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Als Undine wiederkam: Eine junge Frau möchte verstehen, warum die Liebe vor ihr zu fliehen scheint. Sie entdeckt, dass auch ihre verstorbene Mutter schon Gleiches wollte. Kreative Wege helfen, Muster zu verändern.
Als Undine wiederkam: Eine junge Frau möchte verstehen, warum die Liebe vor ihr zu fliehen scheint. Sie entdeckt, dass auch ihre verstorbene Mutter schon Gleiches wollte. Kreative Wege helfen, Muster zu verändern.
Als Undine wiederkam: Eine junge Frau möchte verstehen, warum die Liebe vor ihr zu fliehen scheint. Sie entdeckt, dass auch ihre verstorbene Mutter schon Gleiches wollte. Kreative Wege helfen, Muster zu verändern.
eBook345 Seiten4 Stunden

Als Undine wiederkam: Eine junge Frau möchte verstehen, warum die Liebe vor ihr zu fliehen scheint. Sie entdeckt, dass auch ihre verstorbene Mutter schon Gleiches wollte. Kreative Wege helfen, Muster zu verändern.

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Über dieses E-Book

Das Leben der Studentin Charlotta gerät ins Wanken, als ihre Mutter überraschend stirbt. Nachdem sie eine selbst geschriebene Geschichte und Gedichte aus der Jugend ihrer Mutter findet, wird ihr klar, dass nicht nur ihre eigenen, sondern alle Beziehungen in ihrer Familie von unerfüllter Sehnsucht geprägt sind. Je mehr sie sich mit der Liebesgeschichte ihrer Mutter auseinandersetzt, desto stärker wird ihr Wille, diese Geschichte, die irgendwie auch ihre eigene ist, weiter zu führen und neue, glücklichere Wege für sich selbst, aber auch für ihre Familie zu finden.

Die Geschichte "Als Undine wiederkam" spielt gleichzeitig in einer Gegenwart vor einigen Jahren und ca. 25 Jahre zuvor. Sie handelt vom Drama nicht oder nur teilweise gelebter, oft verfehlter Liebe. Sie handelt aber auch von Sehnsucht und einem kreativen Willen, Wege der Erfüllung und Entwicklung zu suchen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum16. Dez. 2022
ISBN9783347681217
Als Undine wiederkam: Eine junge Frau möchte verstehen, warum die Liebe vor ihr zu fliehen scheint. Sie entdeckt, dass auch ihre verstorbene Mutter schon Gleiches wollte. Kreative Wege helfen, Muster zu verändern.
Autor

Beate Thieswald-Schechter

Beate Thieswald-Schechter, geboren 1969 in Eisenach wuchs mit ihrem jüngeren Bruder in einem Pfarrhaus in Sachsen Anhalt auf. Über Ungarn floh sie im Sommer 1989 in die Bundesrepublik. Nach einer pädagogischen Ausbildung studierte sie in Jena Sozialarbeit und berufsbegleitend Familientherapie in Berlin. Seit 2000 arbeitet sie als Sozialpädagogin und Familientherapeutin in verschiedenen Berufsfeldern. Die Geschichten der Autorin erzählen von gewöhnlichen großen und kleinen Dramen des Lebens, doch auch von Lebenserfahrungen aus der DDR, in der manche Entscheidungen mit politischen Risiken verbunden waren. Der aktuelle Roman ist unpolitisch. Er handelt von unglücklichen Liebesstrukturen zwischen Paaren und Familien und dem Willen, diese zu verändern. Beate Thieswald-Schechter lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Frankfurt am Main.

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    Buchvorschau

    Als Undine wiederkam - Beate Thieswald-Schechter

    Teil 1

    Die Welt, wie Charlotta sie kannte, war zu Boden gefallen und in tausend Scherben zersprungen. Gestern. Jetzt. Für immer.

    Sie schlief mit offenen Augen. In Momenten unruhiger Träume hetzte sie durch Dunkelheit und feuchte Zweige schlugen an ihre nackten Beine. Das zumindest kannte sie schon.

