Temeswar / Timisoara: Kleine Stadtgeschichte.
Von Konrad Gündisch und Tobias Weger
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Buchvorschau
Temeswar / Timisoara - Konrad Gündisch
Konrad Gündisch / Tobias Weger
Temeswar / Timișoara
Kleine Stadtgeschichte
Temesvár
Темишвар
Temišvar
Temeşvar
UMSCHLAGMOTIVE
Vorderseite: Dächerlandschaft von Temeswar (Răzvan Viţionescu): links der Dom zum Heiligen Georg, rechts die Christi-Himmelfahrts-Kathedrale, dahinter die Millenniumskirche; Rückseite: Blick auf den Opernplatz/Siegesplatz Richtung Rumänisch-orthodoxer Kathedrale (Adobe, dudlajzov).
Eine Publikation in Zusammenarbeit mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
BIBLIOGRAFISCHE INFORMATION DER DEUTSCHEN NATIONALBIBLIOTHEK
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg
Tel. 0941/920220 | verlag@pustet.de
ISBN 978-3-7917-3225-1
Reihen-/Umschlaggestaltung: www.martinveicht.de
Satz: Martin Vollnhals, Neustadt a. d. Donau
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany 2023
eISBN 978-3-7917-6197-8 (epub)
Unser gesamtes Programm finden Sie unter www.verlag-pustet.de
Inhalt
Eine multikulturelle Stadt im südöstlichen Zentraleuropa
Vor- und Frühgeschichte
Castrum Temes – Temeswar im mittelalterlichen Königreich Ungarn
Darstellung des Stammesvaters Botho/Póth in der »Wiener Bilderchronik« / Doppelte Jubiläumsfeierlichkeiten in Temeswar / Königliche Residenz / Stadtwerdung: von der »villa« zur »civitas« / Das mittelalterliche Wappen von Temeswar / Rolle in der Abwehr der Osmanen / Burg der Corvinen / Bildung und Kultur im Mittelalter / Pelbart von Temeswar (ca. 1435–1504), ein europaweit bekannter Prediger / Bauernkrieg und blutige Vergeltung / Die letzten Jahrzehnte unter Ungarns Stephanskrone / Überregionales Echo des Bauernkriegs von 1514 / Die Eroberung Temeswars durch die Osmanen (1552)
Das osmanische Temeşvar (1552–1716)
Verwaltung und Jurisdiktion / Temeswar im »Großen Türkenkrieg« (1683–1699) / Temeswar auf einer Federzeichnung von Franz Wathay, 1603 / Bilanz der osmanischen Herrschaft über Temeswar / Vedute von Temeswar von Heinrich Ottendorf, 1665 / Bauliche Veränderungen / Befestigungen, Straßen und Häuser / Wirtschaft / Temeswars Befestigung im 17. Jahrundert / Ethnische und konfessionelle Vielfalt / Bildung und Kultur
Temeswar unter Habsburgischer Herrschaft
Prinz Eugen und die Einnahme Temeswars 1716 / Neuordnung der Stadt, Neubau der Festung / Die jüdische Bevölkerung zwischen Toleranz und Verfolgung / Das Temescher Banat unter den Habsburgern / Kriege, Katastrophen und Konflikte / Regulierung der Bega, neue Kommunikationswege und Handel / Die Vorstädte / Die Innere Stadt / Drei kuriose Hauszeichen / Schulen, Orden und Bistumskirchen / Kulturleben, Konsum und Freizeitgestaltung
Königliche Freistadt
Schulwesen und Komitatshauptstadt / Erwachen des serbischen und des rumänischen Nationalbewusstseins / Die rational angelegte Stadt / Napoleonische Zeit / Kultur und Wissenschaft im Vormärz / Beethovens Jugendliebe / Cholera / Eine Stadt zwischen West und Ost? / Wirtschaftsleben / Die Entsetzung von Temeswar / Die Revolution von 1848/49 und ihre Folgen
Kronland Serbische Wojewodschaft und Temescher Banat
Politische Restauration / Eine Zeit der Innovationen
Eine Bezirkshauptstadt im Königreich Ungarn
