Eva Priester: Eine jüdische Frau im Kampf für eine gerechte Menschheit. Mit Originaltexten aus ihrem poetischen und essayistischen Werk
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Über dieses E-Book
Am 15. August 1982 ist Eva Priester verstorben, ihre Urnengrabstätte am Wiener Zentralfriedhof ist aufgelassen. "Es war einmal …" – eine Kommunistin, die ihre Weltanschauung nie verloren hat und ihrem Ziel, einen Beitrag zur humanistischen Erziehung des Menschen zu leisten, treu geblieben ist.
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Buchvorschau
Eva Priester - Gerhard Oberkofler
Vorwort
Die Geschichte von Eva Priester ist subjektivierte Geschichte von Solidarität im Europa des vorigen Jahrhunderts, die zum Nutzen der Gegenwart nicht in die Vergessenheit gedrängt werden sollte. Ihr Leben steht im Widerspruch zur dogmatischen Wertekultur des imperialistischen Westens. Persönlich habe ich Eva Priester 1974 bei einer Konferenz über die Februarereignisse 1934 durch ihren Partner Leopold Hornik kennengelernt. An meinem Innsbrucker Seminar zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung hat sich Heide Maria Holzknecht vereh. Königshofer beteiligt und 1986 eine ausgezeichnete Diplomarbeit über das Leben von Eva Priester fertiggestellt. Archivmaterialien aus dem Bundesarchiv Berlin (Abteilung DDR) verdanke ich dem sehr freundlichen Entgegenkommen von Brigitte Fischer (Berlin). Im Wiener Stadt- und Landesarchiv und im Archiv der Republik hat sich nicht viel finden lassen. Aus Berlin haben mir Helga Hörz, Herbert Hörz und Hermann Klenner immer wieder Rat und Unterstützung gegeben. Die junge österreichische Partei der Arbeit hat mich durch ihr anhaltendes Interesse an meinen Artikeln über Eva Priester für die Online-Ausgabe ihrer Zeitung (www.zeitungderarbeit.at 2019–2021) ermuntert, im Lockdown intensiv dabeizubleiben. Besonderen Dank dafür Lukas Haslwanter (Innsbruck) und Fabienne Décieux (Wien). Anhaltend viele Hinweise hat mir Willi Weinert (Wien) gegeben, ohne ihn wäre die Arbeit überhaupt nicht zu Ende gekommen. Victoria Eisenheld (Wien) hat mein Typoskript mit Engagement mitgelesen, im Verlag haben Karin Hausberger-Hagleitner (Innsbruck) Korrekturen gelesen und Ilona Mader (Innsbruck) mich insgesamt wieder kompetent betreut. Wilfried Bader (Angerberg) verdanke ich freundschaftliche Unterstützung. Die abgebildeten Porträtfotos von Eva Priester hat mir Florian Brody (Wien) aus dem Nachlass seiner Mutter Agnes Bleier-Brody (Wien) mit allen Rechten überlassen. Franz Hausner hat das Foto von Eva Priester mit Walter Hollitscher und Hans Kalt (1979) zur Verfügung gestellt.
Dass ich solche Biografien auf den Weg bringen kann, verdanke ich vor allem der Freundschaft mit Markus Hatzer.
Gerhard Oberkofler, Dezember 2021
I. Kindheit in Petersburg, Begegnung mit Rotarmisten
Ende der 1950er Jahre warf Jean-Paul Sartre (1905–1980) zeitgenössischen Marxisten vor, sich nur mit Erwachsenen zu befassen. Der Hintergrund für diese existentialistische Vorhaltung war, dass es intellektuelle Mode geworden war, den „jungen Karl Marx (1818–1883) dem „alten
Marx gegenüberzustellen.² Diese Rückerinnerung an den Existentialismus ist nicht der Anstoß zur Beschäftigung mit Kindheit und Jugend von Eva Priester (im Folgenden: EP), vielmehr soll die Gelegenheit wahrgenommen werden, der Frage nachzugehen, wie früh im Prozess der Mündigwerdung eines Menschen sich Optionen für einen realen Humanismus zeigen können.
