman Bold & Black für Umschlaggestaltung und Satz.

    Die Recherchen zu diesem Thema wurden am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) in Graz in Kooperation mit dem Institut für Geschichte der Universität Graz durchgeführt. Sie fußten insbesondere auf den langjährigen Forschungen von beziehungsweise unter Stefan Karner, dem Gründer und ehemaligen Leiter des BIK, wodurch eine Fülle an Unterlagen etwa aus ehemals sowjetischen Archiven herangezogen werden konnte. Harald Knoll stand mir stets für inhaltliche Details und Abfragen aus der Datenbank zu österreichischen Zivilverurteilten in der UdSSR zur Seite.

    Die Koordination des aktuellen Forschungsprojektes übernahm Martina Schneid, die nicht nur den Überblick über sämtliche Interviews sowie die dazugehörende Datenbank bewahrte und Auswertungen durchführte, sondern auch selbst einen Großteil des eingangs erwähnten Tagebuches transkribierte. Vertiefende Archivrecherchen führten Lena Wallner und Annalena Zingl durch. Letztere stellte zudem auf der Suche nach Illustrationen eine wertvolle Hilfe dar. Mathias Egger erstellte das Personenregister im Anhang. Für die Durchsicht und Ergänzung des Abkürzungsverzeichnisses im Zusammenhang mit polizeilichen Begriffen danke ich Joachim Steinkellner und Gernot Sattler vom Österreichischen Innenministerium, für die Ergänzungen von Vornamen Peter Schintler vom Grazer Stadtarchiv.

    Ein Herzstück des Bandes bilden die 80 Oral-History-Interviews mit Personen, die als Kinder oder Jugendliche das Kriegsende 1945 und die anschließende sowjetische Besatzungszeit in Graz miterlebt hatten. Einige waren zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits an die hundert Jahre alt. Ich danke allen, die bereit waren, ihre persönlichen Erinnerungen im Rahmen dieses Projektes zu teilen, und nachvollziehbar machten, wie sehr manche der Kriegsfolgen bis heute nachwirken.

    Die Interviews führten in erster Linie Katharina Dolesch, Alexander Karnowschek und Alexandra Riemer durch, ergänzt von Martina Schneid sowie Nadjeschda Stoffers. Michael Fleck unterstützte die Transkriptionen und Katarina Grković, die als Praktikantin der Andrássy Universität Budapest am BIK tätig war, nahm die Beschlagwortung vor. Peter Presinger stellte zudem ein Interview mit einem ehemaligen sowjetischen Besatzungssoldaten, der nach Kriegsende in Graz stationiert war, zur Verfügung, das von Ženja Nazaruk transkribiert wurde.

    Den Archiven, durch deren Unterstützung zentrale Dokumente und weitere Interviews herangezogen werden konnten, sei an dieser Stelle gedankt: Gernot Obersteiner, Direktor, und Elisabeth Schöggl-Ernst, Bereichsleiterin des Steiermärkischen Landesarchives, Michaela Tasotti, Betreuerin des Oral-History-Archivs des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz, sowie Wolfram Dornik, Leiter des Stadtarchivs Graz und der Sammlung Graz Museum, der mich auf das Tagebuch von Gießauf hinwies, das hiermit erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Weiters allen Institutionen, die – wie die Multimedialen Sammlungen des Universalmuseums Joanneum unter Bettina Habsburg-Lothringen – Abbildungen bereitstellten.

    Besonders herzlich danke ich meiner Familie, allen voran meinem Mann Michael, der mir stets den Rücken gestärkt und so weit als möglich freigehalten hat, meinem Sohn Valentin für sein großes Interesse – neben Flugzeugen – auch an zeithistorischen Themen, und meiner Mutter, die, geboren 1945, nicht nur heuer einen besonderen Geburtstag feiert, sondern mir durch ihre Erzählungen einen besonders unmittelbaren Einblick in die Nachkriegszeit gewährte.