    Gestern hatte sie vor sich hin gestarrt. Wie ein gefangenes Tier lief sie heute durch ihre Wohnung. Sie musste nachdenken. Da ihre Wohnung nur aus dem kleinen Wohnzimmer, einem winzigen Schlafzimmer, der kleinen Küche mit Tisch und dem angrenzenden Minibad bestand, waren ihre Runden kurz. Im Flur hielt sie vor dem alten Kleiderschrank inne. Sie stellte sich ganz nah vor seinen Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Sie war jetzt fast 24 Jahre alt. Was war das, was da gerade geschah? Sie verstand es nicht, war noch nicht erwachsen, nicht wirklich. Es ist nicht gerecht, so jung seine Mutter zu verlieren. Was sollte sie tun? Wie sollte sie ihr Leben verbringen? Gedanken an den Besuch von Vorlesungen, das Schreiben von Hausarbeiten oder das Bestehen von Prüfungen erschienen absurd. Sie spürte ihre Beine weich werden und setzte sich auf den Boden. Ihr Rücken lehnte an der schmalen Wand des Flures. Schwärze waberte die Gehirnwindungen entlang. Von draußen drang nicht das leiseste Geräusch in die Hinterhauswohnung. Dann plötzlich verknotete sich wieder etwas in ihrem Bauch und ließ ihre Glieder vor Unruhe kribbeln. Sie stand erneut auf und sah in den Spiegel.

    Wieso war alles so schnell gegangen? Vor sechs Wochen, zu Weihnachten, waren sie und Jonathan noch zu Hause gewesen und alles schien in Ordnung gewesen zu sein. Es war sogar sehr schön, die Eltern waren besonders liebevoll miteinander umgegangen. Sie hatten nicht gestritten. Sie wäre damals schon krank gewesen, kurz vor Weihnachten hätten sie es erfahren, ihnen aber das Fest nicht verderben wollen, hatte der Vater gestern am Telefon versucht zu erklären. Mitgeteilt hatten sie es ihnen erst zwei Wochen nach dem Fest, als es ihr plötzlich sehr schlecht ging. Charlotta war sofort hingefahren, zwei Tage später musste sie ins Krankenhaus. Als Jonathan ankam, hatte sie ihr Zimmer dort schon bezogen und sollte es nicht mehr verlassen. In diesem Krankenhauszimmer war Charlotta noch zwei Wochenenden gewesen. Die Ärzte hatten ihr in allen Gesprächen Hoffnungen gemacht und sie hatte ihnen geglaubt. Selbst ihre Mutter hatte zuversichtlich geredet.

    „Sie wollte nicht sterben, flüsterte Charlotta in den Spiegel. „Sie wusste, dass ich sie noch brauche. Sie verfolgte die neuen Spuren ihrer Tränen auf ihrem Gesicht, die Spuren der laufenden Nase. Sie wischte nichts weg. Mit aufgerissenen Augen heulte sie ihr Spiegelbild an. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Ihre Haare hatte sie heute noch nicht gekämmt, im Nacken hatten sich riesige Knoten gebildet während der unruhigen letzten Nacht. Es ist Wirklichkeit, sagte ihr Spiegelbild. Hier stehe ich und rufe nach meiner Mutter, die nie mehr kommt.

    Als das Telefon eine halbe Stunde später klingelte, putzte sie endlich ihre Nase. Erschrocken schaute sie auf ihre Armbanduhr. In einer Stunde fuhr der Zug, mit dem sie nach Hause fahren wollte. Nach Hause, das kein Zuhause mehr war.

    Es war tatsächlich ihr Vater.

    „Hallo, ich bin`s, Papa. Hast du schon deine Sachen gepackt?"

    „Ja, ich bin dabei."

    „Hast du geweint?" Seine Stimme klang besorgt und weich.

    „Ja, - es geht schon."

    „Ich hole dich dann vom Bahnhof ab, ja?"

    „Gut." Charlotta legte auf.