EP ist als Eva Beatrice Feinstein am 15. Juli 1910 in St. Petersburg als Einzelkind von Ljuba Feinstein geborene Wolpe und Salomon Feinstein geboren. Über die Familie ist nur wenig bekannt, die Mutter hatte, weil Frauen an den russischen Universitäten nicht zugelassen waren, an der Sorbonne studiert, der Vater war hochqualifizierter Techniker. Der Name Feinstein war unter Ostjuden ein verbreiteter Name. Die Petersburger Feinsteins gehörten zur säkularen jüdisch-bürgerlichen Oberschicht, die mit ihrer jüdischen Religion ebenso wenig anfangen konnte wie mit dem verordneten russischen Patriotismus oder mit dem seit 1893 sich ausbreitenden Zionismus, der auf die Errichtung eines Nationalstaates des jüdischen Volkes in Palästina abzielte. Die Chowewe Zion (Zionsfreunde), als deren Haupt der Arzt Leon Pinsker (1821–1891) wirkte, wurde in diesen Kreisen vielleicht wahrgenommen, weil mit der „Autoemanzipation" der Juden nicht die Kolonisation von Palästina verknüpft war.³ Das Judentum blieb im Leben der Familie Feinstein präsent, formte die psychosomatischen Strukturen von EP und zog sie zeitlebens in die historische Realität hinein. Ihre fragmentarisch erhalten gebliebenen Kindheitserinnerungen konzipierte EP um 1940/1941 in Großbritannien.⁴ Diese sind keine kohärente Erzählung, bringen aber Impressionen, die da und dort erhellen, wie die privilegierte jüdische Intelligenz in Petersburg lebte und was ihr wichtig war. EP beginnt mit einem Blick auf ihr Zuhause:
Wenn meine Mutter jemandem ihre Adresse gab, vergaß sie selten hinzuzufügen: „Es ist nur fünf Minuten vom Newski-Prospekt. Und um die Ecke ist die Fontanka⁵. Unsere Gegend war eine sogenannte gute Wohngegend und der Newski-Prospekt war Petersburgs Prunkstraße. Links vom Haus war eine Kirche und gegenüber ein Obstmarkt. So roch es im Herrenzimmer immer nach Weihrauch und im Wohnzimmer mit den roten Ledermöbeln nach Leder und nach Wassermelonen. In alten Häusern ringsum gab es Wohnungen und Souterrainwohnungen. In den Wohnungen lebten Menschen wie meine Eltern, in den Souterrainwohnungen lebten die armen Leute, Schuster, Schneider, Markthändler, Tartaren, die mit bunten Teppichen hausieren gingen. Arbeiter sah man in unserer Gegend fast nie. Sie lebten in einem anderen Teil der Stadt, jenseits der Newa. Die Fenster der Souterrainwohnungen lagen nur zu einem kleinen Stück oberhalb des Straßenpflasters. Es war dort fast immer dunkel und dumpfig, und man konnte nur die Füße der Vorübergehenden sehen. Mittags, wenn ich vom Spazierengehen zurückkam, versuchte ich immer in die Fenster hineinzuschauen. Manchmal, wenn es ein sehr heller Tag war, sah ich die Leute im Zimmer. Es waren immer sehr viele, und meistens saßen sie um diese Zeit beim Essen. Sie aßen Suppe aus Emailschüsseln und Brot dazu. Ich habe oft zur Mittagszeit hineingeschaut und hab sie niemals etwas anderes essen sehen als Suppe und Brot, auch sonntags. Noch für lange Zeit verband sich für mich der Begriff „arm sein
mit Wohnen in einem Zimmer, das nach Kraut und alten Kleidern riecht und wo man vom Fenster aus auf die Füße der Vorübergehenden sieht, und damit, dass man mittags immer nur Suppe bekommt.