    75 Tage Roter Stern über Graz – „Das bringt man nicht mehr raus, das hat man ein Leben lang", betont einer unserer Interviewpartner.²

    Barbara Stelzl-Marx

    Graz, im Jänner 2025

    Mittwoch, 9. Mai 1945

    „Und heute früh zwei Uhr kamen die Russen"

    ³

    Gegen zwei Uhr in der Nacht wacht Johanna Herzog plötzlich auf. Ein Geklapper, das immer näher kommt und immer lauter wird, hat sie geweckt. Halb verschlafen überlegt die junge Grazerin zunächst, ob sie nur schlecht geträumt hat und weiterschlafen soll. Doch plötzlich ist ihr klar, was dies für ein Geräusch ist. Sie stürzt ans Fenster und blickt auf die überraschenderweise beleuchtete Straße hinunter: Sie sind da! Die „Russen sind da! Nicht die Briten, auf die wohl die meisten gehofft hatten, sondern die „Russen, wie die Soldaten der Roten Armee umgangssprachlich genannt werden. „Und die Russen, die ersten Russen, die gekommen sind, sind mit Pferd und Anhänger, mit Pferdeanhängern, gekommen. Nicht […] das motorisierte russische Militär ist gekommen, sondern die Kavallerie, mit Pferd und Wagen".⁴ „Und da war ein langer Zug, man hat nur dunkle Uniformen gesehen, erinnert sich der 1941 geborene Peter Kahlen.⁵ Das hört gar nicht mehr auf, denkt sich Johanna Herzog. Es kommt ihr vor wie eine Ewigkeit, als sie die langen Reihen beobachtet, die „mit Ross, mit den Pferden, mit den Anhängern, mit dem Fuhrwerk in die Stadt hineinfahren.⁶ Rund 20 Panzer sind über die im Nordwesten von Graz gelegene Riesstraße „heruntergerattert, danach „tausende und abertausende Pferdewagen. Planenwagerl, weiß Franz Ha.⁷

    Der Krieg ist aus! Dieser schrecklichste aller Kriege ist endlich aus! Nun sind die Befreier beziehungsweise die Besatzer auch in ihrer Heimatstadt eingetroffen. Schnell zieht sich Johanna Herzog an, dann weckt sie ihre Mutter und Tochter im Nebenzimmer. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Lange schauen sie auf die Kolonnen von berittenen Soldaten in ihren unbekannten, braungrünen Uniformen, die Kappen sitzen, soweit es zu erkennen ist, schief auf den Köpfen der Männer, und zwischen den Pferden holpern immer wieder Fuhrwerke in unregelmäßigen Abständen über die verstaubte, von Schutt gesäumte Straße. Auf den Gefährten hocken vier oder mehr bewaffnete Rotarmisten. Sie sehen müde, im wahrsten Sinne des Wortes abgekämpft aus und sind gleichzeitig auf der Hut. Einzelne Kavalleristen galoppieren an den schier endlosen Pferdefuhrwerkkolonnen vorbei.⁸ In diesem Moment ahnt Johanna Herzog noch nicht, dass die kommenden elf Wochen die prägendsten in ihrem Leben werden sollten: 75 Tage unter dem Roten Stern.

    In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 befreien und besetzen sowjetische Truppen Graz. Tagsüber marschieren immer mehr Einheiten durch die Straßen der steirischen Landeshauptstadt, wie hier am Kaiser-Franz-Josef-Kai.

    Was sie auch nicht nur ansatzweise weiß: Jene Männer – und ganz vereinzelt auch Frauen –, die unter ihrem Fenster vorbeiziehen, gehören zur 57. Armee der 3. Ukrainischen Front unter Marschall Fedor Tolbuchin, der Wien am 13. April 1945 befreit beziehungsweise „eingenommen" hat.⁹ Seit Anfang April besetzten Rotarmisten die Oststeiermark, standen etwa auf der Höhe Semmering – Fürstenfeld – Feldbach und Radkersburg, befanden sich also noch nicht unmittelbar vor der steirischen Landeshauptstadt und warteten das Kriegsende ab. Aufgrund vertraulicher Informationen, die dann doch nicht so vertraulich waren, rechnete die Bevölkerung bis zum Schluss mit dem Einmarsch britischer Truppen. Diese wurden allerdings länger als geplant in Oberitalien aufgehalten.¹⁰ „Wer wird uns besetzen? Russen glaube ich nicht, schreibt der Grazer Hanns Hermann Gießauf noch am 8. Mai in sein Tagebuch. Am nächsten Tag fügt er hinzu: „Und heute früh zwei Uhr kamen die Russen. In endlosen Kolonnen von Wagen, Autos und gummibereiften Kanonen. Mariatroster Straße in der Früh […] und dann den ganzen Tag hindurch.¹¹