    Als sie im Zug saß, rief Jonathan an. Zuerst hörte sie gar nichts, nur ein merkwürdiges Geräusch. Zwei Sekunden später begriff sie, dass Jonathan weinte. Sofort kamen auch ihre Tränen wieder. Sie sagten nichts. Als sie hörte, dass Jonathan sich schnäuzte, tat sie es auch. Dann fragte sie:

    „Wann kommst du an?" Er könne erst am Abend da sein, er habe noch dieses Gespräch mit seinem Professor.

    „Das kannst du doch verlegen." Charlotta sandte einen möglichst abweisenden Blick in Richtung der älteren Frau neben sich, die schon einige besorgte Blicke auf ihr hatte ruhen lassen. Jonathan stellte klar:

    „Ich will das Gespräch nicht verlegen. Ich bin zum Abendessen da. Ich komme auch allein, ihr braucht mich nicht abzuholen vom Bahnhof."

    Der Vater sah ebenfalls mitgenommen aus. Charlotta hatte ihn nie zuvor so gesehen. Hatte er jetzt weniger Haare oder waren sie heller geworden? Die Furchen in seinem Gesicht waren tiefer geschnitten als sonst. Der Vater war rasiert und sorgfältig gekleidet, und doch stimmte etwas an seiner Kleidung nicht. Sie glaubte, etwas gesehen zu haben, doch sie wusste schon nicht mehr, was es war. Er nahm sie lange in die Arme. Dann liefen sie schweigend zum Auto. Auch während der Fahrt redeten sie nicht. Jeder hing in sich selbst, gefangen und geworfen auf die eigenen kreisenden und bohrenden Fragen und Gedanken.

    „Ich wollte etwas kochen", sagte der Vater zu Hause. Charlotta winkte ab.

    „Vielleicht heute Abend, wenn Jonathan auch da ist. Ich gehe ein bisschen rüber." Sie meinte das Zimmer ihrer Mutter, das diese sich in Charlottas ehemaligen Kinderzimmer eingerichtet hatte, nachdem sie ausgezogen war. Jonathans Zimmer war danach ihr gemeinsames Kinder-Gästezimmer geworden. Ein allgemeines winziges Gästezimmer gab es außerdem noch. Es wurde jedoch nur von richtigen Gästen benutzt. Waren Jonathan und sie gleichzeitig da, hatte sie oft in Mutters Zimmer geschlafen.

    „Lass uns nachher aber einen Kaffee trinken, ja? Hast du überhaupt schon etwas gegessen heute?" Er wirkt so verloren, wie er da in der Küche steht, dachte Charlotta. Da sah sie auch die verschiedenen Socken an seinen Füßen, einer schwarz, einer grau. Sie lächelte nicht. Früher hätte sie sich gefragt, wie so etwas nur passieren kann.

    „Ja, log sie, dann spürte sie plötzlich ein leises Grummeln in ihrem Magen. „Wir werden nachher schon ein paar Kekse finden.

    Sie ging doch noch nicht ins Zimmer ihrer Mutter. Zuerst schaute sie ins Schlafzimmer der Eltern. Da war das Bett der Mutter noch genauso, als hätte sie die letzte Nacht darin geschlafen. Charlotta legte sich hinein. Es roch nach ihr. Der Vater hatte noch nichts gewaschen, wie wunderbar. Ganz plötzlich fühlte sie, wie die Müdigkeit sie überkam. Sie sah sich mit ihrer Mutter spazieren gehen. Sie war wieder klein und lief an ihrer Hand über eine sonnige Almwiese. Dort hatten sie einmal Urlaub gemacht, auf einem Bauernhof. Blumen blühten und Bienen summten.

    Der Vater weckte sie sanft.

    „Komm Charlotta, wir wollen zu Abend essen, dein Bruder ist da."

    Schweigsam saßen sie am Küchentisch, als sich Charlotta plötzlich fragen hörte:

    „Wart ihr eigentlich glücklich, du und Mama?" Sie war überrascht über ihre Frage, denn sie hatte zum einen das Gefühl, sie nicht geplant zu haben und zum anderen, dass es eine war, die sie nicht stellen durfte. Der Vater antwortete nicht gleich. Er schien nach einer passenden Antwort zu suchen.