St. Petersburg⁶, dessen Grundstein mit der Peter-Pauls-Festung 1703 gelegt und von Architekten unterschiedlicher Herkunft planmäßig aufgebaut worden war, war seit 1712 mit seinem Hafen Metropole des zaristischen Russlands und blieb das bis nach der Oktoberrevolution. Die historische Innenstadt ist geprägt von über 2.000 Palästen, Prunkbauten und Schlössern. Im Newski-Bezirk von St. Petersburg gab es zu Anfang des 19. Jahrhunderts technisch moderne Fabriken und Manufakturen wie eine russisch-amerikanische Maschinenfabrik, ein Armaturenwerk, eine Waggonfabrik oder eine Schwellen-Imprägnierungsfabrik. Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal, Arbeiter wurden bei Hungerlöhnen wie Tiere ausgebeutet, Fabrikkasernen mit Schlafsälen waren verbreitet, Frauen- und Kinderarbeit waren die Regel. Der russische Weltrevolutionär Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924), den Albert Einstein (1879–1955) als „Hüter und Erneuerer des Gewissens der Menschheit bezeichnete,⁷ wohnte in St. Petersburg und befasste sich dort mit dem modernen kapitalistischen Imperialismus in einem schier vorkapitalistischen Umfeld.⁸ 1924 bis 1991 erinnerte St. Petersburg mit dem Namen „Leningrad
an Lenin. „Leningrad" als Stadtname wird heute wieder in die Vergessenheit gedrängt und damit auch die ungeheuren Grausamkeiten des deutschen Aggressors, der diese sowjetische Metropole, in der etwa drei Millionen Menschen vom Säugling bis zum Greis wohnten, von Anfang September 1941 an fast 900 Tagen bis zum Jänner 1944 bombardierte, beschoss und blockierte. Leningrad sollte ausgehungert und dem Erdboden gleichgemacht werden.⁹
Maxim Gorki (1868–1936) spürte vor der Oktoberrevolution, dass es mit dem Raubkapitalismus in Russland nicht weitergehen könne. Gorki erinnert in seiner autobiographischen Erzählung „Meine Universitäten an die Verse von Nikolaj Berg (1823–1884): „In dem heiligen Russland krähn die Hähne schon, / In dem heiligen Russland graut der Morgen bald …
¹⁰ Von den Putilow-Werken ausgehend kam es Anfang Jänner 1905 in Petersburg zu einem Generalstreik. Die vor der Residenz des despotisch regierenden Zaren Nikolaus II. (1868–1918) am 9. Jänner 1905 friedlich demonstrierenden Arbeiterinnen und Arbeiter wurden mit ihren Frauen und Kindern von den zaristischen Truppen mit Gewehrsalven niedergeschossen oder von den im Sold des Zaren stehenden Kosaken niedergesäbelt. Hunderte Menschen wurden an diesem Blutsonntag getötet. Bis 1907 kämpfte das russische Proletariat mit seinen revolutionären Kräften und Bauern gemeinsam für seine Befreiung.¹¹ Die Bourgeoisie dachte und handelte konsequent konterrevolutionär. Ihre eigenen Klagen über die wenig vornehmen Züge der zaristischen Autokratie waren keine Grundlage, sich an der notwendigen revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft, die ihr Privateigentum an den Produktionsmitteln in Frage stellte, in irgendeiner Weise zu beteiligen.
Der Vater von EP, Salomon Feinstein, war ausgebildeter Techniker und war wahrscheinlich im ganzen Zarenreich tätig. Die wissenschaftlichen Institute in Petersburg waren auf höchstem Niveau und gaben den dort ansässigen wissenschaftlichen Technikern viele Anregungen. Die Elendsviertel dieser Stadt, wie sie Fjodor Dostojewski (1821–1881) in „Schuld und Sühne 1866 schildert, waren außerhalb der Sichtweite der Feinsteins, es war eben so. Dieses bewusste Wegschauen trifft auf alle reichen und parasitären Schichten der europäischen Städte zu, damals wie heute. Es ist das gesellschaftliche Sein, es sind die materiellen Verhältnisse, die, wie Karl Marx und Friedrich Engels (1820–1895) nachwiesen, das Bewusstsein bestimmen. Die Feinsteins hatten, wie es sich versteht, ein Sommerhaus in der Nähe des baltischen Meerbusens, an das sich EP gerne erinnerte. Jeder Petersburger, der es sich leisten konnte, also nicht Angehörige der Arbeiterklasse, ging auf „Sommerfrische
, um dem „Sommergestank" zu entkommen.¹² Im Sommer 1917 wurde EP auf der Sommerfrische von einer Gouvernante aus Köln namens Helena Harlovna in deutscher Sprache unterrichtet. Das entsprach der Tradition der jüdischen, mit Moses Mendelssohn (1729–1786) verbundenen Aufklärung, die von den jüdischen Schulen den Unterricht in Französisch und Deutsch einforderte.¹³ Im Salon der elterlichen Stadtwohnung empfing die schöngeistige Mutter von EP Damen aus jener Gesellschaft, der sie selbst angehörte. Eine dieser Damen machte auf das heranwachsende Mädchen EP einen bleibenden Eindruck:
Berta rauchte und konnte rauchen. Die anderen zündeten sich manchmal eine Zigarette an, bliesen hinein, husteten und legten sie nach einigen Zügen mit tränenden Augen weg. Berta war die schönste, reichste und erfolgreichste unter den Frauen.