Wieder unter Ungarns Krone / Eine der ersten elektrischen Straßenbeleuchtungen in Europa / Eine differenzierte, plurikulturelle Presselandschaft / Theater und Musik / Eine großzügige Stadtplanung / Juden im neuzeitlichen Temeswar / Von Temeswar nach Übersee / Temeswar im Ersten Weltkrieg / Die Banater Republik
In Großrumänien
Die Eingliederung in das Königreich Rumänien / Eine Großstadt im Westen Rumäniens / Kulturleben in der Zwischenkriegszeit / Politik und Wirtschaft / Spannungen innerhalb der jüdischen Gemeinde / Temeswar im Zweiten Weltkrieg
Im kommunistischen Rumänien
Neuanfang, Umsturz, Terror, Stadtplanung und Protest / Stadtentwicklung und zweite Industrialisierung / Kulturelles Leben / Wissenschaftliche Erfolge / André Spitzer – Opfer des Münchner Olympia-Massakers 1972 / Krise des kommunistischen Systems / Stefan H. Well – vom Temeswarer Gymnasiasten zum Nobelpreisträger / Die revolutionäre Stadt
Freiheit und Demokratisierung
Ein demokratisches Manifest / Seit dem politischen Umbruch / Vom Schwarzwald ins Rathaus von Temeswar / Europäische Kulturhauptstadt / Eine Stadt vieler Sprachen
Anhang
Stadtplan / Verwendete Literatur (Auswahl) / Personenregister / Ortsregister / Bildnachweis
Eine multikulturelle Stadt im südöstlichen Zentraleuropa
Temeswar, die bevölkerungsreichste Stadt des Banats, ist 2023 Europäische Kulturhauptstadt. Diesen Ehrentitel trägt ein Jahr lang eine Stadt, deren Alltag bis heute vom Mit- und Nebeneinander von Nationalitäten, Sprachen, Religionen und Konfessionen geprägt wird: Rumänen, Ungarn, Deutsche, Serben, Juden, Roma, Bulgaren, Italiener, Spanier und Armenier, für einige Jahrhunderte auch Osmanen.
Diese Kleine Stadtgeschichte richtet sich in erster Linie an ein deutschsprachiges Lesepublikum, und aus pragmatischen Gründen wird im Titel und im Text der deutsche Stadtname »Temeswar« gebraucht. Auch sonst werden, wenn vorhanden, im Text die deutschen Ortsnamen verwendet, die anderen Formen werden im Ortsregister aufgeführt. Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Text zudem das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind jedoch immer alle Geschlechter.
Es steht außer Frage, dass der offizielle rumänische Stadtname »Timișoara«, die ungarischen und serbischen Varianten »Temesvár« bzw. »Темишвар/Temišvar«, die lateinische »castrum Temes« und auch die türkisch-osmanische Fassung »Temeşvar« gleichermaßen ihre historische und kulturelle Berechtigung besitzen. Unterhielten sich Temeswarer Juden untereinander, nannten sie ihre Heimatstadt »Temshvar/טעמשוואר«, und manche ältere deutsche Stadtbewohner verwenden auch heute noch die seit dem Mittelalter bekannte und in den 1930er-Jahren wiederentdeckte Form »Temeschburg«.
Mit dem Attribut »Klein-Wien« hat man Temeswar im 19. Jahrhundert gerne versehen, wie übrigens manch anderen Ort der Donaumonarchie. Ein weiterer Beiname, »Stadt der Rosen« (»orașul rozelor«), bezieht sich auf die Vielfalt der hier gezüchteten Rosenarten. Die blutigen Ereignisse vom Dezember 1989 brachten Temeswar den traurigen Ehrentitel »Märtyrerstadt« (»oraș-martir«) ein. Die Organisatoren der Europäischen Kulturhauptstadt 2023 nehmen auf einen erfreulicheren Aspekt der Stadtgeschichte Bezug – die dort bereits 1884 eingeführte elektrische Straßenbeleuchtung. Unter dem Motto »Luminează orașul prin tine!« – »Erleuchte die Stadt durch dich!« – werden die Bürger Temeswars dazu animiert, zum Gelingen dieses großen Kulturprojekts aktiv beizutragen.