    Langsam beginnt es zu dämmern. Johanna Herzog trinkt vorsichtig eine Tasse kalten Ersatzkaffee aus gerösteten Eicheln und überlegt, was sie jetzt tun soll. „Scheußlich schmeckt er!", denkt sie sich, während sie das bittere Getränk langsam schluckt.¹² Ihr fallen die Worte des neuen, provisorischen Landeshauptmannes Reinhard Machold von den Sozialdemokraten ein, die er am Vorabend in seiner ersten Rundfunkansprache an die steirische Bevölkerung gerichtet hat: „Ein furchtbarer Krieg ist beendet. Eine ungemein schwere Zeit liegt hinter uns, und eine nicht minder schwere Zeit liegt vor uns. Und weiter: „Die für die Landesverwaltung verantwortlichen Männer sind abgetreten. Ich bitte euch dringend, tragt jetzt aus freien Stücken euren Teil dazu bei, damit kein Chaos entsteht, in dem auch noch das Letzte, was den gequälten Menschen übriggeblieben ist, untergeht.¹³

    Die ersten sowjetischen Truppen am Grazer Lendkai am 9. Mai 1945.

    Dabei waren schon die letzten Wochen und Monate alles andere als geordnet. Johanna Herzog denkt an die Kolonnen von Zwangsarbeiterinnen und

    -arbeitern

    , die sich durch Graz geschleppt haben, oder an die Luftangriffe, die vielen Stunden in Luftschutzkellern, und wie sie es etwa am Ostermontag, dem 2. April, gerade noch in letzter Sekunde in den Schloßberg mit seinen mehr als sechs Kilometer langen, verwinkelten, modrig riechenden Stollen schaffte.¹⁴ Bei diesem größten Einzelangriff gegen Südösterreich warfen US-amerikanische Flieger 3013 Bomben auf die Stadt ab. Eine von Johanna Herzogs Schulfreundinnen fand sich unter den beinahe hundert Toten. Graz bot ein Bild, „das viele an der Zukunft dieser Stadt zweifeln ließ".¹⁵ Nun erwarten die Menschen neue Herausforderungen, sicherlich auch lebensbedrohliche Gefahren und eventuell chaotische Verhältnisse.

    Vom Rücktritt des Gauleiters und Reichsstatthalters Sigfried Uiberreither hat Frau Herzog bereits gestern, am 8. Mai, zu Mittag im Rundfunk gehört. Auch, dass Gauhauptmann Armin Dadieu, dem er die Macht übertragen hatte, seine Amtsgewalt widerstandslos an Mitglieder der im Untergrund gebildeten Parteien übergeben hat. In deren Händen liegen nun die Regierungsgeschäfte für das Land Steiermark. Ein Großteil der Wehrmachtstruppen war bereits am 7. Mai aus der „Stadt der Volkserhebung" abgezogen.¹⁶ Johanna Herzog weiß, dass es sich nur mehr um wenige Stunden handeln kann, bis der Krieg aus ist. Wie sich dies jedoch im Detail abspielen soll, scheint weniger klar.

    Erst später, durch ihre neue Tätigkeit im Rathaus, erfährt sie, dass schon am Abend des 8. Mai ein sowjetisches Vorkommando in Graz eingetroffen war. Ein Kriegsgefangener mit weißer Fahne begleitete einen sowjetischen Offizier und die Handvoll Soldaten zu einer Polizeiwachstube. Unter Polizeischutz erreichten sie das Polizeipräsidium, wo sie mit Alois Rosenwirth, dem von Machold neu ernannten Polizeipräsidenten von Graz, und anschließend auch mit dem Landeshauptmann selbst sowie Mitgliedern der Landesregierung zusammentrafen. Dabei besprachen sie die genauen Routen, auf denen die Rote Armee in Graz einmarschieren sollte. Die Sowjets rechneten nicht damit, dass ihnen die Stadt kampflos in die Hände fallen würde. Vor allem wollten sie wissen, ob feindliches Militär anwesend war und Minen gelegt oder Brücken gesprengt worden seien. Die ersten sowjetischen Panzer erreichen schließlich um zwei Uhr in der Früh und somit nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes den Hauptplatz. Graz wird tatsächlich widerstandslos der Roten Armee übergeben und gerät als letzte österreichische Landeshauptstadt unter alliierte Besatzung.¹⁷