Zu dieser Schlussfolgerung kommt EP, weil sie Berta über deren Ehemann identifizierte, der Fabrikant und Gutsbesitzer war und darüber hinaus auch Konsul eines osteuropäischen Staates in Petersburg. Zu den von Berta gegebenen Gesellschaften seien Balletttänzer gekommen, die jene Rolle einnahmen, die später Filmstars, Bankiers oder Duma-Abgeordneten zukam, manchmal sei auch ein Großfürst gekommen. Im Rückblick auf die Jüdin Berta beschreibt EP die Ausrichtung des im zaristischen Russland herrschenden Unterdrückungssystems mit seinen administrativen Auswirkungen auf die Masse der Juden, also die armen Juden:\d
Berta stand ganz oben auf der Spitze jener Hierarchie russischer Juden, für die Judenpogrome und Numerus clausus auf der Universität, Schikanen von Subalternbeamten und die ganze antisemitische Politik des alten Russlands nicht mehr vorhanden waren. Der zaristische Antisemitismus war ein Antisemitismus gegen die armen Leute. Von einer bestimmten Einkommensgrenze, von einer bestimmten Bildungsstufe aufwärts hörte er auf. Es gab zwei administrative Beschränkungen, die die Juden Russlands besonders hart trafen, die Ansiedlungsverordnungen und der Numerus clausus auf Gymnasium und Universität. Die Ansiedlungsverordnungen zwangen tausende von jüdischen Leuten, nicht dort zu wohnen, wo sie wollten, sondern dort, wo es die Polizeibehörden ihnen anwiesen. Um in einen anderen Ort zu übersiedeln, um eine größere Reise zu machen, brauchte man eine besondere Erlaubnis, die sehr schwer zu bekommen war – außer man hatte genug Geld, um einen oder mehrere Beamte zu bestechen. Durch den Numerus clausus wurde nur eine ganz beschränkte Zahl von jüdischen Kindern auf die höheren Schulen zugelassen und auch das erst nach einer sehr strengen Prüfung, einem langen, demütigenden Instanzenweg und oft wieder mit Bestechung. Aber wenn jemand ein Universitätsstudium erreicht hatte, fielen alle Beschränkungen weg.
Jene Juden, die es geschafft hatten, konnten, so erzählt EP, in Petersburg oder in anderen Hauptstädten gut leben, dort habe es keine organisierten Pogrome gegeben, wohl aber auffällige Zwischenfälle durch betrunkene Soldaten oder Mitglieder der „Schwarzen Hundertschaften, wenn sie einen als Juden erkennbaren Trödler „am Bart über die Straße
gezerrt haben. Die jüdische Oberschicht im Zarenreich habe mehr als das russisch-orthodoxe Bürgertum das System des Zarenhauses mit seiner Adelskorruption beklagt, sie habe lieber in einem kapitalistischen Kolonialsystem wie in England gelebt. Das alte Russland sei als Feind angesehen worden, dem alles zuzutrauen sei. Nach London seien, so erzählt EP, die Herren des jüdischen Großbürgertums mit ihren Zylindern dreimal im Jahr gefahren. Das Ghetto war überwunden, die Erinnerung daran und an die Tora war in den Hintergrund getreten. Bleibend war, dass Bildung und Wissen als Fundament des Aufstieges jüdischer Familien eingeschätzt wurden. Wegbereiter dieses Denkens war der Aufklärer Moses Mendelssohn. Die deutschen Offiziere, die den Vernichtungskrieg gegen die sowjetischen Völker befehligten und die systematische Ermordung von Juden und Kommunisten überwachten, waren wie diese Juden hochgebildet und hatten in den Schulen Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) ebenso wie Immanuel Kant (1724–1804) gelesen und auswendig gelernt. Heinrich Himmler (1900–1945), Reichsführer SS und Befehlshaber spezieller Mordtruppen, stammte aus einer römisch-katholischen, deutsch-österreichischen Akademikerfamilie und war Absolvent eines humanistischen Gymnasiums. Bildung und Wissen allein vermögen, wie die Geschichte zeigt, nichts. EP erlebte als Kind eine ihr schier als Kult begegnende Hochachtung vor Wissen und Bildung und vor „guten Manieren", aber auch, dass das Geld nicht so wichtig sei, es war ja da. Die emanzipierten jüdischen Familien lebten wie das ganze Bürgertum von der Armut der großen Mehrheit und erteilten sich durch gelegentliche Gesten der Wohlfahrt die Selbstabsolution. EP war sehr früh mit der Welt der Bücher konfrontiert:
Die Wände unserer Wohnung waren mit Bücherschränken bedeckt. Ein neuer Roman, ein neuer Gedichtband, eine Premiere waren Ereignisse, über die tagelang geredet wurde. Wenn mein Vater die neuen theoretischen Zeitschriften las oder an einem physikalischen Problem, von dessen Lösung er beruflich gar nichts haben würde, arbeitete, ging das ganze Haus auf Zehenspitzen. Das war Respekt vor der Wissenschaft, nicht Respekt vor dem Familienoberhaupt, denn wenn er schlief, fiel es keinem Menschen ein auf Zehenspitzen zu gehen.