    „Ich glaube, wir waren es, sagte er dann. „Manchmal haben wir es uns gegenseitig nicht so leicht gemacht. Er sah sie und Jonathan an. „Das wisst ihr."

    Jonathan erwiderte seinen Blick mit einer Spur Herausforderung.

    „Sie weinte dann und du hast sie weinen lassen."

    „Ach, Kinder, ja. Ich konnte das nicht so. Sie hat auch ausgeteilt, das habt ihr doch genauso mitbekommen."

    „Ja, sie hat ausgeteilt, bevor sie geweint hat", sagte Charlotta. Wieder war sie verwirrt von ihrer eigene Aussage. Stimmte sie ihrem Vater zu? Die Mutter war gut gewesen, gut, gut.

    Sie aßen schweigend weiter. Doch Charlotta spürte den Kloß im Hals wieder. Vergeblich bemühte sie sich, zwei Nudeln auf ihre Gabel zu drehen. Sie hatte Hunger, doch ihr Magen war mit einem Mal wieder verschlossen. Sie stand auf.

    „Könnt ihr es mir stehen lassen? Ich esse nachher weiter." Sie flüchtete ins Zimmer ihrer Mutter.

    „Mama", sagte sie, nachdem sie die Zimmertür geschlossen hatte. Immer hatte sie sich ihr sehr nahe gefühlt. Ein geheimer Draht hatte sie miteinander verbunden. Geheim war er, weil sie beide wussten, dass er eigentlich so nicht da sein sollte, dass sie eigentlich abgelöster sein sollte von ihrer Mutter. Äußerlich hatten sie sich auch so verhalten, aber im Inneren war da noch eine große Abhängigkeit. Sie hatten nur einmal in der Woche telefoniert, aber manchmal war ihr das schwer gefallen und sie hatte mit Sehnsucht auf die Telefonate gewartet. Sie hatte bei ihrer Wohnungseinrichtung Mutters Ideen übernommen, das war schon fast peinlich. Die Mutter hatte ihr von ihrer Studentenwohnung erzählt und Charlotta hatte am Ende das Gefühl, dass ihre der ihrer Mutter ähnlich sehen müsse. Die Mutter hatte sie immer ermutigt, in einer anderen Stadt zu studieren und selbstbewusst und unabhängig zu sein. Dennoch hatte Charlotta stets gespürt, dass ihre Mutter ein Stückchen durch sie leben wollte, dass sie etwas tun sollte, das mit ihrer Mutter zusammenhing.

    Und ihre Beziehung zu Männern, tja, das war ein Kapitel für sich. Auch von diesen fühlte sie sich immer zu abhängig und die Männer empfanden das wohl genauso. Mit ihrem Wunsch nach Nähe fühlten sie sich schnell überfordert.

    Charlotta öffnete den Schrank ihrer Mutter. Es war ein besonders schöner alter Nussbaumschrank. Hier standen Aktenordner und Fotoalben. In den Alben zu blättern, konnte sie sich nicht entschließen. Sie zog ein paar Ordner heraus. Dahinter gab es weitere Ordner, noch aus dem Studium der Mutter, in der Reihe darüber kleinere. Sie nahm einen schwarzen in die Hand. Außen war eine Rose aufgeklebt. Ein Stammbuchbild. Sie schlug die erste Seite auf. Gedichte waren hier gesammelt. Es war Mutters Schrift, also hatte sie diese Gedichte geschrieben. Sie waren datiert aus Mutters Jugend. Charlotta rechnete, 25 Jahre musste sie alt gewesen sein, als sie das erste schrieb.

    Lassen

    Herz, wie es schlägt

    im Rhythmus meines Lebens

    Ein Strudel hat mich erfasst

    Der Strom des Lebens nach mir gegriffen

    Ausgeliefert

    Er spült an Land und reißt hinweg

    Wie er will

    Das Bild im Sonnenschein ist kaputt

    Es ist zersprungen

    Du kleines Tier, süß und zart

    Wie liebe ich dich

    Wie sehr muss ich dich beschützen

    Ich bin gefesselt an dich

    Wie aufrichtig und bittend schaust du mich an

    Könnte ich dich lassen?