    Dies markiert den Beginn einer neuen Ära, der Rote Stern ist über Graz aufgegangen. Doch die meisten Menschen schlafen zu jenem Zeitpunkt noch. Als sie erwachen, ist die Stadt eine andere. Die Eltern der zehnjährigen Lorelei Pfungen ziehen am Morgen die Rollos hoch und schreien auf, „weil die ganze Straße voll mit russischen Soldaten [ist]. Wie die Ameisen, wie die Ameisen und Panzer! Dann sind sie ins Haus gekommen und haben wir innerhalb von ein paar Stunden die Wohnung verlassen müssen", beschreibt die Grazerin ihre ersten Eindrücke von der Roten Armee.¹⁸ Auch Peter Kahlen erinnert sich: „Zwei Stunden später sind sie bei uns in den Hof eingefahren und haben das Parterre requiriert, bis auf zwei Zimmer.¹⁹ Wie sich herausstellen sollte, nimmt der sowjetische Geheimdienst, die GPU, bei seiner Familie Quartier, zum Glück, denn es sind „offensichtlich etwas gebildetere Soldaten.²⁰

    Teilweise dauert es, bis sich die Neuigkeiten herumsprechen. Als die Eltern von Robert Engele am frühen Vormittag mit der Straßenbahn fahren, sehen sie den ersten Rotarmisten: „Die Straßenbahn war gerammelt voll. An einer Haltestelle drängt sich ein Mann herein, in einer seltsamen Uniform, mit einem Fahrrad am Rücken, also so geschultert. Und die Leute wollten nicht mehr Platz machen und er hat immer gerufen: ‚Davaj, davaj!‘ Und mein Vater schlägt die Hände zusammen und sagt: ‚Das ist ja Russisch, die Russen sind da!‘ Weil die Erwartungshaltung war ja allgemein, die Engländer kommen hierher. Und die Leute haben sich irgendwie gefreut und gedacht, na ja, das ist noch das Harmlosere, aber die Russen – der Krug geht an uns vorüber. Und dann waren die Russen da! Meine Eltern sind ausgestiegen und sofort nach Hause gegangen, haben die Rollos heruntergelassen, das waren so Holzrollos, die jetzt noch immer da sind. Die Sorge war groß."²¹ Auch Gertraud Gugel verweist indirekt auf die Folgen der nationalsozialistischen Propaganda und die Vorurteile unter der Bevölkerung gegenüber den sowjetischen Soldaten: „Vor den Russen hat man Angst gehabt, vor den Engländern eigentlich nicht.²² Josef L. meint dazu: „Die Angst vor den Russen war schon groß. Obwohl sie vielleicht gar nicht berechtigt war.²³

    „Die ersten Russen auf der Mariatrosterstraße" betitelt Hanns Hermann Gießauf eine Seite mit mehreren Fotos und einem sowjetischen Stempel in seinem Tagebuch.

    Bald sind die Rotarmisten nicht mehr zu übersehen. Sie dringen in die Privatsphäre ein, beziehen Quartier, requirieren Lebensmittel, Futter für die Pferde und Fahrzeuge. Bald sind sie im öffentlichen Raum omnipräsent, wenn auch nicht so überproportional wie in so manchen kleineren Ortschaften. In Rechnitz etwa waren erheblich mehr Sowjets untergebracht, als Österreicher dort leben.²⁴ „Es war eigentlich ein gewohntes Bild, nur daß aber statt – wie noch am Vortrage die Deutschen – die Russen fuhren und ritten, notiert Hanns Hermann Gießauf in seinem Tagebuch.²⁵ An Straßenkreuzungen wie am Leonhardplatz regeln sowjetische Soldatinnen den Verkehr, „mit so Fahnen, die einen in die Elisabethstraße, die anderen in die Leonhardstraße, die anderen in die Schanzelgasse. Damit die Stadt möglichst rasch besetzt ist, erinnert sich Franz Ha. „Wir haben sie ‚Flintenweib‘ genannt."²⁶ Parallel dazu beginnen erste Plünderungen und Vergewaltigungen.

    Johanna Herzog ist sich sicher, dass sie ihre Russischkenntnisse schon bald gut brauchen kann.