Sobald EP einigermaßen lesen konnte, griff sie selbständig und neugierig in die Bücherregale. Auch wenn das kleine Mädchen das meiste sicher nicht verstand, eine Anregung für ihre Phantasie, über die Rolle einer Märchenprinzessin hinauszugehen, war es allemal:
Das führte dazu, dass ich meine Mutter, wie sie mir später erzählte, einmal vor allen ihren Freundinnen fürchterlich blamiert hatte. Die Freundinnen waren zum Tee geladen, und eine von ihnen fragte mich gütig: „Und was, liebes Kind, hast du jetzt Schönes gelesen? Wenn sie erwartet hatte, dass ich „Schneewittchen
oder „Dornröschen sagen würde, wurde sie arg enttäuscht. Denn ich antwortete voll Stolz, weil es ein Buch war, über das die Erwachsenen flüsterten: „Die Lieder der Bilitis
¹⁴, bitte. Was ich nicht einmal ahnte, weil ich das meiste in diesem Buch nicht verstanden hatte, war, dass „Die Lieder der Bilitis, die gerade ins Russische übersetzt worden waren und die die Damen einander sozusagen hinter vorgehaltener Hand borgten oder empfahlen, von einer Zeitgenossin und Gefährtin der griechischen Dichterin Sappho stammten und höchst offenherzig die Freuden der lesbischen Liebe behandelten. Überflüssig zu sagen, dass ein Kind von vier Jahren über derlei Passagen höchst uninteressiert hinwegliest, mir gefielen einfach die Verse. Doch in der Teerunde der Damen herrschte einziges Schweigen, dann wechselte man taktvoll das Thema. Später machte meine Mutter meinem Vater, der eher dafür war, Kinder mit einem Minimum an Eingriffen zu erziehen, bittere Vorwürfe: Das komme davon, wenn man „das Kind aufwachsen lasse wie eine Wilde
.
Wie in allen bürgerlichen Familien üblich, ob jüdisch oder orthodox oder katholisch, ob frömmelnd oder liberal, gab die allgegenwärtige Mutter Zeichen ihrer religiösen Herkunft an ihre Kinder weiter. Im Jüdischen gehört es zur Sendung der Frau, zu beten und darauf zu sehen, dass ihre Söhne und Töchter „Fürchtige des Himmels werden".¹⁵ EP erinnert sich:
Die jüdische Religion hatte aufgehört, eine Rolle zu spielen. Meine Mutter fastete einmal im Jahr – zum Versöhnungstag¹⁶ –, „weil es meine arme, tote Mutter auch getan hatte", und zu Ostern¹⁷ gab es gefüllten Fisch. Mein Vater aß am Versöhnungstag demonstrativ Schinken (den ihm der Arzt sonst verboten hatte), um meine Mutter zu ärgern, und zu Ostern den gefüllten Fisch (der ihm auch nicht erlaubt war), weil es ihm schmeckte.
Unmittelbar in ihrem „herrschaftlichen" Umfeld lernte EP die andere Seite des Reichtums kennen. Köchin der Feinsteinfamilie war Ursula mit zwei Kindern, deren Mann ein Bauarbeiter, der wegen eines Unfalls nur mehr wenige Aushilfsarbeiten leisten konnte. Alle waren in einer mit einem Vorhang von der Küche mit ihrem großen Herd abgetrennten Raum untergebracht.