    Lassen.

    Das Gedicht rührte etwas in Charlotta an. Sie blätterte weiter. Hunderte Gedichte waren einzeln in Klarsichthüllen eingeordnet. Sie hatte nichts davon gewusst, dass ihre Mutter jemals etwas geschrieben hatte. Sie setzte sich mit dem Ordner in Mutters grünen Sessel. Ganz hinten war eine dicke Hülle. Ein hellgelbes Blatt Papier war wie eine Art Deckblatt mit einer Postkarte beklebt. Ein Bild von Edward Hopper. Zwei junge Frauen sitzen sich in einem Café gegenüber. Sie sehen sich ähnlich. Vielleicht haben sie etwas zu besprechen. Charlotta nahm den Stoß Blätter aus der Hülle. Das letzte Blatt war wieder ein hellgelbes Deckblatt. Es war mit zwei Postkarten beklebt. Das erste Bild zeigte ein Seerosenbild von Monet, das zweite drei junge Frauen, nur mit weißen Hemden bekleidet, die sich auf einem Sandstrand ihre langen braunen Haare kämmen. Die Frauen sahen gleich aus, wie Schwestern. Es könnten auch Nymphen sein. In der Ecke des Bildes entzifferte Charlotta: Degas. Edgar Degas war der Maler der vielen Ballettmädchen, von dem sie schon als Kind ein Bild in ihrem Zimmer hängen hatte.

    Sie schlug die erste Seite auf.

    Dies ist die Geschichte von mir und meinen inneren Schwestern. Vor einiger Zeit hielt ich ein Kinderfoto von mir in der Hand, auf dem ich lachte. Auch wenn Menschen auf Fotos oft fröhlich aussehen, kam mir das Bild merkwürdig vor, denn meist fühle ich mich verloren, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich zeigte es meiner Mutter. Sie nickte und sagte, ich sei ein aufgewecktes und phantasievolles Kind gewesen. Ich betrachtete das Foto mit staunendem Interesse und versuchte mich an diesen schönen Tag meines Lebens im Alter von etwa vier Jahren zu erinnern. Es gelang mir nicht, doch fielen mir viele Dinge ein, die ich damals allein oder zusammen mit meiner großen Schwester getan hatte. Ich denke jetzt, dass mein Leben als Kind reich und intensiv war, trotz der Verlorenheit oder vielleicht auch gegen sie.

    In mir wohnen noch zwei Personen. So stelle ich es mir vor. Als ich ein Kind war, gehörten wir zusammen. Später verlor ich sie jedoch, zuerst die eine, dann die andere.

    Zuni ging zuerst. Sie ließ mir nur ihren Schatten zurück. Der sollte mich an sie erinnern. Ich glaube, dass Zuni vor allem enttäuscht von dem war, was nach der Kindheit kam. Als Kind hatten wir immerhin viel Freiheit. Nur ein Kind entdeckt das Leben jeden Tag neu. Später werden die Räume enger. In den Schuljahren gab es mehr und mehr für nahezu jede Stunde des Tages Erwartungen zu erfüllen. Wir hatten gut in der Schule zu sein, im Klavierunterricht und ebenso beim Schachspielen mit dem Vater. Es war gar nicht so, dass Zuni sich nicht interessierte für Schule, Musik oder Schach. Sie hasste aber, dass es für spontane Ideen und erst recht für ihre trotzige Wildheit keinen Platz mehr gab. Die Eltern waren sehr streng mit Zuni, in der wenigen Zeit, die sie mit uns verbrachten. Auch als wir noch klein waren, war das schon so gewesen. Da Zuni aber süß und außerdem klug und begabt war, gelang es ihr damals noch, die Eltern zu bezirzen und sich angenehm zu machen. Später verbrachten meine wirkliche Schwester Dorothea und ich die meiste Zeit im Internat, denn unsere Eltern waren beruflich viel auf Reisen.