Ausschnitt aus der Karte Temeswarer District, die gegend bey der Stadt und VorStädte Temeswar, und daselbigen Geheege (Sectio 54) der im Österreichischen Staatsarchiv Wien/Kriegsarchiv aufbewahrten Josephinischen Landaufnahme aus den Jahren 1769–1772. Deutlich erkennbar ist die große Distanz zwischen der Festung (Inneren Stadt) und den Vorstädten.
Über die Geschichte Temeswars sind bereits umfangreiche Werke, insbesondere in rumänischer, ungarischer und deutscher Sprache, geschrieben worden, auf deren Erkenntnisse wir zurückgreifen konnten. Die meisten deutschsprachigen Stadtgeschichten setzen jedoch erst im frühen 18. Jahrhundert ein, als nach der Eroberung des bis dahin osmanischen Banats eine starke Besiedelung mit Menschen vor allem deutscher Muttersprache aus unterschiedlichen Herkunftsregionen begann. Diese Kleine Stadtgeschichte trägt auch der mittelalterlichen und der frühneuzeitlichen Vergangenheit und damit der Bedeutung der Stadt vor 1718 Rechnung.
Temeswar, das seit den Grenzreglements nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu Rumänien gehört, ist mit über 300.000 Einwohnern eine der wichtigsten Großstädte des Landes. Sie liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von 90 Metern ü. NN im südöstlichen Banat, einem Ausläufer der Pannonischen Ebene bzw. des Donaubeckens. Die städtische Topografie bestimmte die namensgebende Kleine Temesch. Zusammen mit der Großen Temesch bildete sie in der Umgebung eine Sumpflandschaft aus und verursachte häufig Überschwemmungen. Erst deren Regulierung im 18. Jahrhundert durch den heute durch die Stadt führenden Bega-Kanal machte das Umland von Temeswar für Menschen bewohnbar.
Temeswar und seine Region weisen im Jahresmittel ein gemäßigtes Klima auf, wobei die relativ hohe Luftfeuchtigkeit im Sommer ein häufig schwülwarmes Wetter bewirkt. Die Stadt liegt in der seismisch aktiven Zone des Donau-Karpaten-Raums – Erdbeben hinterließen in den Jahren 1443, 1665, 1738, 1838, 1869 und 1977 jeweils schwere Schäden.
Eine Kleine Stadtgeschichte kann keine umfangreiche stadthistorische Monografie ersetzen und dementsprechend auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Auf begrenztem Raum mehrere Jahrhunderte zu rekonstruieren, dabei gleichermaßen die Stadtentwicklung und unterschiedliche politische, kulturelle, soziale und ökonomische Aspekte zu berücksichtigen sowie auch das Gleichgewicht zwischen lokalen Ereignissen und ihrer Einbettung in regionale, nationale und globale Entwicklungen zu finden, darin bestand eine große Herausforderung. Sie zwang uns zu zahlreichen Reduktionen. Die vorliegende Publikation versteht sich als handlicher Begleiter und praktische Informationsquelle für all jene, die Interesse an der Kulturhauptstadt Europas 2023 haben oder ihr einen zweifellos lohnenden Besuch abstatten wollen.
Das offizielle Logo der Stadt Temeswar – Europäische Kulturhauptstadt 2023.
Diese Kleine Stadtgeschichte ist das Ergebnis eines Projekts des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Autoren haben sich am Temeswarer Epochenjahr 1716 – der Eroberung durch die Habsburger – orientiert: Den ersten Teil hat Konrad Gündisch verfasst, den zweiten Tobias Weger.