Sie lebten hinter dem Vorhang, man sah sie fast nie, nur am Abend, wenn das Essen abgeräumt und das Geschirr abgewaschen war, saß Mischa manchmal am Küchentisch und machte dort seine Schularbeiten. Was sie taten, wenn sie hinter dem Vorhang waren, weiß ich nicht. Es gab dort kein Fenster und die Lampe in der Küche war so angebracht, dass hinter den Vorhang kaum ein Lichtschimmer fiel.
Manchmal am Sonntag kam Ursulas Mann zu Besuch. Wenn ich in die Küche hereinkam, saß er fast immer am Tisch und trank Tee, ein Stück Zucker zwischen den Zähnen haltend. Wenn ich die Tür öffnete, sprang er jedes Mal auf und machte mir eine Verbeugung. Ich war damals drei, vier Jahre alt und reichte ihm kaum bis zur Hüfte. Einmal, als ich in die Küche kam, saßen Ursula und er am Tisch. Ihre Hände lagen ineinander, und sie sahen sich an. Ursula sprang rasch auf und begann den Tisch mit einem Lappen abzuwischen. Der Mann zog mit einem schwarzen, gebrochenen Nagel ziellose Striche auf dem Holz.
Manche Freundinnen meiner Mutter fanden es nicht richtig, dass meine Mutter erlaubt hatte, die Kinder bei sich zu behalten. Einmal hörte ich ein Gespräch: „Ma chérie, vous êtes un ange, mais vous êtes trop bonne avec les gens. Vous les gâtez! Ils vont demander plus et plus, c‘est tout! (Meine Liebe, Sie sind ein Engel, aber Sie sind zu gut mit den Leuten. Sie verwöhnen sie. Sie werden immer mehr und mehr verlangen, das ist es.) Die Petersburger Damen sprachen untereinander sehr viel französisch, manchmal mehr als russisch. Zur Ehre meiner Mutter sei gesagt, dass sie schwieg und lächelte. Das war eine Seite. Zu dieser einen Seite gehörte es, dass Mischa mit einer weißen Schülermütze herumging. Er ging in die Mittelschule und mein Vater bezahlte das Schulgeld. Ich erfuhr es ganz zufällig von Ursula, denn bei uns zu Hause verlor man über diese Angelegenheit kein Wort. Die andere Seite aber war, dass ich mit Mischa nicht spielen durfte. Wenn ich fragte, „warum
, sagte man, „das tut man nicht".
Zum bediensteten Personal hielt die gute bürgerliche Gesellschaft völlige Distanz, das war im Judentum nicht anders als im deutschen Herrenvolk. Dass Salomon Feinstein das Schulgeld für den Sohn der Köchin ohne weiteres zahlte, war vielleicht mehr als eine private Mildtätigkeit, es mag auch religiöses „Guttun gewesen sein. Zur Köchin Ursula, die weder lesen noch schreiben konnte, gewann EP eine Zeitlang ein differenziertes Vertrauensverhältnis. Das kleine Mädchen hatte den Ehrgeiz, der Köchin Lesen und Schreiben beizubringen, was Psychologen vermutlich als Ausprobieren eines Rollenspiels einschätzen würden. Das alles sah ihre Mutter nicht gerne und bemerkte einmal zu einer Freundin, dass ihre Tochter eine „Tendenz zur Inferiorität
hätte und sich immer „Niedrigstehendere" aussuchen würde. Das hinterließ bei EP tiefe Spuren. Die aus Frankreich kommende Erzieherin Madame Gaffiaux, die handgreiflich werden konnte, war eine gebildete Frau, Tochter eines Kommunarden, und achtete darauf, dass das ihr anvertraute Mädchen EP Schriften von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) und Victor Hugo (1802–1885) las. Victor Hugo, in Russland durch Dostojewski verbreitet, ermöglichte EP die realistische Aneignung der Welt auf literarischem Weg:
… dann gab mir Madame Gaffiaux ein Buch zu lesen, das mein Lieblingsbuch wurde, das ich jahrelang überall mit mir herumschleppte und vielleicht vierzig oder fünfzig Mal las. Das war „Les Misérables" von Victor Hugo. Ich verliebte mich sofort in die Helden des Buches. Ich litt mit dem ehemaligen Sträfling Jean Valjean, der für Liebe und Gerechtigkeit unter den Menschen eintrat; mit dem kleinen Mädchen, das er aus den Händen ihrer bösen Pflegeeltern befreite; ich hasste den Polizisten, der Jean Valjean erbarmungslos verfolgte. Doch am meisten liebte ich Gavroche, den Pariser Buben, der sich allein in den Straßen von Paris durchschlägt und