    Es gab eine Phase, in der Zuni rebellierte. Unsere Eltern versuchten, ihr mit Verboten beizukommen. Nachdem unsere Mutter eines Tages ihr Weinen ignoriert hatte, mit dem sie ihr durch die halbe Stadt gefolgt war, um sie zu einer Liebesbezeugung zu zwingen, verließ mich Zuni. Sie fühlte sich unerwünscht und abgelehnt. Deshalb ging sie weg und kam nur noch zeitweise und immer seltener zu Besuch. Am ehesten erschien sie in den Ferien. Ich weiß, dass sie in manch aufregendem Ferienabenteuer dabei gewesen sein muss, denn ich hatte dann das Gefühl, vollständiger zu sein. In meinen Träumen jedoch begegnete ich ihr oft. Am Morgen danach sah ich noch ihren Schatten, doch wenn ich ihn gesehen hatte, löste er sich auf.

    Undine blieb ein paar Jahre länger. Sie hatte immer viel weniger Anlass zu Ärger gegeben als Zuni, vielleicht weil sie so blass war und zerbrechlich schien. Mit ihrer stillen Natur konnte ich sie gut verstecken. Sie wurde meine Vertraute über viele Jahre. Ich wusste sehr wohl von der Macht und der inneren Kraft Undines. Ich wusste, dass sie nicht menschlich, sondern eine gefährliche Nymphe war. Dennoch ließ ich mich immer wieder gefangen nehmen von der Tiefe ihrer Augen, die so unergründlich waren wie das Wasser, in dem sie lebte und der Wald, aus dem sie kam. Ich tat es, weil ich einsam war ohne Zuni, die das Leben in unseren engen Grenzen so langweilig gefunden hatte.

    Undine konnte wunderbare Träume erzählen. Sie ging mit mir im Wald spazieren, pflückte Blumen und Beeren und spielte mit den Tieren. Als sie kein Kind mehr war, ging sie nachts im silbernen Mondlicht in den Wald und tanzte dort bei einem Waldsee ihre Sehnsucht nach einem Mann. Doch für keinen war es ratsam, sich dann in ihre Nähe zu wagen. Obwohl Undine unablässig von einem Mann träumte, fürchtete sie sich gleichzeitig davor, ihn zu finden. Sie hatte Angst, dass der Mann, den sie liebte, sie in die Unsicherheit mitnehmen würde, die jenseits ihres schützenden Waldes lag und der sie nicht traute. Sie hatte Angst, dass er sie verletzen und schließlich wieder verlassen könnte. Undine war nicht eigentlich böse, aber ihre Angst machte sie gefährlich. Sie fühlte sich niemals schuldig, wenn sie liebte. Ihre Liebe war ihr Rechtfertigung genug für alles, was sie tat. Kam ein Mann, der ihr zu stark erschien, floh sie. Doch dann erzählte sie mir tausend Träume von ihm. Kam ein Mann, dem sie sich gewachsen fühlte, machte sie ihm schöne Augen und versuchte, ihn in ihren See zu locken. Meist träumte sie davon, sehr schnell zu sein. In der Tiefe würde sie ihn lieben mit all ihrem Dasein. Sie hielt sich nicht bei ihrem Wissen darüber auf, dass er in der Tiefe sterben würde. Der Richtige würde eben nicht sterben. Das war ihr genug und mein Märchenwissen gab ihr Recht.

    Manchmal, wenn ich sehr einsam war, schaute auch ich ihr beim Tanzen zu. Dann kam sie zu mir, lächelte mich an in unirdischer Schönheit, flüsterte mir Träume ins Ohr, legte ihre Arme um mich und führte mich zu ihrem See. Sie sagte, dass ich ihre Schwester sei und dass ich mit ihr in ihren See kommen solle. Ich wusste, dass ich soweit nicht gehen durfte. Sie musste bei mir bleiben, nicht ich bei ihr. Dennoch gelang es mir einige Male nur schwer, mich von ihr zu befreien.