Wir danken dem Verlag Friedrich Pustet in Regensburg für die Aufnahme in seine Reihe der Kleinen Stadtgeschichten und die bewährte redaktionelle Betreuung, Halrun Reinholz und Jonas Schwiertz für hilfreiche Anregungen sowie Arch. Amalia Gyémánt für die Erstellung des aktuellen Stadtplans.
Viel Freude beim Lesen und Entdecken!
Konrad Gündisch
Tobias Weger
München, im Januar 2023
Vor- und Frühgeschichte
Die 80–100 m über dem Meeresspiegel gelegenen Terrassensporne in der verwilderten Flusslandschaft der Großen und der Kleinen Temesch eigneten sich früh für von der Natur durch Sümpfe, Mäander, tote oder durchströmte Flussarme und Seen geschützte Niederlassungen von Menschen. Soweit man das archäologisch noch nachvollziehen kann – trotz der zahlreichen Erdbewegungen, insbesondere durch die aufeinanderfolgenden Festungsbauten im 16., 17. und vor allem im 18. Jahrhundert sowie durch die Kanalisierung der Kleinen Temesch (Bega-Kanal) in habsburgischer Zeit (siehe dazu S. 58 f.) –, ist eine Bewohnung auf dem Gebiet des heutigen Temeswar seit der Jungsteinzeit anhand ausgegrabener Kultgefäße im Jagdwald und mehrerer Funde aus der Bronzezeit, etwa im Botanischen Garten, nachweisbar.
Im Zuge von zwei aufeinanderfolgenden Dakerkriegen (101–103, 105–106 n. Chr.) Kaiser Trajans – die auf der berühmten Trajanssäule in Rom dargestellt sind – wurde auch das Gebiet um Temeswar, das später die Provinz Dacia Ripensis bildete, dem Römischen Reich einverleibt. Der Geograph Claudius Ptolemäus erwähnt eine Siedlung namens Zambara, die sich hier befunden haben könnte. Sehr unwahrscheinlich ist es, dass hier die römische Stadt Tibiscum stand, die in anderen Schriftquellen erwähnt wird. Die mit einem Limes vergleichbaren Römerschanzen – Trajanswall genannt – durchquerten nachweislich auch die heutige Stadt – noch erkennbar u. a. neben dem Fußballstadion »C.F.R.«.
In der Völkerwanderungszeit ließen sich hier ab 271, als Rom die Provinz aufgab, Goten, dann Hunnen, Gepiden, und Langobarden für kürzere oder längere Zeit nieder. Gepidenschädel und gepidischer Schmuck aus dem 5. Jahrhundert, die im heutigen Stadtbezirk Temeswar-Freidorf gefunden wurden, werden im Banater Museum ausgestellt. Das Gepidenreich, dessen Machtzentrum sich in Siebenbürgen befand, wurde 567 von den Awaren vernichtet, deren Reich im Pannonischen Becken rund 200 Jahre lang bestand. Eine awarische Rundsiedlung namens Beguey soll an der Kleinen Temesch errichtet worden sein.
Nachdem das Awarenreich von Karl dem Großen Ende des 8. Jahrhunderts zerschlagen wurde, ließen sich Petschenegen, Kumanen, Bulgaren und Slawen im Pannonischen Becken nieder. Die fränkische Herrschaft dehnte sich allerdings nicht jenseits der Theiß, also auch nicht bis an die Temesch aus.
Ein von einem gewissen Glad geführtes frühstaatliches Gebilde, vermutlich eine Grenzmark des Ersten Großbulgarischen Reiches bis zum Tod des Zaren Simeon I. (927), soll gemäß einer späteren ungarischen Chronik, der Gesta Hungarorum, um 934 von magyarischen Stämmen zerschlagen worden sein. Doch erst der um 1030 erfochtene Sieg Stefans I. des Heiligen über den dem griechischen Ritus anhängenden Ahtum/Ajtony sicherte die