    Donnerstag, 10. Mai 1945

    Niederschrift

    Garagenmeister [der Grazer Verkehrsgesellschaft] Ludwig Juchart gibt an:

    Gestern am 9.5.1945 erschienen in der Obushalle schon vor 7 h. zwei russische Offiziere, dann wieder zwei Offiziere mit 4–5 Mann und dies wiederholte sich im Laufe des Tages 5 Mal. Sie besichtigten den Betrieb. Bei jeder Besichtigung nahmen sie mit, was sie brauchten. Und zwar: Öl, Benzin, Reifen [handschriftlich ergänzt: 10 Stück], Luftschläuche [handschriftlich ergänzt: 10 Stück], das Fahrrad des Karl Uitz, das Motorrad des Reistenhofer, ebenso alle brauchbaren Batterien. Bis jetzt haben wir auf diese Weise ungefähr 100 l Öl und 100 l Benzin verloren. Die Menge der übrigen mitgenommenen Gegenstände kann mangels Aufschreibungen, die bei den Angriffen verloren gegangen sind, nicht festgestellt werden.

    Gestern Nachmittag kam eine Kommission mit einem weiblichen Dolmetsch und wollte feststellen, warum die Wagen nicht fahren. Ich erklärte ihnen, daß sie auf Treibgas umgestellt sind und daß der eine Diesel-Omnibus ein gebrochenes Differenzial hat. Auch erklärte ich ihnen, warum der Umbau auf Benzin derzeit nicht durchgeführt werden kann.

    Graz, am 10. Mai 1945

    Von mir: [Unterschrift]²⁷

    „Braungrüne Uniformen gestalten das Straßenleben"

    ²⁸

    Johanna Herzog erschrickt, als es an der Eingangstür zu ihrem Haus klopft. Ob dies die „Russen sind, die in ihre Wohnung eindringen wollen? Vorsichtig späht sie durch einen Spalt im Vorhang. Erleichtert stellt sie fest, dass ihr Nachbar gekommen ist, mit einer Zeitung unterm Arm. Schnell überfliegt sie die Titelseite: „Braungrüne Uniformen gestalten das Straßenleben. Russische Truppen haben Mittwoch früh Graz besetzt. Den Anordnungen des Besatzungskommandos ist unbedingt Folge zu leisten, lautet die Überschrift. Karl Kubinzky, geboren 1940, erinnert sich: „Am 10. Mai, am 9. war es schon zu spät, hat dann die Kleine Zeitung geschrieben, so ungefähr: ‚Junge Männer in grünbraunen Uniformen beherrschen das Stadtbild‘. Das war die Rote Armee – und die Welt war eine andere."²⁹

    Gleich darunter steht die Bekanntmachung von Sicherheitskommissär Alois Rosenwirth: „In die Stadt Graz sind heute Nacht die russischen Truppen einmarschiert. Der provisorischen Landesregierung wurde vom Besatzungskommando vollste Disziplin zugesichert, es ist aber auch notwendig, daß jedermann sich den gegebenen Anordnungen fügt und kein wie immer gearteter Anlaß zu Mißhelligkeiten gegeben wird. Das normale Leben hat seinen Gang zu nehmen. Die Geschäfte sind offen zu halten. Die Betriebe haben zu arbeiten."³⁰

    Nach diesen grundlegenden Bestimmungen geht der frischgebackene Polizei- und Sicherheitsdirektor in der steirischen Landeshauptstadt, der in der NS-Zeit mehrmals inhaftiert gewesen und Anfang April 1945 aus der Haft entkommen war, auf die zwei – anscheinend dringlichsten – Anliegen der Roten Armee ein: den Umgang mit Alkohol und Waffen: „Auf Anordnung des Besatzungskommandos ist es strengstens verboten, geistige Getränke auszuschenken oder zu verkaufen. Dies gilt ausnahmslos, d. h. sowohl der einheimischen Bevölkerung und den zurückflutenden Truppen als auch den Besatzungstruppen gegenüber. Waffen jeder Art (Gewehre, Pistolen, Revolver, Maschinenwaffen, Stich- und Hiebwaffen) sind den Besatzungstruppen (Kommandantur im Hotel Wiesler) oder an ein Polizeirevier abzugeben. Rosenwirth. Sicherheitskommissär".³¹

    Weiters erfährt die Grazer Bevölkerung, dass „heute an den Anschlagsäulen

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