    Nicht zuletzt deshalb erhörte ich eines Tages Dirk. Er erschien in einem Moment, als ich nur noch mit Mühe meinen Kopf über Wasser halten konnte. Ich machte Undine auf ihn aufmerksam und sie ließ mich frei. Dieser Mann hatte mich gerettet. Ich ging mit ihm und war nun nicht mehr einsam. In den folgenden Jahren galt Undines Aufmerksamkeit ihm. Ich begann Klavier zu studieren. Undines See besuchte ich nicht mehr. Doch Dirk tat es. Er kannte Undine gut. Er liebte und fürchtete sie. Sicher hätte ich ihn mit Undine nicht so oft allein lassen dürfen, doch ich war froh, dass nicht ich es war, die sich mit ihr schmerzhaft auseinandersetzen musste. Ich schloss oft peinlich berührt die Augen, wenn Undine sich gebärdete wie eine Furie, wenn ihm ihre Umarmungen zu eng wurden. Ich hatte vergessen, dass es meine Verantwortung war, Undine im Zaum zu halten. Ich überließ sie ihm. Dirk hätte Zuni gern öfter bei uns gehabt, doch die langweilte sich während ihrer Besuche schnell. Sie saß lustlos herum, wurde dann kribbelig und verließ uns schließlich wieder. Einige Jahre lang konnte Dirk Undine widerstehen, doch letztendlich war sie stärker als er. Sie rümpfte die Nase darüber. Plötzlich wachte ich auf. Ich schrie sie an und machte ihr die bittersten Vorwürfe. Sie fragte schnippisch, was ich denn hätte, auch Zuni hätte ihn nur kurze Zeit interessant gefunden und wäre dann kaum jemals zurückgekommen. Ich sprach kein Wort mehr mit ihr und beschloss, alles wieder gut zu machen, was Undine angerichtet und Zuni nicht interessiert hatte. Ich liebte den Mann und verhinderte nicht, dass nun auch Undine immer seltener kam und schließlich verschwand. Mit ihr ging aller Zauber, alle Tiefe. Als Undine mich verlassen hatte, erschien mir auch Dirk anders, so starr, dass ich ihn kaum noch als lebendig empfand. Hatte sie ihn getötet? Ohne meine Schwestern war alles anders, fast als gäbe es keine Sonne mehr.

    Erschrocken weiteten sich Charlottas Augen. Sie las weiter.

    So lebte ich längere Zeit in einem Schatten- und Totenreich und fragte mich oft, ob auch ich schon gestorben war. Dirk fürchtete sich selbst vor Undines Schatten noch.

    Ich kämpfte wie eine Gigantin für die Wiederbelebung dieses Mannes, für seine Stärke, für unsere Liebe. Ich fühlte mich schuldiger als ich es war. Schließlich tat mir alles weh, weil ich spürte, wie zerbrochen und erschöpft ich war.

    Charlotta ließ den Ordner sinken. Schatten- und Totenreich – ihr fiel ein, wie ihr die Mutter auf einem Waldspaziergang einmal von Undine erzählt hatte. Sie hatten plötzlich vor einem versteckten Weiher gestanden, Mutter hatte ihn verwunschen genannt und von der gefährlichen und armen Nymphe Undine erzählt, die hier lebte. Sie sehne sich nach Liebe zu einem Menschen, um durch ihn eine Seele zu bekommen. Könne sie eines Mannes habhaft werden, der sich an ihrem Wasser von ihr bezaubern lasse, ziehe sie ihn mit sich hinab. Wenn er nicht stärker sei als sie, müsse er sterben, weil er nicht wie sie atmen könne im Wasser. Nur wenn er sie gleichzeitig liebe und ihr widerstehen könne, könne sie ihm folgen und eine Seele erhalten. Betrüge er sie aber, bringe sie ihm den Tod und auch sie verliere ihre Seele wieder.

    „Warum zieht sie ihn ins Wasser hinab, wenn sie ihn doch liebt", hatte Jonathan damals gefragt.

    „Ich glaube, sie hat Angst, ihm zu vertrauen. Sie kennt das Sonnenlicht nicht und fühlt sich nur im Wasser sicher. So ähnlich hatte Mutter damals geantwortet und Charlotta erinnerte sich, wie sie alles schaurigschön gefunden hatte. Auch „Die kleine Seejungfrau von Hans-Christian Andersen hatte sie immer gemocht. Von so einer Undine also schrieb ihre Mutter hier, die in ihr wohnen würde.

    Außerdem gab es bei ihr diese Zuni. Charlotta überlegte. Was war das für ein Name? Sie googelte nach dem Namen in ihrem Smartphone. Eintragungen zu Vornamen der Sinti erschienen. Unwillkürlich fiel ihr eine Kommilitonin ein, deren Namen sie vergessen hatte. Sie kannte sie nicht gut, aber sie erinnerte sich, dass sie einmal in einer größeren Runde in der Mensa erzählt hatte, dass ihre Oma eine Sintiza sei. Sie war ein fröhliches, lautes Mädchen. Sie hatte sie auch einmal tanzen gesehen und gedacht, dass das Zigeunerklischee bei ihr nicht daneben lag. Vielleicht spielte sie damit, weil es ihr selbst gefiel. Meinte die Mutter solch eine Frau, die ebenso Platz in ihr gehabt haben sollte? Naja, wenn sie an manche Situationen dachte, passte das schon. Auch in ihrer Jugend hatte sie wohl ein paar verrückte Sachen gemacht, davon wusste Charlotta, aber dennoch … Sie musste lachen, fühlte sich plötzlich fröhlich und hatte das Bedürfnis, es sich gemütlich zu machen und den ganzen Ordner zu lesen. Sie breitete die Wolldecke aus, die auf dem schmalen, mit einer indischen Tagesdecke bedecktem Bett lag. Sie mochte das Bett, ihre Mutter hatte das antike Stück in ihrer Jugend mal auf einem Dachboden gefunden. Dann lief sie noch einmal in die Küche, holte sich ihren Teller mit der nun kalten Pasta und vergrub sich unter der Wolldecke auf dem Bett ihrer Mutter. Manchmal hat Mama hier geschlafen, ging ihr durch den Sinn. Ungeduldig suchte sie die richtige Stelle.

    Schließlich begann ich, von Zuni zu träumen. Ich rief sie und sehnte mich nach ihr. Ich wusste noch, wie jeder Tag als Kind mit ihr ein Abenteuer war. Auch später, als sie mich immer seltener besuchte, waren die Tage und Nächte mit ihr lebendig und schillernd gewesen. An jedem Schmetterling freute sie sich und Langeweile hatte keinen Platz bei ihr. Dieses selbstverständliche Leben mit ihr war zu lange her.

    Eines Tages stand ich unter der Dusche, und plötzlich stellte sich mir diese Frage: Sollte ich aufgeben und bleiben oder sollte ich nicht aufgeben und gehen? Niemals vorher war mir diese Frage so erschienen. Die Frage hatte sich stets andersherum gestellt, wenn sie sich überhaupt stellen durfte, denn schließlich war die Liebe für die Ewigkeit erfunden, besonders die romantische. Ich war romantischer Natur. Das Leiden gehörte deshalb in gewisser Weise dazu. Das war mir klar: Ohne Leiden gibt es keine Leidenschaft. Allerdings hatte ich mir die Liebe immer spektakulärer vorgestellt. Das, was ich hatte, war jedoch nicht spektakulär, nicht aufregend, nicht einmal anregend. Das Leiden gab es zwar, aber es war das Leiden an der Unerreichbarkeit der Träume. All das war nicht, was ich erwartet hatte.

    Kurz darauf, das alles ist von heute gesehen etwa zweieinhalb Jahre her, kam Zuni dann zurück. Ich erkannte sie sofort wieder. Sie stand da, eine schöne, stolze junge Frau. Ich weinte, als ich sie sah. Da

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